Inhalt
Einleitung. 1
1. Zum Begriff LRS. 10
2. LRS als Teilleistungsschwäche. 12
2.1 „Jedes Kind hat seine eigene LRS“ 12
2.2 Vorschullalter. 13
2.3 In den ersten Grundschulklassen. 14
2.3.1 Optisch-graphomotorischer Bereich. 14
2.3.2 Akustisch-phonematischer Bereich. 15
2.3.3 Kinästhetischer Bereich. 15
2.3.4 Rhythmischer Bereich. 16
2.3.5 Melodischer Bereich. 16
3. Feststellung der Lese-Rechtschreibschwäche. 18
4. Der Prozess des Rechtschreibenlernens. 20
4.1 Die erste Phase - Schreiben ist „Logos“ kennen. 20
4.2 Die zweite Phase- Schreiben ist Zuordnen
von Laut und Zeichen. 21
4.3 Die dritte Phase - Schreiben ist Kennen von Bausteinen
und Regeln. 22
4.4 Die Wechselbeziehung der Rechtschreibstrategien 22
4.5 Worauf Eltern und Lehrer achten können hinsichtlich
der Stufen der Rechtschreibentwicklung 23
5 Methoden des Schreib- und Leselernprozesses bei
lese -rechtschreib-schwachen Schülern. 24
5.1 LRS-Klassen an sächsischen Grundschulen. 24
5.1.1 Aufnahme in LRS-Klassen. 24
5.1.2 Arbeitsgrundsätze in den LRS-Klassen. 25
5.1.3 Didaktisch-methodische Gestaltung des Unterrichts
in Klasse 3/I. 26
5.1.4 Besonderheiten der Förderung in
Klasse 3/II. 29
5.1.5 Förderprogramme und Fördergutachten. 30
5.1.6 Der Übergang in Klasse 4. 32
5.1.7 Leistungsermittlung und Leistungsbeurteilung. 33
5.2 Das Konzept des Lehrinstitutes für Orthographie und
Schreibtechnik (L.O.S.) als Therapie bei Lese-
Rechtschreibschwachen Kindern. 34
5.2.1 Überblick. 34
5.2.2 Die Diagnostik. 35
5.2.3 Die Therapie. 35
5.2.4 Dauer. 38
6 Zusammenfassung. 39
Literatur
Anhang
Interview mit der Mutter eines LRS-Kindes
„Vor Ihnen liegt ein Diktat Ihres Sohnes Nico 1) aus der Frage:
2. Klasse. Es spiegelt die Probleme wider, die er in der
1. Klasse in der Grundschule hatte. Nico konnte einfache Wörter nicht richtig schreiben und Lesen. Er kannte zwar die meisten Buchstaben, mühte sich auch diese hintereinander zu reihen, nur bekam er mit dieser Methode kaum ein sinnvolles Wort zusammen. Der Junge vergaß Wortendungen, brachte die Reihenfolge der Laute durcheinander und bekam keinen Sinn zusammen.
Seit einem halben Jahr nun besucht Nico die LRS-Klasse. Wie kam es dazu?“
Mutter: „Zurückblickend kann ich sagen, daß es schon im Kleinkindalter Auffälligkeiten bei Nico gab, wobei ich aber diese nie mit einer möglichen Lese-Rechtschreib-Schwäche in Verbindung gebracht hätte. Mein Sohn konnte erst relativ spät sprechen und fing im Alter von zweieinhalb an zu stottern. Dies gab sich jedoch nach einer logopädischen Behandlung. Im Kindergarten dann stellte er sich beim Malen und Basteln tollpatschig an und konnte mit der Schere nicht richtig umgehen.
