Inhaltsverzeichnis
Abk ürzungsverzeichnis. 4
1. Einleitung. 5
1.1 Überblick. 5
1.2 Vorgehensweise. 7
2. Annäherung an das Problem. 10
2.1 Frühzeit des Reisens. 10
2.2 Der Massenreiseverkehr. 12
2.3 Sinn des heutigen Reisens. 14
2.3.1 Reisen als Alltagsflucht. 15
2.3.2 Reisen als Erholung. 16
2.3.3 Reisen als Horizonterweiterung. 16
2.4 Entwicklungszusammenarbeit im Tourismus. 18
2.5 Reisepädagogik und die Pädagogik des “Sanften Reisens“ 22
3. Globales Lernen. 26
3.1 Begriffsbestimmung. 26
3.2 Pädagogische Grundsätze rund um das Globale Lernen. 30
3.2.1 Das didaktische Feld. 30
3.2.2 Subjektivität. 31
3.2.3 Identität. 32
3.2.4 Ganzheitlichkeit als eine didaktische Forderung Globalen Lernens. 32
3.3 Die vier Leitideen des Globalen Lernens. 35
4. Sport als ein möglicher Weg zum Globalen Lernen. 38
4.1 Begriffsorientierung Sportsoziologie. 38
4.2 Der Sportbegriff. 40
2
4.3 Sport und Spiel und Globales Lernen. 41
5. Asian-German-Sports-Exchange-Programme. 44
5.1 Das Unternehmen in seiner Gesamtheit. 44
5.2 Unternehmenstätigkeiten. 46
5.3 Sportliche Fairness als Motto der AGSEP. 47
5.4 Das Projekt „Impuls to Peace“ 48
5.5 Globales Lernen bei AGSEP. 51
6. Resümee. 54
Literaturverzeichnis. 56
Verzeichnis der verwendeten Internetquellen. 59
Anhang
3
Abkürzungsverzeichnis
AGSEP Asian-German-Sports-Exchange-Programme BBC British Broadcasting Corporation CEO Chief Executive Officer DED Deutscher-Entwicklungs-Dienst d.h. das heißt EZ Entwicklungszusammenarbeit G.L. Globales Lernen GTZ Deutsche Gesellschaft für technische Zusammenarbeit LTTE Liberation Tamil Tiger Eelam o.g. oben genannten ROBUS Reise- Organisation für Blinde und Sehbehinderte SV Sportverein
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1. Einleitung 1.1 Überblick
Grundlage für diese Fallstudie bilden Arbeitserfahrungen während eines halbjährigen Praktikums bei dem Unternehmen Asian-German-Sports-Exchange-Programme in Sri Lanka. Asian-German-Sports-Exchange-Programme (AGSEP) ist ein Sportaustauschprogramm, das den Sportaustausch von deutschen Vereinsmannschaften nach Asien und von asiatischen Mannschaften nach Deutschland organisiert. AGSEP hat sich dem Verfasser dieser Arbeit als eine Organisation vorgestellt, die eine Art Entwicklungshilfe für das Land Sri Lanka leistet und auf den Aufbau eines humanistischen Tourismus setzt. Das Unternehmen AGSEP stellt den praktischen Bezug für die Umsetzung des Globalen Lernens (G.L.) im Tourismus her. Die Überlegungen dieser Arbeit richten sich auf die Frage, inwieweit die Theorie des Globalen Lernens zum Inhalt einer Reise und damit auf den Tourismus übertragen werden kann. Spezielles Interesse liegt der Frage zugrunde, welchen Handlungsspielraum die Pädagogik hat und inwieweit sie den Tourismus und damit auch die Wirtschaft zu beeinflussen vermag. Das kulturdeterminierte Verhältnis des modernen Menschen zur Natur und zur Gesellschaft findet eine Fortsetzung in der Reise, der Allegorie für die schönsten Tage des Jahres. Vor diesem Hindergrund sind die Kritiken zum Tourismus zu sehen, die seit Mitte der siebziger Jahre zunehmend die Diskussionen um die Nachhaltigkeit bestimmen. Die Problemstellung dieser Arbeit richtet sich auf die Hintergründe einer heute massenhaften, uninteressierten Begegnung mit Gesellschaftskultur und Natur. Diese Entwicklung steht einer Selbstfindung der Menschen als dynamische Elemente der Gesellschaft entgegen. Der einzelne Tourist muss sich seinen Handlungen wieder bewusst werden und darf sich nicht als Objekt des Tourismus begreifen. Erst die Summe der Einzelhandlungen aller Touristen ergibt den Tourismus.
