Ausgangspunkt dieser Arbeit ist die Frage nach der Positionierung der Sozialen Arbeit mit dem Fokus auf die Verstrickung in Machtstrukturen. Dabei sollen vor allem grundlegende Spannungsfelder in den Blick genommen werden, in denen sich Soziale Arbeit im Zusammenhang mit ihrer wohlfahrtsstaatlichen Anbindung befindet. Nimmt man die normativen Selbstzuschreibungen der Sozialen Arbeit in den Blick, die auch mit der Bemühung um ein professionelles Selbstverständnis einhergehen, zeichnet sich eine Diskrepanz zwischen dem professionellen Selbstkonzept und ihrer Rolle im oft eher eingeschränkten Umgang mit Geflüchteten ab.
Die Arbeit geht der Frage nach, inwieweit die Soziale Arbeit ein politisches Mandat, ein politisches Selbstverständnis hat. Die Handlungstheorie nach Silvia Staub-Bernasconi und die systemischen Überlegungen nach Albert Scherr in dem Zusammenhang mit Geflüchteten werden im Zuge dieser Arbeit herangezogen und unter ausgewählten Aspekten vergleichend erörtert, um der Frage nach dem politischen Selbstverständnis der Sozialen Arbeit nachzugehen. Zunächst soll jedoch noch einmal umfassender verdeutlicht werden, wie die Soziale Arbeit im Verhältnis zu Politik zu verorten ist, und was in dieser Ausarbeitung unter einem politischen Mandat zu verstehen ist. Daran anschließend werden die Theorien von Bernasconi und Scherr unter den Aspekten der Menschenrechte, die Funktionen der Sozialen Arbeit und dem eigenen Selbstverständnis erörtert. Im Fazit sollen die beiden Positionen der theoretischen Überlegungen zum politischen Selbstverständnis zusammengefasst werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Hinführung
1.2. Ziel der Arbeit
2. Das Verhältnis Sozialer Arbeit zur Politik: Auftrag und Abhängigkeit
3. Vergleich und kritische Beleuchtung der Theorien von Silvia Staub-Bernasconi und Albert Scherr in Bezug auf die Soziale Arbeit mit Geflüchteten
3.1. Menschenrechte: Die Berufsethik der Sozialen Arbeit in der Krise?
3.2. Funktion der Sozialen Arbeit (im Kontext staatlicher Regulierung von Geflüchteten)
3.3. Zum professionellen und damit auch politischen Selbstverständnis Sozialer Arbeit
4. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht das Spannungsfeld, in dem sich die Soziale Arbeit im Kontext der Flüchtlingshilfe bewegt, und geht der zentralen Frage nach, inwieweit die Profession über ein eigenständiges politisches Mandat verfügt, um sich gegenüber staatlichen Rahmenbedingungen zu positionieren.
- Analyse des doppelten bzw. Tripelmandats der Sozialen Arbeit.
- Kontrastierung der theoretischen Ansätze von Silvia Staub-Bernasconi und Albert Scherr.
- Untersuchung der Rolle von Menschenrechten als ethische Handlungsgrundlage.
- Reflektion der Machtstrukturen und der staatlichen Steuerungsfunktion in der Flüchtlingssozialarbeit.
- Erörterung der Professionalität und der Notwendigkeit einer aktiven politischen Teilhabe.
Auszug aus dem Buch
3.1. Menschenrechte: Die Berufsethik der Sozialen Arbeit in der Krise?
Silvia Staub-Bernasconi bezieht in ihrer systemischen Theorie zur Sozialen Arbeit als Handlungswissenschaft die Menschenrechte als wichtigen Aspekt für das Handeln mit ein und knüpft damit unmittelbar an den Konflikt des doppelten Mandats an. Sie erweitert mit dem Modell der Sozialen Arbeit als Menschenrechtsprofession das Spannungsverhältnis um ein weiteres menschenrechtsbasierendes Mandat. Dieses geht einerseits von der Wissenschaftsbasierung der Sozialen Arbeit aus, besteht demnach aus wissenschaftlich fundierten Erklärungsmodellen und Handlungstheorien und bezieht andererseits einem auf den Menschenrechten begründeten verbindlichen Berufskodex, also berufsethische Vorgaben mit ein (vgl. Staub-Bernasconi, 2008, S. 22). Dieser Ethikkodex beschreibt „die regulativen Ideen, nach welcher Problemdefinition, -erklärungen und -bewertungen und Veränderungsprozesse seitens der AdressatInnen wie der Träger beurteilt werden müssen“ […] und bildet somit ein „begründetes Referenzsystem, dass der Sozialen Arbeit eine kritisch- reflexive Distanz gegenüber den AdressatenInnen, der Politik, den Trägern/Finanzgebern ermöglicht […]“ (Staub-Bernasconi, 2007a, S. 13).
