Die Arbeit verfolgt das Ziel, die Commedia dell’arte in Büchners Woyzeck darzustellen und deren Funktion für die Handlung des Dramas Woyzeck zu erkennen. Dazu wird zunächst einmal die Entwicklung der Commedia dell’arte betrachtet – was diese Form des Theaters ausgemacht hat und auch heute noch charakterisiert, wie die Wandertruppen das Theater der umliegenden europäischen Länder beeinflusst haben und warum die ursprüngliche Form der Commedia nach einiger Zeit ausgestorben ist.
Anschließend wendet sich die Argumentation dem Drama Büchners zu und erkundet die Gemeinsamkeiten mit der Commedia dell’arte – hat Büchner bewusst Aspekte dieser Theaterform übernommen und welche Ziele verfolgte er damit? Gegliedert in die Themenbereiche Gesellschaftskritik, Historizität und Groteske lassen sich die Funktionen der Commedia dell’arte-Übernahmen erkennen und analysieren. Zuletzt wirft die Argumentation noch einen Blick auf die Woyzeck-Inszenierung von Mario Holetzeck, welche im Jahr 2012 unter dem Namen Woyzeck & Marie uraufgeführt wurde, um zu beobachten, wie diese Aspekte der Commedia auf der Bühne funktionieren, beziehungsweise wirken können, wenn man sie einzusetzen weiß.
In seinem Dramenfragment Woyzeck setzt Georg Büchner zum Teil prototypische Charaktere der Commedia dell’arte ein, die schon zur Zeit der Wandertruppen genutzt wurden, um gesellschaftliche Missstände anzuprangern. Auch in Büchners Werk dienen sie zur Veranschaulichung der Machtverhältnisse zur Zeit des Vormärzes und zeigen die kaltherzige Ausnutzung des armen Volkes sowie deren Folgen. Mario Holetzeck baut in seiner Inszenierung des Fragments ebenso auf diese Funktion, jedoch baut er andere Aspekte der Commedia dell’arte aus.
Die Commedia dell’arte, eine Theaterform des 16. Jahrhunderts aus Italien, welche sich durch Wandertruppen in ganz Europa verbreitet hat, beeinflusst seit ihrer Begründung die Bühnen Europas und der Welt. Sie unterschied sich besonders durch die Verwendung von Masken, die feste Charakterrollen repräsentierten, sowie durch Improvisation und Groteske von anderen Theaterformen vor ihr. Im Fokus dieser Arbeit steht Büchners Dramenfragment Woyzeck aus dem Jahre 1836, welches auch nahezu drei Jahrhunderte nach der Begründung der Commedia dell’arte noch Aspekte ebendieser aufweist und Büchner diese zu seinen zum Teil ganz eigenen Zwecken nutzt.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
I. Die Commedia dell’arte und ihr Einfluss auf das europäische Theater
II. Büchners Woyzeck und die Commedia dell‘arte
1. Nutzung von Charaktermasken zur Gesellschaftskritik
2. Historische Bezüge
3. Körperlichkeit und derbe Sprache
III. Büchners Woyzeck als Commedia dell’arte – ein Blick auf Mario Holetzecks Inszenierung Woyzeck & Marie
1. Slapstick, Groteske, Obszönitäten
2. „Wer hat das getan?“ – Die Bestrafung der eigentlichen Täter im Mordfall und Woyzecks Sieg über das System
IV. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Einflüsse und Übernahmen aus der Commedia dell’arte in Georg Büchners Dramenfragment "Woyzeck" sowie deren funktionale Bedeutung für die Handlung und die Gesellschaftskritik. Zudem wird analysiert, wie diese Aspekte in Mario Holetzecks Inszenierung "Woyzeck & Marie" (2012) konsequent auf die Bühne übertragen und weiterentwickelt werden.
- Einsatz von Charaktermasken zur Kritik gesellschaftlicher Machtverhältnisse
- Verarbeitung historischer Realität und aktueller politischer Bezüge
- Bedeutung von Körperlichkeit, Groteske und obszöner Sprache
- Inszenierungsanalyse von Mario Holetzecks "Woyzeck & Marie" als Commedia dell’arte
Auszug aus dem Buch
1. Nutzung von Charaktermasken zur Gesellschaftskritik
Betrachtet man Büchners gesellschaftskritisches Dramenfragment Woyzeck vor dem Hintergrund der Commedia dell’arte sowie ihrer Masken und Charaktere, so fällt doch vor allem eins direkt ins Auge: Einige der auftretenden Personen haben gar keine Namen. Sie besitzen lediglich Rollenbezeichnungen. Bezeichnungen, die ihren Stand in der Gesellschaft verdeutlichen und ihre Macht in ebendieser beschreiben, ihnen aber auch jede Individualität nehmen. Die Charaktere Hauptmann, Doktor und Tambourmajor stehen lediglich für Personen ihres Ranges und könnten jederzeit ausgetauscht werden. Sie sind eher zweidimensionale Figuren, denen die Tiefe fehlt, während der Leser, beziehungsweise Zuschauer, die Beweggründe des Protagonisten Woyzeck für sein Handeln erfährt und nachvollziehen kann, wie es zum Mord an Marie kommen konnte. Auch wenn Büchner hier keine physischen Masken verwendet, so dienen doch die prototypischen Rollen als Charaktermasken, die im Publikum Assoziationen hervorrufen und etwaige Vergleiche zu den höheren Ständen in der Gesellschaft anregen sollen. Auffällig ist auch, dass die maskierten Figuren Nebenrollen bekleiden, wie es bei entlehnten Charakteren aus der Commedia dell’arte in der Literatur häufig der Fall ist.