Aufgrund von gegenwärtig zunehmender Erfahrungslosigkeit durch zunehmende Fachbereichsspezialisierung wird der Mensch nicht zum dynamischen Subjekt neuer Gesellschaft werden. Notwendig ist ein pädagogisch- didaktischer Ansatz, der ein Grundvertrauen in die Lebenskraft der Menschen und einen Glauben daran vermittelt. Die Pädagogik braucht eine Erweiterung ihres eurozentrischen Blickwinkels, um die Welt als
1 Julian Huxley zit. n. Opaschowski, Horst: Jugendauslandsreisen, Darmstadt 1970, S.155.
5
“Gesamtheit“ wahrzunehmen. Die durch ein aktives und produktives Globales Lernen gemachten Erfahrungen sollen die Persönlichkeit formen und zu einer transzendenten Vervollständigung des Menschen beitragen.
Eine zeitgerechte Reisepädagogik sollte zudem das problematische Verhältnis von Tourismus und Natur und damit die Endlichkeit der natürlichen Ressourcen miteinbeziehen. Anregungen zu sanften Formen des Tourismus sollten Teil einer umfassenden touristischen Aufklärungs-und Bildungsarbeit sein. Die heutige Reisepädagogik umfasst viele wissenschaftliche Theorien und Ansätze, bezieht aber keine konkreten Standpunkte zur Umsetzung mit ein. In dieser Arbeit sollen reisepädagogische Ansätze mit den Grundsätzen des Bildungskonzepts G.L. zusammengeführt und Perspektiven zu einer zukunftsorientierten Entwicklung aufgezeigt werden. Zum Thema G.L. erschienen mittlerweile mehrere Werke, die meist jedoch schuldidaktisch aufbereitet sind. Fernab der bereits erschienenen Werke zum Globalen Lernen soll mit dieser Arbeit versucht werden, die methodischen und didaktischen Grundsätze des G.L. auf den Tourismus anzuwenden. Ziel ist es, die Reisepädagogik damit zu konkretisieren. Eine neue Sicht auf Weltgeschehnisse soll den Menschen helfen, zukunftsbedrohende Risikofaktoren und Gefährdungen für die menschliche Gattung zu erkennen. Aus diesen Erkenntnissen sollten dann regionale, globale, -politische Phantasien zur Entwicklung umwelt- und sozialverträglicher Zukunftsperspektiven für das Überleben von Mensch und Natur entfaltet werden.
Zielstellung eines neuen Lehrplans muss es sein, das Interesse der ganzen Menschheit auf allen Gebieten der Forschung und in allen Ländern der Erde zu erhellen und sie damit für einen Übergang von stetigem Wachstum zu einem ökologischen und wirtschaftlichen Gleichgewichtszustand zu sensibilisieren. Zeitgerechte Pädagogik sollte somit Strategien finden, um die derzeitigen Globalisierungsmechanismen und Tourismusstrategien zum Wohl aller Menschen weiterzuentwickeln. Die Frage, ob nun die Globalisierung entscheidend zur rasanten Entwicklung der weltweiten Reiseströme beigetragen hat oder umgekehrt, erinnert in ihrer Verflochtenheit an jene von Henne und Ei.
Der Verfasser ist sich seiner eurozentrischen Sicht bei der Auseinandersetzung mit dem Thema bewusst. Auch werden in Verbindung damit vornehmlich westliche Autoren zitiert. Dies mag nicht sehr objektiv sein, spiegelt aber dennoch Teile derzeitiger Diskussionen wieder.
