Im vergangenen Jahr 2020 ist vielen Menschen, in Deutschland und weltweit, die Protestbewegung Black Lives Matter (Abk. BLM) erst bekannt geworden und konnte so große Unterstützung gewinnen. Ausgelöst wurden weltweite Proteste und Demonstrationen, wie auch gewaltvolle Ausschreitungen in den USA, durch die Tötung des Afroamerikaners George Floyd in Minneapolis, Minnesota. Die Besonderheit dieses Gewaltaktes besteht darin, dass Videoaufnahmen der Situation weltweit Aufsehen erregt haben und in Folge dessen die gesellschaftlichen Debatten über Rassismus und Polizeigewalt stark in den Fokus geraten sind.
Die deutsche Soziologin Teresa Koloma Beck beschreibt in ihrem Aufsatz „The Eye of the Beholder: Violence as a Social Process“, erschienen 2011 im International Journal of Conflict and Violence, die zentrale Rolle der Beobachtung von Gewaltphänomenen.
Da die Beobachtung, vor allem durch mediale Verbreitungswege, im Fall George Floyd ein entscheidendes Element für die Rezeption der Gewalt darstellt, soll im Folgenden Koloma Becks Ansatz auf den Tötungsdelikt angewendet werden und die verschiedenen Beobachtungspositionen wie auch die daraus resultierenden Reaktionen aufgezeigt werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theoretischer Rahmen
2.1 Beobachtung und Bewertung als Modus der Interaktion
2.2 Soziale Konstruktion und Ungleichgewichte
3. Analyse des Fallbeispiels George Floyd
3.1 Rekonstruktion des Ereignisses
3.2 Die Dynamik der Beobachtungspositionen
3.3 Reaktionen von Politik und Medien
3.4 Soziale Netzwerke und die Black Lives Matter Bewegung
4. Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht anhand der Gewalttheorie von Teresa Koloma Beck, wie die Beobachtung von Gewaltphänomenen durch Medien und Öffentlichkeit deren gesellschaftliche Wahrnehmung und Wirkung maßgeblich konstruiert, illustriert am Fallbeispiel der Tötung von George Floyd.
- Anwendung der Theorie "The Eye of the Beholder" von Teresa Koloma Beck
- Analyse der Beobachtungspositionen von Performer, Target und Observer
- Rolle der sozialen Medien bei der Verbreitung von Gewaltvideos
- Gesellschaftliche Auswirkungen und politische Reaktionen auf Polizeigewalt
- Zusammenhang zwischen Beobachtung, Machtstrukturen und sozialer Ordnung
Auszug aus dem Buch
3.2 Die Dynamik der Beobachtungspositionen
Die virale Verbreitung der von den Augenzeugen gefilmten Videos sorgte innerhalb kürzester Zeit dafür, dass dieser nicht einmal dreißigminütige Polizeieinsatz weltweit Aufsehen erregte und Proteste auslöste. An dieser Stelle findet auch die Theorie von Teresa Koloma Beck Anwendung, denn sie sieht die sozialen Auswirkungen von Gewaltinteraktionen in der Beobachtung und Bewertung durch die Öffentlichkeit begründet (Vgl. Koloma Beck, 2011: 347). Die Beurteilung der jeweiligen Interaktion hänge dabei stark von den sozialen Normen und persönlichen Werten der Beobachtenden ab, sie liege somit „im Auge des Betrachters“ (Vgl. ebd: 351). Die Veröffentlichung der Videos bot so nicht nur den Augenzeugen die Möglichkeit der Beobachtung und Bewertung – in diesem Fall, ob es sich um die Anwendung rechtmäßiger oder unrechtmäßiger Polizeigewalt handelte – sondern Menschen auf der ganzen Welt. Die Position des Beobachtenden ist bei Koloma Beck zentral, denn ohne sie sei kein umfassendes Verständnis von Gewalt als sozialen Prozess möglich (Vgl. ebd: 350). Dabei ist die Beobachtungsposition („Observer“) als Erfahrungsmodus von Gewalt zu verstehen, der gemeinsam mit den Modi „Performer“ und „Target“ die Triade des Gewaltprozesses bildet (Vgl. ebd: 349). Allgemein bezieht Koloma Beck das Konzept „Gewalt“ mehr auf einen Modus der Beobachtung, als einen bestimmten Modus der Interaktion - denn alle Beteiligten einer Gewaltsituation sind an einer Stelle Beobachtende dieser (Vgl. ebd: 351).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Thematik der Polizeigewalt gegen George Floyd ein und stellt den Bezug zur Theorie von Teresa Koloma Beck her.
