Wenn von ,,Stoffgeschichte‘‘ die Rede ist, dann ist damit eine Auseinandersetzung mit historisch tradierten, immer wiederkehrenden und in Variation erscheinenden literarischen Stoffen gemeint, deren Entstehung und Veränderung im Hauptaugenmerk der Forschung zirkuliert. Als Boccaccio zwischen 1348 und 1353 seinen Novellenzyklus "Das Dekameron" auf italienischer Sprache verfasste, der im Jahre 1470 erstmals gedruckt wurde, brachte er den Stoff der geduldigen, duldsamen Griselda erstmals zu Papier.
Die Erzählung der Griselda macht das Thema „Stoff“ in mehreren analytischen Ansätzen fruchtbar; sie ist der, zumindest schriftlich überlieferte, Ursprungsort für alle weiteren Griselda-Variationen des Stoffes. Daneben wird stoffliche Präsenz im wahrsten Sinne thematisch behandelt; der Tausch ihrer bäuerlichen Kleider mit der höfischen Tracht ist textile Stoffverarbeitung, die die Erzähltradition als Motiv immer wieder aufgreift. Textile Tauschgeschäfte sind Anlass einer Auseinandersetzung mit dem Motiv des Kleidertausches der mittelalterlichen Epik, die vor allem in dem literarischen Gegenstand des Geschlechtertauschs auftaucht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitende Bemerkung
2. Stoffgeschichte Griselda
2.1 Die Anfänge: Boccaccio und Petrarca
2.2 Deutschsprachige Variationen
2.3 Nachfolgende Adaptionen
3. Kleidertausch im Mittelalter
3.1 Kleidertauschszenarien bei Griselda und Grisardis
3.1.1 Wahl der Ehefrau und Kleidertauschabsichten
3.1.2 Heiratsantrag, Vermählung und Kleidertausch
3.1.3 Griseldas Verstoßung und erneuter Kleidertausch
4. Der Stoff des Kleidungstauschs in Variation: Geschlechtertausch
5. Fazit
6. Literatur- und Quellenverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Polysemie des Wortes "Stoff" im Kontext der Griselda-Erzählung und analysiert, wie textile Tauschgeschäfte als Motive innerhalb der mittelalterlichen Epik fungieren. Dabei liegt der Fokus auf der Verknüpfung von Kleidertausch mit Status- und Geschlechterrollen sowie der Frage, ob diese Transformationen zur Selbstermächtigung oder zur Verfestigung gesellschaftlicher Normen beitragen.
- Stoffgeschichte der Griselda von Boccaccio bis zu frühen deutschen Adaptionen
- Die Funktion des Kleidertauschs als Investitur und soziale Markierung
- Vergleichende Analyse der Griselda-Figur bei Boccaccio und Erhart Grosz
- Der literarische Motivkomplex des Geschlechtertauschs im Mittelalter
- Das Spannungsfeld zwischen individueller Charakterstärke und gesellschaftlicher Determinierung
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Wahl der Ehefrau und Kleidertauschabsichten
Bei Boccaccio erfährt der Leser, dass der Markgraf mit Griseldas Vater die Heirat beschlossen hat, er lässt „[…] eine Menge schöner und reicher Kleider nach dem Maße eines Mädchens zuschneiden, das ihm von der gleichen Gestalt zu sein schien wie die Jungfrau, die er zu heiraten beschlossen hatte.‘‘47 Griseldas bäuerliches, armes Erscheinungsbild ist also von Anfang Ziel eines (textilen) Eingriffs. Sie soll der adeligen Gesellschaft, in die sie eintritt äußerlich ähneln, dabei werden allerdings nicht ihre Maße, also ihre eigene Konstitution und Körperlichkeit beachtet, sondern die einer von ähnlicher körperlicher Form erscheinenden Frau. Diese auferlegte „Schablone“ kann durchaus als Forderung an Griselda verstanden werden. Sie deutet aber auch eine Austauschbarkeit der Frauen an, ein Vorwurf, den Griselda durch ihr Verhalten innerhalb ihrer Ehe zurückweisen kann. Diese Austauschbarkeit, oder vielmehr Gleichheit der Frauen ist es, die den Markgraf zunächst von einer Ehe abhält, er fürchtet ein unglückliches Eheleben zu führen: ,,[…] welch trauriges Leben der führe, der auf eine Gattin trifft, die nicht zu ihm paßt.‘‘48 Bei Grosz verhält sich die Situation ähnlich, auch der namenlose Graf entscheidet aus der sicheren, unkommunikativen Distanz wer seine Ehefrau sein soll, seinem Schneider trägt er auf Kleider für seine Auserwählte zu nähen, welche genau „[..]nach dem [ihrem] leib[…]“49 gestaltet werden soll. Durchaus möglich, dass er damit ein spezifizierte, nicht willkürliche Auswahl trifft und sich der Person Grisardis eher annimmt. Beide männlichen Protagonisten jedoch orientieren sich an Griseldas Aussehen, dass, ungeachtet ihrer ärmlichen Kleider, einen positiven Eindruck bei den Ehemännern hinterlässt: „So begegnet uns bei der dichterischen Personenbezeichnung häufig der Fall, daß sich ein einwandfreier Charakter unter einem schlechten Kleid verbirgt, d.h Diskordanzen zwischen Kleid-, Körper- und Charakterschilderungen auftreten, die mit dem Begriff der ,verdeckten Schönheit‘ umschrieben werden können.“50 Eben jene Schönheit scheint bei Grosz‘ Grisardis geradezu übernatürlich auf den Markgrafen zu wirken: „[…] und wen er sie sach, so meint er, er seh ein engel.“51
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitende Bemerkung: Einführung in die stoffgeschichtliche Rezeption von Boccaccios Griselda-Novelle und Definition des Fokus auf textile Tauschmotive.
