In dieser Arbeit beschäftigt sich der Autor mit der Konstruktion von Heimat über gustatorische Reize. Kann der Aussage des österreichischen Filmemachers Peter Kubelka zugestimmt werden, der sagt Speisen sind gekochte Heimat? Wie definieren wir unsere persönliche Heimat und welche Rolle spielt dabei das Essen, das wir zu uns nehmen?
Ernährung ist für uns alle die existenzielle Grundlage des Lebens. Das Spektrum, auf das wir dabei zurückgreifen können, ist groß. Ist Essen also das, was alle Menschen der Welt verbindet oder dient es vielmehr dazu, die eigene Identität in Abgrenzung zu anderen zu konstruieren? Nahrungsbedürfnisse gestalten sich weltweit sehr unterschiedlich, sind nicht genetisch bedingt, sondern werden soziokulturell und historisch hervorgebracht. Die kulturelle und soziale Dimension wird von verschiedenen Instanzen wie Wissenschaft, Erziehung, Politik und Ökonomie sowie von sozialen Milieus beeinflusst. Es sind spezifische Gebote und Verbote, die zu Gewohnheiten und schließlich zu ganzen Ernährungsmustern werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Zum Begriff der „Heimat“
3. Effekte gustatorischer Reize
4. Untersuchung zum Zusammenhang von Essen und Heimat
4.1. Essgewohnheit und Erinnerung
4.2. Das Eigene und das Fremde
4.3. Heimweh und Fernweh: die Wirkung des Geschmacks
4.4. Entwurzeltes Essen
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwiefern Heimat als soziales und psychologisches Identitätsgehäuse über gustatorische Reize und Nahrungsaufnahme konstruiert wird. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, wie Menschen durch das Kochen und den Genuss von Speisen in der Fremde oder bei räumlicher Distanz eine Verbindung zu ihrer Heimat herstellen und diese als Identitätsanker nutzen.
- Die soziokulturelle Bedeutung von Essen als soziales Totalphänomen
- Die Rolle von Geruch und Geschmack bei der Entstehung von Erinnerungen und Emotionen
- Die Konstruktion von Heimat und Identität im Kontext von Migration und temporären Auslandsaufenthalten
- Das Spannungsfeld zwischen dem Eigenen und dem Fremden bei der Nahrungsaufnahme
- Die Wirkung von „body memories“ als Brücke zur vergangenen Heimat
Auszug aus dem Buch
4.1. Essgewohnheit und Erinnerung
Geschmacks- und Geruchsinformationen können Erinnerungen auslösen. Oft werden diese schon in der Kindheit gespeichert, aber auch später können bestimmte olfaktorische und gustatorische Reize mit spezifischen Situationen verbunden werden. Erinnerungen an gute Gerüche und Geschmäcke kann uns keiner nehmen, wir können sie versuchen weiter zu geben, aber die spezifischen damit verbundenen Gefühle sind nur uns selbst zu eigen. Filipp, mein erster Interviewpartner kommt aus Bayern. Seine Essgewohnheiten und Lieblingsgerichte verbindet er ganz automatisch mit Heimat. Sie spiegelt sich sozusagen darin wieder:
„Wenn ich Weißwurst esse, also auch wenn ich das in einem ganz anderen Land esse, dann denk ich dabei immer an den Wochenmarkt bei uns in der Stadt und daran wie ich da früher jede Woche mit Oma und Opa hingegangen bin. Die ausgelassene Stimmung, dass man immer Leute trifft und alle sind gut drauf.“
Aber nicht nur typische Speisen aus spezifischen Regionen können ein solches Heimatgefühl hervorrufen. Meine Interviewpartnerin Maria verstand den Heimatbegriff weniger geographisch, sondern verknüpfte ihn mit Personen aus ihrem familiären Umfeld:
„Dieses Heimatsgefühl oder vielleicht auch einfach so Geborgenheit, das habe ich wenn ich Flugentenbrüstchen esse. Da muss ich immer an meine Uroma denken, da haben wir das immer gegessen. Das ist ein schönes Gefühl.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die existenzielle Bedeutung der Ernährung ein und verortet das Essen als soziales Phänomen, das Identität konstruieren und als Brücke zu kulturellen Kontexten dienen kann.
