Bibliografischer Nachweis
Langlois, Marcel: Interaktives Fernsehen - Benutzerorientierte Mehrwertgenerierung durch Konvergenz von TV und Internet
Diplomarbeit, Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig (FH) Fachbereich Polygrafische Technik, Studiengang Medientechnik, 2002
68 Seiten, 20 Bilder, 3 Tabellen, 50 Quellenangaben
Autorreferat
Das Ziel der Arbeit war es, Gründe für Akzeptanzprobleme beim Interaktiven Fernsehen aufzuzeigen und daraus Möglichkeiten zu entwickeln, wie Benutzerschnittstellen und Inhalte benutzerfreundlicher gestaltet werden können.
Zunächst war es notwendig, die oft verwendeten, jedoch häufig falsch interpretierten Schlagworte „Interaktives Fernsehen“ und „Medienkonvergenz“ zu klären. Deshalb wurde in der vorliegenden Arbeit zunächst eine Definition des „Interaktiven Fernsehens“ vorgenommen und die tatsächlichen Entwicklungstendenzen der technischen Konvergenz der Medien untersucht. Anschließend wurde das Rezeptionsverhalten der Nutzer verschiedener Medien analysiert, um daraus Rückschlüsse auf Nutzungspräferenzen und Akzeptanz von interaktiven Fernsehinhalten ziehen zu können. Die Untersuchung der Systeme, welche Interaktives Fernsehen ermöglichen, sowie die beispielhafte Analyse eines Pilotprojekts lieferten weitere wichtige Ergebnisse.
Aufgrund der gewonnen Erkenntnisse konnten dann Empfehlungen für die Gestaltung heutiger und zukünftiger Benutzerschnittstellen für Interaktives Fernsehen entwickelt werden. Neben dem Fortbestand des herkömmlichen Fernsehens konnte die Etablierung von Zusatzdiensten mit hohem Nutzwert prognostiziert werden.
Inhaltsverzeichnis - I -
Inhaltsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis. III
Abk ürzungsverzeichnis IV
1 Einleitung. 1
1.1 Ausgangssituation. 1
1.2 Ziel der Arbeit 2
1.3 Aufbau der Arbeit 2
2 Der Untersuchungsgegenstand: Interaktives Fernsehen 3
2.1 Interaktivität im Fernsehen 3
2.2 Interaktives Fernsehen als Multimedia-System 5
2.3 Definition des Interaktiven Fernsehens 6
2.4 Dienste im Interaktiven Fernsehen 6
2.5 Technische Voraussetzungen. 8
2.5.1 Digitales Fernsehen. 8
2.5.2 Distributionskanäle für Interaktives Fernsehen. 11
2.5.3 Empfängertechnik. 14
2.5.3.1 Die Set-Top-Box. 14
2.5.3.2 Die Middleware. 15
2.5.3.3 Navigationssoftware 17
2.6 Politik und die Rolle von Standards 18
3 Medienkonvergenz und Mediennutzung. 21
3.1 Die konvergierenden Medien 21
3.1.1 Das Medium Fernsehen. 21
3.1.2 Das Medium Internet 24
3.1.3 Kommunikationsmedien. 27
3.2 Chancen und Hürden der Nutzungskonvergenz 27
3.3 Neue Wege der Konvergenz: Narrowcast 30
3.4 Betrachtungen zur Akzeptanz des Interaktiven Fernsehens 32
Inhaltsverzeichnis - II -
4 Systeme und Angebote für Interaktives Fernsehen. 34
4.1 Anforderungen an Systeme für Interaktives Fernsehen. 34
4.2 Technische Plattformen zur Darstellung Interaktiven Fernsehens 37
4.2.1 OpenTV 38
4.2.2 Liberate und ATVEF. 40
4.2.3 Microsoft TV 42
4.2.4 MHP. 43
4.3 „Interaktives Portal“: Ein Pilotprojekt der Kabel Deutschland GmbH. 44
4.3.1 Das Endgerät 45
4.3.2 Die Benutzerschnittstelle des Portals 46
4.3.3 Medienkonvergenz und Zugriff auf Dienste 49
4.3.4 Personalisierungsmöglichkeiten 53
5 Benutzerorientierte Gestaltung von Schnittstellen und Inhalten 54
5.1 Usability - Bedienung des ITV-Angebots. 55
5.1.1 Das „Abholen des Nutzers. 55
5.1.2 Die Eingabegeräte und Navigation. 57
5.1.3 Alternative Benutzerschnittstellen. 61
5.2 Erfolg durch attraktive Konzepte für ITV. 62
5.3 Informationsarchitektur 64
6 Zusammenfassung. 66
Literaturverzeichnis VI
Selbst ändigkeitserklärung. X
Danksagung. XI
Thesen zur Diplomarbeit XII
Abbildungsverzeichnis - III -
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Freizeitbeschäftigung in der BRD 2001, Personen ab 14 Jahre.
