Bei dieser Hausarbeit zu einem Hauptseminar handelt es sich um die Untersuchung des Phänomens des ,Unzuverlässigen Erzählens' in Bezug auf E. T. A. Hoffmanns ,Der Sandmann'. These der vorliegenden Arbeit ist, dass Nathanael als Erzähler unzuverlässig ist und durch seine psychische Instabilität die Geschehnisse wahrheitsverzerrend aufnimmt. Doch wie der Titel es schon sagt, handelt es sich bei dieser Arbeit nicht nur rein um Nathanaels geistlichen Zustand und seine darauffolgende Erzählung, sondern ebenfalls um die Frage nach der Wahrheit an sich. So werden auch Clara und der namenlose Erzähler im Detail analysiert, um die Frage nach der reinen Wahrheit zu klären. Anhand mehrerer Literaturwissenschaftler und ihren Theorien und Modellen zu der Unzuverlässigkeit eines Erzählers, werden die drei Erzähler gründlichst auf Hinweise und Merkmale der Unzuverlässigkeit untersucht. Schließlich schließt die Hausarbeit mit einer Einschätzung mehrerer Literaturwissenschaftlern zu genau diesem Problem.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
II. Unzuverlässiges Erzählen
II. 1. Verschiedene Theorien
II. 2. Verschiedene Typen
III. Unzuverlässigkeit in E. T. A. Hoffmanns Der Sandmann
III. 1. Erzähltheorie und -Struktur
III. 2. Perspektivenwechsel
IV. Wer sagt die Wahrheit?
V. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Hausarbeit untersucht die Zuverlässigkeit der Erzählinstanzen in E. T. A. Hoffmanns Novelle "Der Sandmann" vor dem Hintergrund narratologischer Theorien. Das primäre Ziel ist es, zu analysieren, ob Nathanael, Clara oder der namenlose Erzähler als vertrauenswürdige Quellen eingestuft werden können, um die Frage zu klären, ob die Ereignisse der Erzählung auf psychischer Labilität beruhen oder eine dämonische Realität darstellen.
- Grundlagen des unzuverlässigen Erzählens nach Booth und Grice
- Narratologische Analyse der Erzählstruktur nach Gérard Genette
- Untersuchung der Perspektiven von Nathanael, Clara und dem namenlosen Erzähler
- Diskussion aktueller literaturwissenschaftlicher Interpretationsansätze
Auszug aus dem Buch
III. 1. Erzähltheorie und -Struktur
Das Erzählwerk wird von narratologischen Theorien in zwei Aspekte eingeteilt: Das Wie und das Was. Da der Aspekt des Was im anschließenden Kapitel in Zusammenhang mit der Unzuverlässigkeit behandelt wird, konzentriert sich dieses Kapitel ausschließlich auf den Aspekt des Wies. Für diese Analyse sind die Parameter eines Diskurses, sowie die Erzählstruktur zuständig. Natürlich gibt es zu diesem Forschungsthema mehrere Wissenschaftler, welche alle zumindest teilweise abweichende Forschungspunkte aufbringen.
Da es nur wenig bringt, Hoffmanns Der Sandmann auf alle möglichen narratologischen Theorien zu prüfen, konzentriere ich mich nur auf die Erzähltheorie von Gérard Genette (1994). Genette teilt seine Erzähltheorie in drei Analysekategorien: Die Zeitgestaltung, der Modus und die Stimme. Die Zeitgestaltung unterteilt Genette erneut in mehrere Kategorien, nämlich in die Kategorien der Ordnung, der Dauer und der Frequenz. Die Ordnung beschäftigt sich mit der Reihenfolge der Erzählung. Mit Bezug auf den Sandmann ist eine anachronische Ordnung festzustellen, da die Geschehnisse in der Novelle keinesfalls chronologisch erzählt werden. So ist zum Beispiel eine Analepse festzustellen, wenn man betrachtet, dass die Novelle mit den Briefen anfängt, welche sich später als Rückwendungen herausstellen.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung führt in die Problemstellung der Zuverlässigkeit des Erzählers ein und definiert die zentrale Forschungsfrage sowie das methodische Vorgehen der Arbeit.
II. Unzuverlässiges Erzählen: Dieses Kapitel erläutert theoretische Konzepte der Unzuverlässigkeit, unterteilt in kognitive und pragmatische Theorien sowie verschiedene Typen der Erzählertätigkeit.
III. Unzuverlässigkeit in E. T. A. Hoffmanns Der Sandmann: Hier erfolgt die praktische Anwendung der Erzähltheorie auf Hoffmanns Novelle durch die Analyse von Struktur und Erzählperspektiven der drei Hauptfiguren.
IV. Wer sagt die Wahrheit?: Das Kapitel diskutiert fünf zentrale literaturwissenschaftliche Deutungsansätze zur Novelle, von psychologischen bis hin zu dämonologischen Interpretationen.
V. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bewertet die verschiedenen Interpretationsmodelle, wobei die Arbeit zur Stützung des dämonologischen Ansatzes neigt.
Schlüsselwörter
Unzuverlässiges Erzählen, Der Sandmann, E. T. A. Hoffmann, Narratologie, Erzählstruktur, Nathanael, Gérard Genette, Psychologie, Dämonologie, Wahrheit, Interpretation, Literaturwissenschaft, Perspektivenwechsel, Faktenbezogene Unzuverlässigkeit, Axiologische Unzuverlässigkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Zuverlässigkeit des Erzählens in Hoffmanns Novelle "Der Sandmann" unter Anwendung narratologischer Theorien.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit fokussiert sich auf Erzähltheorie, Typologien des unzuverlässigen Erzählens und die kontroversen literaturwissenschaftlichen Interpretationsdebatten zum Werk.
Welches Ziel verfolgt die Forschungsfrage?
Ziel ist es zu klären, inwiefern die Wahrnehmung der Ereignisse durch die Figuren als unzuverlässig eingestuft werden muss und welche Deutung der Erzählung am plausibelsten ist.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird eine strukturalistische Analyse nach Gérard Genette vorgenommen und diese mit pragmatischen sowie kognitiven Konzepten zur Erzählerzuverlässigkeit kombiniert.
Was behandelt der Hauptteil?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Erarbeitung von Unzuverlässigkeits-Typen und deren Anwendung auf die konkreten Textstellen und Erzähler des "Sandmanns".
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind unzuverlässiges Erzählen, Narratologie, Dämonologie, psychologische Deutung und die Erzählstruktur nach Genette.
Warum wird Clara als Erzählerin schwer analysiert?
Da Clara keine der Ereignisse direkt miterlebt und ihr Wissen ausschließlich auf Nathanaels Briefen beruht, ist ihre Objektivität schwer einzuschätzen.
Wie bewertet die Autorin den dämonologischen Deutungsansatz?
Die Autorin stimmt der Theorie zu, dass es sich nicht um eine psychische Krankheit Nathanaels handelt, sondern um eine dämonische Geschichte.
Welche Rolle spielt der namenlose Erzähler im Hinblick auf Unzuverlässigkeit?
Die Arbeit deutet an, dass der namenlose Erzähler durch inhaltliche Widersprüche und eine mögliche Verliebtheit in Clara selbst als unzuverlässiger Erzähler fungieren könnte.
Was leistet die Analyse der Zeitgestaltung im Sandmann?
Sie belegt die anachronische Erzählweise, etwa durch Analepsen in den Briefen, die zur Verunsicherung des Lesers über die Chronologie der Ereignisse beitragen.
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- Anissa Werdel (Author), 2020, "Der Sandmann" von E.T.A. Hoffmann. Realität oder Imagination?, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/945037