Die spezifische Erwähnung einer seiner Kurzgeschichten sowie der Vergleich mit einer Figur, die Parallelen zu seinem Leben aufweist, veranlassen zur Annahme, dass Siegfried Lenz das Leben und Werk Stig Dagermans nicht unbekannt waren; eine These, die den Grundstein für die Fragestellung legt, ob und inwiefern weitere Motive aus Stig Dagermans Werk in Lenz’ "Die Klangprobe" aufgegriffen und verarbeitet wurden und welche Auswirkungen sie auf die jeweiligen Erzählungen ausüben. Dabei wird in der folgenden Analyse insbesondere auf die „tre stora existentiella frågorna i Dagermans diktade värld, […] [å]ngest, kärlek och död“, sowie dem Begriff der Freiheit, welcher ebenfalls einen großen Stellenwert in Dagermans Werk einnimmt, der Fokus gelegt.
Für den Vergleich soll Dagermans letzter Roman Bröllopsbesvär (1949) herangezogen werden, welcher, „set in the surroundings of the author’s childhood“, auch viele autobiographische Elemente enthält und als sein wichtigster bzw. persönlichster Roman angesehen wird.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. „Man tager vad man haver“ – Selbstaufgabe und der Schlüssel zur Freiheit
3. Verhöhnung der Selbstsuche in Die Klangprobe
4. Die Symbiose von Leben und Tod – Der Tod als natürliches Phänomen
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht, inwiefern der deutsche Autor Siegfried Lenz in seinem Roman "Die Klangprobe" Motive aus dem Werk des schwedischen Schriftstellers Stig Dagerman, insbesondere aus dessen Roman "Bröllopsbesvär", aufgegriffen und verarbeitet hat, um eine literarische Hommage zu entwerfen.
- Motivische Vergleiche zwischen "Bröllopsbesvär" und "Die Klangprobe"
- Die Philosophie der Akzeptanz: „Man tager vad man haver“
- Existenzielle Themenfelder: Angst, Liebe und Tod
- Die Rolle der Freiheit und Selbstsuche im literarischen Kontext
- Solidarität und Nächstenliebe als Bewältigungsstrategien
Auszug aus dem Buch
4. Die Symbiose von Leben und Tod – der Tod als natürliches Phänomen
Der Tod bildet ein zentrales Motiv in Bröllopsbesvär. Schon im ersten Kapitel des Romans wird über Victor Palm berichtet, der sich selbst als Schnecke bezeichnet, sich freiwillig in das Obergeschoss des Hauses zurückgezogen hat und es nicht mehr verlässt, da er sich vorgenommen hat, auf den Zeitpunkt des Todes zu warten34. Dies steht im Widerspruch zu den ihm so wichtigen verstellten Uhren im Raum, welche als Symbol für sein Festhalten am Leben stehen: Solange diese noch funktionieren, befindet er sich in der Realität und im Leben35, welches Victors Angst vor dem Tod sowie seinen inneren Konflikt bezeugt, noch nicht mit dem Leben abgeschlossen zu haben und den Tod anzunehmen. Erst, nachdem Hildur es durch ihr Weinen angesichts der Hilflosigkeit ihres Vaters schafft, Victors Schutzmechanismus des „Schneckenhauses“ zu erweichen, ihn nach unten führt und über den Tod Kullas unterrichtet, findet sich eine Form des Verständnisses für das Lebensende in Victors Haltung wieder. Am Ende des Romans legt er sich in ein Roggenfeld, „och i denna stund av stilla, intenstiv livskänsla kan han [omsluten av det växande, innesluten i livets famn] äntligen öppna sig också för sin död“36; so kommt er zu dem Schluss, dass man den Tod bei sich trägt, wohin man auch geht und deswegen solche Angst vor sich selbst hat, aber zum Schluss selbst getragen wird und es dankend hinnimmt37.