Abbildung 2: Entwicklung der täglichen Mediennutzungsdauer seit 1980.
Abbildung 3: Sehdauer pro Tag in Deutschland West und Ost in 2001 nach
Altersgruppen , Mo bis So.
Abbildung 4: Genutzte Onlineeinsatzmöglichkeiten (Mindestens einmal pro Woche,
Basis : Onlinenutzer ab 14 Jahren in Deutschland)
Abbildung 5: Relativer und absoluter Anteil der Onlinenutzer nach Altersgruppen.
Abbildung 6: Das neue Kombinationskonzept.
Abbildung 7: Die OpenTV Platform
Abbildung 8: Die Middleware Lösung von OpenTV
Abbildung 9: Liberates ITV Lösung für ausgebaute BBK-Netze
Abbildung 10: Middleware Architektur von Microsoft TV
Abbildung 11: Die Set-Top-Box ACTIVY 300 von Fujitsu Siemens Computers
Abbildung 12: Die aufklappbare Infrarotfernbedienung.
Abbildung 13: Das Portal für Interaktives Fernsehen, EPG aktiv.
Abbildung 14: Vorschaubild und Vollbild.
Abbildung 15: Funktionstasten der Fernbedienung
Abbildung 16: Funktionalität der „i“-Taste und Audio-Menü.
Abbildung 17: Senderliste und Vorschaubild
Abbildung 18: Demoportal mit Vorschaubild.
Abbildung 19: Die Anwendung von Starzone.
Abbildung 20: Navigation mittels Pfeiltastensteuerung
- IV - Abkürzungsverzeichnis
Abkürzungsverzeichnis
ADSL Asynchronous Digital Subscriber Line AIF Audio Interchange File API Application Programming Interface ARD Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkgesellschaften der Bundesrepublik Deutschland ATM Asynchronous Transfer Mode ATVEF Advanced Television Enhancement Forum BBK Breitbandkabel BRD Bundesrepublik Deutschland CA Conditional Access CI Common Interface CMS Content Management Systems CSS Cascading Style Sheets DF1 Digitales Fernsehen 1 DOM Document Object Model DSL Digital Subscriber Line (= Digitale Teilnehmeranschlussleitung) DVB Digital Video Broadcasting DVD Digital Versatile Disk EPG Electronic Program Guide (= elektronischer Programmführer) F.U.N. Free Universal Network FBAS Farb-Bild-Austast-Synchron-Signal FM Frequenz-Modulation FSN Full Service Network FTTH fibre to the home GIF Graphic Interchange Format GUI Graphic User Interface HTML Hyper Text Markup Language Hz Hz (1/Sekunde) IE Microsoft InternetExplorer IEC International Electrotechnical Commission ISO International Organization for Standardization ITV Interaktives Fernsehen JPG Joint Photographic Experts Group Mbit/s Megabit pro Sekunde MHP Multimedia Home Platform
- V - Abkürzungsverzeichnis
Megaherz (10 6 x 1/Sekunde) MHz MPEG Motion Picture Experts Group MSG Media Services GmbH NTSC National Television System Committee ORB Ostdeutscher Rundfunk Brandenburg PAL Phase Alternating Line PC Personal Computer PCMCIA Personal Computer Memory Card International Association PNG Portable Network Graphics PVR Personal Video Recorder QPSK Quadrature Phase Shift Keying (Digitale Frequenzmodulationstechnik) SI Service Information SMS Short Messaging Service SSL Secure Socket Layer STB Set-Top-Box S-VHS Super VHS: Semiprofessioneller Standard aufbauend auf VHS TV Television URL Uniform Resource Locator USA Vereinigte Staaten von Amerika VHS Video Home System VOD Video On Demand WWW World Wide Web (Dienst im Internet) XHTML Extensible HyperText Markup Language XML Extensible Markup Language ZDF Zweites Deutsches Fernsehen ZVEI Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie
