Die Arbeit ist eine Auseinandersetzung mit Maurice Merleau-Pontys Konzept des Leibes und dessen von ihm als grundlegend deklarierte Bedeutung für das Verhältnis des Subjekts zu seiner Umwelt.
Um dieser These nachzugehen, interpretiere ich hauptsächlich Textstellen aus dem Werk „Phänomenologie der Wahrnehmung“. Außerdem möchte ich im letzten Teil der Arbeit eben jene Konzeption und die daraus resultierende Schlussfolgerung für Subjekt und Welt kritisch hinterfragen.
Maurice Merleau-Ponty eröffnet mit seiner Frage nach dem Leib einige der grundlegendsten Fragen der Philosophie und gibt im selben Moment auch eine umfassende Antwort auf diese. In seinem Werk setzt er sich mit Fragen nach der Zeit, dem Anderen, der Welt, dem Bewusstsein und der Freiheit auseinander und entwickelt nicht nur einen Ansatz, der diese zufriedenstellend erklären kann, sondern zeigt auch, welche fundamentalen Fehlannahmen die bisherigen zeitgenössischen, als auch vergangenen Erklärungsmodelle sowohl in der Philosophie als auch in den Naturwissenschaften begangen haben.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Empirismus und Intellektualismus
2.1 Der Empirismus
2.2 Der Intellektualismus
3. Die Ständigkeit des Leibes
4. Der engagierte Leib
5. Die Doppeldeutigkeit des Leibes
6. Das Einwohnen
7. Die Offenheit des Leibes und der Welt
8. Der wahrgenommene Gegenstand
9. Ganzheitliche Wahrnehmung und das Ding-an-sich-für-uns
10. Das Subjekt und die Welt
11. Kritik: Wissen und Erfahrung
12. Schluss
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die zentrale Bedeutung des Leibes für das Verhältnis des Subjekts zur Welt in Maurice Merleau-Pontys Werk „Phänomenologie der Wahrnehmung“. Ziel ist es, die Subjekt-Objekt-Dichotomie zu überwinden und den Leib als konstitutiven Ort des Sinns und der Weltbeziehung aufzuzeigen.
- Kritische Analyse von Empirismus und Intellektualismus
- Die Ständigkeit und Doppeldeutigkeit des Leibes
- Phänomenologie der Wahrnehmung und Weltbeziehung
- Die Rolle von Wissen und Erfahrung in der leiblichen Konstitution
Auszug aus dem Buch
3. Die Ständigkeit des Leibes
Der Leib ist eine Instanz, die sowohl Objekt und Subjekt ist, und damit weder Objekt noch Subjekt sein kann. Der Leib ist untrennbar mit uns verbunden. Es ist unmöglich für uns, uns von ihm zu lösen. Anders verhält es sich mit dem Gegenstand, welcher die Eigenschaft hat, aus unserem sinnlichen Wahrnehmungsfeld zu verschwinden und damit abwesend sein zu können. Der Leib hingegen ist immer anwesend. Dies bedeutet jedoch, dass er durch seine fortwährende Ständigkeit, auch ständig und damit vollständig beobachtbar ist. „Seine Ständigkeit ist keine solche der Welt, sondern eine Ständigkeit 'meinerseits'.“ Da er immer mit mir ist und damit nie vor mir sein kann, ist er immer gegenwärtig, aber nie vergegenwärtigbar. Er kann sich nicht vor meinem Blick entfalten, da er mit meinem Blick ist.
Der äußere Gegenstand erweist sich dem Leib als etwas, das gleichzeitig nur von einer Seite zeigt, jedoch durch eine Veränderung der Leibposition die Erschließung mehrerer Seiten zulässt. Anders gesagt, man kann um äußere Gegenstände herumgehen und sie damit Variation erscheinen lassen. Beim Leib ist das unmöglich, da er „stets mit herum geht“. Um den Leib zu betrachten, bräuchte ich einen zweiten Leib und um diesen zu beobachten wieder einen Weiteren und so weiter.
Festzuhalten ist, der Leib, als aktiver, berührender, tastender, sehender, zur Welt sich verhaltender Leib, ist nie fähig, sich selbst als einen solchen zu sehen, zu ertasten, zu beobachten. Die Erfahrung des eigenen Leibes ist nur im Moment des Tastens von etwas, im Moment des Blickens auf etwas und nicht Moment des Tastens, des Blickens möglich. Bei der Berührung der einen eigenen Hand mit der anderen eigenen Hand gibt es entweder das Empfinden des Berührens der linken Hand mit der rechten, das Empfinden des Berührtwerdens der linken Hand von der rechten, das Empfinden des Berührens der rechten Hand mit der linken und das Empfinden des Berührtwerdens der rechten Hand von der linken. Es gibt nie das Empfinden des Berührens Berührtwerdens andersherum.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der Arbeit und die Relevanz des Leibkonzepts bei Merleau-Ponty.
