INHALT
1. EINLEITUNG 2
2. DIE WICHTIGSTEN KALENDERDATEN DER WEIDESAISON 3
2.1 Heiliger Georg 3
2.2 Walpurgis 5
2.3 Der Tag des Kreuzes 6
2.4 Michaeli 6
2.5 Pokrova 6
2.6 Allerheiligen, Allerseelen und kekri 6
2.7 Katharina 7
3. DER VIEHAUSTRIEB 8
4. DIE HERDENSPRÜCHE 10
4.1 Hüteworte 11
4.2 Worte zur Vermehrung der Milch und gegen den Neid 12
4.3 Worte zur Heimführung der Herde 14
4.4 Worte gegen Raubtiere 15
5. ZUSAMMENFASSUNG 18
QUELLEN 19
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1.Einleitung
Schon Jacob Grimm war beeindruckt und begeistert von den Herdensprüchen im Kalevala, was er in seiner Rede „Über das finnische Epos“ im Jahr 1845 zum Ausdruck brachte. Grimm schrieb: „Diesen gesang halte ich für einen der schönsten des ganzen epos; Ilmarinens hausfrau, als sie ihre herde in den wald entsendet und wieder heim erwartet, spricht gebete zu deren schutz und gedeihen aus von seltener anmut, die uns einen tiefen blick in das finnische landleben werfen lassen […]“ (Grimm 1845 nach Fromm 1985: 525). Grimms Lob motivierte sogar Lönnrot selbst, seinen Herdensprüchen noch einige Verse im Neuen Kalevala hinzuzufügen (Fromm 1985: 525). Deshalb lohnt es sich, einen genaueren Blick auf die Herdensprüche der ostseefinnischen Völker zu werfen.
In der folgenden Arbeit soll ein möglichst umfangreiches Bild der Herdensprüche dargelegt werden. Dazu gehören auch die Riten und Bräuche, denen sie zugrunde liegen. Zunächst soll ein Überblick der wichtigsten kalendarischen Daten, die für die Weidesaison von Bedeutung waren, gegeben werden. Dabei soll deutlich werden, welche Rolle spezifische Heilige für die Landbevölkerung spielten (S. 2−6). Anschließend richtet sich das Augenmerk auf das bedeutsamste Ereignis der Weidesaison, den Viehaustrieb (S.7−8). Zuletzt werden verschiedenartige Herdensprüche aufgezeigt und analysiert. Hierbei wird versucht, einer thematischen Ordnung zu folgen, wie sie Lönnrot im 32. Gesang des Kalevalas aufführt (Fromm 1985: 526). Die Gedichte sind eine Auswahl aus verschiedenen ostseefinnischen Regionen. Dadurch soll gezeigt werden, wie weit die mit der Weidesaison verbundenen Traditionen verbreitet sind und welche Gemeinsamkeiten sie aufweisen. Hier wird auch immer wieder auf die Herdensprüche im Kalevala zurückgegriffen, um Ähnlichkeiten oder Unterschiede aufzuzeigen (S. 9−16).
