In Lukas 15,11-32 fällt bereits bei erster Lektüre die Vielseitigkeit und der große Interpretationsrahmen in Bezug auf die drei Hauptpersonen auf. Bei erster Betrachtung des Gleichnisses kommt die Frage auf, aus welchem Grund nur männliche Figuren benannt werden. Eine Mutter wird an keiner Stelle benannt. Auch wenn in Vers 11 zunächst die Rede von einem Menschen ist, wird im Folgenden deutlich, dass es sich um einen Vater und dessen Söhne handelt, ohne Erwähnung der zugehörigen Mutter.
Somit ergibt sich die Frage, ob die Erzählung mit mütterlichem Einfluss anders verlaufen wäre. Des Weiteren stößt in diesem Kontext auf, auf welcher Grundlage lediglich von Söhnen berichtet wird und nicht von einer Tochter die Rede ist. Bei weiterem Lesen der Perikope lässt sich hinterfragen, ob das Verhalten des Jüngeren als verwerflich angesehen werden kann. Wie ist die Forderung des Erbteiles und die Auswanderung zu bewerten bzw. welchen Motiven liegt sein Verhalten zugrunde? Dem gefolgt kann die Reaktion des Vaters bei der Rückkehr des jüngeren Sohnes als fraglich aufgegriffen werden. Auf welcher Grundlage verzeiht er seinem Jüngeren bedingungslos? Schlussendlich wirft die Reaktion des Älteren auf die Wiederaufnahme des Jüngeren Fragen auf. Kann er seinem jüngeren Bruder verzeihen oder leben sie fortan in Rivalität? Handelt das Gleichnis in Lukas 15,11-32 eventuell von zweiverlorenen Söhnen? Um den aufgeworfenen Fragestellungen nachzugehen, basiert die folgende Ausführung auf der Luther Übersetzung von 1984.
Inhaltsverzeichnis
1 Vorüberlegungen und Textsicherung
1.1 Persönlicher Zugang zum Text
1.2 Abgrenzung der Perikope
2 Sprachlich-sachliche Analyse
2.1 Sozialgeschichtliche und historische Fragen, Realien
2.2 Textlinguistik
3 Die Aussageabsicht des Autors
3.1 Formkritik
3.2 Textpragmatik
3.3 Ermittlung der Pointe
4 Kontextuelle Analyse / das innovative Potenzial
4.1 Traditionsgeschichte
4.2 Religionsgeschichtlicher Vergleich
5 Der Text als Teil eines theologischen Gesamtkonzepts
5.1 Kompositionskritik
5.2 Redaktionskritik
6 Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit widmet sich einer exegetischen Untersuchung des Gleichnisses vom verlorenen Sohn (Lukas 15,11-32). Das primäre Ziel ist es, durch eine tiefgehende sprachlich-sachliche, textlinguistische und kontextuelle Analyse das Verständnis der Erzählung zu schärfen, die Intention des Autors zu ergründen und die Einbettung in das lukanische Gesamtkonzept sowie die Rolle der beteiligten Personen zu beleuchten.
- Sozialgeschichtliche und historische Hintergründe der damaligen Zeit
- Strukturelle Analyse und textlinguistische Untersuchung des Gleichnisses
- Die Rolle des Vaters als Autorität und Abbild göttlicher Liebe
- Ermittlung der Pointe im Kontext von Schuld und Vergebung
- Vergleichende Analyse im Verhältnis zu anderen biblischen Gleichnissen
Auszug aus dem Buch
2.1 Sozialgeschichtliche und historische Fragen, Realien
Im Folgenden geht die sozialgeschichtliche Analyse auf die Klärung von Details in der Erzählung ein. Im 12. Vers bittet der jüngere Sohn, welcher Jeremias zufolge 18 bis 20 Jahre alt sein muss (vgl. Jeremias, 1998, 129), zu Lebzeiten seines Vaters um den ihm zustehenden Vermögensanteil. An dieser Stelle ist es erwähnenswert, dass der jüngere Sohn ein geringeres Erbe zu erwarten hat als der Erstgeborene (vgl. Schottroff, 2010, 179). Da der Vater ihm die Bitte erfüllt, scheint diese auch in seinem Sinne sinnvoll zu sein. Somit lässt sich aus dem Text nicht schließen, dass die Bitte des Sohnes anstößig ist. Das im Gleichnis beschriebene Auszahlen des Erbanteils ähnelt im deutschen Recht dem Vorgang der Abschichtung. Man schichtet Kinder ab, wenn diese aus der Gemeinschaft des Besitzes bzw. der Erbgemeinschaft austreten und dabei einen Anteil davon für sich erhalten. Der abgefundene Sohn hat nun keine Ansprüche mehr auf das Erbe, die Geschwister erhalten den gesamten Rest. Dieser Rest steht allerdings bis zum Tod des Vaters unter dessen Vollmacht (vgl. Wolter, 2008, 531). Im ersten nachchristlichen Jahrhundert war es nach jüdischem Recht erlaubt, sein Vermögen zu Lebzeiten aufzuteilen. Auch hier nannte man diesen Vorgang Abschichtung. Gesetzesmäßig müsste der abgeschichtete Sohn sich allerdings um das Wohl seiner Eltern kümmern, was in diesem Gleichnis nicht geschieht.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Vorüberlegungen und Textsicherung: Dieses Kapitel etabliert den persönlichen Zugang zur Thematik und nimmt die notwendige Abgrenzung der Perikope vor.
