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Gliederung: Seite
1. Einleitung 3
2. Zur Funktion der Nebenfiguren im Laufe der Theatergeschichte 4
3. Einteilung des Figureninventars von „Fruen fra havet“ in Haupt- und Nebenfiguren 6
4. Die Charakterisierung der Hauptfigur Ellida durch die Nebenfiguren 8
4.1 Die Charakterisierung Ellidas durch Arnholm, den Hausfreund und Vertrauten 8
4.2 Die Charakterisierung Ellidas durch Bolette: Korrespondenz- und Kontrastrelationen 11
4.3 Die Charakterisierung Ellidas durch Arnholms und Bolettes Verlobung 14
4.4 Die Charakterisierung Ellidas durch den Fremden 18
4.5 Die Charakterisierung Ellidas durch Ballested 21
5. Zusammenfassung 25
6. Literaturangaben 27
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1. Einleitung
Der norwegische Schriftsteller Henrik Ibsen (1828-1906) ist einer der bekanntesten europäischen Theater-Autoren. Er ist ein „Mitbegründer des modernen Dramas (Naturalismus, Symbolismus)“ 1 und übt vor allem in seinen späteren analytischen Dramen wie zum Beispiel „Hedda Gabler“ [1890], „Vildanden“ [1884] oder „Fruen fra havet“ [1888] radikale Gesellschaftskritik 2 .
Henrik Ibsens Drama „Fruen fra havet“ bildet die Grundlage für die vorliegende Untersuchung, die die Funktion der Nebenfiguren in diesem Stück zum Thema hat. Im Rahmen des übergreifenden Seminarthemas „Nebenfiguren in den Dramen Ibsens“ möchte ich mich am Beispiel von vier Nebenfiguren mit der Frage beschäftigen, wie diese die Hauptfigur Ellida Wangel charakterisieren.
Auf Grund der Fülle des Figureninventars - acht Figuren sowie die ebenfalls als „dramatis personae“ aufgeführten, jedoch im Stück nicht näher charakterisierten „turister“, „sommergæster“ und das „unge folk fra byen“ 3 - ist es nicht möglich, in dieser Arbeit alle Nebenfiguren sowie ihre Funktion in Hinblick auf die Charakterisierung der Hauptfigur zu beleuchten. Daher habe ich die Nebenfiguren Arnholm, Bolette, Ballested und den Fremden gewählt, um anhand dieser Vier exemplarisch zu untersuchen, wie Nebenfiguren bei Ibsen eine Hauptfigur charakterisieren können.
Dem Schwerpunkt dieser Arbeit, der Textanalyse an Hand des norwegischen Primärtextes „Fruen fra havet“, sollen zunächst ein allgemeiner Überblick über die Funktion von Nebenfiguren im Laufe der Theatergeschichte sowie eine Einteilung des Figureninventars von „Fruen fra havet“ in Haupt- und Nebenfiguren vorangehen, um Hintergrundwissen über die Dramaturgie von Neben- und Hauptfigur in Theater (und Film) zusammenzutragen. Den Inhalt des Dramas setze ich als bekannt voraus und werde deshalb nicht mehr explizit auf ihn eingehen, sondern nur insoweit, als es die Beschäftigung mit den Figuren erfordert.
1 Großes Lexikon A - Z, ISIS-Verlag, Chur 1996, S. 399.
2 Vgl.: Ebd., S. 399.
3 Ibsen, Henrik: Fruen fra havet, in: Ders.: Samlade Verker 1877-1899, Bd. 3, Oslo 2003, S. 290.
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2. Zur Funktion der Nebenfiguren im Laufe der Theatergeschichte
Zuerst muss die Frage geklärt werden, warum man in der Theater- und Literaturwissenschaft überhaupt Haupt- und Nebenfiguren getrennt voneinander betrachtet. Was unterscheidet diese beiden Figurentypen voneinander?
Nebenfiguren sind laut Kurzdefinition „Den Hauptfiguren zur Seite gestellte Figuren, die oft eher einen dramaturgischen Zweck erfüllen als persönlich plastisch zu werden.“ 4 Eine Nebenfigur ist demnach der Hauptfigur/ den Hauptfiguren in dramaturgischer Hinsicht untergeordnet.
Allgemein lässt sich feststellen, dass - sowohl in der Theater- und Filmwissenschaft als auch in den verschiedenen Philologien - nur wenige wissenschaftliche Abhandlungen existieren, die sich mit den Nebenfiguren in Theaterstücken oder Filmen beschäftigen. Eine Einführung in die Thematik bietet Peter Hartmann, mit Hilfe dessen Text „Zur Dramaturgie der Nebenfigur in Theater und Film“ ich einen kurzen Überblick über die Funktion der Nebenfiguren im Laufe der Geschichte erstellen möchte:
„Die eigentliche Leistung der Nebenfigur besteht in ihrer Ergänzung zum Handlungs- und Figurenpotential der Hauptfigur(en)“ 5 , betont Hartmann.
