Als Hypothese dieser Seminararbeit gilt die Annahme, dass Hofmannsthals und Strauss‘ Elektra als sprachskeptisches Werk anzusehen ist. Der Fokus dieser Arbeit liegt auf einer auf Close-Reading basierenden Analyse des Librettos Hofmannsthals unter Einbeziehung des Tragödientexts. Darüber hinaus wird einschlägige Fachliteratur zur Untermauerung der aufgestellten These herangezogen und um den Kontext zu skizzieren, in welchem das Werk entstand.
Die Literatur des Fin de Siècle griff häufig auf Stoffe der antiken Mythologie zurück. In enger Verbindung mit diesem Antike-Diskurs steht auch die Zusammenarbeit von Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss. In den meisten der insgesamt sechs Operndichtungen, die aus jener Kooperation entstanden, stehen Bezüge zu antiken Mythen im Mittelpunkt. So auch bei der Oper Elektra, welche im Januar 1909 im königlichen Opernhaus Dresden uraufgeführt wurde.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Kontext
2.1 Wiener Moderne
2.2 Sprachskepsis um die Jahrhundertwende
3 Sprachskepsis in Elektra
3.1 Hysterie und Sprachskepsis
3.2 Sprache und Tat
4 Resümee
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Sprachskepsis in Hugo von Hofmannsthals und Richard Strauss' Oper Elektra im Kontext der zeitgenössischen psychoanalytischen und philosophischen Diskurse der Jahrhundertwende. Ziel ist es, die Hypothese zu belegen, dass das Werk als sprachskeptisch zu betrachten ist, indem die Unzulänglichkeit der Sprache für die Bewältigung traumatischer Erfahrungen den Darstellungen hysterischer Symptome gegenübergestellt wird.
- Darstellung der Sprachskepsis im Kontext der Wiener Moderne.
- Analyse der Verflechtung von Hysterie und Sprachverlust bei den weiblichen Figuren.
- Gegenüberstellung von sprachlicher Unzulänglichkeit und der Tat als Handlungsform.
- Untersuchung der Bedeutung von körperlichem Ausdruck (Tanz) als Ersatz für verbale Kommunikation.
Auszug aus dem Buch
3.1 Hysterie und Sprachskepsis
Die hysterisch charakterisierten Frauenfiguren stehen in Elektra in enger Verbindung mit der Sprachskepsis, weshalb in diesem Unterkapitel auf die Verflechtung dieser beiden Thematiken eingegangen werden soll. Das 1903 in Berlin uraufgeführte Drama Hofmannsthals wurde von Beginn an von der Kritik als psychopathologische Krankengeschichte betrachtet, wobei sich das gezeichnete Bild der Hysterie an den Beschreibungen Sigmund Freuds und Joseph Breuers orientierte. Als bloße Fallstudie war das Werk Hofmannsthals jedoch nie zu sehen. Sowohl in der Tragödie als auch in der Oper dienten die Darstellungen der hysterischen Symptome als Mittel, mit denen Hofmannsthal die Krise der Sprache und der Identität zum Ausdruck brachte.
Elektra, Chrysothemis und auch Klytämnestra sind allesamt mit hysterischen Charakteristika versehen und alle drei sind unfähig, ihre Identität in der Gegenwart auszuleben. Auch dieses Verhalten wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit der Hysterie in Verbindung gebracht. Elektra ist gefangen in der Vergangenheit und kann sich nicht vom Bild ihres toten Vaters Agamemnon und den damit verbundenen Rachefantasien lösen. Im ersten Auftritt betrauert sie in einem langen Monolog ihren ermordeten Vater. Die sehr bildhaften Schilderungen des Tathergangs decken sich mit dem Krankheitsbild der Hysterie, in dem traumatische Erinnerungen sehr klar und lebendig ins Bewusstsein treten. Dadurch erleben die Betroffenen das Trauma stets wieder und es wird durch die emotionale Intensität erneut aufgefrischt.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Zusammenarbeit von Hofmannsthal und Strauss ein, verortet das Werk im Kontext der Jahrhundertwende und stellt die Hypothese der Sprachskepsis in Elektra auf.
2 Kontext: Das Kapitel skizziert die Wiener Moderne als Epoche der Unsicherheit und Krise des Subjekts sowie die philosophischen Wurzeln der Sprachskepsis um die Jahrhundertwende.
3 Sprachskepsis in Elektra: Dieser Hauptteil analysiert die sprachkritischen Merkmale der Oper, wobei insbesondere die hysterischen Symptome der Figuren und die Antinomie zwischen Sprache und Tat untersucht werden.
4 Resümee: Hier werden die Ergebnisse der Analyse zusammengefasst, die die Hypothese stützen, dass Sprache im Werk als wirkungslos zur Traumabewältigung dargestellt wird und die Tat die höchste Handlungsform einnimmt.
Schlüsselwörter
Sprachskepsis, Hofmannsthal, Strauss, Elektra, Hysterie, Wiener Moderne, Fin de Siècle, Trauma, Identitätsverlust, Sprachkrise, Psychoanalyse, Körperlichkeit, Tanz, Rache, Tat.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Darstellung der Sprachskepsis in Hofmannsthals und Strauss' Oper Elektra vor dem Hintergrund literarischer und philosophischer Diskurse der Wiener Moderne.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Sprachskepsis um die Jahrhundertwende, der Diskurs um Hysterie und Psychoanalyse (nach Freud und Breuer) sowie die Antinomie von Sprache und Handlung.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das primäre Ziel ist es, durch eine textnahe Analyse des Librettos zu belegen, dass Elektra als sprachskeptisches Werk anzusehen ist, da die Sprache als Mittel der Traumabewältigung versagt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse sowie einer Close-Reading-Analyse des Librettos unter Einbeziehung des Tragödientextes und zeitgenössischer Fachliteratur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die sprachkritischen Merkmale der Oper anhand der hysterischen Charakterisierung der Frauenfiguren sowie der Problematik des Redens und Handelns im Werk verdeutlicht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlüsselwörter umfassen Sprachskepsis, Elektra, Hysterie, Wiener Moderne, Identitätsverlust und die Antinomie zwischen Sprache und Tat.
Wie unterscheidet sich die Darstellung der Sprache in der Oper von der "talking cure" der Psychoanalyse?
Während die Psychoanalyse das Sprechen als Mittel zur Heilung sieht, zeigt das Werk, dass Sprache bei den traumatisierten Figuren wirkungslos bleibt und lediglich zu einer zwanghaften Reproduktion des Leids führt.
Welche Bedeutung kommt dem Tanz am Ende des Werkes zu?
Der Tanz fungiert als körperlicher Ausdruck höchster Genugtuung, bei dem die Sprache vollständig verstummt, was den Identitätsverlust der Figur und die Unzulänglichkeit des Wortes unterstreicht.
- Arbeit zitieren
- Simon Haas (Autor:in), 2020, Die Sprachskepsis in Hugo von Hofmannsthals und Richard Strauss' "Elektra". Die antike Mythologie in der Literatur der Jahrhundertwende, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1119235