Eine Soziale Arbeit, die also auf die Erweiterung der Handlungsfähigkeit und an den Menschenrechten ausgerichtet ist, wird von fachlichem Wissen über die Gesetzgebung und in der Arbeit mit Geflüchteten auch über die Regelungen des Asyl- und Sozialrechts sowie den internationalen menschenrechtlichen und völkerrechtlichen Kenntnissen getragen. Staub Bernasconi geht dahingehend noch weiter, - was gerade in Bezug auf Geflüchtete relevant wirkt -, indem sie betont, dass eine Gesellschaft nur dann als gerecht bezeichnet werden könne, wenn diese Gerechtigkeit sich nicht nur auf die Nationalstaatlichkeit bezieht, sondern darüber hinausgeht, andere miteinbezieht und Ausbeutung von Menschen und Ressourcen grundsätzlich verhindert (vgl. Staub-Bernasconi, 2015, S.82). Sie muss sich also nach richtungs- und handlungsleitenden, allgemein verbindlichen moralischen Werten, d.h. den Menschenrechten, orientieren (vgl. Leideritz, 2016, S. 41).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Hinführung: Der Abschnitt skizziert die prekäre Lage von Geflüchteten und die damit verbundenen Herausforderungen für die Soziale Arbeit im Spannungsfeld zwischen Ethik und staatlicher Politik.
1.2. Ziel der Arbeit: Es wird dargelegt, dass die Arbeit die Verstrickung in Machtstrukturen beleuchtet und die Frage nach einem politischen Mandat der Profession aufwirft.
2. Das Verhältnis Sozialer Arbeit zur Politik: Auftrag und Abhängigkeit: Dieses Kapitel erläutert das doppelte Mandat zwischen Hilfe und Kontrolle und die Abhängigkeit von staatlichen Rahmenbedingungen.
3. Vergleich und kritische Beleuchtung der Theorien von Silvia Staub-Bernasconi und Albert Scherr in Bezug auf die Soziale Arbeit mit Geflüchteten: Hier werden die theoretischen Ansätze der beiden Autoren hinsichtlich ihrer Relevanz für die Flüchtlingsarbeit einander gegenübergestellt.
3.1. Menschenrechte: Die Berufsethik der Sozialen Arbeit in der Krise?: Der Fokus liegt auf der Bedeutung der Menschenrechte als Referenzsystem und deren kritische Reflexion durch Scherr.
3.2. Funktion der Sozialen Arbeit (im Kontext staatlicher Regulierung von Geflüchteten): Hier wird die Rolle der Sozialen Arbeit als Akteurin zwischen Inklusionsvermittlung und Exklusionsverwaltung analysiert.
3.3. Zum professionellen und damit auch politischen Selbstverständnis Sozialer Arbeit: Das Kapitel diskutiert die Verbindung von Professionalisierung und politischer Einmischung.
4. Fazit: Die Arbeit schließt mit der Feststellung, dass die Aushandlung politischer Spannungsfelder eine Kernaufgabe professioneller Sozialer Arbeit darstellt.
Schlüsselwörter
Soziale Arbeit, Geflüchtete, Menschenrechte, politisches Mandat, doppeltes Mandat, Tripelmandat, Staub-Bernasconi, Albert Scherr, Professionalisierung, Sozialpolitik, Machtstrukturen, Inklusion, Exklusion, Ethikkodex, Flüchtlingshilfe.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es grundsätzlich in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert die Rolle der Sozialen Arbeit im Kontext der Flüchtlingshilfe und untersucht das Spannungsfeld zwischen professionellem Ethos und den staatlichen Vorgaben der Flüchtlingspolitik.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Themen sind das doppelte Mandat der Sozialen Arbeit, die Bedeutung der Menschenrechte für die Profession, sowie die systemtheoretische Einordnung von Inklusion und Exklusion.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist die Klärung der Frage, inwieweit die Soziale Arbeit ein eigenständiges politisches Mandat besitzt und wie sie ihre fachliche Autonomie gegenüber staatlichen Regulierungen wahren kann.
Welche wissenschaftlichen Theorien werden verwendet?
Die Arbeit stützt sich primär auf die Theorien von Silvia Staub-Bernasconi (Tripelmandat/Menschenrechtsprofession) und Albert Scherr (systemtheoretische Ansätze/Kritik an Menschenrechtsprofession).
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit dem Vergleich der theoretischen Konzepte, der Funktion der Sozialen Arbeit als staatliche Akteurin in Gemeinschaftsunterkünften sowie der notwendigen politischen Selbstvergewisserung der Profession.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Wichtige Begriffe sind Soziale Arbeit, Menschenrechte, politisches Mandat, Flüchtlingspolitik und professionelles Selbstverständnis.
Wie unterscheidet sich Staub-Bernasconis Ansatz von dem Scherrs?
Während Staub-Bernasconi die Menschenrechte als festes, drittes Mandat zur Absicherung von Professionalität betont, kritisiert Scherr dieses Verständnis als zu abstrakt und fordert eine stärkere Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Realität und staatlichen Zwängen.
Warum ist die Arbeit mit Geflüchteten für die Soziale Arbeit besonders schwierig?
Sie ist schwierig, da die Sozialarbeitenden häufig als ausführende Organe einer restriktiven Flüchtlingspolitik fungieren müssen, was in direktem Widerspruch zu ihrem beruflichen Ethos der Hilfe und Unterstützung steht.
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- Felina Lehmann (Author), 2021, Konfliktpotenziale der sozialen Arbeit im Spannungsfeld zwischen Ethikcodex und nationalstaatlichen Rahmenbedingungen, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1026146