Die Szene steht paradigmatisch für das Zusammenspiel von Mensch und Natur, von Leben und Tod, welches Dagerman in seinem Werk aufgreift. Erst durch die Konfrontation mit der Vollkommenheit des Lebens wird der Tod als natürliches Phänomen bzw. natürlicher Vorgang anerkannt. Diese Auffassung manifestiert sich durch einen der abschließenden Sätze in Bröllopsbesvär: „I livet sover döden och i döden livet“38. Leben und Tod sind Teil eines Kreises und bilden eine Symbiose.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung stellt die Forschungsfrage nach den motivischen Parallelen zwischen Siegfried Lenz' "Die Klangprobe" und dem Werk von Stig Dagerman vor.
2. „Man tager vad man haver“ – Selbstaufgabe und der Schlüssel zur Freiheit: Dieses Kapitel analysiert das zentrale Leitmotiv des Arrangierens mit dem Gegebenen als Ausdruck von Freiheit und Selbstaufgabe in Dagermans "Bröllopsbesvär".
3. Verhöhnung der Selbstsuche in Die Klangprobe: Hier wird untersucht, wie Lenz die in Kapitel 2 erörterten Motive in "Die Klangprobe" aufgreift, wobei er sich kritisch mit der individuellen Selbstsuche auseinandersetzt.
4. Die Symbiose von Leben und Tod – Der Tod als natürliches Phänomen: Dieses Kapitel vergleicht die Darstellung des Todes bei Dagerman und Lenz als natürlichen, in das Leben eingebetteten Prozess.
5. Fazit: Die Arbeit schließt mit der Feststellung, dass "Die Klangprobe" als bewusste Hommage an Stig Dagerman gelesen werden kann.
Schlüsselwörter
Siegfried Lenz, Stig Dagerman, Die Klangprobe, Bröllopsbesvär, Motivvergleich, Literaturwissenschaft, Existentialismus, Freiheit, Tod, Nächstenliebe, Selbstaufgabe, Intertextualität, Skandinavische Literatur, Schicksal, Lebensphilosophie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert motivische Ähnlichkeiten und die literarische Bezugnahme zwischen Siegfried Lenz' Roman "Die Klangprobe" und Stig Dagermans Werk, primär dessen Roman "Bröllopsbesvär".
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind die existenzielle Auseinandersetzung mit Freiheit, die Bedeutung von Selbstaufgabe, das Motiv des Todes als natürlicher Prozess und die Rolle der Solidarität unter Menschen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, nachzuweisen, dass Siegfried Lenz bewusst Motive von Stig Dagerman verarbeitet hat, was als eine Form der literarischen Hommage verstanden werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um einen komparativen Literaturvergleich, bei dem Textstellen beider Autoren gegenübergestellt und auf gemeinsame Motivik hin untersucht werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Freiheitsphilosophie ("Man tager vad man haver"), die kritische Betrachtung der individuellen Selbstsuche in "Die Klangprobe" sowie die Untersuchung der Symbiose von Leben und Tod.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere die genannten Romantitel, die existenzialistischen Grundfragen nach Angst, Liebe und Tod sowie der Begriff der Hommage.
Was bedeutet das Zitat „Man tager vad man haver“ im Kontext der Arbeit?
Es beschreibt die Lebensphilosophie, sich mit den gegebenen, oft einschränkenden Lebensumständen zu arrangieren, anstatt an unerreichbaren Idealen zu verzweifeln.
Wie unterscheidet sich die Auffassung von „Gleichmut“ bei Lenz von Dagermans Philosophie?
Während Dagerman die Akzeptanz des Gegebenen als Quelle für Lebensfreude betrachtet, ist der Gleichmut bei Lenz' Figur Jan Bode eher von einer tiefen Melancholie geprägt.
- Quote paper
- Franziska Schröter (Author), 2018, Hommage oder Kontrast? Ein motivischer Vergleich zwischen Stig Dagermans "Bröllopsbesvär" und Siegfried Lenz’ "Die Klangprobe", Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/906248