In der vorliegenden Arbeit soll versucht werden, den Wille zur Macht Gedanke deskriptiv zu fassen und seine Auslegungen der Welt, mit Fokus auf das Organische, nachzuvollziehen. Da sich Nietzsches Machtwillen vor dem Hintergrund von Schopenhauers Willensmetaphysik entwickelt, wird diese zunächst grob skizziert. Ausgehend von Nietzsches Kritik an Schopenhauer soll dann sein (Gegen-)Entwurf vorgestellt werden, um Wesen und Wirkung des Willens zur Macht näher zu bestimmen. Sich daraus ergebende normative Fragestellungen sind im wissenschaftlichen Diskurs präsent. Für Kontroversen sorgt insbesondere der Machtbegriff; in knappen Auszügen sollen hierzu einige Positionen beispielhaft angeführt werden, bevor der Text mit einem Fazit schließt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Schopenhauer als Impulsgeber und Abgrenzungspunkt
2.1 Umriss der Schopenhauerschen Willenskonzeption
2.2 Nietzsches Kritik an Schopenhauer
3. Nietzsches Konzept des Willens zur Macht
3.1 Wille als Machtbewegung
3.2 Wille zur Macht als Wahrheitsdestruktion
3.3 Meta-Physische Interpretationen des Willens zur Macht
3.3.1 Sprachliche Deutungsperspektiven
3.3.2 Diskurspositionen des Machtbegriffs
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel, das philosophische Konzept des „Willens zur Macht“ bei Friedrich Nietzsche deskriptiv zu erschließen, indem sie es aus der methodischen Abgrenzung zu Schopenhauers Willensmetaphysik entwickelt. Dabei steht insbesondere die Frage im Mittelpunkt, wie Nietzsche den Willen zur Macht als grundlegendes, im Plural gedachtes Prinzip der Welterklärung und Interpretation des Organischen bestimmt, ohne dabei in die Falle eines statischen metaphysischen Subjektbegriffs zu tappen.
- Die kritische Auseinandersetzung mit Schopenhauers Willenskonzeption als Ausgangspunkt.
- Die Bestimmung des Willens zur Macht als dynamische, expansive Vielheit von Kraftquanten.
- Die Dekonstruktion eines einheitlichen Wahrheitsbegriffs zugunsten einer perspektivischen Interpretation.
- Die Analyse des organologischen Modells, welches Körper und Geist als untrennbare Einheit begreift.
- Die Untersuchung der verschiedenen Diskurspositionen zum Machtbegriff in der Nietzsche-Forschung.
Auszug aus dem Buch
3. Nietzsches Konzept des Willens zur Macht
Ausgehend von Kritikpunkten an Schopenhauers Willenslehre, können erste Merkmale von Nietzsches Konzeption des Willens zur Macht näher bestimmt werden. Zunächst können wir festhalten, dass nach Nietzsche gilt: Wo Lebendiges ist, ist Wille; Wille ist expansiv, d.h. nach Macht strebend. Die Macht ist als Machtwollen gekennzeichnet. In Abgrenzung zu Schopenhauer konnte Nietzsches Willensbegriff umrissen werden - ein Vorgehen, das in einschlägiger Literatur verbreitet ist. Eine vergleichsweise geringere Beachtung kommt dem Machtbegriff zu; eine Konturierung des Begriffs sei hier in Auszügen erwähnt. Konkret wird Macht erst durch ihre „strukturelle Bindung an Träger, Mittel oder Ziele“ (Gerhardt, 1981/1982, S 200). Ihrem Wesen nach strebt sie nach Ausdehnung, d.h. nach der Erweiterung ihrer selbst. Sie ist also charakterisiert durch eine auf sich selbst gerichtete Bewegung. Dabei lassen sich zwei wesentliche Bewegungsmomente unterscheiden: Überwältigung und Verfügung. Ersteres beschreibt Nietzsche als Eroberungsprozess. Dieser ist durch Expansion gekennzeichnet. Durch ein machtmäßiges Mehrwerden, Steigerung der Macht, überwältigt das eine das andere: im ´Kampf´ zweier Triebe dehnt sich also beispielsweise Trieb A aus und steigert seine Macht (d.h. sein Wirken) derart, dass Trieb B überwunden wird. A´s Macht wächst gewissermaßen übersteigend über B´s hinaus. A wird durch dieses Überwältigungsmoment zum dominierenden, d.h. herrschenden Trieb über B. A verfügt damit über B, Nietzsche spricht hier vom Beherrschen, was er als Organisieren präzisiert. Es geht also nicht darum, dass der Machtzuwachs des Einen das Andere tilgt, sondern um eine Rangverschiebung im Grad der Wirkmacht.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung thematisiert die problematische Editionsgeschichte der Nachlass-Kompilation „Der Wille zur Macht“ und begründet die Entscheidung, sich primär an der Kritischen Studienausgabe (KSA) zu orientieren.
