Um den Einfluss des Facebook-Messengers auf „Vor der Zunahme der Zeichen“ von Senthuran Varatharajah als Roman zu klären, ist eine genaue Analyse des Formats und der Sprache des Romans vorzunehmen. Darüber hinaus können Vergleiche zu Briefromanen sowie neueren, aus modernen Kommunikationsmitteln inspirierten Romanen wie „Gut gegen Nordwind“ von Daniel Glattauer, Anhaltspunkte über mögliche Ähnlichkeiten und eine daraus resultierende Einschätzung liefern.
Das einundzwanzigste Jahrhundert hat einige revolutionäre technische Neuerungen hervorgebracht. Darunter fallen die Erfindung des Smartphones, die Weiterentwicklung des Computers und auch die Einführung neuer digitaler Kommunikationsmittel, die durch diese neue Hardware ermöglicht wird. Eines der heute am meist genutzten neuen Kommunikationsformen ist das sogenannte „Instant Messaging“. Es ist seit den späten 1990er-Jahren insbesondere unter Teenagern populär. Inzwischen haben die Instant Messaging-Dienste auch Einzug in moderne Literatur erhalten. In E-Mail-Romanen wie „Gut gegen Nordwind“ von Daniel Glattauer bilden diese neuen Kommunikationsmittel einen elementaren Bestandteil. Senthuran Varatharajahs 2016 erschienener Roman „Vor der Zunahme der Zeichen“ führt den E-Mail-Roman im Format der Sofortnachricht weiter. Den Rahmen für „Vor der Zunahme der Zeichen“ liefert dabei der Messenger des US-Amerikanischen Internetkonzerns Facebook.
Durch die individuelle Formatierung des Romans erhält der Leser wie in einem Tagebuch eine minutengenaue Übersicht über den Sendungsverlauf der Nachrichten. Darüber hinaus gibt es keinen übergeordneten Erzähler. Die Dialogform des Facebook-Messengers (FM) erinnert durch die synchrone Abfolge der Nachrichten zusätzlich an die dialogische Erzählweise von Dramen, jedoch ohne weitere Elemente dieser Literaturform aufzugreifen. Die größte Ähnlichkeit hat diese Form des Romans mit dem Briefroman und seiner Weiterentwicklung, dem E-Mail-Roman.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das Format
3. Die Sprache
4. Eine Prüfung der Vergleichbarkeit
5. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwieweit der Roman „Vor der Zunahme der Zeichen“ von Senthuran Varatharajah als moderne Weiterentwicklung des klassischen Briefromans zu verstehen ist, indem sie die spezifische Form und Sprache der digitalen Messenger-Kommunikation analysiert.
- Analyse der ästhetischen Gestaltung von Messenger-Dialogen in der Literatur.
- Untersuchung der Sprachstile und ihrer Funktionen für die Charakterisierung.
- Vergleich der Messenger-Form mit historischen Briefromanen (z. B. Goethe).
- Abgrenzung zu anderen digitalen Literaturformen wie dem E-Mail-Roman.
- Diskussion der Auswirkungen von Medialität auf die erzählerische Struktur.
Auszug aus dem Buch
3. Die Sprache
Die Sprache in Vor der Zunahme der Zeichen wird stark durch das bereits erläuterte Format des Romans beeinflusst. Die Kommunikation im Internet weist Eigenheiten auf, die auch auf die Benutzung des FM abfärben. Darunter zählen z. B die Verwendung von Emojis12 und die Vermischung der mündlichen und schriftlichen Sprache. Heinrich Löffler spricht in diesem Kontext von einer Form der Oralliterarität und bezeichnet die Internetsprache als Mediolekt.13 Dabei mischen sich Formen der mündlichen Sprache mit der Schriftsprache. Durch diesen fließenden Übergang kann auch eine Verschriftlichung von mündlicher Sprache stattfinden, wie sie Konstanze Marx im Rahmen digitaler Kommunikation feststellt.14 In Varatharajahs Roman finden sich sowohl Formen dieser speziellen digitalen Kommunikation, als auch Passagen, die als rein schriftypische Sprache identifiziert werden können.