Das wichtigste Merkmal einer Hauptfigur besteht darin, dass sie stets direkt am zentralen Konflikt des Stückes beteiligt ist. Die Nebenfiguren dagegen „erhalten in der Bewältigung des Zentralkonflikts kein Eigenleben“ 6 . Häufig ist es ein Kennzeichen der Nebenfiguren, dass sie „der Hauptfigur begegnen und von unterschiedlichem Wert für ihren Werdegang sind. 7 “ Betrachten wir die Geschichte der Nebenfigur in der Dramentheorie, fällt auf, dass sich die Merkmale und Funktionen der Nebenfiguren im Laufe der Jahrhunderte leicht gewandelt haben.
In der Poetik des Aristoteles besaß die Nebenfigur kein Eigenleben, sondern war häufig ein „Element der Gegenspielerdramaturgie“ 8 innerhalb des geschlossenen Dramas der Antike. Dies bedeutet, dass die Nebenfiguren entweder der Seite des Protagonisten oder des
4 http://www.li-go.de/definitionsansicht/drama/nebenfiguren.html (Literaturwissenschaftliche Grundbegriffe online, Artikel von Böhm, Elisabeth/ Huber, Martin: Nebenfiguren (18. August 2008)
5 Hartmann, Peter: Zur Dramaturgie der Nebenfigur in Theater und Film, Marburg 2000, S. 1.
6 Hartmann, S. 6.
7 Hartmann, S. 7.
8 Hartmann, S. 10.
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Antagonisten zugeordnet werden können. Der Protagonist vertritt im Antiken Drama stets das göttliche Gesetz („Nomos“), der Antagonist die Selbstgefälligkeit und Überheblichkeit des Menschen gegenüber diesem Gesetz („Hybris“); die Nebenfiguren ordnen sich der einen oder der anderen Seite zu 9 .
Es gab aber auch Nebenfiguren, die außerhalb dieser Gegenspielerdramaturgie auftraten und andere Funktionen inne hatten: Die Nebenfiguren im Antiken Drama konnten zum Beispiel eine Botenfunktion erfüllen, ebenso gab es Sehergestalten 10 und einen Chor. Die Botenfunktion ist meist diejenige, den Hauptfiguren oder einer von ihnen eine Nachricht zu überbringen, kann aber auch in einer Exposition bestehen: Die Nebenfigur spricht zum Publikum, übermittelt ihm Hintergrundwissen zur Vorgeschichte des Dramengeschehens: „sie exponiert in szenisch-narrativer Funktion.“ 11
Die Sehergestalten in den Tragödien der Antike dienten häufig „den Helden zur Beeinflussung und Beratung.“ 12 Dem Chor kam die Funktion zu, Kommentare oder geschichtliche Erläuterungen zum Dramenablauf abzugeben oder den Zuschauern mehr vom Innenleben der auf der Bühne agierenden Figuren zu vermitteln. Diese recht festgelegten Funktionen und „Aufgabenbereiche“ einer Nebenfigur im Antiken Drama begannen, sich in den Tragödien des Shakespeare langsam aufzulösen: Hartmann hebt „die erstmalig vielfältige Nutzung der Nebenfigur durch Shakespeare“ 13 hervor. Als Beispiel wird die Figur des Lorenzo in „Romeo und Julia“ angeführt, der als Nebenfigur für die Hauptfiguren intrigiert, Pläne schmiedet und somit „in intellektuell-stellvertretender Funktion“ 14 für die handlungsunfähigen und unmündigen Hauptfiguren Romeo und Julia handelt.
Die klassische Gegenspielerdramaturgie existiert in den offenen Dramen des Shakespeare nicht mehr. Die Nebenfiguren bei Shakespeare können nun auch von „katalysatorischer
9 Beispiele für Nebenfiguren, die dem Protagonisten beziehungsweise dem Antagonisten zugeordnet werden können, finden sich zum Beispiel in der Tragödie „Antigone“ des Griechen Sophokles. Antigone ist die Protagonistin (Kämpferin für ein Ideal), König Kreon der Antagonist (ihr Gegner). Antigone zugeordnet wird Haimon, der ihr zu Hilfe kommen will und als Märtyrer endet. Auf der Seite Kreons steht die Nebenfigur Ismene, die Antigone ihre Hilfe verwehrt.
10 In „Antigone“ vermittelt der alte Teiresias als Sehergestalt den Willen der Götter.
11 Hartmann, S. 13.
12 Hartmann, S. 13.
13 Hartmann, S. 21.
14 Hartmann, S. 24.
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Wirkung für den inneren Konflikt“ 15 der Hauptfigur sein. Auf diese Funktion einer Nebenfigur werden wir im weiteren Verlauf der Arbeit am Beispiel von „Fruen fra havet“ noch einmal zu sprechen kommen.
Im modernen Drama - einer seiner wichtigsten Vertreter ist Henrik Ibsen - wird die Beziehung zwischen Haupt- und Nebenfiguren komplexer: die beiden Figurentypen sind nicht mehr so einfach voneinander abzugrenzen, da die Nebenfiguren ein eigenes Innenleben haben und verschiedene Funktionen erfüllen können.