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1.2 Vorgehensweise
Für die theoretische Auseinandersetzung mit der Arbeit im Unternehmen AGSEP als auch mit der Theorie des Globalen Lernens ist es notwendig, sich drei verschiedener Wissenschaftsdisziplinen zu bedienen. Das sind die Pädagogik, die Wirtschaftswissenschaft in Ausprägung des Tourismus und die Soziologie. Diese Verknüpfung entspricht auch der Theorie des G.L., da nur ein multidisziplinärer Zugang zielführend erscheint. Die Pädagogik, in dieser Arbeit im speziellen die Reisepädagogik, soll die Inhalte des G.L. im wirtschaftswissenschaftlichen Feld Tourismus vermitteln. Letztendlich beschreibt dann die Soziologie gesellschaftsrelevante Auswirkungen.
Zudem enthält die Arbeit geschichtliche Aspekte zur Reisepädagogik und zum Tourismus selbst. Diese historischen Aspekte ermöglichen einen Vergleich mit gegenwärtig touristischem Geschehen. Dennoch darf die Geschichte nicht zum Wertmaßstab erhoben werden, denn jede Zeit hat ihre Besonderheiten. Wir kennen die wahren Kräfte nicht, die unsere gesellschaftliche Entwicklung stetig vorwärtstreiben. Wir können Zusammenhänge nur ahnen, jedoch niemals lückenlos beschreiben.
Die Pädagogik. Die Anwendung der Lerntheorie des G.L. bedarf in dieser Arbeit der Ergänzung durch innovative Impulse aus anderen pädagogischen Arbeitsfeldern wie der Didaktik, Tourismuspädagogik und der Reisepädagogik. 4 Die Pädagogik hat das Selbstverständnis einer offenen Wissenschaft, die in interdisziplinären Fragestellungen tätig ist. „Pädagogik erforscht die Grundlagen der Erziehung, sie hat das Ziel, Anleitungen und Regeln für die erzieherische Praxis zu geben; dargestellt und hinterfragt werden Normen für das erzieherische Handeln sowie die Erziehungsmethoden.“ 3
2 Nikolaus von Kues (1401-1464): De mente, Kap. 3.
4 Die ökologisch orientierte Tourismuspädagogik richtet ihr Bemühen hauptsächlich auf die
gesellschaftspolitische Seite der Eindämmung massenhafter Naturzerstörung, wohingegen die Reisepädagogik
auf eine nachhaltige Dynamisierung der Gesellschaft durch Neuerfahrung ausgerichtet ist. (Vgl. Fichtler Uwe
S.173).
3 Microsoft® Encarta® Enzyklopädie 2002.
7
Die geisteswissenschaftliche Pädagogik versucht Erziehung vor dem Hintergrund von Geschichte, Kultur und Gesellschaft zu beschreiben und zu verstehen. Sie wird in der Arbeit eine tragende Rolle übernehmen. Eine praktische Pädagogik im Tourismus kann hingegen mit dem Oberbegriff Animation näher erschlossen werden. Das moderne Verständnis der geisteswissenschaftlichen Pädagogik wurde inhaltlich und wissenschaftstheoretisch wesentlich von Rousseau, Pestalozzi, Humboldt, Schleiermeier und Dilthey beeinflusst. Die pädagogischen Schwerpunkte im Tourismus sind auf zwei Ebenen angesiedelt: Das ist die präventive Schulung zur “Reisefähigkeit“ des Nachwuchses und zudem die pädagogische Intervention des touristischen Marktes. 5 Das G.L. sollte in beiden Ebenen Anwendung finden, um mit Hilfe der Reise- und Tourismuspädagogik den heutigen Tourismus nachhaltig umzugestalten.
