Meine Arbeit beschäftigt sich mit der Analyse
und dem Vergleich der geographischen Räume in Lev
Tolstojs vierbändigem Roman "Krieg und Frieden" und in Theodor Fontanes ebenfalls vierbändigem Roman "
Vor dem Sturm" Dabei interessieren mich vor allem die Auswahl der beschriebenen geographischen Räume, ihre Darstellung und ihre Funktion im jeweiligen Werk. