I
Institut für Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin
Sommersemester 1998
Hauptseminar: Hannah Arendts politisches Denken
Hannah Arendts
Analyse der totalen Herrschaft
Christoph Marx
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INHALTSVERZEICHNIS
1. Einleitung 1
2. Biographische Annäherungen zu Hannah Arendts „Elemente und Urspünge totaler Herrschaft“
S. 2
3. Hannah Arendts Analyse der totalen Herrschaft im Rahmen ihres politischen
Denkens S. 6
3.1. Vorbemerkungen zum Gesamtwerk 6
3.2. Der Weltverlust des Individuums in der Massengesellschaft als wesentliche
Bedingung für das Entstehen der totalen Herrschaft 7
3.3. Die charakteristischen Merkmale und Prinzipien der totalen Herrschaft 9
3.3.1. Der Massencharakter der totalen Herrschaft 10
3.3.2. Totalitäre Ideologie als Herstellung einer fiktiven Gegenwelt 11
3.3.3. Totalitäre Organisationsformen 13
3.3.4. Terror als das eigentliche Wesen totaler Herrschaft 14
3.4. Arendts Politikbegriff als Antwort auf die Analyse der totalen Herrschaft 16
4. Schlussbetrachtung 19
5. Literaturverzeichnis 21
II
1. Einleitung
Seit der geschichtlichen Zeitenwende 1990 erlebt das Konzept des Totalitarismus eine erstaunliche Renaissance sowohl im wissenschaftlichen Diskurs als auch in der breiten Öffentlichkeit. Denn während vor allem in den 60er und 70er Jahren der Totalitarismusansatz vielfach nur als antikommunistischer, rein ideologisch motivierter Kampfbegriff der Rechten betrachtet wurde, mit dem der Kommunismus dämonisiert werden sollte, und deswegen in weiten Kreisen tabuisiert wurde, sind inzwischen die Termini "totalitär" und Totalitarismus wie selbstverständlich in die politische Alltagssprache eingedrungen und in Fachkreisen wird zumeist offen und sachlich über totalitäre Elemente in den beiden großen ideologischen Systemen des 20. Jahrhundert- dem Kommunismus und dem Nationalsozialismus- diskuttiert 1 . Besonders ehemalige sehr links stehende Autoren setzen sich nun schonungslos mit den totalitären Tendenzen des untergegangenen kommunistischen Weltimperiums auseinander und stellen unverblümt Vergleiche mit dem nationalsozialistischen Herrschaftssystem auf. 2 Im Zuge dieses offensichtlichen Paradigmawechsel in weiten Teilen der politischen Wissenschaft ist auch Hannah Arendts Konzept der totalen Herrschaft wieder ins Blickfeld des allgemeinen Interesses gerückt, das 1951 unter dem Titel The Originis of Totalitarism (dt. Übersetzung: "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft") veröffentlicht wurde. In diesem berühmtgewordenen Werk, das auf eigenwillige Weise Philosophie und Geschichtsschreibung miteinander verband, entwickelte die gelernte Philosophin und politische Denkerin aus Leidenschaft erstmals anhand ihrer Erfahrungen mit dem nationalsozialistischen und stalinistischen Herrschaftssystem den Typus der totalen Herrschaft. Ihre Konzeption wurde schnell zum heftig umstrittenen Klassiker innerhalb der Totalitarismusforschung und bildet heute vielfach die Grundlage für weitergehende Analysen. 3
Innerhalb der Hannah Arendt-Forschung wurde die Bedeutung der "Elemente und Ursprünge der totalen Herrschaft" für das Verständnis ihres politischen Denkens lange Zeit unterschätzt. Erst in der letzten Zeit ist der besondere Stellenwert ihrer Analyse der totalen Herrschaft für Hannah Arendts Gesamtwerk erkannt worden. 4
1 Vgl. hierzu u.a.: Eckhard Jesse (Hg.), Totalitarismus im 20.Jahrhundert -Eine Bilanz der internationalen Forschung, Bonn 1996; Achim Siegel, Die Konjunkturen des Totalitarismuskonzepts in der Kommunismusforschung -Eine wissenschaftssoziologische Skizze, in: APuZ 20 (1998), 19-31. 2 Zu nennen wäre hier z.B. Francois Furet großangelegte ideen- und geistesgeschichtliche Analyse des Kommunismus. Vgl.: Francois Furet, Das Ende der Illusion -.Der Kommunismus im 20. Jahrhundert, München 1996. Gerd Koenen, ein westdeutscher Ex-Kommunist, deutet den Stalinismus und den Nationalsozialismus als "zwei singuläre Entwicklungen totalitärer Herrschaft". Vgl.: Gerd Koenen, Utopie der Säuberung. Was war der Kommunismus, Berlin 1998. Zitiert nach: Rezension von Hans-Paul Höpfner, in: Das Parlament, 41/42 vom 2/9.10.1998 -Sonderausgabe zur Frankfurter Buchmesse, VI. 3 Die in Anm.2 angebenen Bücher von Furet und Koenen seien hier als Beispiele genannt. Zur Renaissance der Arendtschen Konzeption der totalen Herrschaft besonders bei der Linke, die sie jahrelange als "Kalte Kriegerin" brandmarkte oder ihr sogar faschistoide Gedankengänge vorwarfen, allgemein: Ernst Vollrath, Hannah Arendt bei den Linken, in: Antonia Grunenberg (Hg.), Einschnitte -Hannah Arendts politisches Denken heute, 9-22. Hier besonders: 10f.
4 Hier v.a.: Magaret Canovan, Hannah Arendt -A Reinterpretation of the Political Thought, Cambridge 1992.
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Diese Arbeit will nun ihre Konzeption der totalen Herrschaft, die sie in "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft entwickelt, analysieren und dabei ihre besondere Bedeutung sowohl für ihr Leben als auch für ihr weiteres Werk betonen. Hierfür soll im ersten Teil kurz auf die Lebensgeschichte Hannah Arendts eingegangen werden, die durch die Erfahrung des Nationalsozialismus entscheidend geprägt wurde. Der zweite Teil widmet sich -nach kurzen allgemeinen Bemerkungen über das Werkausführlich ihrer Analyse der totalen Herrschaft, ihren Voraussetzungen und ihren wesentlichen Charakteristika. Im letzten Abschnitt soll der Einfluß ihrer Analyse auf ihr weiteres politisches Denken am Beispiel ihres Politikbegriffs kurz dargestellt werden.
Die Literatur zu Hannah Arendt ist in der letzten Zeit sprunghaft gestiegen. Als besonders hilfreich für die Arbeit haben sich vor allem der Sammelband von Adalbert Reif 5 und die Arbeiten von Heiner Bielefeldt 6 und Elisabeth Young-Bruehl 7 erwiesen. Hannah Arendt wird nach den neuesten Taschenbuch-Ausgaben von Piper zitiert. 8 Zum Schluß noch der Hinweis, daß der vielschichtige und unsystematische Charkter des Werkes eine Beschränkung auf die notwendigsten Aussagen notwendig machte. Außerdem konnten nicht alle Thesen Arendts belegt werden, da sie selbst in ihrer Arbeit viele Begriffe nicht klärt und dadurch einige ihrer Interpretationen unklar und schwammig erscheinen.
2. Biographische Annäherungen zu Hannah Arendts "Elemente und Ursprünge der totalen Herrschaft"
Hannah Arendt wurde 1906 in Linden bei Hannover geboren. Sie wuchs als einziges Kind in einem gutbürgerlichen Elternhaus auf, das trotz seines jüdischen Glaubens gesellschaftlich anerkannt war. Der jüdische Glaube wurde in der Familie Arendt nicht als gesellschaftliche Hypothek, sondern als traditionelle Selbstverständlichkeit empfunden. Da die Eltern als Anhänger des sogenannten Reformjudentums im wesentlichen die Ideale der Aufklärung vertraten, prägten Toleranz gegenüber anderen Menschen und allgemeine Mitmenschlichkeit die Erziehung Hannah Arendts - auch trotz des aktiven politischen Engagements der Eltern für die Sozialdemokratie. Diese in Arendts Erinnerung als glücklich empfundene Kindheit, in der -in ihren eigenen Worten- "wechselseitige Achtung
5 Adalbert Reif (Hg.), Hannah Arendt -Materialien zu ihrem Werk, Wien 1979.
6 Heiner Bielefeldt, Wiedergewinnung des Politischen -Einführung in Hannah Arendts politisches Denken, Würzburg 1993.
7 Elisabeth Young-Bruehl, Hannah Arendt -Leben, Werk und Zeit, Frankfurt 1991. 8 Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft -Antisemitismus, Imperialismus, totale Herrschaft, München 1998 (im weiteren: Elemente); dies., Vita activa oder Vom tätigen Leben, München 1998 (im weiteren: Vita activa); dies., Ich will verstehen -Selbstauskünfte zu Leben und Werk, hg. von Ursula Ludz, München 1997. (im weiteren: Selbstauskünfte); dies., Zwischen Vergangenheit und Zukunft -Übungen im politischen Denken I, München 1994. (im weiteren: Übungen).
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und uneingeschränktes Vertrauen, eine allumfassende Menschlichkeit und eine echte, fast naive Verachtung für alle sozialen und nationalen Unterschiede als Selbstverständlichkeit betrachtet wurde(n)" 9 , prägte Arendt nachhaltig. So bildete der Gedanke der Toleranz bei
gleichzeitigem selbstbewußtem Eintreten für das eigenen "Jüdischsein" 10 eine wesentliche Konstante im politischen Denken Hannah Arendts.
Früh wurde schon die besondere Intelligenz und intellektuelle Begabung Hannah Arendts sichtbar. So begann sie bereits fünfzehnjährig, sich philosophische Werke anzueignen. 11 Nachdem sie 1924 das externe Abitur in Königsberg ablegte, war es also nur folgerichtig, daß sie sich entschloß, zunächst in Marburg das Studium der Philosophie aufzunehmen. Obwohl sie sich später immer weigerte, als Philosophin bezeichnet zu werden 12 , ist ihre Art, zu denken und zu argumentieren, stark von ihren wichtigsten philosophischen Lehrern in ihrer Studienzeit, Martin Heidegger und Karl Jaspers, geprägt. Arendts Liebe zum Denken und ihre Annahme, daß das Denken ein nie endender Prozeß sei 13 - ein zentraler Punkt für das Verständnis der Arendtschen Werke- ist ohne Heidegger nur schwer vorstellbar. Karl Jaspers, der eher kühl argumentierende Rationalist, blieb bis zu seinem Tod 1969 ihr wichtigster "philosophischer Freund" und persönlicher Mentor. Trotz der politisch- turbulenten Zeiten in den zwanziger Jahren blieb anfangs Arendts Interesse an Politik sehr gering, die Philosophie mit ihrer Frage nach dem Wesen der Dinge blieb vorerst ihre einzige Leidenschaft. Die Bekanntschaft mit Kurt Blumenfeld 1928, einem glühenden Anhänger des Zionismus, änderte zunehmend diese Einstellung, indem sie sich von jetzt an immer intensiver mit ihrer jüdischen Identität auseinandersetzte. 1930 begann sie an einer Biographie über Rahel Varnhagen zu arbeiten, die sie erst 1938 beendete. Diese Lebensgeschichte einer jüdischen Außenseiterin in der Zeit der Aufklärung, die sich vergeblich in einer judenfeindlichen Gesellschaft zu assimilieren versucht, bedeutete einen wichtigen Einschnitt in Arendts Denken. So wird sie sich angesichts des rasanten Aufstiegs des rassistischen Antisemitismus in Gestalt des Nationalsozialismus ihrer eigenen Außenseiterposition in der deutschen Gesellschaft bewußt und sieht sich zunehmend als eine bewußt politisch denkende Zeitgenössin. Es ist weitgehend unbestritten, daß ihr Werk
9 Zitiert nach: Wolfgang Heuer, Hannah Arendt, Reinbek bei Hamburg 1997, 13; allgemein zur Kindheit: Ebda, 11ff. Vgl. auch zur Kindheit und Jugendzeit Hannah Arendt ausführlich: Young-Brühl, (Anm.7), 38-83.
10 So ist Arendts Vorstellung von der Pluralität des Menschens in der Welt, die so zentral in ihrer politischen Philosophie ist, sicher auch durch die geistige Offenheit des Elternhauses geprägt. Zu ihrem Jüdischsein schreibt sie selbst am 20. Juli 1963 an Gerhard Scholem: "Ich weiß natürlich, daß es ein Judenproblem auf dieser Ebene gibt, aber es ist niemals das meine gewesen. Nicht einmal in der Kindheit. Jude zu sein gehört für mich zu den unbezweifelbaren Gegenbenheiten meines Lebens, und ich habe an solchen Faktizitäten niemals etwas ändern wollen." Zitiert nach: Selbstauskünfte, 30.
11 Hierbei besonders anfangs die Werke Immanuels Kants. Gleichzeitig richtete sie mit Schulfreunden einen Griechisch-Zirkel ein, in dem sie sich besonders der griechischen Lyrik widmeten. Vgl.: Heuer, (Anm.9), 17. 12 So z.B. in einem Interview mit Günter Gaus vom 28. Oktober 1964. Vgl. die Aufzeichnung des Fernsehinterviews in: Selbstauskünfte, 44-70. Hier: 44.
13 Vgl. hierzu z.B.: Ingeborg Nordmann, Hannah Arendt, Frankfurt 1994, 39ff; auch: Wolfgang Heuer, CITIZEN - Persönliche Integrität und politisches Handeln - Eine Rekonstruktion des politischen Humanismus Hannah Arendts., 98ff.
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über die Jüdin Rahel Varnhagen starke autobiographische Züge enthält. 14 Die zunehmende Bedeutung der NSDAP und die daraus resultierende persönliche Erfahrung, von den politischen Umständen abhängig zu sein, führte zu einer stetigen Politisierung ihres Denkens, die durch die schnelle Bereitschaft vieler deutscher Intellektueller 1933, das neue nationalsozialistische Regime anzuerkennen, ihren vorläufigen Höhepunkt erreichte. Besonders das Verhalten Heideggers verletzte sie zutiefst. 15 Für Hannah Arendt bedeutete die nationalsozialistische Machtergreifung nicht nur eine Flucht aus Deutschland, sondern auch eine Flucht aus der Philosophie. Ihre Exiljahre 1933-1945, die sie bis 1941 in Paris, später in den USA verbrachtete, in denen sie auch ihre deutsche Staatsbürgerschaft verlor, war nun gekennzeichnet durch einen unermütlichen politischen Kampf gegen den Nationalsozialismus mit seinen katastrophalen Auswirkungen für das europäische Judentum. Hierfür schloß sie sich diversen zionistischen Gruppierungen an, anfangs hauptsächlich wegen ihrer Verachtung des in ihren Augen zu sehr assimilierten, politikfeindlichen jüdischen Establishments in Frankreich. 16 Trotz aller Aussichtslosigkeit versuchte Hannah Arendt politisch gegen den Nationalsozialismus zu kämpfen; so rief sie in Frankreich zu zahlreichen Demonstrationen auf 17 und plädierte in den USA für den Aufbau einer jüdischen Armee auf. 18 Trotz zahlreicher Mitgliedschaften blieb sie aber auch in dieser Zeit gegenüber großen Organisationen skeptisch, und versuchte prinzipiell individuell zu handeln. 19 So versuchte sie mit zahlreichen Vorträgen und Artikeln, seit 1941 vor allem in der deutsch-jüdischen Wochenzeitschrift "Aufbau", die amerikanische Öffentlichkeit auf das Schicksal der Juden im nationalsozialistischen Herrschaftsbereich aufmerksam zu machen. Dies und die Erfahrung, daß die Welt vor allem am Anfang dem Schicksal der Juden im Nationalsozialismus gleichgültig gegenüberstand, war sicherlich ein gewichtiger Grund, warum Arendt in ihren späteren theoretischen Schriften das Handeln zur zentralen politischen Kategorie erhob.
Arendts Hinwendung zur politischen Tat, die sich zunehmend auch auf andere politische Bereiche erstreckte, ist sicher durch den Einfluß ihres zweiten Mann, Heinrich Blücher, einem ehemaligen Kommunisten, verstärkt worden. Durch diesen lernte sie nach eigenen Angaben erst richtig "politisch denken und historisch sehen." 20
14 Vgl. u.a.: Bruehl, (Anm. 7), 139ff; Friedrich Georg Friedmann, Hannah Arendt -Eine deutsche Jüdin im Zeitalter des Totalitarismus, München 1985, 16ff.
15 Über die lebenslange emotionale Beziehung Arendts zu Heidegger vgl.: Elzbieta Ettinger, Hannah Arendt Martin Heidegger, München 1994. Hier besonders: 42ff. Den starken Bruch in ihrem Denken, den die nationalsozialistische Machtergreifung für sie bedeutete, beschrieb sie selbst mit den Worten: "Schließlich schlug mir einer mit einem Hammer auf den Kopf und ich fiel mir auf." Zitiert nach: Heuer, (Anm.9); 29. 16 Vgl.: Friedmann, (Anm. 14), 36. 17 Vgl.: Ebda.
18 Vgl.: Young-Bruehl, (Anm. 7), 250-261. 19 Vgl.: Heuer, (Anm.9), 37.
20 So Arendt in einem Brief an Karl Jaspers vom 29.1. 1946. Zitiert nach: Lotte Köhler/Hans Saner (Hg.), Hannah Arendt /Karl Jaspers - Briefwechsel 1926-1969, München 1993, 67. (im weiteren: Briefwechsel).
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Arbeit zitieren:
Christoph Marx, 1998, Analyse der Totalitarismustheorie von Hannah Arendt, München, GRIN Verlag GmbH
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