Die Wirtschaftswissenschaft. In dieser Arbeit wird die Wirtschaftswissenschaft aus Eingrenzungsgründen nicht primär Betrachtung finden. Sie ist hier dennoch aufzuführen, da das gesamte touristische Wirken Wirtschaftswissenschaft ist und damit den Marktregeln unterliegt. Da mit dieser Arbeit das Konzept des G.L. praktisch auf den Spezialreiseveranstalter AGSEP bezogen wird, ergeben sich wirtschaftliche Betrachtungen. Die Wirtschaftswissenschaft kann als eine Gesellschaftstheorie nach ökonomischer Methode bezeichnet werden. 6 Menschliches Tun wird unter dem Aspekt der Bedürfnisbefriedigung betrachtet und das Hauptaugenmerk wird auf die Produktion materieller und immaterieller Güter bzw. Leistungen gerichtet. Es wird angenommen, dass einer unendlichen Zahl von Bedürfnissen eine beschränkte Anzahl von Ressourcen zur Verfügung stehen. 7 Daraus ergibt sich eine Vorteil-Nachteil-Kalkulation zur Verwendungsmöglichkeit der zur Verfügung stehenden Ressourcen. Die Kauf- und/oder Produktionsentscheidung wird nach dem Kriterium der optimalen Ziel-Mittel-Relation getroffen. Für die Produktion angebotener touristischer Leistungen benötigen die Unternehmen Produktionsfaktoren, welche auf den Produktionsfaktormärkten beschafft werden müssen. Im Feld der Wirtschaftswissenschaft ist das Problem des stetigen Wachstums und die Generierung von Wohlfahrts-, Luxus- und Prestigebedürfnissen angesiedelt. In der Theorie der Marktwirtschaft wird die Produktion im
5 Vgl. Giesecke, Hermann: Tourismus als neues Feld der Erziehungswissenschaften, in: Hahn, Heinz:
Jugendtourismus, München 1965, S.108.
6 Vgl. Woll, Artur: Allgemeine Volkswirtschaftslehre. München 2000, 13. überarb. und ergänzte Auflage, S.3.
7 Vgl. Wöhe, Günter: Einführung in die Allgemeine Betriebswirtschaftslehre. München 2000, 20. neubearb.
Auflage, S. 2 f..
8
Grunde von den Bedürfnissen der Wirtschaftssubjekte bestimmt. In Wirklichkeit erzeugen aber die Produzenten durch die Bereitstellung bzw. Inaussichtstellung bestimmter Güter beim Konsumenten häufig erst ein Bedürfnis. Die so künstlich geschaffenen Bedürfnisse verursachen dann psychische Spannungen (Bedürfnisspannung) und sind damit die eigentliche Triebfeder gegenwärtig menschlichen Handelns. Die heutigen Konsumenten entscheiden sich allzu oft aus suggerierten Bedürfnissen für bestimmte Produkte, so auch im Tourismus.
Die Soziologie im Allgemeinen beschäftigt sich mit der Gesamtheit der sozialen Beziehungen innerhalb der menschlichen Gesellschaft. Menschliche Interaktionen und deren Folgen werden untersucht. Es wird daher möglich, das “Soziale“ als eine eigene Realität herauszuarbeiten und in seinen Strukturen wie soziales Handeln, soziale Gebilde und sozialer Wandel zu verdeutlichen. 8 Die Soziologie weist zahlreiche Berührungspunkte mit anderen Sozialwissenschaften wie Volkswirtschaft, Politikwissenschaft, Ethnologie und Sozialpsychologie auf. Der soziologische Blick ermöglicht es, Feststellungen zu den gesellschaftlichen Folgen des Tourismus zu treffen. Zugleich kann die Theorie des Globalen Lernens nur auf den Tourismus übertragen werden, wenn soziale Interaktionen als eine eigene Realität begriffen werden.
Da AGSEP ein Sportreiseveranstalter ist, wird die Sportsoziologie als eine spezielle Form der Soziologie, in der Arbeit näher betrachtet werden. Der Sport ermöglicht den Menschen besondere subjektive Wirksamkeits- und Identitätserfahrungen. Die Sportsoziologie beschäftigt sich mit dem Zusammenhang zwischen Sport und Gesellschaft sowie mit dem Sozialen im Sport. Sie erforscht damit das soziale Handeln im Sport.
Mit dieser Arbeit soll aufgezeigt werden, dass ein Integrieren des Globalen Lernens in tourismuspädagogische Aspekte möglich ist und diese neue gestalterische Qualität den heutigen Tourismus und die touristische Wahrnehmung nachhaltig verändern kann.
8 Vgl. Schäfers, Bernhard: Grundbegriffe der Soziologie. 5. verbesserte und erweiterte Auflage, Opladen 1998,
S.333 ff.
9
Annäherung an das Problem 2.