Auch Lieder, die sie lernten, konnte er sich nicht merken und an Schleifen binden war gar nicht zu denken.“
Frage: „Wurden damals schon diese Auffälligkeiten wahrgenommen und nach eventuellen Ursachen gesucht?“
Mutter: „Nein. Aus meiner beruflichen Erfahrung als Kindergärtnerin heraus, glaubte ich dies wäre auf eine mangelnde Beschäftigung, wie es sich früher gab, zurückzuführen. Da Nico sehr zappelig und aufgedreht war, ließ ich mir ein Rezept von der Kinderärztin geben und ging einmal pro Woche mit ihm zur Beschäftigungstherapie. Ich hoffte, daß er dann etwas ruhiger werden würde und auch sein Interesse für selbständige Beschäftigungen wachsen würde.“
Frage: „Hatten Sie nach diesen Beobachtungen mit Schwierigkeiten beim Schuleintritt gerechnet?“
Mutter: „Nein, denn die Ursache stand für mich ja fest. Ich hatte eine für mich plausible Erklärung.“
Frage: „Und wie begann der Unterricht in der 1. Klasse?“
Mutter: „Nach den ersten paar Monaten fiel mir auf, daß Nico enorme Probleme beim Lesen und Schreiben hatte und im Gegensatz zu anderen Schülern seiner Klasse sehr langsam lernte. Beim Lesen konnte er die Laute nicht verbinden, ließ Endungen weg und verwechselte Buchstaben, wie b und p, d und t oder g und k. Auch beim Schreiben traten diese Fehler auf. Nico arbeitete sehr unsauber und strich willkürlich in seinem Heft herum. Vorher gemachte Fehler konnte er sich nicht merken und machte sie immer wieder. Zum Üben und zu Hausaufgaben zeigte er stets seinen Unwillen und antwortete darauf mit dem Satz: `Ich
brauche sowieso nicht üben, denn ich bin eh schlecht!` Er resignierte und war aufgrund seiner schlechten Leistungen in Deutsch oft deprimiert. Wenn er geübt hatte war er sehr enttäuscht als es in der Schule nicht abgefragt wurde und vertrat dann die Meinung, daß er dann auch gar nicht mehr üben bräuchte. Nico ermattete sehr schnell, konnte sich nicht konzentrieren und zappelte ständig auf seinem Stuhl herum.“
Frage: „Was ging damals ihn Ihnen vor?“
Mutter: „Was ich damals wahrnahm, brachte ich mit den Schülern der LRS-Klassen in Verbindung, welche ich aus meinem Beruf als Hortnerin kannte. Vor allem die Verhaltensauffälligkeiten, wie die schlechten Redensarten und das aggressive Verhalten. Das kam mir alles bekannt vor und ich sah die Gefahr, daß mein Sohn auch so wird.“
Frage: „Haben Sie mit der Lehrerin gesprochen?“
Mutter: „Damals noch nicht gleich. Ich wollte erst Sicherheit haben und wollte so schnell wie möglich versuchen, zu retten, was noch zu retten ist. So ließ ich von einer Logopädin, die auch für die Schulen im Kreis zuständig war einen Test mit Nico durchführen. Ich wollte erste helfende Schritte einleiten, um zu vermeiden, daß mein Sohn in eine LRS-Klasse kommt und die Aggressionen sich dann später nicht ausweiten würden. Mit der Bestätigung, daß mein Sohn eine Tendenz zur Lese-Rechtschreib-Schwäche habe, ging ich dann zu seiner Klassenlehrerin.“ Frage: „Wie reagierte diese?“
Mutter: „Zunächst erklärte ich Ihr, daß ich die Vermutung habe, mein Sohn könnte eine Lese-Rechtschreib-Schwäche haben und ihn daraufhin habe testen lassen. Anschließend fragte ich sie, ob sie auch etwas in dieser Richtung bemerkt habe. Die Lehrerin meinte jedoch, daß diese Frage erst am Ende der 2. Klasse in Augenschein genommen wird, da dann eh der Test stattfindet, der die Schüler auf eine eventuelle Schwäche in diesem Bereich prüft. Mit der Bemerkung, daß man vorher sowieso nichts unternehmen kann, tat sie meine Befürchtung ohne jegliche Bedeutung ab.“
Frage: „Wie verhielten Sie sich darauf?“
Mutter: „Ich setzte mich enttäuscht mit der Schulleiterin in Verbindung, welche mir ebenfalls nochmals sagte, daß Nico in eine besondere LRS-Klasse eingeschult werden könnte, aber erst nach dem Test Ende der 2. Klasse. Dies wäre dann ohnehin besser, weil er sonst bezüglich seiner Leistungen wie ein normaler Schüler bewertet werden würde. Dies wäre seine einzige Chance und vorher kann man nichts machen.
Die ganzen Vertröstungen auf später befriedigten mich nicht. Ich wollte meinem Sohn jetzt schon helfen und nicht noch eineinhalb Schuljahr abwarten bis sich vielleicht alles schon verfestigt hat.“
Mutter: „Nein, eine spezielle Förderung gab es in der Schule nicht. Auch klärte mich keiner über eine mögliche Unterstützung außerhalb der Schule auf.
