Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Intermedialität und biblischen Intertextualität in Kai Meyers "Wellenläufer"-Trilogie. Sie analysiert die biblischen intertextuellen Bezüge der Trilogie auf drei Motive (Findelkind, Wasserlaufen, Fischbewohner) unter Verwendung der genettschen Terminologie. Es soll gezeigt werden, dass Meyer nicht an eine originalgetreue Wiedergabe der Intertexte in seinen Werken gebunden ist und biblische Motive zugunsten seiner fantastischen Handlung modifizierte, erweiterte und psychologisierte.
Kai Meyer (geboren 1969), ein deutscher Schriftsteller, Journalist und Drehbuchautor, veröffentlichte von 2003 ("Die Wellenläufer") bis 2004 ("Die Muschelmagier", "Die Wasserweber") seine fantastische über 1000-seitige "Wasserläufer"-Trilogie, die in 25 Sprachen übersetzt wurde. Bisher wurden weder Kai Meyer als Autor noch seine Werke erforscht, allerdings ist das Genre der Phantastik ein umfangreiches Forschungsgebiet der Kinder- und Jugendliteratur.
Als offensichtliche Quellen für die Trilogie dienten griechisch-römische Mythen, Märchen, die Bibel, indische sowie südamerikanische Gottheiten und historische Werke über karibische Piraten und das Erdbeben von 1692 in Port Royal, wobei die Quellen noch im Detail erforscht werden müssten.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung (Autor, Quellen, Forschungsüberblick)
1.1. Zum Medienverbund der Wellenläufer-Trilogie
1.2 Intertextualität nach Genette
2. Biblische Intertextualität
2.1 Die Findelkinder: Moses, Jolly und Munk
2.2 Die Wasserläufer: Jesus, Jolly, Munk, Acherus, Aina, Klabauterherr
2.3 Die Fischbewohner: Jonas, Griffin und der Mönch Ebenezer
3. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die intertextuellen Bezüge der "Wellenläufer"-Trilogie von Kai Meyer zur Bibel. Dabei wird analysiert, wie biblische Motive – konkret das Findelkind, das Über-Wasser-Laufen und der Fischbewohner – in den phantastischen Kontext des Romans übertragen, modifiziert und psychologisiert werden, unter Anwendung der narratologischen Terminologie von Gérard Genette.
- Analyse biblischer Intertextualität in der phantastischen Literatur
- Untersuchung von Figurenkonstellationen als Transformation biblischer Archetypen
- Darstellung der Rolle von Medienverbünden und Grenzüberschreitungen
- Vergleich von Wasser-Metaphorik zwischen biblischen Perikopen und literarischer Fiktion
- Deutung der Motive im Kontext von Kinder- und Jugendliteratur
Auszug aus dem Buch
2.1 Die Findelkinder: Moses, Jolly und Munk
Jolly ist ein Waisenkind, das dem sie erziehenden Piratenkapitän Bannon vertraut, weil er für sie „so etwas wie Vater und Mutter zugleich war, seit er sie als kleines Kind auf dem Sklavenmarkt von Tortuga gekauft und zum Mitglied seiner Crew gemacht hatte.“ (I,10) Später macht sich Jolly Gedanken über ihre Attributierung der Familienrolle: „Sie hatte nie darüber nachgedacht, ob er für sie tatsächlich eine Art Vater gewesen war ‒ sie wusste ja nicht, wie es sich anfühlte, einen Vater zu haben.“ (II,211) Es bleibt offen, ob die erzählte Herkunftsgeschichte des Ziehvaters wahr ist. In Exodus 2,1–10 findet sich das erste, und vielleicht bekannteste, Findelkind der Literatur: Moses. So wie Moses, der auf den Nil in einem „Kästlein von Rohr“ ausgesetzt und von seiner Ziehmutter gefunden wurde, wird Jolly auf dem Wasser in der hölzernen Galionsfigur, auf die sie ihr Ziehvater vermeintlich sterbend hinweist, von Munk gefunden. Als Munk die Galionsfigur entdeckt, wird eine Innenperspektive der Figur geboten, die in der Bibelpassage fehlt: „Munk spürte, wie das Blut schneller durch seine Adern schoss. Erregung packte ihn.“ (I,36) Jolly wird nach ihrer Strandung auf einer Insel von Munk und seinen Eltern aufgenommen. Nachdem Munks Eltern von dem Meeresungeheuer Acherus alias einer ehemaligen Quappe, die der Mahlstrom zu seinem Diener gemacht hat, getötet worden sind, ist nun auch Munk ein Waisenkind, was den beiden Bewegungsfreiheit für ihre Reisen erlaubt. Es ist für die Handlung und Figurenmotivation notwendig, dass Munk und Jolly nicht mehr durch seine Eltern bzw. ihren Ziehvater an die Insel bzw. das Piratenleben gebunden sind.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung (Autor, Quellen, Forschungsüberblick): Das Kapitel führt in das Werk von Kai Meyer ein, skizziert den Medienverbund der Trilogie und erläutert die methodische Grundlage der Untersuchung anhand der Intertextualitätstheorie von Gérard Genette.
