Die Fertigkeiten des Lesens und Schreibens nehmen in unserer Gesellschaft einen besonderen Stellenwert ein. Sie gelten als grundlegende Kulturtechniken und helfen den Menschen, die Anforderungen des alltäglichen Lebens − sowohl im privaten als auch im beruflichen Bereich – zu bewältigen.
Für Lese-Rechtschreibschwierigkeiten gibt es verschiedene Ursachen. Ein besonderes Problem stellt die „Umschriebene Lese- und Rechtschreibstörung“ (Legasthenie) dar, auf welche ich in dieser Arbeit näher eingehen werde. Bei einer Lese-Rechtschreibstörung bestehen ausgeprägte, spezifische Schwierigkeiten, die den Lernprozess des Lesens und Schreibens verzögern bzw. beeinträchtigen. In der „internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten“ (ICD-10), einem international anerkannten Klassifikationssystem der Weltgesundheitsorganisation
(WHO), gilt die Lese-Rechtschreibstörung als eine „umschriebene
Entwicklungsstörung schulischer Fertigkeiten“ (vgl. Warnke, Hemminger, Roth & Schneck, 2002, S. 14).
Erfahrungsgemäß sind die betroffenen Kinder nicht etwa dumm oder faul,
sondern ihre Intelligenz liegt oft sogar weit oberhalb des Durchschnitts und steht in Diskrepanz zu ihren Lese- und Rechtschreibleistungen. Diese Kinder bedürfen einer speziellen Diagnostik und individuellen Förderung (a.a.O., S. 38, 90).
Aber wie kann man den betroffenen Kindern rechtzeitig helfen? Gibt es geeignete Möglichkeiten zur Früherkennung und Frühförderung von Kindern mit Lese-
Rechtschreibstörungen? Mit diesen Fragestellungen werde ich mich im Verlauf der vorliegenden Arbeit auseinandersetzen. Dabei beziehe ich mich vorwiegend auf die Früherkennung und Frühförderung im Vorschulalter sowie in den ersten beiden Jahrgangsstufen der Grundschule.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Beschreibung der Störung
2.1 Begriffsbestimmung und Klassifikation
2.2 Symptome
2.2.1 Frühe Anzeichen vor Beginn der Schulzeit
2.2.2 Symptome der Lesestörung
2.2.3 Symptome der Rechtschreibstörung
2.2.4 Begleitstörungen
2.3 Ursachenannahmen
2.3.1 Besonderheiten visueller Informationsverarbeitung
2.3.2 Besonderheiten akustischer und sprachlicher Informationsverarbeitung
2.3.3 Genetische Einflüsse
2.3.4 Umwelteinflüsse und psychosoziale Faktoren
3 Früherkennung von Kindern mit Lese-Rechtschreibstörungen
3.1 Früherkennung von Kindern mit Risikofaktoren
3.1.1 Die „Differenzierungsprobe“
3.1.2 Das „Bielefelder Screening“
3.2 Differentialdiagnostik im Schulalter durch interdisziplinäre Zusammenarbeit
3.2.1 Anamnese
3.2.2 Untersuchung der Lernvoraussetzungen
3.2.3 Überprüfung der intellektuellen Leistungsfähigkeit
3.2.4 Überprüfung der Lese-Rechtschreibfertigkeit
3.2.5 Körperliche Untersuchung
3.2.6 Einschätzung psychischer Begleitsymptome
3.2.7 Diagnosestellung
3.3 Spezielle Testverfahren zur Früherkennung einer Lese-Rechtschreibstörung
3.3.1 Der „Salzburger Lese- und Rechtschreibtest“
3.3.2 Die „Würzburger Leise Leseprobe“
4 Frühförderung von Kindern mit Lese-Rechtschreibstörungen
4.1 Prävention und Frühförderung vor Beginn der Schulzeit
4.1.1 Hinweise zur frühen Prävention
4.1.2 Das Würzburger Trainingsprogramm „Hören, lauschen, lernen“
4.2 Fördermöglichkeiten und Hilfen im Schulalter
4.2.1 Fördermöglichkeiten und Hilfen im schulischen Bereich
4.2.2 Fördermöglichkeiten und Hilfen im außerschulischen Bereich
4.2.3 Umgang mit den betroffenen Kindern
4.3 Spezielle Förderprogramme zur Behandlung einer Lese-Rechtschreibstörung
4.3.1 Der „Kieler Leseaufbau“
4.3.2 Hinweise auf weitere Verfahren
5 Fazit und Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Möglichkeiten zur Früherkennung sowie zur Frühförderung von Kindern mit Lese-Rechtschreibstörungen (Legasthenie). Das primäre Ziel ist es, den aktuellen wissenschaftlichen Stand zu diagnostischen Verfahren im Vorschul- und Grundschulalter darzustellen und wirksame präventive sowie therapeutische Förderansätze zu erläutern, um betroffenen Kindern rechtzeitig und gezielt zu helfen.
