Schon vom Begriff her, ist das Individuum falsch: das „Unteilbare“. Wie man sieht, ist es alles andere als unteilbar. Denn ist nicht auch das Herz und jedes andere Organ, ja jede einzelne Zelle, dieses „Individuums“ nicht auch ein Individuum, weil individuell, weil von anderen verschieden und genau bestimmbar? Auch Steine und ihre Bestandteile sind so Individuen.
Früh wurde dies erkannt und gesagt, ein Individuum ist erfüllt mit Leben. Doch wie gezeigt, auch Zellen leben schließlich, so auch z.B. Pflanzen. Um nun wirklich auf das gewollte zu kommen, führte man weitere Eingrenzungen ein: das Individuum denkt (Descartes: cogito ergo sum), es hat Persönlichkeit (Thomas von Aquin). Doch auch hier gibt es Probleme, wie man heutzutage z.B. dargestellt in der Science Fiction sieht: wenn nun eine künstliche Intelligenz denkt, ja Persönlichkeit hat – lebt es dann auch und ist ein Individuum? Individuell ja, aber sicher kein Individuum im Sinne der Herren Philosophen, die ja zu gerne nur vom Menschen sprachen!
Es gibt aber kein Individuum, zumindest keine individuellen, gibt es doch so viele Überschneidungen von Eigenschaften, Eigenheiten, Äußerlichkeiten, ja sogar Erfahrungen und Einstellungen. Denn welcher Mensch hat schon eine vollkommen individuelle Persönlichkeit? Es gibt immer mindestens zwei, die gleich sind, ob nun äußerlich oder innerlich! Darauf kann in dieser Arbeit aber leider nicht eingegangen werden, trotzdem soll die Nichtigkeit des einzelnen Individuums bewiesen werden, was wiederum die Frage aufwirft, ob Stirners Thesen überhaupt Bestand haben können und wie es mit einigen politischen Ideen, im speziellen nun dem Anarchismus, dann bestellt wäre – hätten sie überhaupt Berechtigung?
Wie nun Gustav Landauer bereits so treffend formulierte, geht es beim Anarchismus hauptsächlich um das Individuum und seinen Individualismus. Wie aber definieren Anarchisten den Individuums-Begriff? Um dies zu zeigen möchte ich hiermit zwei der eher ungewöhnlichen Anarchisten untersuchen, nämlich Max Stirner, den Individualanarchisten par excellence, sowie Gustav Landauer, den sozialistischen Anarchisten. Max Stirner und Gustav Landauer vertreten nicht nur die gegensätzlichsten Annahmen überhaupt, nein, auch war Landauer früherer Anhänger von Stirner, der sich später aber abwandte und eigene Überlegungen anstellte.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung und Festlegungen
2. „Individuum“ und „Individualismus“
3. Biographien
3.1 Max Stirner (1806 – 1856)
3.2 Gustav Landauer (1870 – 1919)
4. Unterschiedliche Auffassungen vom Individuum
4.1 Stirners „Einziger“
4.2 Landauers „Ewiger Seelenstrom“ und Meinungen zu Stirner
4.3 Ergänzungen zu Landauer
5. Schlusswort
Zielsetzung und Themen
Diese Arbeit untersucht das Verständnis des Individuums bei den Anarchisten Max Stirner und Gustav Landauer, um aufzuzeigen, wie ihre gegensätzlichen Auffassungen – von der radikalen Individualisierung bis zur Einbettung in ein großes Ganzes – den Begriff des Anarchismus prägen.
- Philosophische Begriffsgeschichte von „Individuum“ und „Individualität“
- Biographische Analyse von Max Stirner und Gustav Landauer
- Gegenüberstellung von Stirners Egoismus-Theorie und Landauers „ewigem Seelenstrom“
- Kritische Reflexion der Anarchismus-Begriffe beider Autoren
Auszug aus dem Buch
4.1 Stirners „Einziger“
Stirner verwendete den Begriff „Individuum“ nur fünfmal und „Individualität“ sogar nur zweimal in seinem Werk „Der Einzige und sein Eigentum“. Trotzdem geht es dabei vollkommen um das „Ich“, das Individuum, vor allem aber natürlich im zweiten Abschnitt, der passenderweise „Ich“ heißt. Stirner hob das „Ich“ über alles anderen, der Mensch ist nach seiner Annahme also ein vollkommener Egoist.
