Warum scheinen sich Kinder so umständlich zu entwickeln? Weshalb lernen sie, wie sie lernen? Und was lernen sie? Um diese Fragen zu beantworten, muss man zuerst eine evolutionsbiologische Perspektive einnehmen: Die längste Zeit in der Geschichte waren menschliche Gruppen Überlebensgemeinschaften. Sie entwickelten ein spezielles Wissen, um in ihren Lebensräumen existieren zu können. Dieses Wissen musste von einer Generation zur nächsten weitergegeben werden. Deshalb war Lehren und Lernen für die Menschen existenziell.
Um aber am Wissensschatz der Gemeinschaft teilhaben zu können, brauchen Kinder die besonderen Werkzeuge für die Welt des Wissens. Diese Werkzeuge sind kognitiv sehr anspruchsvoll. Für deren Erwerb benötigen kleine Kinder ihre ganze Kraft. In diesem Buch wird erörtert, was die Werkzeuge für die Welt des Wissens sind und wie sie am besten erworben werden. Das ist ein faszinierender Prozess.
Dr. Marco Wehr ist Physiker, Philosoph und international erfolgreicher Tänzer. Wegen seiner ungewöhnlichen Doppelbegabung wurde er von der ZEIT als “Kopf mit Körper“ bezeichnet. Seine Arbeitsschwerpunkte als Autor und Redner sind Voraussagbarkeit, Komplexitätstheorie sowie die Beziehung von Körper und Denken. Seine bisher erschienenen Bücher wurden hoch gelobt und auf die Liste der Wissenschaftsbücher des Jahres gewählt. Marco Wehr ist Gründer und Leiter des “Philosophischen Labors“ in Tübingen (www.philab.de).
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Fit ist nicht fit
Beständig ist nur der Wandel
Die Welt mit den Augen der anderen sehen
Spezialisten für Nicht-Spezialisiertsein
Kultome - Überlebenscodes
Evolution im Kopfstand
Kulturelle Komplexität
Werkzeuge für die Welt des Wissens
Die Logik des Gelingens
Die semantische Nabelschnur
Die Dramaturgie des Lernens
Die vier Z: (Z)eit - (Z)uwendung - (Z)uneigung - (Z)utrauen
Lern- und Lehrmeister
Die Welt ist keine Scheibe
Lernmotor Neugier
Das Geheimnis des inneren Blicks
Unterm Strich
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die grundlegenden Mechanismen des kindlichen Lernens im Kontext der evolutionären Entwicklung. Die zentrale Forschungsfrage befasst sich damit, wie Kinder in der "Welt des Wissens" heimisch werden und welche Rolle die Gemeinschaft, die soziale Interaktion und die sensomotorische Entwicklung bei diesem Prozess spielen.
- Die evolutionsbiologische Bedeutung von "Fitness" und Anpassungsfähigkeit.
- Die Rolle kultureller Wissenssysteme, bezeichnet als "Kultome".
- Die Bedeutung von Mimik, Gestik und Sprache für die soziale Simulation.
- Die Notwendigkeit einer aktiven Auseinandersetzung mit der physischen Welt statt reiner Medienkonsumation.
- Die Bedeutung von Neugier und "Misslingenskompetenz" als Motoren des Lernens.
Auszug aus dem Buch
Die semantische Nabelschnur
Die Einbettung des Kindes in das kommunikative Netz der Gemeinschaft beginnt unmittelbar nach der Geburt. Nachdem das Kind abgenabelt ist, atmet es selbst und hat einen eigenen, autonomen Kreislauf. Es ist jetzt darauf angewiesen, gefüttert zu werden, braucht einen warmen Schlafplatz und muss beschützt werden. Diese Form der Abhängigkeit des Kindes von seinem direkten Umfeld ist offensichtlich. Aber bei genauerem Hinsehen ist die Abhängigkeit noch subtiler. Zumindest in den ersten Lebensjahren gibt es eine fast schattenhafte Wechselbeziehung zwischen Kind und Umfeld, die ich als „semantische Nabelschnur“ bezeichnen möchte. Die „Semantik“ fragt, wie Wörter oder allgemeiner Zeichen eine Bedeutung erlangen. Während die natürliche Nabelschnur dazu dient, den Fötus mit Sauerstoff und Nährstoffen zu versorgen, hat die semantische Nabelschnur den Zweck, dem Baby nach der Geburt gewertete Informationen über seinen Lebensraum zur Verfügung zu stellen, obwohl es weder sprechen noch Sprache verstehen kann.
Trotzdem ist es bereits in der Lage, Wichtiges aus „Gesprächen“ zum Beispiel mit der Mutter zu lernen. Das liegt daran, dass es emotionale Färbungen erfasst. Die Fähigkeiten hierzu sind teils angeboren, teils entwickeln sie sich mit dem Älterwerden.
Zusammenfassung der Kapitel
Fit ist nicht fit: Erläutert den evolutionsbiologischen Begriff der Fitness als Anpassung an die Umwelt, statt als bloße körperliche Leistungsfähigkeit.
Beständig ist nur der Wandel: Beschreibt die Erde als dynamischen Ort ständiger ökologischer Umbrüche, die ein hohes Anpassungsvermögen erfordern.