- Grundlagen und Symptomatik der Lese-Rechtschreibstörung
- Verfahren zur Früherkennung und Diagnostik (z.B. Bielefelder Screening, SLRT)
- Präventive Förderprogramme im Vorschulalter
- Schulische und außerschulische Fördermöglichkeiten und Hilfen
Auszug aus dem Buch
2.2.1 Frühe Anzeichen vor Beginn der Schulzeit
Im Kindergarten- und Vorschulalter kann eine Lese-Rechtschreibstörung natürlich noch nicht festgestellt werden, da Kinder in der Regel erst in der Grundschule die Fertigkeiten des Lesens und Schreibens erwerben. Allerdings gibt es häufig bereits vor Schuleintritt Anzeichen, die auf mögliche Schwierigkeiten bzw. Störungen beim Erlernen des Lesens und Schreibens in der Schule hinweisen. Der Bundesverband Legasthenie benennt folgende Risikofaktoren für spätere Schwierigkeiten beim Schriftspracherwerb (vgl. Bundesverband Legasthenie, 1987, S. 8f.; Bundesverband Legasthenie, 1995, S. 5f.; Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie, 2002, S. 3):
− Verzögerte oder gestörte Sprachentwicklung: Im Kleinkindalter begann das Kind auffällig spät zu sprechen und behielt lange die „Babysprache“ bei. Zudem hat es Schwierigkeiten bei der Aussprache und/oder bei der Differenzierung von Lauten. Das Kind lispelt oder ist nicht in der Lage, längere Wörter wie „Feuersalamander“ korrekt nachzusprechen. Es verfügt nur über einen geringen Wortschatz und hat Probleme, Sätze korrekt zu bilden.
− Probleme im Bereich der sprachlichen Informationsverarbeitung: Schwierigkeiten treten im Kindergarten- und Vorschulalter insbesondere beim Silbenklatschen und beim Reimen auf. Außerdem kann sich das betroffene Kind Gedichte und Lieder schlecht einprägen und/oder interessiert sich noch nicht für Buchstaben. Es gibt z.B. auf die Frage „Was hörst du am Anfang von ‚Maus’?“ eine falsche Antwort.
− Motorische Auffälligkeiten und Ungeschicklichkeit: Während der Kleinkindzeit hat das Kind nicht gekrabbelt, sondern nur gerobbt. Es erlernte erst spät das Rollerfahren und hat Schwierigkeiten zu balancieren. Das Kind ist tollpatschig und fällt beim Laufen häufig hin. Das Kind mag nicht gerne malen. Es hat Probleme, eine Schleife zu binden oder sich die Jacke auf- oder zuzuknöpfen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung erläutert die gesellschaftliche Bedeutung des Lesens und Schreibens und führt in das Störungsbild der Legasthenie sowie die Zielsetzung der Arbeit ein.
2 Beschreibung der Störung: Dieses Kapitel definiert die Lese-Rechtschreibstörung, benennt Leitsymptome und geht auf mögliche Ursachen sowie Begleitstörungen ein.