- 1 - Einleitung
1 Einleitung
1.1 Ausgangssituation
Die Idee, das von passiver Mediennutzung geprägte Fernsehen um interaktive Inhalte erweitern zu können, ist nicht neu und scheint eine nachhaltige Faszination auf die Medienbranche auszuüben. Im Zuge der Digitalisierung der Fernseh- und Kommunikationstechnik ab Mitte der neunziger Jahre wurden in Deutschland und den USA zahlreiche Pilotprojekte zur Erprobung des Interaktiven Fernsehens (ITV) initiiert. Die Ergebnisse waren bezüglich eines wirtschaftlichen Durchbruchs entmutigend oder die Projekte scheiterten. 1 Bis heute ist auf Seiten der zukünftigen Nutzer des „neuen Fernsehens“ Unwissenheit oder Ablehnung verbreitet. Dies ist nicht zuletzt auf die techniklastige Auslegung der Testprojekte zurückzuführen, bei denen die Bedürfnisse und Wünsche der Nutzer weitgehend außer Acht gelassen wurden. Dennoch ist zu erwarten, dass sich das Fernsehen in absehbarer Zukunft zu einem multimedialen und interaktiven Medium wandeln wird.
Die Voraussetzungen hierfür liegen einerseits in der schellen Ausbreitung computerbasierter Online-Medien und der damit einhergehenden Erfahrung der Menschen im Umgang mit interaktiven Medien. Andererseits ist es die fortschreitende Digitalisierung des Fernsehens, welche es ermöglicht, neben den herkömmlichen Fernsehbildern auch nonlineare Inhalte auszuspielen. Ein Rückkanal ermöglicht dem Zuschauer die Zweiwegekommunikation mit dem Sender und anderen Nutzern. Die sich abzeichnende Konvergenz - die Annäherung zwischen Fernseh- und Computerwelt - könnte somit zu einem veränderten Selbstverständnis der Mediennutzung beim Fernsehen führen. Den letzten dafür notwendigen Schritt, vom passiven Zuschauer zum aktiven Anwender, muss jedoch der Nutzer selbst vollziehen.
Erfahrungen in Großbritannien, wo Interaktives Fernsehen teilweise schon Wirklichkeit geworden ist, zeigen, dass viele der interaktiven Zusatzdienste nur von einer Minderheit wahrgenommen werden. 2 Die fehlende Akzeptanz deutet neben dem Mangel attraktiver Inhalte auf Probleme des Zugriffs und der Benutzerfreundlichkeit von interaktiven Inhalten am Fernseher hin. Es stellt sich die Frage, wie traditionelle Fernsehinhalte unter Beachtung bestehender Mediennutzungsgewohnheiten mit
1 Vgl. Beckert, B. u. Kubicek, H. 1999 S. 128ff.
2 Vgl. Roesch, A., 2002.
- 2 - Einleitung
interaktiven Mehrwertdiensten verbunden werden können, um eine neue Medienkultur zu etablieren. Die Plattform, über die Interaktives Fernsehen angeboten wird, erhält hierbei eine zentrale Bedeutung, da sie die Schnittstelle zwischen dem Benutzer und den Diensten darstellt.
1.2 Ziel der Arbeit
Ziel der Diplomarbeit ist es, ausgehend von den aktuellen Entwicklungen, Gründe für Akzeptanzprobleme beim Interaktiven Fernsehen aufzuzeigen und Möglichkeiten zu entwickeln, wie Interaktives Fernsehen erfolgreicher gestaltet werden kann. Im Mittelpunkt der Betrachtung steht hierbei die benutzerorientierte Gestaltung der Portale, welche den Zugriff auf die verschiedenen Dienste ermöglichen, wobei auch Zusammenstellung und Konzeption der Inhalte berücksichtigt werden. Im Rahmen dieser Arbeit werden verschiedene bereits realisierte Angebote analysiert und unter Berücksichtigung der eingesetzten technischen Plattform verglichen.
