Die Gesellschaft ist pluralistisch und dies spiegelt sich auch in der Schülerschaft wider. Die Forderungen nach interkulturellem Literaturunterricht sind nachvollziehbar und legitim, werden allerdings allzu häufig vorschnell enggeführt auf andersartige Herkunft, Sprache oder Religion. Aber Interkulturalität kann sich auch auf der Zeitachse (also diachron) für einen gleichbleibenden Kulturraum ergeben, was in der vorliegenden Arbeit anhand der Siegfried-Figur des Nibelungenliedes aufgezeigt wird: Lechner zeichnet mit ihrer Nacherzählung ein ganz anderes Bild von Siegfried als das beinahe 10.000 Verse starke mittelhochdeutsche "Nibelungenlied". Und Lechners Nacherzählung wiederum ist für heutige Schüler mitunter auch schon wieder veraltet und auf seine eigene Weise diachron, da sie kurz nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden ist. Da das Kulturmuster "Held" eine menschliche Konstante ist, liegt in dieser Veränderung kein Fluch, sondern es lassen sich interessante und lohnende Aspekte für eine schulische Bearbeitung im Literaturunterricht ableiten, was letztlich auch Mut machen soll für eine Thematisierung mittelalterlicher Themen und ggf. auch Originaltexte im heutigen Literaturunterricht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Interkultureller Literaturunterricht und kulturelle Literacy
2.1 Literaturunterricht zwischen den Kulturen
2.2 Derivationen für eine interkulturelle Betrachtung von Literatur auf diachroner Ebene
2.3 Bildungspolitische Forderungen nach Fremdheit und Alterität im Literaturunterricht (Kerncurriculum Hessen)
3. Helden
3.1 Der Heldenbegriff und seine Etymologie
3.2 Heldenbilder als Kulturmuster im Wandel der Zeit
3.3 Didaktische Nutzbarmachung von Helden
4. Lechners Siegfried als heroisches Konglomerat
4.1 Die Problematik des Nacherzählens (mittelalterlicher) Texte bei Lechner
4.2 Lechners Siegfried im Fokus
4.2.1 Demokratisierungstendenzen bei Siegfried
4.2.2 Die Normalisierung des Helden Siegfried
4.3 Lechners Siegfried im Deutschunterricht: Didaktische Derivate für den schulischen Literaturunterricht
5. Konklusion
Zielsetzung & Themen
Die wissenschaftliche Hausarbeit analysiert die didaktische Eignung der Siegfried-Figur in Auguste Lechners Nacherzählung des Nibelungenliedes für einen diachronen, interkulturellen Literaturunterricht. Dabei wird untersucht, inwiefern die Modifikationen der Heldenfigur im Vergleich zur mittelalterlichen Vorlage als Reflexionsfolie für die kritische Auseinandersetzung mit Identitätsentwürfen und heroischen Konstrukten in der Schule dienen können.
- Diachrone interkulturelle Literaturdidaktik
- Konstruktcharakter des Kulturmusters „Held“
- Methodische Problematik von Nacherzählungen mittelalterlicher Texte
- Normalisierungs- und Demokratisierungstendenzen moderner Heldenbilder
- Bildungspolitische Legitimation mediävistischer Stoffe
Auszug aus dem Buch
3.1 Der Heldenbegriff und seine Etymologie
Das heute bekannte Wort ‚Held‘ leitet sich aus dem mhd. ‚helt‘ ab, welches seinerseits wiederum auf ahd. ‚hal‘ und ‚helan‘ zurückzuführen ist, was auf die Bedeutungszuschreibungen verborgen respektive bedeckt referiert. Dabei erscheint es von größter Importanz, festzuhalten, dass es sich hierbei nicht um Attribute arkaner Disposition handelt, sondern dass „ein Held […] jemand [ist; M.R.], der ‚verborgen‘, ‚bedeckt‘[…], also ein bekleideter Krieger (‚Häle-Mann‘) [ist; M.R.],“ womit auf die materialistische Komponente eines Kettenhemds respektive eines Harnischs – und somit auf ein Machtsymbol – verwiesen wird. Damit reiht sich ‚helt‘ neben weiteren Begriffen wie ‚recke‘, ‚wîgant‘ oder auch ‚degen‘ als Etikettierung für den Krieger beziehungsweise den „vorbildlichen Streiter“ ein. Was den ‚helt‘ von den übrigen Begriffen im Wortfeld distinguiert, ist allerdings das Faktum, dass er zwar einen Krieger in Rüstung beschreibt, jedoch nicht unikal auf den Modus des Kampfes bezogen – denn er referiert simultan auch auf den Krieger, der beim anschließenden Fest in der Festhalle verkehrt, was im ‚Nibelungenlied‘ explizit bereits in der ersten Strophe deutlich wird, wenn es heißt: „Uns ist in alten mæren wunders vil geseit […] von fröuden, hôchgezîten […].