2. Zum Begriff der „Heimat“: Dieses Kapitel erläutert Heimat nicht nur als geographischen Ort, sondern als emotionales Konstrukt, das durch Identitätsbildung, Sozialisation und die Abgrenzung zum ‚Anderen‘ geprägt wird.
3. Effekte gustatorischer Reize: Hier wird die biologische und psychologische Verknüpfung von Geschmack und Geruch mit Erinnerungen, Emotionen und der sogenannten „Essbiographie“ analysiert.
4. Untersuchung zum Zusammenhang von Essen und Heimat: Das Hauptkapitel präsentiert qualitative Interviews, die untersuchen, wie Menschen während Auslandsaufenthalten durch spezifische Speisen ihre Identität wahren und Heimat konstruieren.
4.1. Essgewohnheit und Erinnerung: Fokus auf die individuelle Auslösung von Heimatgefühlen durch Geruchs- und Geschmacksassoziationen aus der Kindheit und dem familiären Umfeld.
4.2. Das Eigene und das Fremde: Untersuchung der Identitätsfindung durch „Othering“ und die Abgrenzung der eigenen Kulinarik gegenüber fremden Essgewohnheiten.
4.3. Heimweh und Fernweh: die Wirkung des Geschmacks: Analyse der lindernden oder aktivierenden Kraft von vertrauten Speisen in Phasen von Sehnsucht während des Aufenthalts in einer fremden Umgebung.
4.4. Entwurzeltes Essen: Betrachtung der Globalisierung von Essgewohnheiten und der Entstehung multikultureller Identitäten, in denen kulinarische Traditionen flexibel kombiniert werden.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Erkenntnisse zusammen und bestätigt, dass Speisen als „gekochte Heimat“ dienen können, die über Erinnerungen und gemeinschaftliches Handeln Identität stiften.
Schlüsselwörter
Heimat, Identität, gustatorische Reize, Essgewohnheiten, Migration, Erinnerung, Geruch, Geschmack, Soziologie, Kulturanthropologie, Heimatgefühl, Nahrung, body memories, Othering, Globalisierung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, wie Menschen über Essen und den Geschmack von Speisen ihre Heimat definieren und konstruieren, insbesondere wenn sie sich in einer fremden Umgebung befinden.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die Soziologie der Ernährung, die anthropologische Bedeutung von Sinneseindrücken sowie die psychologische Verknüpfung von Identitätsbildung mit kulinarischen Traditionen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist zu analysieren, ob Speisen als „gekochte Heimat“ fungieren können und welche Rolle gustatorische Reize bei der Aufrechterhaltung eines Heimatgefühls während temporärer Aufenthalte in anderen Weltregionen spielen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Autorin führt eine qualitativ orientierte Untersuchung durch, basierend auf fünf problemzentrierten Interviews mit Personen, die Erfahrungen mit Auslandsaufenthalten in Deutschland oder Südamerika haben.
Welche inhaltlichen Schwerpunkte werden im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Bereiche: Verknüpfung von Essgewohnheiten mit Erinnerungen, das Spannungsfeld zwischen Eigenem und Fremdem, die emotionale Wirkung von Geschmack bei Heimweh und Fernweh sowie die Rolle von Essen im Kontext globaler Einflüsse.
Welche Begriffe beschreiben die Arbeit am besten?
Wichtige Schlüsselwörter sind Heimat, Identität, gustatorische Reize, body memories und die soziokulturelle Bedeutung der Nahrungsaufnahme.
Wie unterscheidet die Arbeit zwischen Heimweh und Fernweh im Kontext von Essen?
Die Arbeit zeigt, dass Essen sowohl als Trostmittel bei Heimweh fungieren kann, als auch als Mittel, um sich aktiv an ferne Orte (Fernweh) zu erinnern, indem spezifische Geschmäcker wie peruanisches Essen mit positiven Emotionen der Vergangenheit verknüpft werden.
Was bedeutet das Konzept der „liminalen Phase“ in Bezug auf die Untersuchungsergebnisse?
Das Konzept beschreibt den temporären Zustand von Menschen in einer fremden Umgebung, die durch das gemeinschaftliche Kochen und Essen vertrauter Speisen eine Phase der Reintegration erleben, in der sie sich psychisch ihrer Heimat näher fühlen als ihrem physischen Aufenthaltsort.
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- Silvana Vialova (Author), 2018, Heimatgeschmack. Die Konstruktion von Heimat über gustatorische Reize, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/913386