1.3 Aufbau der Arbeit
Die Arbeit gliedert sich in sechs Kapitel. Das zweite Kapitel beginnt mit dem Untersuchungsgegenstand, Interaktives Fernsehen, und stellt alle für die Arbeit relevanten Aspekte dar. Das dritte Kapitel betrachtet die konvergierenden Medien sowie die potentiellen Nutzer und zieht Rückschlüsse auf die Nutzungspräferenzen. In Kapitel vier werden dann verschiedene technische Plattformen untersucht und das Portal für Interaktives Fernsehen analysiert, welches im Feldversuch von der Kabel Berlin/Brandenburg GmbH & Co.KG eingesetzt wird. In Kapitel fünf werden dann, unter Berücksichtigung der vorher gewonnenen Erkenntnisse, Möglichkeiten erarbeitet, wie Plattformen und Inhalte benutzer- und mediengerechter gestaltet werden können, sodass wahrnehmbarer Mehrwert für die Nutzer entsteht. Kapitel sechs gibt eine Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse.
- 3 - DerUntersuchungsgegenstand: Interaktives Fernsehen
2 Der Untersuchungsgegenstand: Interaktives Fernsehen
2.1 Interaktivität im Fernsehen
Ende der Sechziger Jahre legten Lou Van Burg und Vico Torriani mit ihrer Sendung „Der goldene Schuß“ den Grundstein für die Zuschauerbeteiligung im Fernsehen. Durch lautes Rufen über ein zugeschaltetes Telefon mussten Zuschauer versuchen, eine an der Fernsehkamera befestigte Armbrust für den finalen Zielschuss auszurichten. 1 Mit der Sendung „Wetten daß...?“ wurde das heute als Televotum bezeichnete Teledialog-System (TED) populär, welches Abstimmungen per Telefon ermöglicht. Durch Wahl einer Telefonnummer, die einer bestimmten Antwortmöglichkeit zugeordnet ist, gibt der Zuschauer seine Stimme ab, beispielsweise für eine Wunschsendung. Auch wenn derartige Programmformate als „interaktive“ Sendungen vermarktet werden, ist hier die Interaktivitätsmöglichkeit für den einzelnen Zuschauer nicht gegeben. 2 Ebenso wie beim herkömmlichen, linearen Fernsehen wird der Programmablauf von einer Person, wie beispielsweise dem „Armbrustschützen“, oder aber einer Gruppe von Personen, z.B. den Anrufern, die für den gezeigten Wunschfilm votiert haben, für alle anderen Zuschauer festgelegt. Inhaltliche Einflussnahme durch den einzelnen Zuschauer ist nur zeitlich begrenzt und in Ausnahmefällen möglich, worin ein grundlegender Unterschied zwischen Zuschauerbeteiligung im linearen Fernsehen und Interaktivität im Interaktiven Fernsehen besteht.
Interaktion kann als Kommunikation zwischen mindestens zwei Individuen betrachtet werden, bei der die einzelnen Mitteilungen aufeinander Bezug nehmen. 3 Nach dieser Definition kann bereits von Interaktion gesprochen werden, sobald zwei Kommunikationspartner mindestens zwei Meldungen ausgetauscht haben, wobei die zweite Meldung eine Reaktion auf die erste Meldung sein muss. Dies setzt das Verstehen der Mitteilungen auf beiden Seiten voraus.
Die Beziehung zwischen Individuum und Medium bzw. Maschine wurde in der deutschsprachigen Fachliteratur inzwischen mit dem Begriff Interaktivität belegt. 4 Da Interaktivität offensichtlich in unterschiedlichen Intensitäten auftreten kann, gibt es bei
1 Vgl. Dahm, H. u. a. 1998 S. 21.
2 Vgl. Heinemann, C. 1997 S. 31.
3 Vgl. Köck, W. K. 1991 S. 359.
4 Vgl. Heinemann, C. 1997 S. 29.
- 4 - DerUntersuchungsgegenstand: Interaktives Fernsehen
einigen Autoren Versuche, das Maß der Interaktivität zu messen. 1 Erfasst werden hierfür beispielsweise die Menge der interaktiven Handlungen pro Zeiteinheit (interactions per minute) oder auch die Anzahl der bei der Mediennutzung involvierten Sinneskanäle.
Um die Entwicklung der Interaktivität im Fernsehen erfassen und die nutzungstypischen Eigenschaften der Anwendungen kategorisieren zu können, wurde erstmals von Höing 2 eine fünfstufige Interaktivitätsskala vorgeschlagen. Tabelle 1 zeigt eine derartige Einteilung.