Sinn macht dies in der Hinsicht, dass die Protagonisten der Handlung im besten Fall Figuren mit mehr Tiefe sind, in die sich das Publikum besser einfühlen kann. Die präsentierte Lächerlichkeit der Commedia-dell’arte-Figuren hingegen soll eher dazu bewegen, die dargestellten gesellschaftlichen Stände, selbst wenn man persönlich dazugehört, mit einer gewissen Distanz zu betrachten und ihre Position zu hinterfragen.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die Theaterform Commedia dell’arte und die Zielsetzung der Untersuchung hinsichtlich des Einflusses auf Büchners Woyzeck.
I. Die Commedia dell’arte und ihr Einfluss auf das europäische Theater: Historische Herleitung und Charakteristika der Commedia dell’arte als Wandertheater und Improvisationskunst.
II. Büchners Woyzeck und die Commedia dell‘arte: Analyse der übernommenen Elemente wie Charaktermasken, historische Bezüge und derbe Sprache im Hinblick auf ihre gesellschaftskritische Funktion.
III. Büchners Woyzeck als Commedia dell’arte – ein Blick auf Mario Holetzecks Inszenierung Woyzeck & Marie: Untersuchung der Umsetzung als Gesamtkunstwerk unter Einbeziehung von Slapstick, Maskenspiel und moderner Regieentscheidungen.
IV. Fazit: Zusammenfassende Betrachtung der Funktionen der Commedia-Elemente in Drama und Inszenierung sowie Ausblick auf weitere Werke Büchners.
Schlüsselwörter
Woyzeck, Georg Büchner, Commedia dell’arte, Gesellschaftskritik, Charaktermasken, Improvisation, Körperlichkeit, Groteske, Mario Holetzeck, Woyzeck & Marie, Maskenkomödie, Theatergeschichte, Literaturanalyse, Vormärz, Inszenierung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Verbindung zwischen der historischen Theaterform der Commedia dell’arte und Georg Büchners Dramenfragment Woyzeck sowie dessen moderner Umsetzung in Mario Holetzecks Inszenierung.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die Verwendung von Charaktermasken zur Gesellschaftskritik, die Integration historischer Ereignisse, der Einsatz von Körperlichkeit und Obszönität sowie die spezifische Bühnenästhetik der Commedia.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die Übernahmen aus der Commedia dell’arte bei Büchner zu identifizieren und zu analysieren, welche Funktion diese für die Handlung und die Vermittlung sozialkritischer Inhalte im Drama einnehmen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literatur- und theaterwissenschaftliche Analyse, die den Primärtext mit theatergeschichtlicher Sekundärliteratur vergleicht und eine spezifische Bühneninszenierung interpretativ einbezieht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Charaktermasken (Hauptmann, Doktor, Tambourmajor), historische Bezüge (Ernährungsexperimente, Mordfall Woyzeck) und die Analyse der Inszenierung von Mario Holetzeck.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Gesellschaftskritik, Commedia dell’arte, Woyzeck, Charaktermasken, Groteske und Inszenierungsanalyse geprägt.
Wie unterscheidet sich die Inszenierung "Woyzeck & Marie" vom Originaltext?
Holetzeck radikalisiert die im Text angedeuteten Elemente wie Slapstick und Obszönität und verändert das Ende, indem er Woyzeck zum Sieg über die Unterdrücker führt.
Warum fungiert der Doktor als Beispiel für die Commedia-Figur?
Er repräsentiert den Dottore durch pseudointellektuelle Rhetorik, fachliche Inkompetenz und seine dehumanisierende Behandlung von Probanden als reine Untersuchungsobjekte.
- Arbeit zitieren
- Lisa-Sophie Roth (Autor:in), 2019, Das Drama "Woyzeck" von Georg Büchner. Formen und Funktionen der Commedia dell'Arte, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/903497