Grundlegend werden sowohl von Valmira als auch von Senthil die Normen der deutschen Rechtschreibung eingehalten. Dabei fällt jedoch schnell auf, dass Senthil eine Eigenheit in seine Schriftsprache einbringt. Er verzichtet durchgehend auf die Großschreibung von Nomen (Vgl. Z 65). Teupert stellt dazu fest:„ In contrast to the German capitalization of nouns and proper names, all words in the virtual space carry the same weight.“15 Die fehlende Kapitalisierung von Senthil ist also sowohl ein gezieltes Stilmittel, als auch eine Reaktion auf den digitalen Raum der Begegnung.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Thematik ein und stellt das Untersuchungsinteresse an modernen Kommunikationsmitteln in der zeitgenössischen Literatur dar.
2. Das Format: Hier wird die mediale Form der Messenger-Kommunikation im Roman analysiert und auf ihre erzählerischen Implikationen hin untersucht.
3. Die Sprache: Dieser Abschnitt beleuchtet, wie digitale Kommunikationsbesonderheiten und sprachliche Stilmittel die Charaktere und den Romanaufbau beeinflussen.
4. Eine Prüfung der Vergleichbarkeit: In diesem Kapitel wird der Roman mit klassischen Briefromanen und anderen digitalen Formaten kontrastiert, um dessen Einordnung zu hinterfragen.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und kommt zu dem Schluss, dass der Roman aufgrund seiner spezifischen digitalen Eigenschaften nicht als einfache Weiterentwicklung des Briefromans betrachtet werden kann.
Schlüsselwörter
Literaturwissenschaft, Senthuran Varatharajah, Vor der Zunahme der Zeichen, Messenger-Roman, Briefroman, Digitale Kommunikation, Facebook-Messenger, Oralliterarität, Mediolekt, Stream of Consciousness, Medialisierung, Interaktivität, Sprache, Sprachkritik, Erzählweise
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die formalen und sprachlichen Besonderheiten des Romans „Vor der Zunahme der Zeichen“ von Senthuran Varatharajah im Kontext digitaler Kommunikationsmedien.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit fokussiert sich auf die Schnittstelle zwischen moderner digitaler Messenger-Kommunikation und traditioneller literarischer Erzählweise.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist zu bestimmen, ob der Messenger-Roman eine legitime moderne Weiterentwicklung des klassischen Briefromans darstellt oder eine eigenständige Gattungsform bildet.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse von Format und Sprache sowie ein komparatistischer Vergleich mit anderen Romanwerken vorgenommen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden das spezifische Messenger-Format, die sprachlichen Eigenheiten der Protagonisten sowie Vergleiche zu Briefromanen wie Goethes „Werther“ und E-Mail-Romanen analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Messenger-Roman, Briefroman, Medialisierung, Oralliterarität, Sprache und digitale Kommunikation.
Wie unterscheidet sich die Schreibweise der beiden Protagonisten?
Senthil verwendet eine konsequente Kleinschreibung und lange hypotaktische Satzgefüge, während Valmiras Sprache eher als standardkonforme Schriftvarietät wahrgenommen wird.
Welche Rolle spielt der „grüne Punkt“ im Roman?
Der „grüne Punkt“ dient als Symbol für die Online-Präsenz und Interaktivität, was die Protagonistin Valmira explizit in ihren Diskurs integriert, um Bewusstsein für das Medium zu schaffen.
Warum kommt der Roman ohne klassischen Erzähler aus?
Durch die unmittelbare Dialogform des Messengers und die chronologische Abfolge der Nachrichten wird eine Erzählinstanz überflüssig, da die Figuren durch ihren Austausch für den Leser charakterisiert werden.
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- Jonas Labudda (Author), 2019, Ist das noch ein Brief? Moderne Formen des Nachrichtenaustausches im Roman, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1009537