2. Theoretischer Rahmen: Dieses Kapitel erläutert die Grundkonzepte der Gewalt als sozialen Prozess sowie die Bedeutung der Beobachtungspositionen für die soziale Konstruktion von Gewalt.
3. Analyse des Fallbeispiels George Floyd: Dieser Hauptteil verknüpft die theoretischen Grundlagen mit dem realen Ereignis des 25. Mai 2020, untersucht die medialen und politischen Dynamiken sowie die Rolle sozialer Netzwerke.
4. Fazit: Das Fazit fasst die Erkenntnisse zusammen und bestätigt die Anwendbarkeit der Theorie auf den Fall George Floyd sowie deren Relevanz für den gesellschaftlichen Wandel.
Schlüsselwörter
George Floyd, Teresa Koloma Beck, Polizeigewalt, Black Lives Matter, Beobachtung, soziale Konstruktion, Gewaltprozess, soziale Netzwerke, Rassismus, Mediale Berichterstattung, soziale Normen, Machtstrukturen, Performer, Target, Observer.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie die mediale Beobachtung und die öffentliche Bewertung von Gewalt die Wahrnehmung und gesellschaftlichen Reaktionen auf Polizeigewalt, spezifisch am Fall George Floyd, maßgeblich beeinflussen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind die Theorie der Gewalt als sozialer Prozess, die Dynamik zwischen Beobachter und Handelnden, die Rolle sozialer Medien bei Protestbewegungen und die Reaktionen von Politik und Gesellschaft auf Polizeigewalt.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die Gewalttheorie von Teresa Koloma Beck auf den Fall George Floyd anzuwenden, um zu zeigen, wie durch die Beobachtung von Gewalttaten soziale Wirklichkeit konstruiert und gesellschaftlicher Wandel angestoßen wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretisch fundierte Fallanalyse, bei der soziologische Konzepte zur Gewaltdeutung auf ein aktuelles Ereignis angewandt werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Rekonstruktion des Falls, die Analyse der Beobachtungspositionen (Performer, Target, Observer), die politische und mediale Aufarbeitung sowie die Analyse der Rolle von sozialen Netzwerken.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen gehören insbesondere Gewaltprozess, Beobachtungspositionen, Black Lives Matter, Polizeigewalt und soziale Konstruktion.
Warum spielt die Unterscheidung von Performer, Target und Observer eine so wichtige Rolle im Fall Floyd?
Diese Rollenverteilung nach Koloma Beck hilft zu erklären, wie die Öffentlichkeit (als Observer) durch die Verbreitung von Videos die Situation bewertet und somit eine Dynamik erzeugt, die den Prozess der Gewaltlegitimierung oder -delegitimierung maßgeblich mitbestimmt.
Inwiefern verändern soziale Netzwerke die Wahrnehmung von Polizeigewalt laut der Autorin?
Soziale Netzwerke ermöglichen eine sofortige, ungefilterte Beobachtung durch ein weltweites Publikum, was die "Beobachtungsposition" öffnet und den gesellschaftlichen Druck sowie die Diskussion über strukturellen Rassismus massiv verstärkt.
- Quote paper
- Hannah Jacobs (Author), 2021, Eine Anwendung der Gewalttheorie Teresa Koloma Becks auf die Tötung von George Floyd im Mai 2020 in den USA, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1025579