2. Stoffgeschichte Griselda: Skizzierung der Verbreitung des Griselda-Stoffes von Boccaccios italienischer Urfassung über Petrarcas lateinische Übersetzung bis hin zu frühhumanistischen deutschen Bearbeitungen.
3. Kleidertausch im Mittelalter: Untersuchung der Kleidung als zeichentheoretisches Mittel in der mittelalterlichen Epik und detaillierte Analyse der Kleidertauschszenarien bei Boccaccio und Erhart Grosz.
4. Der Stoff des Kleidungstauschs in Variation: Geschlechtertausch: Analyse der Transgression von Geschlechtergrenzen in der Literatur, insbesondere durch "cross-dressing" und die Rolle gesellschaftlicher Sanktionen.
5. Fazit: Zusammenfassende Bewertung, dass textile Transformationen primär die Determiniertheit der literarischen Figuren verdeutlichen und weniger der tatsächlichen individuellen Emanzipation dienen.
6. Literatur- und Quellenverzeichnis: Auflistung der verwendeten Forschungsliteratur sowie der digitalen und gedruckten Primär- und Nachschlagewerke.
Schlüsselwörter
Griselda, Boccaccio, Stoffgeschichte, Kleidertausch, Mittelalter, Geschlechtertausch, Literaturanalyse, textile Stoffverarbeitung, Identität, höfische Kultur, Transformation, Investitur, Tugend, Gender, Rezeptionsgeschichte
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die literarische Bedeutung von Kleiderwechseln und Kleidertauschmotiven innerhalb der Griselda-Erzählung und verwandter mittelalterlicher Stoffe.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Zentrum stehen die Stoffgeschichte der Griselda, die symbolische Bedeutung von Kleidung als Indikator für sozialen Status sowie die literarische Inszenierung von Geschlechterrollen durch Kleidungstausch.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Kleidertausch in der mittelalterlichen Literatur als Mittel zur Dynamisierung sozialer Grenzen eingesetzt wird, letztlich aber häufig die gesellschaftliche Determinierung der Figuren bestätigt.
Welche wissenschaftlichen Methoden kommen zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt die literaturwissenschaftliche Erzähltextanalyse und vergleicht verschiedene Versionen des Griselda-Stoffes, ergänzt durch kulturgeschichtliche Kontexte.
Was wird im Hauptteil der Arbeit analysiert?
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit den Textfassungen von Boccaccio und Erhart Grosz und untersucht die Funktion des Kleidertauschs bei der Brautwerbung sowie bei der Verstoßung der Protagonistin.
Welche Schlagworte charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Stoffgeschichte, Kleidertausch, Geschlechtertausch, Identität, soziale Determinierung und höfische Identitätskonstruktion.
Wie unterscheidet sich die Rolle des Vaters bei Erhart Grosz gegenüber Boccaccio?
Bei Grosz agiert der Vater wesentlich aktiver und verbal präsenter, wobei er eine christlich geprägte Rolle als beschützender "Gottvater" einnimmt, was der Griselda-Figur eine stärkere Eigenständigkeit verleiht.
Warum wird Griselda im Verlauf der Erzählung wiederholt verkleidet?
Die Kleiderwechsel dienen als symbolische Markierung ihres sozialen Standes und sollen ihre Tugendhaftigkeit, aber auch ihre fortwährende Unterordnung unter die Erwartungen des Adels und des Ehemannes unterstreichen.
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- Hannah Grünewald (Author), 2017, Buchstäblich: Stoffgeschichte. Textile und textuelle Stoffverarbeitung von Boccaccios "Griselda", Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/887210