Tabelle 1: Interaktivitätsskala
Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Höing 1993 S.1 und Schrape 1995 S. 28ff.
In der Literatur sind durchaus verschiedene Auffassungen darüber zu finden, auf welcher Stufe nun tatsächliche Interaktion beginnt. Ein elektronischer Programmführer (Level 2) kann beispielsweise bereits eine interaktive Anwendung darstellen und auch der Dienst True-Video-On-Demand (Level 3) weist ein Mindestmaß an Interaktivität im Sinne der Definition auf. Jedoch erst mit Erreichen von Level 4 handelt es sich um Interaktives Fernsehen nach neuerem Verständnis 3 , welches auch dieser Arbeit als Grundlage dient. In diesem Zusammenhang wird auf die Verwendung von Begriffen wie z.B. „Enhanced Television“ verzichtet, welche mögliche Zwischenstufen auf dem Weg zu Level 4 meinen.
1 Siehe z.B. Rötzer, F. 1994 S. 66.
2 Vgl. Höing, M. 1993 S. 1.
3 Vgl. z.B. Heinemann, C. 1997 S. 35.
- 5 - DerUntersuchungsgegenstand: Interaktives Fernsehen
Dennoch werden viele der zukünftigen Dienste sowohl von interaktiver als auch von passiver Mediennutzung geprägt sein, sodass das Interaktivitätskonzept zur Kategorisierung neuer Medienangebote an Bedeutung verliert. Vielmehr vereint das Interaktive Fernsehen Dienste und Medienangebote, die durch ein unterschiedliches Maß an Personalisierbarkeit und Individualisierbarkeit gekennzeichnet sind. 1
2.2 Interaktives Fernsehen als Multimedia-System
Im Zuge des großen Erfolgs der Digitaltechnik in vielen Lebensbereichen war bald von einem Zusammenwachsen oder gar einer Verschmelzung der Unterhaltungs-, Kommunikations- und Informationstechnik die Rede. Es wurde die Integration von Telefon, Fernseher, Videorekorder und Personal Computer zu einem einzigen Multimediaterminal prognostiziert. Einen ersten Höhepunkt fand diese Konvergenz-Diskussion bei der Internationalen Funkausstellung ’95, die sich erstmals als „Multimedia-Messe Nr.1“ verstand, als Wilhelm Kahle Multimedia als den Wachstumsmarkt schlechthin deklarierte. 2 In diesem Zusammenhang ist es sinnvoll, zunächst eine präzise Definition des inzwischen inflationär verwendeten Begriffs „Multimedia“ vorzunehmen: „Mit dem Begriff Multimedia werden allgemein rechnergestützte Systeme und Anwendungen bezeichnet, die eine integrierte interaktive Bearbeitung von unabhängigen Informationen unter Einsatz von verschiedenen zeitunabhängigen und zeitabhängigen Mitteln zur Darstellung und Verbreitung dieser Informationen (=Medien) ermöglichen.“ 3
Gemäß dieser Definition stellt das Interaktive Fernsehen ein Multimedia-System dar. Die hier geforderte „integrierte interaktive Bearbeitung“ setzt einen systemeigenen Rückkanal voraus, welcher ein elementares Merkmal des Interaktiven Fernsehens darstellt. Bei den in Abschnitt 2.1 erwähnten Formaten mit Zuschauerbeteiligung kann der Zuschauer jedoch nur über einen medienfremden Kanal Kontakt zum Sender aufnehmen, da ein integrierter Rückkanal fehlt.
