Diese Arbeit hat zum Ziel das Gleichnis von der königlichen Hochzeit in Kapitel 22 des Matthäusevangeliums zu interpretieren. Inwieweit stellt das Gleichnis von der königlichen Hochzeit eine Verwerfung der Juden dar? Was sagt der Text über Erwählung und Berufung? In dieser Arbeit werden die traditionelle allegorische Auslegung sowie der sozialgeschichtliche Ansatz Luise Schottroffs auf diese Fragen hin näher untersucht. Beide Lesarten werden in einem Vergleich ausgewertet, wobei eine persönliche Stellungsnahme den Abschluss der Arbeit bildet.
Dieses Gleichnis hat eine lange Deutungstradition. Die einleitenden Worte Jesu lauten: "Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem König, der seinem Sohn die Hochzeit ausrichtete" (V 2). Die traditionelle allegorische Auslegung der nachfolgenden Erzählung hat aufgrund der Gewalttätigkeit des Königs viele Fragen aufgeworfen, was das Gottesbild im Neuen Testament betrifft. Wie lässt sich ein strafender, richtender Gott mit dem Gott der Liebe des Neuen Testamentes vereinbaren? Außerdem wurden gerade durch die letzte Passage des Gleichnisses (V 11-13) Ängste vor der Hölle geschürt. Dies geschieht im Besonderen dadurch, dass die Akteure des Geschehens als Allegorie auf bestimmte Gruppen angesehen werden.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Kontext des Gleichnisses
2.1 Sozialgeschichtlicher Kontext des Matthäusevangeliums
2.2 Einordnung in den Textzusammenhang
3 Das Gleichnis in zwei Lesarten
3.1 Sprachlich-narrative Analyse
3.2 Sozialgeschichtliche Analyse
3.3 Analyse des Bedeutungshintergrunds
3.3.1 Der König und seine Gäste
3.3.2 Die Strafaktion des Königs
3.3.3 Das Hochzeitsmahl
3.3.4 Der Gast ohne Hochzeitsgewand
3.3.5 Erwählung und Berufung
3.4 Zusammenfassende Auslegung
3.5 Wirkungsgeschichte
4 Auswertung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Gleichnis von der königlichen Hochzeit (Mt 22,1-14) im Hinblick auf seine Deutungstradition, insbesondere die Frage, ob es als Verwerfung des Volkes Israel zu verstehen ist. Ziel ist es, die traditionelle allegorische Lesart mit dem sozialgeschichtlichen Ansatz von Luise Schottroff kritisch zu vergleichen, um zu klären, welche Bedeutung der Text für Erwählung und Berufung hat und wie sich ein strafendes Gottesbild mit der Verkündigung eines Gottes der Liebe vereinbaren lässt.
- Traditionelle allegorische Auslegung des Gleichnisses
- Sozialgeschichtlicher Ansatz und imperiale Machtstrukturen
- Kritische Auseinandersetzung mit antijudaistischen Deutungstendenzen
- Theologische Analyse von Gericht, Erwählung und individueller Verantwortung
- Vergleich von Matthäus mit den Parallelüberlieferungen (Lukas/Thomas)
Auszug aus dem Buch
3.2 Sozialgeschichtliche Analyse
Der politische Bezug steht im Zentrum der Analyse von Schottroff. Für sie bildet das Gleichnis vom Hochzeitsmahl „imperiale Gastmahlpolitik“ ab.
Die Schlussszene von Mt 22,11-13 verdeutlicht mit ihrem Motiv des Hinauswerfens in die Finsternis die Verbindung von Gewalt und Gastmählern. Damit wird die Praxis von römischen Machthabern thematisiert, ihre Stellung und Autorität während eines Festmahls zur Schau zu stellen und dabei ihren Untergebenen Ehrerbietung abzuverlangen. Schottroff führt das Beispiel des römischen Ritters Pastor an, der beim Festmahl des Kaisers Caligula teilnehmen und dem Kaiser Ehre erweisen muss, obwohl dieser am selben Tag den Sohn des Ritters hatte töten lassen. Die Ablehnung der Erstgeladenen, die einer Stadt vorstehen und somit einen hohen Rang haben, stellt nicht nur eine Kränkung des Königs, sondern auch „politische Auflehnung“ dar.
Laut Schottroff bezieht sich die Einladung der Zweitgeladenen auf die öffentlichen Mahle, die von den Mächtigen Roms für das Volk auf der Straße veranstaltet wurden, um die Massen auf ihre Seite zu ziehen.
Nach Gnilka kann das Motiv des Heulens und Zähneknirschens auch die soziale Schande eines Ausschlusses von einem Gastmahl darstellen.
