Wieso näht man keinen neuen Flicken auf einen alten Mantel und wieso füllt man neuen Wein nicht in alte Schläuche? Welcher inhaltliche Zusammenhang besteht zwischen diesen beiden Gleichnissen und dem Fasten? Waren die Gleichnisse überhaupt ursprünglich an die Fastenfrage angeschlossen? Denn auch ohne Verständnis der Jahrtausende alten Handwerkskünste ist die Inkohärenz offensichtlich.
Die Fragen nach Kohärenz und Bedeutung durchziehen die ganze vorliegende Arbeit. Anhand der Methoden historisch-kritischer Exegese wird der Text der Perikope auf Bearbeitungsstufen und inhaltliche Bedeutungen untersucht. So können eine mögliche früheste Version des Textes und deren möglicher Sinn rekonstruiert werden. Anhand dieser Grundlage können Erweiterungen und Änderungen und deren jeweilige Bedeutung weitgehend erschlossen werden. Mit Hilfe dieser Analysen kann der Text schließlich ausgelegt und können die oben genannten sowie weitere sich ergebende Fragen beantwortet werden.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Textkritik und Übersetzung
2.1 Textkritik
2.2 Übersetzung
3 Textanalyse
3.1 Abgrenzung der Perikope
3.2 Kontextanalyse
3.3 Gliederung
3.4 Sprachlich-syntaktische Analyse
3.5 Semantische Analyse
3.6 Narrative und pragmatische Analyse
4 Quellenkritische Analyse
5 Formkritische Analyse
6 Begriffs- und motivgeschichtliche Analyse
7 Redaktionskritische Analyse
8 Textauslegung
9 Schluss
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Perikope Mk 2,18-22 unter Anwendung historisch-kritischer Exegese, um die ursprünglichen Bearbeitungsstufen, die inhaltlichen Bedeutungen sowie die Intention der markinischen Redaktion zu rekonstruieren und die Frage nach der Kohärenz der darin enthaltenen Gleichnisse zu beantworten.
- Analyse der textkritischen Überlieferung von Mk 2,22
- Untersuchung der strukturellen und sprachlichen Besonderheiten des markinischen Stils
- Synoptischer Vergleich zur Erschließung redaktioneller Akzente und Quellenabhängigkeiten
- Formgeschichtliche Einordnung des Textes als Apophthegma
- Motivgeschichtliche Deutung der Bräutigam-Metapher und des Spannungsfeldes von "alt" und "neu"
Auszug aus dem Buch
2.1 Textkritik
In der handschriftlichen Überlieferung von V. 22 wird neben der Lesart (hier 1. Lesart) ὁ οἶνος απόλλυται καὶ οἱ ἀσκοί auch die Lesart (hier 2. Lesart) ὁ οἶνος ἐκχεῖται καὶ οἱ ἀσκοί ἀπολοῦνται bezeugt (mit Abweichungen). Dieser Abschnitt wurde für die Textkritik ausgewählt, weil die Frage der ursprünglicheren Lesart interessant ist, denn die 2. Lesart ist quantitativ deutlich besser bezeugt und ergibt mehr Sinn: „Der Wein wird verschüttet und die Schläuche werden verderben“; die erste Lesart bezieht das Verderben auf den Wein und ergänzt ohne Verb gleichsam elliptisch „die Schläuche“.
Die 1. Lesart ὁ οἶνος απόλλυται καὶ οἱ ἀσκοί wird nach Nestle28 bezeugt durch den Papyrus P88, den Majuskel-Kodex B (Vaticanus), die Minuskelhandschrift 892 und die bohairische Überlieferung (koptischer Dialekt).