Laut Stirner steht etwas Heiliges über allem und jedem, ein Begriff, genau genommen der Gottesbegriff. Dessen Stellung nimmt das „Ich“ ein, sobald es nicht mehr daran glaubt, dass das „Heilige“ da ist. Dieses „Ich“ nennt Stirner den „Einzigen“, weil er als Einziger wichtig ist. Stirner geht davon aus, das Menschen grundsätzlich Egoisten sind. Doch der „klassische“ Egoismus bedeutete für ihn nur, dem Selbstgenuss nachzuhängen. Dann aber ist man nur von diesem Gedanken beherrscht, sprich, es herrscht doch nur wieder jemand über einen und so ist man kein „Einziger“ mehr. Der Egoist muss stets an sich denken, ist von sich beherrscht. Ein Egoist, der nur an sich denkt aber sich nicht für das Höchste hält, ist ein unfreiwilliger Egoist.
Stirner unterscheidet weiter zwischen dem traditionellen Begriff der „Freiheit“ und dem der „Eigenheit“. Man muss alles loswerden um zu sich, zum „Ich“ zu gelangen. Für Stirner ist „Freiheit“ nur die Freiheit von etwas. Doch diese Freiheit hat dann nichts, ist inhaltsleer, also muss man auch alles wollen und es sich nehmen, ein „Eigner“ sein und damit „Eigenheit“ haben.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung und Festlegungen: Einführung in die Begriffsdefinitionen von Individuum und Individualität anhand verschiedener philosophischer und lexikalischer Quellen.
2. „Individuum“ und „Individualismus“: Darstellung der philosophiegeschichtlichen Entwicklung der Begriffe von der Antike bis in die Moderne.
3. Biographien: Detaillierte biografische Abrisse der beiden Protagonisten Max Stirner und Gustav Landauer und ihre Lebenswege.
4. Unterschiedliche Auffassungen vom Individuum: Zentrale Analyse und Gegenüberstellung der Theorien Stirners und Landauers hinsichtlich des Ich-Begriffs und der Gemeinschaft.
5. Schlusswort: Zusammenfassende Einschätzung der Ansätze beider Denker und ein Fazit über die Kompatibilität ihrer Theorien im Kontext des Anarchismus.
Schlüsselwörter
Max Stirner, Gustav Landauer, Anarchismus, Individuum, Individualismus, Egoismus, Der Einzige, Seelenstrom, Freiheit, Eigenheit, Gemeinschaft, Philosophie, Individualanarchismus, Sozialismus, Nominalismus
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit befasst sich mit dem philosophischen Vergleich der Individuums-Auffassungen von Max Stirner und Gustav Landauer innerhalb des anarchistischen Denkens.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Begriffe des Individuums, der Egoismus bei Stirner und die Idee der universellen Gesamtheit bei Landauer.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die Gegensätzlichkeit der Theorien beider Denker aufzuzeigen und zu untersuchen, wie ihr jeweiliges Verständnis des Einzelnen die politische Ausrichtung des Anarchismus beeinflusst.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Es handelt sich um eine literatur- und ideengeschichtliche Analyse unter Einbeziehung biographischer Kontexte und zentraler Primärtexte der beiden Philosophen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Biographien beider Denker sowie eine detaillierte Gegenüberstellung ihrer philosophischen Ansätze zum Ich und zur gesellschaftlichen Einordnung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte sind Anarchismus, Individualismus, Egoismus, Stirners „Einziger“ und Landauers „Seelenstrom“.
Inwiefern hat Landauer sein Verhältnis zu Stirner verändert?
Landauer war anfangs ein Anhänger Stirners, wandte sich jedoch später ab, da er den Egoismus als oberflächlich betrachtete und die Bedeutung der Gemeinschaft hervorhob.
Wie unterscheidet sich Stirners Freiheitsbegriff von dem Landauers?
Stirner sieht Freiheit als Befreiung von etwas an, während für ihn die Eigenheit das Ziel ist; Landauer hingegen lehnt das isolierte Individuum ab und betont die Verbundenheit aller Wesen.
Was versteht man unter dem „Seelen-Recycling“ bei Landauer?
Landauer postuliert eine unlösliche Verbindung aller Wesen, bei der eine Kraft in eine andere übergeht und die Energie im ewigen Kreislauf der Gemeinschaft weiterwirkt.
- Arbeit zitieren
- Andre Schuchardt (Autor:in), 2006, Stirner und Landauer - das ungleiche anarchistische Paar, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/112007