1 Vgl. Beckert, B. und Kubicek, H. 2000 S. 13.
2 Vgl. Brockmeyer, D. u. Eichholz, E. 1999 S. 45.
3 Zitiert nach Gerpott, T. 1995 S. 535.
- 6 - DerUntersuchungsgegenstand: Interaktives Fernsehen
2.3 Definition des Interaktiven Fernsehens
Durch die Überlegungen zur Interaktivität und zu Multimedia konnte das Wesen des Interaktiven Fernsehens bereits eingegrenzt werden, dennoch ist es wünschenswert eine wissenschaftliche Definition des Begriffs zu erhalten. Eine homogene Definition bezüglich eines rezipientenorientierten Ansatzes leitet Garling her 1 . Zunächst charakterisiert er das Fernsehen mit der Definition der Massenkommunikation als dem „Erzielen von Verständigung in einem indirekten und meist einseitigen Prozeß zwischen zumindest zwei Kommunikationspartnern“ 2 . Weiterhin liegt nach Gerpott Interaktion vor, „wenn ein Kommunikator und ein Rezipient ihr jeweiliges kommunikatives Handeln (Mitteilungs-Handlung bzw. Verstehens-Handlung) erfolgreich aufeinander gerichtet haben, also Verständigung zustande gekommen ist“ 3 Somit ist Interaktives Fernsehen die „indirekte Kommunikation mit einem anonymen oder personifizierten Kommunikator auf dialogischer Basis“. 4
2.4 Dienste im Interaktiven Fernsehen
Aufbauend auf der obigen Definition des Interaktiven Fernsehens gibt Heinemann einen guten Überblick über das im Interaktiven Fernsehen mögliche Dienste-Spektrum. 5 Er führt zunächst die vier Kategorien On-Demand-Services (Abrufdienste), Home-Services, Communication-Services und Home-Shopping ein. Die den Kategorien zugeordneten Dienste werden im Folgenden kurz dargestellt.
• On-Demand-Services
Die On-Demand-Services umfassen alle Dienste, bei denen der Nutzer Informationen beliebiger Art zu einem beliebigen Zeitpunkt abrufen kann. 6 Die am meisten diskutierte Anwendung in dieser Rubrik ist das Video-On-Demand (VOD), das den individuellen Abruf von Spielfilmen, Reportagen, Dokumentationen und anderen Beiträgen ermöglicht. Auf ähnliche Weise funktioniert das Audio-On-Demand, bei dem nur akustische Signale auf Abruf übertragen werden. Wünschenswert erscheint
1 Vgl. Garling, J. 1997 S. 13 ff
2 Zitiert nach Garling, J. 1997 S. 20.
3 Zitiert nach Garling, J. 1997 S. 22.
4 Zitiert nach Garling, J. 1997 S. 24.
5 Siehe Heinemann, C. 1997 S. 35 ff.
6 Vgl. Goedhart,F u. Künstner, T. 1995 S. 54.
- 7 - DerUntersuchungsgegenstand: Interaktives Fernsehen
bei diesen audiovisuellen Medien die über den reinen Abruf hinausgehende Medienablaufsteuerung mit Funktionen wie Pause, Zeitlupe, Zurückspulen oder direkte Szenenwahl.
Das Bildungsangebot bei Education-On-Demand kann Fernlehrgänge, Nachschlagewerke, kulturelle Angebote oder multimediale Lernanwendungen umfassen. News-On-Demand beschreibt den Abruf von Nachrichten jeglicher Art und Aufbereitung, wobei hier ein hoher Grad der Personalisierung gegeben sein kann. Games-On-Demand bezeichnet das Abrufen von Spielen, die mit dem Fernseher allein oder mit anderen Zuschauern über den Fernseher gespielt werden können. Ebenso in diese Rubrik einordnen lässt sich der Abruf von beliebigen auf digitalen Daten basierenden Produkten, wie beispielsweise Softwarepakete oder digitalisierte Musik.
• Home-Services
Die Home-Services umfassen alle Dienstleistungsangebote, die dem Zuschauer über Interaktives Fernsehen bereitgestellt werden. Zu den Financial Home-Services zählen neben dem klassischen Home-Banking alle denkbaren Finanzdienstleistungen inklusive einer persönlichen Beratung, die mittels Videokonferenzen erfolgen kann. Auch städtische und behördliche Vorgänge können so über den Fernseher vorbereitet oder abgewickelt werden, was dem Bürger Wartezeiten auf Ämtern ersparen kann . Das Home-Booking beinhaltet sämtliche Buchungsvorgänge wie z.B. Reisen, Flugtickets oder Karten für Veranstaltungen aller Art. In diese Rubrik fällt auch das Recherchieren und Bestellen von Dienstleistungen rund um den Haushalt, wie z.B. Leistungen von Handwerkern oder ein Mieterinfosystem.