Im Absurden Drama des 20. Jahrhunderts schließlich werden die klassischen Theaterstrukturen allesamt verworfen, somit auch die Dramaturgie der Haupt- und Nebenfiguren. Ein gutes Beispiel hierfür ist Samuel Becketts „Warten auf Godot“, in dem die Hauptfigur Godot während des gesamten Stückes abwesend ist. Als eine Grundfunktion der Nebenfigur kann man zusammenfassend die schon zitierte Ergänzung der Hauptfigur durch die Nebenfiguren festhalten. Der Leser oder Zuschauer erfährt durch die Nebenfiguren etwas über die Hauptfigur, das ihm nicht allein durch deren Auftreten vermittelt werden kann.
Man kann es also auch so formulieren, dass - im modernen Drama - die Nebenfiguren zur Charakterisierung der Hauptfigur(en) dienen. Durch den Einsatz unterschiedlicher Nebenfiguren wird der Charakter der Hauptfigur(en) im modernen Drama auf unterschiedliche Weise beleuchtet und dem Leser/ Zuschauer in komplexer Weise zugänglich gemacht.
Wie dies in Ibsens Drama „Fruen fra havet“ geschieht, soll im Folgenden untersucht werden. Zunächst ist es jedoch noch wichtig, zu definieren, welche Figuren des Stückes als Nebenbeziehungsweise Hauptfiguren zu betrachten sind.
3. Einteilung des Figureninventars von „Fruen fra havet“ in Haupt- und Nebenfiguren
Bei der Bestimmung von Neben- und Hauptfiguren ist es unerlässlich, die Position der jeweiligen Figur in Bezug auf den Hauptkonflikt des Stückes zu bestimmen. Der Konflikt von
15 Hartmann, S. 38.
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„Fruen fra havet“ ist ein innerer, psychischer: Ellida Wangel ist eine junge, verheiratete Frau. Sie wuchs am offenen Meer auf, und auch in ihrem jetzigen Leben in einer kleinen norwegischen Küstenstadt fühlt sie eine Sehnsucht, die sie zum Meer und allem, was damit zusammenhängt, zieht. Als Frau des Doktors Wangel ist sie nicht glücklich, sondern von einem Gefühl der Unfreiheit befallen. Ihre fast vergessene Vergangenheit kehrt in Gestalt eines mysteriösen, tot geglaubten Seemannes wieder, mit dem sie einst, vor der Eheschließung mit Wangel, eine mündliche Verlobung eingegangen war und der nun, nach Jahren, zurück kommt, um sie als seine Frau zu sich zu holen. Ellida verspürt die fast unwiderstehliche Verlockung, mit dem Fremden ins Ungewisse aufzubrechen und ihrem vernünftigen, bürgerlichen Dasein den Rücken zuzuwenden. Ellida muss sich zwischen der mythischen und rationalen Welt - letztere wird verkörpert durch ihren Mann Wangelentscheiden.
Das Stück thematisiert den Gegensatz zwischen selbstverantwortlicher Freiheit und Hörigkeit; oder, anders ausgedrückt, die Gebundenheit des Menschen „an die Natur und ihr Zusammenstoß mit der sittlichen Bindung; und die Frage, um die sich das Stück bewegt, lautet: Wie kommt der Mensch beiden gegenüber zur Freiheit?“ 16
Da sich der Konflikt also in Ellida Wangels Innerem abspielt, sind die übrigen Figuren des Stückes als Nebenfiguren anzusehen. Von großer Bedeutung für Ellidas Entwicklung sind Wangel und der Fremde, da sie ja die beiden Pole verkörpern, zwischen denen sich Ellida hin-und hergerissen fühlt. Sie sind jedoch weder direkte Antagonisten zu Ellida noch steht ihre persönliche Entwicklung im Verlauf des Stückes im Vordergrund. Das Hauptaugenmerk des Stückes liegt eindeutig auf Ellida, weshalb ich sie als einzige Hauptfigur von „Fruen fra havet“ einstufe.
Auf vier der Nebenfiguren möchte ich nun exemplarisch näher eingehen und ihre Bedeutung bei der Charakterisierung der Hauptfigur untersuchen. In Hinblick auf die Fachtermini orientiere ich mich an Manfred Pfister („Das Drama“), der die
Figurencharakterisierungstechniken in vier Klassen eingeteilt hat: Er unterscheidet die explizit-figurale, die implizit-figurale, die explizit-auktoriale und die implizit-auktoriale Technik der Figurencharakterisierung. 17
16 Collin, Josef: Henrik Ibsen. Sein Werk - seine Weltanschauung - sein Leben, Heidelberg 1910, S. 514.
17 Vgl.: Pfister, Manfred: Das Drama, München 1988, S. 251 ff.
Arbeit zitieren:
Susanne Hasenstab, 2008, Henrik Ibsens Drama „Fruen fra havet“, München, GRIN Verlag GmbH
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