1.1. Zum Medienverbund der Wellenläufer-Trilogie: Dieser Abschnitt beleuchtet die verschiedenen medialen Umsetzungen der Reihe, einschließlich Hörbüchern, Hörspielen und Comic-Adaptionen, und ordnet sie als mediale Ergänzungen ein.
1.2 Intertextualität nach Genette: Hier werden die theoretischen Begrifflichkeiten nach Genette dargelegt, insbesondere die Differenzierung zwischen Zitat, Anspielung und Plagiat für die weitere Analyse.
2. Biblische Intertextualität: In diesem zentralen Teil erfolgt die Analyse der Hauptmotive der Trilogie im Vergleich zu biblischen Erzählmustern und deren Modifikation durch den Autor.
2.1 Die Findelkinder: Moses, Jolly und Munk: Das Kapitel untersucht die Motivik der Waisenschaft und des Findelkindes unter Bezugnahme auf die biblische Erzählung von Mose.
2.2 Die Wasserläufer: Jesus, Jolly, Munk, Acherus, Aina, Klabauterherr: Dieser Abschnitt analysiert das Wasserlaufen der Figuren und setzt es in Kontrast zum neutestamentlichen Motiv des Wasserwandelns Jesu.
2.3 Die Fischbewohner: Jonas, Griffin und der Mönch Ebenezer: Das Kapitel befasst sich mit der Jonas-Erzählung und überträgt die Thematik des Verschluckt-Werdens auf die Figuren Griffin und den Mönch Ebenezer im Bauch des Wals.
3. Fazit und Ausblick: Das Fazit fasst die Ergebnisse der intertextuellen Analyse zusammen und weist auf weitere potenzielle Forschungsfelder und Quellen innerhalb der Trilogie hin.
Schlüsselwörter
Kai Meyer, Wellenläufer-Trilogie, Intertextualität, Gérard Genette, Biblische Motive, Moses, Jesus, Jonas, Phantastik, Kinder- und Jugendliteratur, Findelkind, Wasserlaufen, Fischbewohner, Medienverbund, Erzähltheorie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Verwendung biblischer Motive und intertextueller Bezüge in Kai Meyers "Wellenläufer"-Trilogie und analysiert deren Transformation in ein phantastisches Erzählsetting.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Analyse intertextueller Verweise, die Untersuchung phantastischer Figurenkonstellationen sowie der Vergleich narrativer Strukturen zwischen biblischen Vorlagen und der modernen Roman-Trilogie.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, nachzuweisen, dass biblische Motive in der Trilogie nicht originalgetreu wiedergegeben, sondern zugunsten der phantastischen Handlung modifiziert, erweitert und psychologisiert werden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich primär auf die intertextuelle Terminologie nach Gérard Genette sowie narratologische Ansätze wie die Fokussierung.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in drei zentrale Motiv-Analysen: die Figur des Findelkindes (Mose), das Motiv des Über-Wasser-Laufens (Jesus) und das Motiv des Fischbewohners (Jonas).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Intertextualität, Phantastik, Genette, biblische Intertextualität, Medienverbund und literarische Motivik charakterisiert.
Wie unterscheidet sich das Wasserlaufen der Figuren von dem Jesu?
Im Gegensatz zum singulären Wunder Jesu ist das Wasserlaufen in der Trilogie eine wiederkehrende, teils durch Magie erlernbare Fähigkeit, wobei zudem die Innenperspektive der Figuren stärker beleuchtet wird.
Welche Bedeutung hat der Wal "Jasconius" für die erzählte Geschichte?
Der Wal dient als direkte Anspielung auf die biblische Jonas-Geschichte, wird aber durch den Autor um eigene phantastische Elemente sowie eine entscheidende aktive Helferrolle innerhalb der finalen Schlachten erweitert.
- Quote paper
- Alexandra Priesterath (Author), 2020, Intermedialität und biblische Intertextualität in Kai Meyers "Die Wellenläufer"-Trilogie. Von Findelkindern, Fischbewohnern und Wasserläufern, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/984876