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2. Die wichtigsten Kalenderdaten der Weidesaison
Während der Weidesaison existierten einige Feier- und Festtage, die verschiedenen Heiligen gewidmet waren und im Folgenden erst aufgezählt, dann beschrieben werden:
23. April: Heiliger Georg
1. Mai: Walpurgis
3. Mai: Tag des Kreuzes
29. September: Michaeli
1. Oktober: Pokrova
1. November: Allerheiligen
2. November: Allerseelen Kekri
25. November: Heilige Katharina
2.1 Heiliger Georg
In Karelien, Ostfinnland, Ingermanland und Estland war der Tag des Heiligen Georg 1 , dort bezeichnet als Yrjö bzw. Jyrki, traditionell der Tag, an dem zum ersten Mal im Jahr das Vieh auf die Weide getrieben wurde. Der hl. Georg gilt als „Schutzpatron des Viehs“ (Vilkuna 1969: 127). Seine Stellung leitet sich aus der Legende als Märtyrer und Ritter ab, der im 3. Jahrhundert lebte und einst den Drachen, den größten Feind aller, tötete (Vilkuna 1969: 127). Weiter heißt es nach karelischer Legende, Georg habe die Macht, Wölfe und Bären an sich zu binden und zu fesseln, da sie „seine Herde“ (Honko 1993: 228) seien. Dieser Ruf spiegelt sich nicht nur in zahlreichen Gedichten wider. 2 In nahezu allen Gebieten, in denen der Georgs-Tag zelebriert wird, wird Georg direkt als Hirte der Wölfe angesprochen. Im Osten bittete man Jyrki, er solle seinen Hunden das Maul zubinden, im Westen flehte man Yrjänä an, seine Hunde in Fesseln zu legen. (Vilkuna 1969: 124.) 3
Für das Vieh stellte der im Frühjahr hungrige Wolf eine reale Bedrohung dar, weshalb durch verschiedene Riten versucht wurde, dieser Gefahr entgegenzuwirken. Zum einen geschah das durch Riten, die besonders durch ihren apotropäischen Umgang gekennzeichnet waren. So lief man z.B., verschiedene symbolische Objekte tragend, im Kreis um den
1 im Folgenden wird Heiliger Georg mit Hl .Georg abgekürzt
2 auf die Herdensprüche wird in Kapitel 4 genauer eingegangen
3 die Rufe waren auch den Waldfinnen im schwedischen Värmland bekannt, dort richteten sie sich
allerdings nicht an Georg, sondern an den Heiligen Peregrinus
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Viehbestand eines Hauses oder sogar des gesamten Dorfs (Fromm 1985: 526). Diese Gegenstände waren unter anderem Stahlwerkzeuge, Schießpulver, Friedhoferde, ein Bärenzahn oder ein heiliges Buch, üblicherweise Symbole, die mit Georg zusammenhingen. Aus Noormarkku wird aus dem 19. Jahrhundert folgender Brauch aufgezeigt: Der Bauer geht in der Georgsnacht dreimal um den Kuhstall. Dabei hat er drei Ebereschenzweige in der Hand, von denen er bei jedem Umgehen einen auf das Dach des Stalls wirft. Dort bleiben sie bis zum folgenden Sommer.
Zum anderen wurden Georg Opfergeschenke gemacht. Aus Aufzeichnungen des Jahres 1685 ist bekannt, dass am Georgs-Tag Opfer dargeboten wurden. Der Bericht umfasst die Bereitstellung von Opfergaben am Georgsmorgen und die Schmückung des Viehwegs mit brennenden Fackeln (Vilkuna 1969: 127). Es war also üblich, Georg Geschenke zu machen, normalerweise Fleisch, Milch und das erste Ei, das von einer Henne in jedem Sommer gelegt wurde. Diese wurden an den Fuss eines Opferbaums gelegt. Die Fackeln bestanden aus Kienspan und sollten böse Mächte von der Herde fernhalten (Vilkuna 1969: 127). In Savo wurde der Georgstag auch als Schreinacht 4 bezeichnet, was deutlich darauf hinweist, dass Lärmen ein wichtiger Bestandteil dieses Tages war. Neben lauten Rufen verursachten auch die Hirten Lärm, indem sie durch ihre Hörner bliesen. Ziel war es, die wilden Tiere und Geister dadurch zu vertreiben. In Mittlostbottnien wie auch in Ostfinnland und Karelien wurde das Gelärme durch Läuten von Kuhglocken verursacht. Während in Mittelostbottnien vor allem Kinder diesen Brauch ausübten, waren in Ostfinnland und Karelien auch Erwachsene beteiligt. Mit einer Glocke, gebunden um ihren Hals, liefen sie auf die Weide, um Wölfe zu vertreiben (Vilkuna 1969: 127).
