Ludwig-Maximilians-Universität München
Institut für Romanische Philologie
Sommersemester 2005
Hauptseminar: Balzacs „Illusions perdues“ und Flauberts „Education sentimentale“
Untersuchung zum Fetischismus in der Education sentimentale
Verfasserin:
Johanna Zeiß
Fächerverbindung: Deutsch / Französisch für LAG
Fachsemester: 7
Gliederung
1. Flauberts Jahrhundert S.3
2. Untersuchung zum Fetischismus in der „Education sentimentale“ S.5
2.1 Definitionen des Begriffs Fetischismus S.5
2.1.1 Sexueller Fetischismus S.6
2.1.2 Fetischismus der Waren bei K.Marx S.7
2.2 Sexueller Fetischismus und Warenfetischismus in der „Education sentimentale“ S.8
3. Schlussbemerkung S.13
4. Bibliographie S.14
1. Flauberts Jahrhundert
In der „Education sentimentale“ hat Flaubert sein Jahrhundert, das der 48ger Revolution, der Industrialisierung und der beginnenden Konsum- und Warengesellschaft, dargestellt. Er wollte „[…]une sorte de fresque de son époque[…]“1malen und dieser Roman, bricht er auch mit der epischen Norm eines traditionellen historischen Romans2, da die Revolutionsgeschehnisse dem Leser en passant mitgeteilt werden und das Hauptaugenmerk auf Frédéric, dem passiven ‘Helden’, gerichtet bleibt, stellt ein Stück Zeitgeschichte dar.
„[…]c’est par son caractère de document sur toute une époque et d’histoire d’une génération, que le livre était fait [...]. Si Flaubert a dit : Madame Bovary, c’est moi, il aurait pu dire: l’Education sentimentale, c’est mon temps. ”3
Dass die historische Wirklichkeit nicht realistisch abgebildet wurde, sondern dass es sich vielmehr um eine „[…]imaginative Reaktion[…]“4auf diese Wirklichkeit handelt, sei nur am Rande bemerkt. Besonders die „[…]ironische Uneigentlichkeit[…]“5 Flauberts ist ein Indiz dafür.
Im neunzehnten Jahrhundert gibt es einen Begriff, der „[…]auf breiter Front in den Wissenschaften ausgebaut [wurde].“6 Der Terminus des Fetischismus etablierte sich zeitgleich mit einem immer mehr anwachsenden Konsum, besonders in den Städten.7 Die Menge an artifiziellen Dingen nahm exponentiell zu, es kam zu einem Ungleichgewicht zwischen den Menschen und ihrer dinglichen Umwelt. Die Industrialisierung bewirkte diese Zunahme und auch die Zugänglichkeit der materiellen Güter nicht nur für die oberen Schichten. So schreibt H. Böhme :
„Der forcierte Kapitalismus begünstigte ein Besitzstreben, das nicht selten dazu führte, daß zum Beispiel die bürgerlichen Wohnungen der Gründerzeit mit ostentativen Ensembles von Dingen überbordet wurden.“8
Wurde der Begriff des Fetischismus im achtzehnten Jahrhundert noch zur Beschreibung des „Anderen der Anderen“9, besonders der rituellen Gebräuche Afrikas, genutzt, so änderte er seinen Status im neunzehnten Jahrhundert. Er wurde zu „[…]einem Phantasma, das das beängstigende Andere des Eigenen aufstöbern, erfassen, benennen, […]bewerten und vor allem: wegschaffen soll.“10 Binet und Freud theoretisierten über Fetischismus und K. Marx rückt den Begriff ins Zentrum seiner Waren- und Wertanalyse.
Im Hinblick auf die „[…]ungeheure Karriere[...]“11 des Fetischismusbegriffs im neunzehnten Jahrhundert und auf die Bedeutung der „Education sentimentale“ als zeitgeschichtliches Dokument, über das Flaubert in einem Brief selbst schreibt, dass es „[…]un roman de m(?)urs modernes[…]“12werden soll, erscheint es von Interesse, die literarische Beschreibung dieses Phänomens in der „Education sentimentale“ zu betrachten.
Ziel dieser Arbeit soll es also sein, die „Education sentimentale“ unter dem Aspekt des Fetischismus zu untersuchen. Dazu wird zunächst eine Begriffsdefinition und die knappe Darstellung der Sexualtheorie und der Theorie des Fetischismus der Waren von Marx erfolgen. Danach wird auf die Formen des sexuellen Fetischismus und des Warenfetischismus im Roman eingegangen werden.
Die neuere Forschungsliteratur zur „Education sentimentale“ beschäftigt sich besonders mit den Liebeskonzeptionen des Romans13. Zudem gibt es eine Abhandlung, die sich mit Fetischismus in der Literatur des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts in Frankreich befasst, im Speziellen mit Autoren wie Maupassant und Zola, und mit der Theorie von Marx, Freud und Baudrillard.14Aber ein Werk, das sich mit Flauberts Fetischismuskonzeption in der „Education sentimentale“ beschäftigt, ist mir nicht bekannt.
[....]
1 Duquette, Jean-Pierre: Flaubert ou l’architecture du vide. Montréal, 1972, S.80, im folgenden zitiert als Duquette: Flaubert.
2 Vgl. hierzu: Jauß, Hans Robert: Die beiden Fassungen von Flauberts ›Education sentimentale‹. S.320 f, im folgenden zitiert als Jauß: Fassungen. In: Engler, Winfried (Hg.): Der französische Roman im 19. Jahrhundert. Darmstadt, 1976, S.293-324.
3 Thibaudet, Albert: Gustave Flaubert. Paris, 1995, S.149, im folgenden zitiert als Thibaudet: Flaubert.
4 Warning, Rainer: Die Phantasie der Realisten. München, 1999, S.8, im folgenden zitiert als Warning: Phantasie.
5 Warning: Phantasie. S.22.
6 Böhme, Hartmut: Fetischismus im neunzehnten Jahrhundert. S.445, im folgenden zitiert als Böhme: Fetischismus. Aus: Paulin, Roger (Hg.): Das schwierige neunzehnte Jahrhundert. Germanistische Tagung zum 65. Geburtstag von Eda Sagara im August 1998. Tübingen, 2000, S.445-465.
7 Vgl. hierzu: Böhme: Fetischismus. S.446 f.
8 Böhme: Fetischismus. S.446.
9 Böhme: Fetischismus. S.447.
10 Böhme: Fetischismus. S.447.
11 Böhme: Fetischismus. S.447.
12 Brombert, Victor: Flaubert par lui-même. Paris, 1971, S.95, im folgenden zitiert als Brombert: Flaubert.
13 Vgl. hierzu: Keller, Thomas: Mathilde und Mme Arnoux. Der unmögliche Vollzug der Liebe bei Stifter und Flaubert. In: Cahier d’études germaniques 45 (2003), S.253-283.
14 Vgl. hierzu: Apter, Emily: Feminizing the Fetish. Psychoanalysis and Narrative Obsession in Turn-of-the- Century France. London, 1991, im folgenden zitiert als Apter: Feminizing.
Arbeit zitieren:
Johanna Zeiß, 2005, Untersuchung zum Fetischismus in der Education sentimentale, München, GRIN Verlag GmbH
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