Die Welt mit den Augen der anderen sehen: Analysiert, wie Menschen durch Kultur und soziale Gemeinschaften Anpassungen vollziehen, die über genetische Kodierungen hinausgehen.
Spezialisten für Nicht-Spezialisiertsein: Zeigt auf, dass Menschen im Gegensatz zu Tieren durch ihre Einbettung in menschliche Gemeinschaften eine enorme kulturelle Lernfähigkeit besitzen.
Kultome - Überlebenscodes: Definiert "Kultom" als tradierten Kanon aus Wissen und Fertigkeiten, der das Überleben in spezifischen Habitaten sichert.
Evolution im Kopfstand: Kritisiert die pädagogische Idee der "Lernpartnerschaften", die das Kind als autonomes Wesen ohne Anleitung betrachtet.
Kulturelle Komplexität: Diskutiert den Wandel der Wissensvermittlung durch die Erfindung von Schrift und Internet im Vergleich zur mündlichen Tradition.
Werkzeuge für die Welt des Wissens: Betont die Wichtigkeit sensomotorischer Grundlagen und der aktiven Welterkundung durch das Kind.
Die Logik des Gelingens: Untersucht anhand von Fallbeispielen die Notwendigkeit von menschlicher Zuwendung und Interaktion für eine normale geistige Entwicklung.
Die semantische Nabelschnur: Führt das Konzept der emotionalen Kommunikation als Bindeglied zwischen Kind und Bezugsperson ein.
Die Dramaturgie des Lernens: Erörtert die Bedeutung sensibler Lernphasen, in denen das Gehirn besonders empfänglich für bestimmte Impulse ist.
Die vier Z: (Z)eit - (Z)uwendung - (Z)uneigung - (Z)utrauen: Fasst die essenziellen Bedürfnisse des Kindes für eine gesunde Entwicklung zusammen.
Lern- und Lehrmeister: Plädiert für eine unvoreingenommene, neugierige Lernhaltung, die das Scheitern als Teil des Prozesses akzeptiert.
Die Welt ist keine Scheibe: Warnt vor der Reduzierung kindlicher Erfahrungen durch mediale Ersatzwelten.
Lernmotor Neugier: Beschreibt Dopamin als neurobiologischen Antrieb für die Auseinandersetzung mit Neuem.
Das Geheimnis des inneren Blicks: Beschreibt die Fähigkeit, in Wiederholungen neue Aspekte zu entdecken und so echtes Wachstum zu generieren.
Unterm Strich: Zusammenfassendes Plädoyer für ein unterstützendes Lernumfeld, das Kindern Mut zum Ausprobieren gibt.
Schlüsselwörter
Lernprozesse, Kindesentwicklung, Kultom, soziale Simulation, sensomotorische Entwicklung, Frühförderung, Neugier, Evolution, Bindung, Sprachvermittlung, Imitationslernen, sensible Phasen, Wissensaneignung, Neurobiologie, soziale Intelligenz.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die biologischen und sozialen Bedingungen, unter denen Kinder lernen, und plädiert für eine natürliche Lernumgebung, die ihre angeborene Neugier fördert.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Evolutionäre Grundlagen, die Bedeutung von Gemeinschaft, soziale Simulation, sensomotorische Fähigkeiten und die Kritik an einer überambitionierten Frühförderung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es zu verdeutlichen, dass Kinder keine digitalen Modelle der Welt benötigen, sondern eine echte, interaktive Umgebung, um ihre "Werkzeuge für die Welt des Wissens" zu entwickeln.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor stützt sich auf evolutionsbiologische Überlegungen, Erkenntnisse aus der Neurobiologie, Entwicklungspsychologie sowie eigene Erfahrungen als Tanzpädagoge.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Entwicklung sensomotorischer Fähigkeiten, der Rolle der Sprache, dem Einfluss von Medien sowie der Bedeutung von Neugier und Scheitern beim Lernen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlüsselwörter sind Kultom, soziale Simulation, Lernmotorik, Neugier, sensible Phasen und das "Pferd von hinten aufzuzäumen"-Paradoxon.
Was bedeutet der Begriff "Kultom" in diesem Kontext?
Ein Kultom ist ein von einer Gemeinschaft tradiertes Bündel aus Wissen, Fertigkeiten und sozialen Regeln, das der Anpassung an ein spezifisches Habitat dient.
Warum warnt der Autor vor der Nutzung von Computern bei Kleinkindern?
Der Autor argumentiert, dass Computer ein verflachtes, zweidimensionales Modell der Welt bieten und Kindern die wichtigen prozeduralen und sozialen Erfahrungen in der echten Welt rauben.
Was versteht man unter dem "inneren Blick"?
Es handelt sich um eine Lernhaltung, bei der Wiederholungen nicht als langweilig empfunden werden, sondern als Chance, durch präzise Selbstwahrnehmung jedes Mal etwas Neues zu entdecken.
- Quote paper
- Marco Wehr (Author), 2021, Werkzeuge für die Welt des Wissens. Was Kinder lernen müssen, um lernen zu können, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1127120