2. Empirismus und Intellektualismus: Kritische Auseinandersetzung mit den beiden klassischen Denktraditionen bezüglich ihrer Sicht auf Bewusstsein und Welt.
3. Die Ständigkeit des Leibes: Erläuterung des Leibes als stets anwesende, aber nie vollständig objektivierbare Instanz des Erlebens.
4. Der engagierte Leib: Untersuchung der leiblichen Weltbeziehung am Beispiel der Phänomenologie des Phantomglieds.
5. Die Doppeldeutigkeit des Leibes: Analyse des Leibes als Bindeglied zwischen Subjektivität und Objektivität.
6. Das Einwohnen: Beschreibung des aktiven Prozesses des „Einwohnens“ als Form der Weltaneignung.
7. Die Offenheit des Leibes und der Welt: Diskussion, wie durch den Leib neue Weltzugänge erschlossen und modifiziert werden können.
8. Der wahrgenommene Gegenstand: Betrachtung der Struktur der Wahrnehmung im Verhältnis von Leib und Umwelt.
9. Ganzheitliche Wahrnehmung und das Ding-an-sich-für-uns: Darstellung der Wahrnehmung als synthetische Leistung, die den Gegenstand als Teil der Welt konstituiert.
10. Das Subjekt und die Welt: Zusammenführung der Erkenntnisse zum dialogischen Verhältnis von Subjekt und natürlicher Welt.
11. Kritik: Wissen und Erfahrung: Auseinandersetzung mit der Rolle von historisch gewachsenem Wissen in der leiblichen Wahrnehmung.
12. Schluss: Resümee der zentralen Ergebnisse zur leiblichen Konstitution der Welt.
Schlüsselwörter
Maurice Merleau-Ponty, Phänomenologie der Wahrnehmung, Leib, Subjekt-Welt-Verhältnis, Empirismus, Intellektualismus, Ständigkeit, Engagiert-sein, Zur-Welt-sein, Ding-an-sich-für-uns, Wahrnehmung, Leiblichkeit, Weltkonstitution, Erfahrung, Wissen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie das Konzept des Leibes bei Maurice Merleau-Ponty dazu beiträgt, das Verhältnis zwischen Subjekt und Welt neu zu verstehen und klassische philosophische Dichotomien zu überwinden.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Arbeit fokussiert auf die leibliche Wahrnehmung, die Kritik an traditionellen Erkenntnistheorien (Empirismus/Intellektualismus) sowie das konstitutive Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, zu zeigen, dass der Leib die fundamentale Instanz ist, durch die Sinne, Zeit und Welt für ein Subjekt erst konstituiert werden, anstatt dass diese bereits objektiv gegeben wären.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine phänomenologische Analyse angewandt, die auf Merleau-Pontys Werk basiert und kritisch durch Einbeziehung anderer theoretischer Ansätze, wie z.B. bei Iris Marion Young, ergänzt wird.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil erarbeitet schrittweise die verschiedenen Dimensionen des Leibes – von der Ständigkeit und Doppeldeutigkeit bis hin zur Rolle der Wahrnehmung und des Welt-Einwohnens.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Phänomenologie, Leiblichkeit, Subjekt-Welt-Verhältnis, Zur-Welt-sein und Wahrnehmungskonstitution geprägt.
Was bedeutet das „Einwohnen“ des Leibes in der Welt?
Der Begriff beschreibt den aktiven Prozess, in dem der Leib nicht passiv in der Welt existiert, sondern durch kontinuierliche Weltbezüge aktiv Räume erschließt und Sinn stiftet.
Warum spielt das Phantomglied-Beispiel eine wichtige Rolle?
Es dient dazu, das „Engagiert-sein“ des Leibes zu illustrieren, da das Phantomgefühl zeigt, wie das Subjekt an einer leiblichen Weltbeziehung festhält, selbst wenn die physische Voraussetzung (das Glied) fehlt.
Wie kritisiert die Arbeit die Trennung von Wissen und Erfahrung?
Die Arbeit zeigt auf, dass reine phänomenologische Wahrnehmung ohne den Kontext des historischen und soziokulturellen Vorwissens eine Illusion ist, und fordert eine Einbeziehung dieser Wissensschichten.
- Arbeit zitieren
- Julius Leonhardt (Autor:in), 2020, Die Bedeutung des Leibes für das Subjekt-Welt-Verhältnis in "Phänomenologie der Wahrnehmung" von Maurice Merleau-Ponty, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1038558