3 Früherkennung von Kindern mit Lese-Rechtschreibstörungen: Hier werden Diagnoseverfahren vorgestellt, die eine Identifikation von Risikokindern im Vorschul- und Grundschulalter ermöglichen.
4 Frühförderung von Kindern mit Lese-Rechtschreibstörungen: Dieses Kapitel widmet sich präventiven Maßnahmen, schulischen sowie außerschulischen Fördermöglichkeiten und speziellen Trainingsprogrammen.
5 Fazit und Schluss: Das Fazit fasst die zentralen Erkenntnisse der Arbeit zusammen und reflektiert die Bedeutung einer fundierten Ausbildung von Lehrkräften im Umgang mit dieser Problematik.
Schlüsselwörter
Lese-Rechtschreibstörung, Legasthenie, Früherkennung, Frühförderung, Diagnostik, Risikokinder, Schriftspracherwerb, Bielefelder Screening, Kieler Leseaufbau, Lautgebärden, Phonologische Bewusstheit, Förderprogramm, Nachteilsausgleich, Grundschule, Pädagogische Psychologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem Störungsbild der Lese-Rechtschreibstörung (Legasthenie) und untersucht, wie man betroffene Kinder durch frühzeitige Erkennung und gezielte Fördermaßnahmen unterstützen kann.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die Definition und Symptomatik der Störung, diagnostische Instrumente zur Früherkennung sowie pädagogische und therapeutische Ansätze zur Förderung im Vor- und Grundschulalter.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Hauptziel ist die Darstellung aktueller wissenschaftlicher Methoden zur Identifikation von Risikokindern und die Erläuterung effektiver Förderprogramme, um den Schriftspracherwerb dieser Kinder zu erleichtern.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer umfassenden Literaturanalyse und stellt den aktuellen Forschungsstand zu diagnostischen Testverfahren und evidenzbasierten Förderprogrammen zusammen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Symptome und Ursachenannahmen, stellt konkrete Testverfahren wie das Bielefelder Screening und den Salzburger Lese- und Rechtschreibtest vor und diskutiert Förderkonzepte wie den Kieler Leseaufbau.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Lese-Rechtschreibstörung, Früherkennung, Diagnostik, Legasthenie-Therapie, Phonologische Bewusstheit und Förderprogramme.
Wie unterscheidet sich eine "Lese-Rechtschreibstörung" von allgemeinen "Lese-Rechtschreibschwierigkeiten"?
Eine Lese-Rechtschreibstörung ist eine umschriebene Entwicklungsstörung, die nicht allein durch allgemeine Intelligenzminderung, mangelnde Beschulung oder körperliche Defekte erklärt werden kann, während Schwierigkeiten auch durch psychosoziale Faktoren oder mangelnden Unterricht entstehen können.
Welchen Zweck erfüllt die interdisziplinäre Zusammenarbeit in der Diagnostik?
Sie dient dazu, eine gründliche Diagnose zu stellen, andere Erkrankungen auszuschließen und eine bestmögliche, individuell abgestimmte Hilfestellung für das Kind zu entwickeln.
Warum ist das "Bielefelder Screening" besonders für den Vorschulbereich relevant?
Es ermöglicht die Identifikation von Kindern mit unzureichenden Voraussetzungen für den späteren Schriftspracherwerb (Risikokinder) bereits vor der Einschulung, was eine frühzeitige, präventive Förderung erlaubt.
Welche Rolle spielen Lautgebärden beim "Kieler Leseaufbau"?
Lautgebärden dienen als Merkhilfe, um die Buchstaben-Laut-Zuordnung im Gedächtnis zu verankern und den Kindern den Erwerb des lautorientierten Lesens zu erleichtern.
- Quote paper
- Sina Wageringel (Author), 2006, Früherkennung und Frühförderung von Kindern mit Lese-Rechtschreibstörungen, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/91087