Da kam mir ein Gesamtelternabend der Schule sehr gelegen. Der Leiter einer ergotherapeutischen Praxis referierte über die Hirnleistung von Kindern und stellte uns ihr Konzept zur
Förderung von Kindern mit Wahrnehmungsdefiziten vor. Nach der Veranstaltung sprach ich kurz mit dem Leiter und ließ mir eine Termin für Nico geben. In der Einrichtung wurde mir erklärt und vorgeführt, welche unterschiedlichen Möglichkeiten es zur Förderung für meinen Sohn gab, um Symptome der LRS zumindest zu lindern. In einem Vorabtest wurde die Schwäche meines Sohnes an sich und auch der Grad dieser erneut belegt. Da mir dieser Weg für Nico angemessener und ergiebiger erschien, besuchte ich mit ihm einmal in der Woche die Therapie.“
Frage: „Sie wollten also nicht bis zum Test Ende der 2. Klasse warten?“
Mutter: „Auf keinen Fall. Ich glaubte je eher man mit der Förderung beginnt, desto schneller kann meinem Sohn geholfen werden. Ich hatte die Hoffnung, daß ihm somit die Einschulung in eine LRS-Klasse erspart bleiben würde.“
Frage: „Wie wurde Nico in der Ergotherapeutischen Praxis gefördert?“
Mutter: „Von der Kinderärztin erhielt ich ein Rezept und fuhr wöchentlich mit Nico zur Therapie, insgesamt ein Jahr lang. Ich konnte selbst entscheiden, ob ich bei den Sitzungen dabei sein wollte oder nicht. Die Therapiestunden, die nach der Schule stattfanden, waren sehr differenziert. Das reichte von gymnastischen Übungen, wo die Balance geschult wurde, über die Arbeit mit Kopfhörern bis hin zu Schreib- und Malspielen. Am Computer arbeitete Nico am liebsten. Die Stunde war nie langweilig, da sie sehr abwechslungsreich gestaltet war.
Ich konnte natürlich aufgrund meines Dienstplanes nicht jede Woche selbst mit hinfahren. Aus diesem Grund begleitete Nicos Schwester oder sein Vater ihn dann. Das war schon ganz schön stressig, da der Anfahrtsweg auch bei einer Stunde lag.“
Frage: „Wie reagierte Nico auf die Förderstunden?“
Mutter: „In Bezug auf seine Probleme beim Lesen und Schreiben kam es zu Verbesserungen in kleinen Schritten. Die Belastung allerdings nach der Schule noch zur Therapie zu fahren war schon groß. Nach der Schule war er erschöpft und die lange Fahrt strengte auch an. An diesen Tagen war er ja erst sehr spät dann zu Hause. Hinzu kamen dann ja noch die Hausaufgaben, so dass er nicht mehr viel vom Tag hatte.“
Frage: „Wurde im Unterricht in der Schule seine Schwäche berücksichtigt und anders auf den Jungen eingegangen?“
Mutter: „Nein. In der 1. Klasse gab es sowieso keine Benotung und in der 2. Klasse wurden seine Leistungen ebenso bewertet wie die der anderen Schüler.“
Frage: „Wie reagierte Nico auf die Erfolge, die er erzielte?“
Mutter: „In Deutsch machte er weniger Fehler, was aber häufig an dem vermehrten Üben lag, obwohl ich heute weiß, daß dies keine günstige Lösung war. Bessere Leistungen motivierten ihn und machten ihn stolz. Er merkte auch, daß die Note 3 und 4 für ihn persönlich eine gute Zensur war.“
Frage: „Wie ging es dann in der 2. Klasse weiter?“
Mutter: „Nico übte vor allem vor den Diktaten intensiv, um eine geringere Fehlerquote zu erzielen. Seine Leistungen in Rechtschreibung/Sprachbetrachtung entsprachen der Note 4. In Mathematik und auch in den anderen Fächern war er ein guter Schüler. Vor allem war er sportlich sehr interessiert und ehrgeizig. Im Musikunterricht beteiligte er sich mit viel Interesse und Freude.
Er arbeitete sehr langsam und brauchte Hilfe. Dennoch zeigte er eine gute Mitarbeit im Unterricht.“
Frage: „Gab es im Bereich des Verhaltens Auffälligkeiten?“
Mutter: „Ja, hier gab es zunehmend Probleme. Die Lehrerin sagte mir, daß er sich in der Schule nicht immer Mühe gab, die Verhaltensnormen einzuhalten und häufig impulsiv reagierte. Im Unterricht und auch zu Hause war er unaufmerksam, zappelig und unausgeglichen. Aufgrund seiner ständigen Unruhe und Hyperaktivität bekam Nico von der Kinderärztin ein Medikament. Auffällig in dieser Zeit waren auch seine immer häufiger auftretenden Kopf- und Bauchschmerzen. So mußte er zu mehreren Untersuchungen, aber es konnten keine organischen Ursachen dafür festgestellt werden. Im Hort war er sehr aggressiv gegenüber anderen Kindern. Bei Streitigkeiten konnte er sich nicht beherrschen, so daß er auch einmal die Brille eines anderen Jungen kaputt machte. In die Schule ging Nico immer unwilliger, da sie ihn tagtäglich frustrierte.“
Arbeit zitieren:
Nadja Hinze, Frauke Lau, 2003, Besonderheiten des Schriftspracherwerbs bei Lese-Rechtschreibschwäche, München, GRIN Verlag GmbH
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