Die 2. Lesart ὁ οἶνος ἐκχεῖται καὶ οἱ ἀσκοί ἀπολοῦνται wird in Anlehnung an den Paralleltext der Synoptiker bezeugt durch die Majuskel-Kodizes א (Sinaiticus), A (Alexandrinus), C (Ephraemi), D (Bezae Cantabrigiensis), K, L, W, Γ, Δ, die Minuskelfamilien f1 (Lake Group) und f13 (Ferrar Group), die Minuskeln 28, 33, 565, 579, 700, 1241, 1424, 2542, mit kleineren Abweichungen die Majuskel Θ und die Lektionatshandschrift l2211, der Mehrheitstext, die Vulgata und ein Teil der altlateinischen Zeugen, die Peschitta und die sahidische Überlieferung (koptischer Dialekt). Die Minuskel 579 weicht durch das Futur Passiv ἐκχυθήσεται vom Präsens Medium/Passiv ἐκχεῖται ab und gleicht damit die Verbform im Tempus an die folgende an; ἐκχεῖται fehlt bei D und allen altlateinischen Zeugen gänzlich, wie in der 1. Lesart bezeugt. Statt der Futur-Medium-Form ἀπολοῦνται enthält W in Anlehnung an die 1. Lesart die Präsensform ἀπόλλυνται, hier jedoch im Plural, da es sich auf die Pluralform ἀσκοί bezieht; ἀπόλλυνται fehlt bei L, wie auch in der 1. Lesart keine Verbform nach ἀσκοί vorhanden ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Einführung in die inhaltliche Fragestellung bezüglich des Fastens und der Gleichnisse in der Perikope.
2 Textkritik und Übersetzung: Untersuchung der handschriftlichen Überlieferung von Vers 22 und Erstellung einer präzisen Übersetzung des Textabschnitts.
3 Textanalyse: Detaillierte strukturelle, sprachliche, semantische und narrative Untersuchung des markinischen Textes.
4 Quellenkritische Analyse: Vergleich der synoptischen Überlieferung zur Ermittlung redaktioneller Bearbeitungen durch die Evangelisten.
5 Formkritische Analyse: Einordnung der Perikope als Apophthegma und Identifikation des ursprünglichen Jesuslogions.
6 Begriffs- und motivgeschichtliche Analyse: Untersuchung des Bräutigam-Motivs und dessen Bedeutung im spätjüdischen Kontext.
7 Redaktionskritische Analyse: Aufzeigen des markinischen theologischen Akzents bezüglich des Gegensatzes von "alt" und "neu".
8 Textauslegung: Synthese der Ergebnisse zur Interpretation der Heilszeit und der Freiheit Jesu.
9 Schluss: Zusammenfassende Betrachtung der Perikope als Aufruf zum Mut und zur Individualität im Kontext von Auseinandersetzungen.
Schlüsselwörter
Markusevangelium, Fastenfrage, Textkritik, Perikope, Apophthegma, Bräutigam, Heilszeit, Redaktionskritik, Gleichnis, Synoptiker, Jesuslogion, Exegese, Pharisäer, Tradition, Metapher
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der exegetischen Analyse der Perikope Mk 2,18-22 und untersucht das darin thematisierte Fastenverhalten und die eingefügten Gleichnisse.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die historisch-kritische Textanalyse, die Untersuchung des markinischen Stils, die Quellenabhängigkeit der Synoptiker sowie die motivgeschichtliche Bedeutung des Bräutigam-Bildes.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Schichtung des Textes zu klären, redaktionelle Änderungen von Markos zu identifizieren und den theologischen Sinngehalt der Passage im Kontext des gesamten Evangeliums zu verstehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird die historisch-kritische Exegese angewandt, inklusive Textkritik, Quellenkritik, Formkritik, redaktionskritischer Analyse sowie semantischer und narrativer Untersuchung.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte sprachliche und strukturelle Analyse, den synoptischen Vergleich, die form- und motivgeschichtliche Einordnung sowie eine abschließende Interpretation der Textauslegung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Markusevangelium, Fastenfrage, Redaktionskritik, Bräutigam, Heilszeit und synoptischer Vergleich charakterisiert.
Warum wird Mk 2,22 als Textbeispiel für die Textkritik herangezogen?
Vers 22 wurde ausgewählt, da die handschriftliche Überlieferung zwei deutlich unterschiedliche Lesarten aufweist, die für das Verständnis der ursprünglichen Fassung und der darauffolgenden redaktionellen Bearbeitung von großer Bedeutung sind.
Welche Rolle spielt die Metapher des Bräutigams in dieser Perikope?
Der Bräutigam dient ursprünglich als Bild für die Freudenzeit der Heilszeit, wird jedoch in der markinischen Redaktion zur christologischen Messias-Metapher erweitert, um die neue, von alten Normen befreite Identität der Jünger zu legitimieren.
- Quote paper
- Janine Müller (Author), 2013, Die Fastenfrage. Eine Exegese von Markus 2, 18–22, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/945385