Ein weiterer wichtiger Vertreter der Diskussion um den sanften Tourismus ist Jost Krippendorf, der die Gedanken von Jungk weiterentwickelt hat und konkrete touristische Entwicklungsstrategien sowie Rahmenbedingungen für sanften Tourismus entworfen hat. Er fordert in seinen Thesen unter anderem, daß die Reiseströme entzerrt und besser verteilt werden, d.h. daß Schul- und Betriebsferien gestaffelt werden und somit die zeitliche Konzentration des Tourismus aufgehoben wird. So kann verhindert werden, daß "jedermann aus dem gleichen Grund zur gleichen Zeit am gleichen Ort ist", was eine hohe Belastung und auch Bedrohung für Reisende und Bereiste darstellt.
Karl-Heinz Rochlitz hat als Erster ein Modell zum sanften Tourismus entwickelt, das die gegenseitigen Abhängigkeiten und Beziehungen der den Tourismus beeinflussenden Faktoren gegenüberstellt. Das sogenannte "magische Viereck" besteht aus den Elementen intakte Landschaft, optimale Erholung der Gäste, intakte Soziokultur der Einheimischen und wirtschaftliche Wertschöpfung, wobei gezeigt wird, in welchen Abhängigkeiten die Teilbereiche zueinander stehen und wie sie sich gegenseitig beeinflussen.
Beim harten Tourismus dominiert der Teil der wirtschaftlichen Wertschöpfung, was vor allem negative Auswirkungen auf Landschft und Soziokultur hat.
Beim sanften Tourismus hingegen stehen alle vier Teilbereiche gleichberechtigt nebeneinander, denn es besteht zwischen fast allen Bereichen eine positive Beziehung. Somit ist das "magische Viereck des Fremdenverkehrs" optimiert und das System befindet sich im Gleichgewicht. Die wirtschaftliche Wertschöpfung ist nicht mehr auf kurzfrisige Maximierung, sondern auf langfristige Optimierung ausgelegt. Dabei ist die intakte Natur das Ziel, das man erreichen will, um eine optimale Erholung zu gewährleisten und den Lebensraum der Einheimischen lebenswert zu erhalten.
Allerdings betrachtet Rochlitz sein Modell selber als eine Utopie, die es in Reinkultur nicht geben könne, was aber wohl in Ansätzen zu verwirklichen ist.
Rochlitz definiert sanften Tourismus als "quantitativ mäßig ausgebildeten Gästeverkehr, der bei distanzierter Integration der Gäste wirtschaftliche Vorteile für die Einheimischen schafft, gegenseitiges Verständnis erhöht und weder die Landschaft noch die Soziokultur des besuchten Gebietes beeinträchtigt."
Dabei wird zum ersten Mal deutlich gesagt, daß auch sanfter Tourismus nicht außerhalb ökonomischer Zusammenhänge betrachtet werden kann, da wirtschaftliche Wertschöpfung nötig ist, um z.B. entstandene Schäden sofort sanieren zu können.
Herbert Hamele schließt sich mit seiner neueren Definition, die heute oft verwendet wird, an die Ausführungen von Rochlitz an und setzt den Begiff des sanften Tourismus mit modernen Ideen gleich.
Für ihn ist sanfter Tourismus umwelt- und sozialverträglich und nur in Zusammenarbeit mit anderen Wirtschafts- und Lebensbereichen zu verwirklichen, wobei der Maßstab ein qualitatives Wachstum sein soll und nicht ein weiteres quantitatives Wachstum ohne Rücksicht auf ökologische und soziale Folgen.
Problematik des Begriffs "sanfter Tourismus"
Mit dem Begriff "sanft" wird im Tourismus oft fälschlicherweise geworben, denn häufig handelt es sich bei solchen Angeboten nur um das Verwirklichen eines Elements aus den vielfältigen Forderungen des sanften Tourismus (z.B. wirbt eine Region für ihre Radwege durch die Natur als sanfte Tourismusvariante, verzichtet aber nicht auf andere unsanfte Angebote wie z.B. Freizeitparks). So kommt es dazu, daß solche Angebote weniger von der Sorge um die Umwelt gekennzeichnet sind, sondern als Marketingstrategie verwendet werden, um den Fremdenverkehr anzukurbeln und neue Kundengruppen anzulocken.
Trotz allem sind diese sanften Angebotsvarianten sehr wichtig im Hinblick auf ein bewußtes Ökomanagement im Tourismus, was aber immer noch weiter ausgebaut werden muß. Praktische Ansätze zum Umweltmanagement im Tourismus
Es gibt inzwischen in allen Bereichen des Tourismus, wie z.B. im Reiseverkehr, in Urlaubsgebieten, bei Reiseveranstaltern etc. umweltorientierte Konzepte und Angebote mit Ausrichtung auf einen umweltverträglichen Tourismus.
Außerdem gibt es zahlreiche Auszeichnungen, die in Form von Preisen, Gütezeichen, Fördergeldern, usw. in der Tourismusbranche für umweltverträgliche Maßnahmen verliehen werden, wie z.B. der DFV-Wettbewerb der umweltfreundlichen Ferienorte.
Darüberhinaus besteht seit 1993 eine Öko-Audit Verordnung der EU, die Firmen aller Art einen Anreiz geben soll, auf freiwilliger Basis ein Umweltmanagement aufzubauen, wobei das Unternehmen nach entsprechender Prüfung in ein europaweites Registrierungssystem eingetragen und somit öffentlich ausgezeichnet wird. Im Tourismus trifft diese Verordnung vor allem auf das Hotel- und Gaststättengewerbe und touristische Zielgebiete zu.