2.1 Frühzeit des Reisens
Im Mittelalter waren weite Reisen in der Regel nur einem sehr eingegrenzten Personenkreis möglich. Dieser setzte sich aus den jeweiligen Herrschern und ihrem Gefolge, hohen geistlichen Würdenträgern, Missionaren, Boten oder Kaufleuten zusammen. 9 Zur Sammlung, Verbreitung und Kundgabe gelehrter Neuigkeiten eignete sich das Reisen auf Grund einer großen Zahl von Kontaktmöglichkeiten sowie einer leichten Zugänglichkeit zu Personen und Institutionen. Bettler, Gaukler, Fahrende, Handwerker und Hausiere zogen jedoch auch von Ort zu Ort. Wenn aber unter einer Reise die Bewegung, womöglich als freiwillige und gelegentlich sogar als vergnügliche Lebensweise auf Zeit verstanden wird, dann sind diese Leute nicht gereist. Vielmehr war die Reise zu Fuß (das Wandern) nicht etwa ein Freizeitvergnügen, sondern ein fester Bestandteil räumlicher Bedingungen des Arbeits- und Alltagslebens bestimmter Berufs- und Sozialgruppen.
„Mit dem Ende der Aufklärung wurde die Bedeutung des Reisens als Teil der politischen und moralischen Bildung geringer. In den Mittelpunkt rückte das Erleben der Natur in ihrer Vielfalt und ihrer eindrucksvollen Schönheit.“ 10 Der Weg zum Ziel wurde wesentlich. Die praktizierte frühneuzeitliche Reisetheorie, die nach der Aufklärung und damit über 200 Jahre Wirkung besaß, ist nach Fichtler ein wesentliches Bindeglied zu der prämodernen Gesellschaft. Zum Ende des 18.Jahrhunderts erfuhr die Reise dann eine Ablösung durch die Aufstiegsgeschichte bürgerlicher Naturbegeisterung. Dieser Umstand, des industrialisierten Strömens in die Natur führte zum heutigen Erscheinungsbild des Reisens, dem Tourismus. 11 Angesichts der vorindustriellen Verkehrsverhältnisse waren, bis zum Anbruch das Eisenbahnzeitalter im 19. Jahrhundert, wesentliche Strukturen der menschlichen Raum- und Zeitorganisation an dem Grundmaßstab der Fortbewegung zu Fuß orientiert.
9 Ein interessanter Punkt ist die Unvereinbarkeit von Frau und Reise bis ins 19. Jahrhundert. „Die reisenden
Frauen, vor allem aber die alleinreisende Bürgerin, gehörten in ähnlichem Maße wie Frauen in der Politik,
Literatur und Frauen in der Wissenschaft bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts zu den umstrittenen, oft karikierten
Erscheinungen des öffentlichen Lebens. Sie waren jedoch nicht ungewöhnlich. (...) Reisende Frauen waren
etwas Besonderes, da sie die gesellschaftlichen Normen, die für die Frau hauptsächlich ein Leben im Haus
vorsahen, überschritten. (...) Schiller und Kleist werden gerne in der Sekundärliteratur angeführt, um die
männlichen Widerstände gegen weibliches Reisen zu belegen.“ (Vgl. http://members.aol.com/ch29/dip2.htm
geladen am 12.05.03).
10 Vgl. Bausinger, Hermann: Reise Kultur. Von der Pilgerfahrt zum modernen Tourismus. München 1991, S.39.
11 Vgl. Fichtler, Uwe: Die Marginalisierung der Natur. Bielefeld 1998, S.12.
10
Im 19. Jahrhundert wurde der Post- und Reiseverkehr durch den Kunststraßenbau revolutioniert. Der Vorteil liegt auf der Hand, denn Wagen und Pferde wurden geschont und das Reisen wurde bequemer und um ein vielfaches schneller. 12 Anfang des 19. Jahrhunderts gelang es dem britischen Ingenieur und Erfinder Richard Trevithick und dem amerikanischen Erfinder Oliver Evans, eine Hochdruckdampfmaschine zu konstruieren. Trevithick setzte dieses Modell der Dampfmaschine zum Antrieb der ersten gebauten Lokomotive ein. Sowohl Trevithick als auch Evans bauten dampfbetriebene Kutschen zur Fortbewegung auf den Straßen. 13
An die Stelle einer Kontaktaufnahme zu Land und Leuten traten die über die Landschaft hinwegstürmende Eisenbahn und später dann das Automobil sowie das Flugzeug. 15 Die Kontaktlosigkeit, die der durchreiste Raum hinterließ, erzeugte eine eigenartige, “leere“ Reiseerfahrung, die dann mittels diverser Lektüre zu überbrücken versucht wurde. Dies wiederum war die Voraussetzung für die Entstehung der Reiseführer- und Bahnhofsliteratur in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Möglichkeit etwas Neues im Kontinuum von Raum und Zeit aktiv zu erfahren, wurde durch Industrialisierung und Reglementierung des Reisens vernichtet. Der Massentourismus mit seinen programmierten und präparierten Reiseerlebnissen kündigte sich an.