Dies ist allerdings eine sehr enggefasste Definition des Heldenbegriffs: Im Horizont von diachronem interkulturellem Lernen sei weiterhin darauf verwiesen, dass selbiger im Kontext von literaturwissenschaftlichen Textanalysen generell einer weiten Verallgemeinerung unterliegt, weshalb der Held daher häufig einfach synonym zum Protagonisten eines Werkes gesetzt wird. Für mittelalterliche Werke muss an dieser Stelle jedoch gelten, dass der Held ambivalent zu betrachten ist, da er beide Bedeutungen in sich vereint: Erstens die der Hauptfigur und zweitens die Konzeptualisierung des vorbildlichen Kriegers.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit begründet die Relevanz der Thematisierung mittelalterlicher Stoffe im Deutschunterricht und führt in die Fragestellung zur diachronen Interkulturalität am Beispiel von Lechners Nibelungen-Adaption ein.
2. Interkultureller Literaturunterricht und kulturelle Literacy: Dieser Abschnitt erörtert die theoretischen Grundlagen interkulturellen Lernens, erweitert diese auf eine diachrone Dimension und legitimiert die Arbeit mit mediävistischen Texten anhand bildungspolitischer Vorgaben.
3. Helden: Hier werden die etymologischen Wurzeln des Heldenbegriffs sowie dessen Wandel als Kulturmuster beleuchtet und das didaktische Potenzial der Arbeit mit Heldenfiguren reflektiert.
4. Lechners Siegfried als heroisches Konglomerat: Das Kernkapitel analysiert kritisch Lechners Nacherzählung, insbesondere die Strategien der Demokratisierung und Normalisierung der Figur Siegfried, und leitet daraus didaktische Möglichkeiten für den Literaturunterricht ab.
5. Konklusion: Das abschließende Kapitel fasst die Ergebnisse zusammen und plädiert für eine komparatistische Vorgehensweise, die das Bewusstsein für die Differenz zwischen Retextualisierung und Original schärft.
Schlüsselwörter
Diachrone Interkulturalität, Literaturunterricht, Heldenbilder, Nibelungenlied, Auguste Lechner, Retextualisierung, Kulturelle Literacy, Normalisierung, Demokratisierung, Identitätsbildung, Mediävistik, Heldenkonstruktion, Heldenreise, Didaktische Nutzbarmachung, Kulturmuster.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit untersucht, wie die Siegfried-Figur in Auguste Lechners Nacherzählung des Nibelungenliedes didaktisch im Deutschunterricht genutzt werden kann, um Schülern ein Verständnis für den Wandel von Heldenbildern und interkulturelle Fragestellungen auf diachroner Ebene zu vermitteln.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die fachdidaktische Theorie des interkulturellen Lernens, die Etymologie und der soziokulturelle Wandel des Heldenbegriffs sowie die kritische Analyse von Nacherzählungen als „Retextualisierungen“.
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, den didaktischen Wert von Lechners Adaption zu bestimmen, indem aufgezeigt wird, dass eine kritische komparatistische Auseinandersetzung zwischen Nacherzählung und Original die Kompetenz der Schüler fördert, Heldenkonstruktionen als gemachte Wertmuster zu durchschauen.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse herangezogen?
Die Autorin nutzt eine literaturdidaktische Analyse, die theoriegestützt (interkulturelles Lernen) operiert und durch einen komparatistischen Abgleich zwischen Lechners Text und dem mittelhochdeutschen Original geprägt ist.
Was wird im Hauptteil der Arbeit primär behandelt?
Im Hauptteil liegt der Fokus auf der Analyse von Lechners Siegfried-Figur unter den Aspekten der „Normalisierung“ (Anpassung an lebensweltliche Standards) und „Demokratisierung“ (Entheroisierung) sowie der Frage, wie diese Befunde in den schulischen Unterricht integriert werden können.
Welche Schlüsselbegriffe definieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie „diachrone Interkulturalität“, „Kulturmuster“, „Nacherzählung“, „Heldentums-Wandel“ und „literaturdidaktische Reflexionsfolie“ charakterisieren.
Warum ist die Unterscheidung zwischen Lechners Text und dem Nibelungenlied so wichtig?
Weil Lechner eine subjektive Nacherzählung aus der Nachkriegszeit geschaffen hat, die nicht mit der mittelalterlichen Vorlage identisch ist. Eine Nicht-Unterscheidung könnte zu einem falschen Verständnis von Historizität führen.
Welches konkrete didaktische Beispiel führt die Autorin zur Helden-Normalisierung an?
Als Beispiel dient unter anderem Siegfrieds Jugendphase bei Lechner, in der er durch Umtriebigkeit und Konflikte mit den Eltern für Jugendliche als Identifikationsfigur greifbarer wird, da diese Herausforderungen strukturell der Lebenswelt von Adoleszenten entsprechen.
- Arbeit zitieren
- Martin Reese (Autor:in), 2019, Diachroner interkultureller Literaturunterricht oder (vermeintliche) Mediävistik in der heutigen Schule, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1014085