Die Motive, die im vorliegenden Gleichnis zu finden sind, haben also einen starken Bezug zu dem sozialgeschichtlichen Hintergrund des Gastmahls im römischen Reich.
Das Niederbrennen der Stadt der Erstgeladenen durch den König (22,7) ist Teil einer imperialen Machtstrategie des römischen Reichs. Nach Gnilka ist „[d]ie Aussendung des Heeres gegen eine rebellierende Stadt, die Vernichtung der Bewohner, das Niederbrennen der Stadt“ in der Geschichte des Volkes Israel wiederholt aufgetreten. Jerusalem traf diese Strafaktion im Jahr 70 n. Chr.
Luz geht davon aus, dass der Autor den Vers 7 in das Gleichnis eingefügt hat, um einen Bezug zur Zerstörung Jerusalems im Jahr 70 n Chr. herzustellen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Arbeit definiert das Ziel, das Gleichnis von der königlichen Hochzeit exegetisch zu interpretieren und die Kontroverse um seine allegorische Deutung zu untersuchen.
2 Kontext des Gleichnisses: Hier werden der sozialgeschichtliche Hintergrund des Matthäusevangeliums und die Einordnung der Perikope in den Textzusammenhang beleuchtet, um das Verhältnis der Urchristenheit zum zeitgenössischen Judentum zu klären.
3 Das Gleichnis in zwei Lesarten: Dieser Hauptteil analysiert das Gleichnis sprachlich-narrativ, sozialgeschichtlich und in seinem Bedeutungshintergrund, wobei insbesondere die verschiedenen Interpretationen der Akteure (König, Gäste, Gast ohne Hochzeitsgewand) kontrastiert werden.
4 Auswertung: Es erfolgt eine Zusammenführung der Ergebnisse, wobei kritisch festgestellt wird, dass das Gleichnis eher als Warnung an den Einzelnen denn als pauschale Verwerfung Israels zu deuten ist.
Schlüsselwörter
Gleichnis von der königlichen Hochzeit, Matthäusevangelium, Allegorische Auslegung, Sozialgeschichtliche Analyse, Luise Schottroff, Antijudaismus, Imperiale Machtstrukturen, Gastmahl, Erwählung und Berufung, Zerstörung Jerusalems, Gericht Gottes, Individuelle Verantwortung, Christliche Identität, Exegese, Neues Testament
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit behandelt eine exegetische Analyse des Gleichnisses von der königlichen Hochzeit (Mt 22,1-14) und hinterfragt, wie dieses historisch gedeutet wurde und welche theologischen Aussagen es heute noch trifft.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit fokussiert sich auf das Spannungsfeld zwischen traditioneller allegorischer Auslegung und einer sozialgeschichtlichen Analyse, die den politischen Kontext der römischen Kaiserzeit in den Vordergrund rückt.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu prüfen, inwieweit das Gleichnis als Instrument für eine Verwerfung des Volkes Israel missbraucht wurde und ob eine allegorische Deutung der Gewalttätigkeit des Königs dem Gottesbild des Neuen Testaments gerecht wird.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewandt?
Die Autorin folgt den „Auslegungsschritten“ von Ruben Zimmermann, stellt unterschiedliche Forschungsansätze (u.a. von Luise Schottroff und Ulrich Luz) gegenüber und wertet diese kritisch aus.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine sprachlich-narrative Analyse, die Untersuchung des sozialgeschichtlichen Hintergrunds sowie eine detaillierte Deutung der einzelnen Motive (König, Gäste, Strafaktionen, Hochzeitsgewand) und des Schlussverses.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den zentralen Begriffen zählen das Gleichnis der königlichen Hochzeit, sozialgeschichtliche Analyse, imperiale Machtstrukturen, Antijudaismus sowie die theologische Auseinandersetzung mit Erwählung und individueller Verantwortung.
Warum ist die Unterscheidung zwischen allegorischer und sozialgeschichtlicher Lesart so wichtig?
Die Unterscheidung ist deshalb kritisch, weil die allegorische Lesart oft antijudaistische Tendenzen stützte, während die sozialgeschichtliche Lesart das Gleichnis als politische Kritik an imperialer Gewalt interpretiert.
Welche Rolle spielt der „Gast ohne Hochzeitsgewand“ in der Argumentation der Autorin?
Dieser Gast wird nicht als Allegorie für eine ganze Gruppe, sondern als Aufforderung an den Einzelnen verstanden, die eigene Verantwortung und die persönliche Antwort auf Gottes Ruf ernst zu nehmen.
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- Astrid Biegert (Author), 2018, Das Gleichnis von der königlichen Hochzeit (Mt 22,1-14). Interpretation und Untersuchung von Luise Schottroffs sozialgeschichtlichem Ansatz, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/918444