12 Vgl. Bausinger, Hermann: Reise Kultur. Von der Pilgerfahrt zum modernen Tourismus. München 1991,
S.290.
13 Vgl. Microsoft® Encarta® Enzyklopädie 2002.
14 Bausinger, Hermann: Reise Kultur. Von der Pilgerfahrt zum modernen Tourismus. München 1991, S.304.
15 Die Urbanisierung hatte eine erhebliche Reduzierung von Mobilität zur Folge. Erst die technischen
Fortschritte im Verkehrswesen erhöhten die Mobilität wieder.
11
2.2 Der Massenreiseverkehr
Das Produkt "Reise" ist heute längst zu einem Supermarktartikel geworden. Seit in Österreich die Supermarktkette „BILLA“ nun Reisen tatsächlich auch im Supermarkt anbietet. Durch das Angebot “mit Billa-ITS zu den Warmwasserzielen ans Mittelmeer“, wurde die Metapher zur Wirklichkeit. Freizeit und Ferien als Kontrastprogramm zur industriellen Welt sind selbst zu einer Industrie geworden. 16 Die kurzfristigen Gewinninteressen einiger weniger dominieren heute über das langfristige Interesse an einem lebensfähigen Natur-, Erholungs-, und Wirtschaftsraum.
Unterstützt durch den Ausbau nationaler und internationaler Verkehrsverbindungen, expandierte die Reiseindustrie rasch, ermöglichte die Standardisierung von Angeboten, garantierte eine sichere Rückkehr und ermöglichte so den "Massenreiseverkehr". Die weitere Industrialisierung des menschlichen Lebens führte zu einer radikalen Umgestaltung des städtischen Raumes, des Wohnens und des Arbeitens. Sie provozierte im mitteleuropäischen Raum eine andere, spezifische Form des Erholungsurlaubes: die Suche nach Sommerfrische. „Der Zweiteilung folgt die Dreiteilung des Menschen: hier arbeiten - da wohnen - dort erholen.“ 17 Auf die nahe gelegenen Gebiete beschränkt, bildete die Erholung zur Stadt einen Kontrast und vermittelte dem ökonomisch und ideologisch verunsicherten Mittelstand, aber auch den sozialen Aufsteigern der neuen Mittelschicht, ein ländliches Refugium mit überschaubaren sozialen Kontakten.
„Die moderne Reise ist als Distanz und Alternative zum Alltag idealisiert und lässt dennoch keine gegenweltlichen Entwürfe erkennen.“ 18 Die Freizeit und der Tourismus sind nicht eine Welt für sich. Sie sind vielmehr eine Folgeerscheinung und zugleich ein Bestandteil des industriegesellschaftlichen Systems, der Organisation der Menschen und der modernen Zivilisation.
Die Identität des modernen Reisenden ist ein Produkt jahrhundertealter Reisetätigkeit, einer unendlichen Folge immer neuer Abreisen, Passagen und Ankünfte. Reisen war früher einmal Ausnahmezustand, heute bildet der Urlaub einen Teil des Lebensstils und ist mobile Freizeit.
16 Vgl. Traitler R. : Der manipulierte Tourist. In: Der Überblick Nr.3, Stuttgart 1971.
17 Krippendorf, Jost: Die Ferienmenschen. Für ein neues Verständnis von Freizeit und Reisen. Bern 1996, S.43
18 Fichtler, Uwe: Die Marginalisierung der Natur. Bielefeld 1998, S.10
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Arbeit zitieren:
Stefan Karberg, 2003, Globales Lernen im Tourismus am Beispiel der AGSEP, München, GRIN Verlag GmbH
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