• Communication-Services
Die Kommunikationsdienste ermöglichen dem Zuschauer mit anderen Personen oder Personengruppen in Interaktion zu treten. Denkbar sind hier synchrone Kommuni-kationsformen, für deren Zustandekommen mindestens zwei Menschen in Echtzeit Informationen austauschen müssen. Bei asynchroner Kommunikation hingegen erfolgt der Informationsaustausch zeitversetzt. Ein Beispiel hierfür ist ein um Bilder, Video und Audio erweiterter E-mail-Dienst. Bei der Bildtelefonie kommunizieren zwei oder mehrere Personen über einen audiovisuellen Kanal, wobei der Fernseher das Endgerät darstellt. Die Bildtelefonie in Verbindung mit dokumentenbasierter Daten- übertragung ermöglicht auch Telearbeit über das Interaktive Fernsehen. Weiterhin zu
- 8 - DerUntersuchungsgegenstand: Interaktives Fernsehen
erwähnen sind Instant Messaging Services, die sich im Internet z.B. mit der Kommunikations-Software „ICQ“ oder beim Mobilfunk unter der Bezeichnung „SMS“ bereits großer Beliebtheit erfreuen.
• Home-Shopping
Im Interaktiven Fernsehen sind auch verschiedene Formen des Home-Shoppings denkbar. Produkte können hier auf vielfältige Weise präsentiert und multimedial erfahrbar gemacht werden. Der Zuschauer kann dann beispielsweise über seine Fernbedienung weitere Informationen abrufen oder direkt Bestellungen aufgeben.
Das in dieser Übersicht aufgeführte Spektrum an Diensten ist jedoch nicht gleichzusetzen mit dem Stand bereits realisierter Angebote. Weder in den USA noch in Europa ist das Interaktive Fernsehen in der Praxis so weit fortgeschritten. Zudem ist immer noch fraglich, ob viele dieser Dienste überhaupt von den Rezipienten akzeptiert werden und somit Aussichten auf Markterfolg haben.
2.5 Technische Voraussetzungen
2.5.1 Digitales Fernsehen
Digitales Fernsehen bedeutet zunächst nichts anderes, als dass die Fernsehsignale digital übertragen werden. 1 Im Gegensatz zur analogen Fernsehübertragung, bei der die audiovisuellen Informationen in Form von Schwingungen vorliegen, werden hier die Videodaten vor dem Senden in binäre Zahlenfolgen übersetzt. Da die professionelle Videotechnik auf Senderseite ohnehin schon weitgehend digital arbeitet, was verlustfreies Speichern und Kopieren sowie eine komfortable Bearbeitung ermöglicht, stellt die Digitalisierung der Übertragung lediglich einen weiteren Schritt im Modernisierungsprozess der Produktionskette dar. Dennoch ist zu erwarten, dass das digitale Fernsehen auch veränderte Medieninhalte mit sich bringt, da sich über die vollständig digitalisierte Kette vom Sender über das Distributionsnetz zum Empfänger digitale Daten beliebigen Inhalts übertragen lassen. Allein aus dieser Tatsache ergeben sich Impulse für die Mediennutzung, weg vom rein passiven und linearen Konsum. Direkte Auswirkungen des digitalen Fernsehens sind die Ausweitung des Kanalangebots und die Erweiterung der Informationsdienste.
1 Vgl. Clement, M. 2000 S. 17.
- 9 - DerUntersuchungsgegenstand: Interaktives Fernsehen
Da die Digitalisierung von Videomaterial zunächst zu einer Vervielfachung des Datenaufkommens führt, besteht die Notwendigkeit der Datenkompression. Die heute zur Verfügung stehenden Kompressionsverfahren für digitale Videodaten sind jedoch derart effektiv, dass neue Übertragungskapazitäten frei werden. Die Codierung und Komprimierung erfolgt mittels des für die Fernsehübertragung konzipierten MPEG 2 Standards der Motion Picture Expert Group. Die MPEG 2 Norm umfasst verschiedene Auflösungen (Level) und Komplexitäten (Profile), die teilweise miteinander kombinierbar sind. 1 Aus den zulässigen Kombinationen ergeben sich maximale Datenraten zwischen 4 Mbit/s für Low Level / Main Profile und 100 Mbit/s für High Level / High Profile. Für eine Fernsehübertragung in heutiger PAL-Qualität 2 wird im Idealfall eine Bandbreite von 4 Mbit/s angenommen, was etwa einem Zehntel der für das analoge PAL-Signal benötigten Bandbreite entspricht. 3 Somit können auf einem analogen Kanal im Kabel bzw. auf einem herkömmlichen Satellitentransponder bis zu zehn digitale Kanäle übertragen werden.