2. Schopenhauer als Impulsgeber und Abgrenzungspunkt: Dieses Kapitel skizziert Schopenhauers metaphysische Willenslehre als Grundlage, von der sich Nietzsche abgrenzt, um seinen eigenen Machtwillen zu entwickeln.
2.1 Umriss der Schopenhauerschen Willenskonzeption: Hier wird Schopenhauers Auffassung vom „Willen“ als jenseitigem, einheitlichem und blindem Urprinzip dargestellt, das allem Seienden zugrunde liegt.
2.2 Nietzsches Kritik an Schopenhauer: Dieses Kapitel legt dar, warum Nietzsche die Einheitlichkeit und den Lebensverneinungscharakter von Schopenhauers Willenskonzept ablehnt und stattdessen eine plurale „Triebwirklichkeit“ postuliert.
3. Nietzsches Konzept des Willens zur Macht: Das Kapitel führt grundlegende Merkmale von Nietzsches Konzept ein, insbesondere die Bewegungsmomente der Überwältigung und Verfügung sowie die Einbindung des Machtbegriffs in strukturelle Zusammenhänge.
3.1 Wille als Machtbewegung: Hier wird der Wille zur Macht als intentionale Bewegung verstanden, die nicht auf Zielerreichung, sondern auf die ständige Ausweitung der eigenen Aktionsmöglichkeiten und Widerstände abzielt.
3.2 Wille zur Macht als Wahrheitsdestruktion: Das Kapitel analysiert, wie die Dynamik des Willens zur Macht das Festhalten an statischen Absolutismen wie Wahrheit oder Objektivität als Fiktion entlarvt und alles Sein als perspektivische Interpretation ausweist.
3.3 Meta-Physische Interpretationen des Willens zur Macht: Dieser Abschnitt untersucht, wie das Konzept des Willens zur Macht zur Konstitution des Leibes beiträgt und das Verständnis des Menschen als Vielheit von Kräften prägt.
3.3.1 Sprachliche Deutungsperspektiven: Hier wird die Differenzierung zwischen physikalistischen und psychoiden Sprechweisen bei Nietzsche analysiert, um die scheinbare Widersprüchlichkeit seiner Metaphorik zu deuten.
3.3.2 Diskurspositionen des Machtbegriffs: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über verschiedene wissenschaftliche Debatten zur Einordnung des Nietzscheschen Machtbegriffs zwischen Metaphysik und Anti-Metaphysik.
4. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und hebt hervor, dass der Wille zur Macht bei Nietzsche eine Kategorie zur deskriptiven Ergründung des Lebens darstellt, die methodisch am „Leitfaden des Leibes“ ansetzt.
Schlüsselwörter
Nietzsche, Wille zur Macht, Schopenhauer, Machtbegriff, Interpretation, Perspektivismus, Triebwirklichkeit, Überwindung, Leibphilosophie, Metaphysik, Wahrheitsdestruktion, Kraftquanten, Organisches, Machtwollen, Prozessualität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit Friedrich Nietzsches Konzept des „Willens zur Macht“, wobei sie insbesondere die Entstehung dieses Konzepts in Abgrenzung zur Philosophie Arthur Schopenhauers analysiert.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die zentralen Themen umfassen die Willensmetaphysik, das Verhältnis von Macht und Sprache, die Dekonstruktion von Wahrheit als Fiktion sowie die physiologische Fundierung der Nietzscheschen Philosophie.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, Nietzsches Überlegungen zum Willen zur Macht nicht als starre metaphysische Doktrin, sondern als deskriptives, prozesshaftes Prinzip zur Interpretation allen organischen Lebens nachzuvollziehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine philosophische Textanalyse, die sich primär auf die kritische Textarbeit an Nietzsches publizierten Werken und den Nachgelassenen Fragmenten der Kritischen Studienausgabe (KSA) stützt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Darstellung von Nietzsches Abgrenzung zu Schopenhauer, die detaillierte Bestimmung des Willens zur Macht als expansive Bewegungsform und die kritische Beleuchtung des Wahrheits- und Machtbegriffs.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Perspektivismus, Triebwirklichkeit, Kraftquanten, Wille zur Macht und die Abkehr von metaphysischen Substanzeinheiten charakterisiert.
Warum lehnt Nietzsche den Begriff eines einheitlichen „Ichs“ oder „Subjekts“ ab?
Nietzsche betrachtet das Individuum nicht als unteilbare geistige Substanz, sondern als ein komplexes, dynamisches „Herrschaftsgebilde“ bzw. eine Vielheit von Trieben und Kräften, die in stetigem Wandel stehen.
Inwiefern beeinflusst der „Leitfaden des Leibes“ Nietzsches Denken?
Der „Leitfaden des Leibes“ dient Nietzsche als methodischer Ankerpunkt, um Philosophie von der empirischen Basis des biologisch-organischen Geschehens her zu denken, statt von spekulativen, jenseitigen Kategorien auszugehen.
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- Marlen Reinschke (Author), 2021, Kontra Schopenhauer. Dynamiken und Interpretationen von Nietzsches Wille zur Macht, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1128933