2 Sprachlich-sachliche Analyse: Hier erfolgt eine Untersuchung der historischen Hintergründe, Realien und der textlinguistischen Struktur des Gleichnisses.
3 Die Aussageabsicht des Autors: Dieser Abschnitt analysiert die Formkritik, die Textpragmatik und ermittelt die inhaltliche Pointe des Textes.
4 Kontextuelle Analyse / das innovative Potenzial: Das Kapitel betrachtet die traditionsgeschichtlichen Bezüge und stellt einen religionsgeschichtlichen Vergleich an.
5 Der Text als Teil eines theologischen Gesamtkonzepts: Hier wird das Gleichnis mittels Kompositions- und Redaktionskritik in das Lukasevangelium eingeordnet.
6 Fazit: Das Fazit führt die Ergebnisse zusammen und beantwortet die leitenden Fragestellungen der Exegese.
Schlüsselwörter
Lukas 15, Gleichnis vom verlorenen Sohn, Exegese, Vaterfigur, Sündenvergebung, Sozialgeschichte, Textlinguistik, Formkritik, Parabel, Umkehr, Schuld, Fest, biblische Hermeneutik, lukanisches Sondergut, Religionsgeschichte
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit bietet eine exegetische Analyse von Lukas 15,11-32, dem bekannten Gleichnis vom verlorenen Sohn, und untersucht dieses in seinem historischen, sprachlichen und theologischen Kontext.
Welche zentralen Themenfelder werden in der Analyse behandelt?
Zu den Schwerpunkten zählen sozialgeschichtliche Aspekte der Erbteilung, die psychologische Dynamik der Familienbeziehungen, die Bedeutung der Vaterfigur und die Rolle von Schuld und Vergebung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Aussageabsicht des Autors zu klären und zu verstehen, wie das Gleichnis als Teil des theologischen Gesamtkonzepts des Lukasevangeliums fungiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär verwendet?
Es werden klassische exegetische Methoden wie Sozialgeschichtliche Analyse, Formkritik, Textlinguistik, Kompositionskritik und Redaktionskritik angewandt.
Was steht im inhaltlichen Hauptteil im Fokus?
Der Hauptteil behandelt die detaillierte Sprach- und Sachanalyse, die pragmatische Untersuchung der Rollen von Vater und Söhnen sowie die Einordnung in den Kontext der frühen christlichen Gemeinden.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind neben dem Buchtitel vor allem Begriffe wie "Sündenvergebung", "Parabel", "sozialgeschichtliche Analyse" und "lukanisches Gesamtkonzept".
Warum wird im Gleichnis keine Mutter erwähnt?
Die Arbeit erörtert, dass das Fehlen einer Mutter historisch durch das damalige Erbrecht und die soziokulturellen Gegebenheiten begründet ist, in denen Töchter und Frauen eine andere gesellschaftliche Rolle einnahmen.
Ist das Gleichnis als einheitlicher Text zu betrachten?
Ja, die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass das Gleichnis trotz der zwei Spannungsbögen (jüngerer und älterer Sohn) ein kohärenter und einheitlicher Text ist.
Wie bewertet der Autor das Verhalten des älteren Sohnes?
Der ältere Sohn wird als eine komplexe Figur analysiert, deren Zorn aus einer Perspektive von "objektiver Gerechtigkeit" und Regelbefolgung verständlich gemacht wird, ohne ihn als reinen Negativcharakter darzustellen.
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- Ina-Sophie Albers (Author), 2020, Exegese zu Lukas 15,11-32. Das Gleichnis vom verlorenen Sohn, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1012197