Konkrete Beispiele zum umwelt- und sozialverträglichen Tourismus
1) bei Organisationen und Verbänden
Beispiel: DEHOGA (Deutscher Hotel- und Gaststättenverband)
Seit 1994 führt der hessische Hotel- und Gaststättenverband unter der Schirmherrschaft des DEHOGA den Wettbewerb "Wir führen einen umweltorientierten Betrieb" durch, wobei die ausgewählten Betriebe die Auszeichnung "Das umweltfreundlich geführte Haus" erhalten. Bei dem Wettbewerb bilden die vom DEHOGA erstellten 40 Kriterien für umwelbewußt wirtschaftende Hotel- und Gaststättenbetriebe die Grundlage. Bei diesen Kriterien geht es um Umweltmaßnahmen in den Bereichen Wasser/Abwasser, Müllvermeidung, Mülltrennung und Energie. Der DEHOGA hat bei diesem Projekt festgestellt, daß die Bereitschaft zur Durchführung von Umweltmaßnahmen wächst, wenn die betriebswirtschaftlichen Vorteile, wie z.B. Vermeidung von Entsorgungskosten gleichzeitig dargestellt werden.
2) bei Reiseveranstaltern
Beispiel: Studiosus
Der Studienreiseveranstalter Studiosus Reisen München bekennt sich offen zu seiner spezifischen Verantwortung für die Kultur und Umwelt der Gastländer und tritt damit für einen sozial- und umweltverträglichen Tourismus ein.
Daher wird beispielsweise der Katalog auf umweltverträglichem Papier gedruckt und die Kunden werden gebeten, den Katalog zu einer weiteren Verwendung an das Reisebüro zurückzugeben. Außerdem erhält der Urlauber vor Reiseantritt Hinweise und Empfehlungen hinsichltich eines umwelt- und sozialverträglichen Verhaltens, wobei die Bahnanreise zum Abflugsort bei Studiosus inklusive ist.
Desweiteren wurde Studiosus als erster Reiseveranstalter Europas Mitte 1998 für sein Umweltmanagementsystem nach der Öko-Audit Verordnung ausgezeichnet.
3) in Urlaubsregionen
Beispiel: Bayern
Unter dem Motto "Tourismus im Einklang mit der Natur" hat der Landesfremdenverkehrsverband Bayern einen umfangreichen Service für die bayerischen Fremdenverkehrsorte mit ausführlicher Beschreibung von Konzepten und Aktionen, die auf Ortsebene durchgeführt werden. Darin sind neue umweltgerechte Gästeprogramme und -services sowie Landespflege-Aktivitäten unter Mitwirkung von Urlaubsgästen enthalten.
Im Nationalpark Bayrischer Wald ist es beispielsweise verboten, mit dem Auto direkt zu Ausgangspunkten für Bergwanderungen zu fahren. Stattdessen gibt es sogenannte "Igelbusse", die unter dem Motto "Natur schützen - Bus benützen" die Wandergebiete des Nationalparks anfahren. Diese Busse fahren umweltfreundlich mit Erdgas, so daß die Abgasverschmutzung erheblich reduziert wird.
4) im Reiseverkehr
Beispiel: Rheingau Riesling Express
Der Rheingau Riesling Express ist ein Projekt der Rheingau-Taunus Kultur und Tourismus GmbH, bei dem ich während meines Praktikums selber mitgearbeitet habe. Dieses Projekt findet in Zusammenarbeit mit dem RMV zur Förderung des öffentlichen Personennahverkehrs statt, und um neue Gäste in den Rheingau zu locken. Seit März dieses Jahres gibt es eine spezielle Tageskarte, mit der man zwischen Flörsheim und Lorchhausen mit den regulären Zügen des RMV hin und her fahren kann, um das Weinland Rheingau zu erkunden. Die Tageskarte enthält zwei Verzehrbons, die man in vielen Straußwirtschaften und Gutsschänken im Rheingau einlösen kann. Leider läuft dieses Projekt zur Zeit noch sehr schleppend, was unter anderem an den unzureichenden Werbemaßnahmen liegt.
Abschließend kann man sagen, daß schon sehr viel für die Umwelt im Tourismus getan wird und daß es noch zahlreiche weitere Beispiele über die Förderung eines sozial- und umweltverträglichen Tourismus gibt, die sich hier nicht alle aufführen lassen.
Für die Zukunft wäre es wünschenswert, wenn auch weiterhin die Reisenden auf der einen Seite und die Tourismusunternehmen auf der anderen Seite für einen sanften und somit zukunftsfähigen Tourismus eintreten.
Quellennachweis:
Viegas, Angela, 1998: Ökomanagement im Tourismus, Oldenbourg Verlag
Roth, Peter / Schrand, Axel, 1992: Touristik-Marketing, Verlag Franz Vahlen
Krippendorf, Jost, 1984: Die Ferienmenschen - für ein neues Verständnis von Freizeit und Reisen, Zürich/ Schwäbisch Hall
Mäder, Ueli, 1985: Sanfter Tourismus: Alibi oder Chance? , Zürich
Institut für Tourismus und Umweltkultur, 1995: Tourismus-Landschaft-Umwelt II, Wien
Seminararbeit von Marion Frings, WS 1993/94: Das Projekt Sanfter Tourismus der Naturfreunde (PST)
Arbeit zitieren:
Ruth Pommerenk, 1999, Sanfter Tourismus, München, GRIN Verlag GmbH
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