Obwohl am Georgstag oft noch Schnee lag und die Verhältnisse es eigentlich nicht zuließen, das Vieh auf die Weide zu treiben, wurde die Herde dennoch an diesem Tag herausgeführt. Zwar wurden die Tiere dann nur kurz auf die Weide gelassen, doch war es wichtig, den Austrieb symbolisch vorzunehmen, um Georg seine Ehre zu erbieten (Vilkuna 1969: 126f.).
Das Brauchtum am Georgstag verbreitete sich über Osteuropa aus Mittel- und Westeuropa nach Finnland. In Ost- und Südeuropa stammt der Kult des Hl. Georg schon aus dem frühen Mittelalter, in Russland aus der Zeit der Besiedlungsgeschichte um 1100. Es handelt sich also um einen sehr alten Brauch (Vilkuna 1969: 125).
4 die Schreinächte ( huutoyö) wurden sowohl am Georgstag als auch in der Nacht vor Walpurgis ab
gehalten
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2.2 Walpurgis
Die Bedeutung von Walpurgis geht auf den Tag der Heiligensprechung der Äbtissin Waldburga zurück, die in Skandinavien zu hohem Ruhm gelangte. Im südlichen Westfinnland zählte Walpurgis neben Georg zu den Tagen, an denen das Vieh zum ersten Mal auf die Weide gelassen wurde. Dort galt sie als „Gefährtin des Georg“ (Vilkuna 1969: 134). Auch an diesem Tag war es üblich, durch Glockengeläut Lärm zu erzeugen, der Zweck jedoch war ein anderer. Hauptsächlich sollte durch diesen Brauch ein guter Milchertrag gesichert werden. Das wesentliche war Folgendes: Diejenigen, die keine Glocke trugen, versteckten sich mit einem Wassereimer und versuchten, die Glockenträger zu bespritzen, wobei das Wasser die Milch symbolisierte. Um Wölfe zu vertreiben, benutzte man rituelle Zaubermittel. So wurden z.B. Bäume mit Robbenfett bestrichen. Durch den Gestank sollten die Wölfe fernbleiben (Vilkuna 1969: 134).
2.3 Der Tag des Kreuzes
Der Tag des Kreuzes ist dem Tag der Kreuzerfindung gewidmet. Demnach soll Helena, die Mutter Kaiser Konstantinus’ der Legende nach im Jahr 320 das ursprüngliche Kreuz gefunden haben. Sie gilt daher als Begründerin des Kults vom Heiligen Kreuz. Das Fest zum Kreuztag wird in Finnland schon seit dem frühen Mittelalter gefeiert. So sind einige der ältesten Kirchen Finnlands dem Heiligen Kreuz geweiht, wie z.B. die Kirche von Hattula (Vilkuna 1969: 139).
In Häme und teilweise auch in Savo fiel der erste Austrieb des Viehs auf den Tag des Kreuzes, vor allem in Gegenden, in denen der Einflussbereich der alten Kirchen zum Heiligen Kreuz von Hattula wirkte (Vilkuna 1963: 119). Wie auch am Georgstag war es am Tag des Kreuzes noch zu kalt, um die Weideperiode beginnen zu lassen. Daher ließ man das Vieh an diesem Tag ebenfalls nur kurz heraus und legte das Hauptaugenmerk auf symbolische Riten. Damit sich das Vieh nicht im Wald verirrte, tränkte man die Glocke der Leitkuh in Wasser und gab dem Vieh Salzstückchen, die mit Zaubern versehen waren, Milchsuppe und ähnliches. Wichtig war in diesem Zusammenhang auch die Sicherung eines guten Milchertrags (Vilkuna 1969: 137).
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Arbeit zitieren:
Katrin Bogner, 2004, Die Herdensprüche der ostseefinnischen Völker, München, GRIN Verlag GmbH
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