Die MPEG 2 Norm stellt einen integralen Bestandteil des „Digital Video Broad-casting“-Standards (DVB) dar. „DVB ist eine Gruppe von über 200 Organisationen aus über 20 Ländern“, 4 deren gemeinsame Absicht es ist, den technischen Rahmen für die Einführung digitaler Rundfunksysteme zu schaffen. Der DVB-Standard wurde auf die technischen Eigenheiten der verschiedenen Übertragungswege optimiert und gliedert sich somit in
- DVB-T für terrestrische Übertragung,
- DVB-C für das Breitbandkabel (BBK) und
- DVB-S für Satellitenfernsehen.
Weiterhin definiert DVB auch Verschlüsselungsverfahren für Pay-TV Angebote, die möglichen Bildformate, das Einfügen von Service-Informationen (DVB-SI) sowie das Mitsenden beliebiger videofremder Daten im DVB-Datenstrom mit Hilfe von Multiplex-Verfahren. 5 Letzteres ermöglicht auch multimediale Dienste auf Basis des DVB-Standards, der somit auch als Grundlage für interaktive Fernsehdienste gesehen werden kann.
1 Vgl. Ziemer, A. 1997 S. 116.
2 „Phase Alternating Line“ (PAL) ist ein Verfahren zur Übertragung von Fernsehsignalen.
3 Lenz, M. u. Reich. A. 1999 S. 33.
4 Vgl. Ziemer, A. 1997 S. 239.
5 Vgl. Ziemer, A. 1997 S. 239.
- 10 - DerUntersuchungsgegenstand: Interaktives Fernsehen
Die Umstellung des Satellitennetzes auf das digitale Fernsehen ist unproblematisch und kann geschehen, indem man neue Satelliten positioniert, wie es bei „ASTRA 1E“ der Fall war. Aber auch die vorhandenen älteren Satelliten können genutzt werden, da es prinzipiell gleichgültig ist, ob dem Satellitentransponder ein analoges frequenzmoduliertes (FM) oder ein digitales, beispielsweise QPSK 1 -moduliertes Signal zur Übertragung zugeführt wird. 2 Die Digitalisierung des deutschen Breitbandkabelnetzes hat bereits begonnen, aber auch die Umstellung der terrestrischen Ausstrahlung soll nach der Initiative „Digitaler Rundfunk“ der Bundesregierung bis zum Jahr 2010 abgeschlossen sein. 3 Ein wichtiger Schritt in diese Richtung war die Vereinbarung der Sender ARD, ORB, SFB, ZDF, ProSiebenSat.1 Media AG, RTL Television und der Medienanstalt Berlin-Brandenburg. Diese sieht die Einführung des digitalen Fernsehens nach dem DVB-T Standard in der Hauptstadtregion Berlin-Potsdam bis Mitte des Jahres 2003 vor. 4
Tabelle 2: Empfangsituation in Deutschland im Januar 2001
Quelle: Arbeitsgemeinschaft der ARD-Werbegesellschaften 2001 S. 8.
Die Entwicklung der Empfangssituation in Deutschland zeigt, dass die Versorgung der Zuschauer mittels terrestrischer Fernsehsender und damit auch ihr Stellenwert insgesamt abnimmt. Im Zuge der Digitalisierung der terrestrischen Netze könnte dieser Trend zwar abgeschwächt werden, jedoch bleibt das Kanalangebot beschränkt, woraus sich ableiten lässt, dass Kabel und Satellit auch in Zukunft die wichtigsten Distributionskanäle für das digitale Fernsehen sein werden. Tabelle 2 zeigt die Empfangssituation im Jahr 2001.
1 QPSK (Quadrature Phase Shift Keying) ist eine digitale Frequenzmodulationstechnik.
2 Siehe Ziemer, A. 1997 S. 254.
3 Siehe Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie 2001 S. 2.
4 Vgl. Poetsch, F. 2002.
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Marcel Langlois, 2002, Interaktives Fernsehen - Benutzerorientierte Mehrwertgenerierung durch Konvergenz von TV und Internet, München, GRIN Verlag GmbH
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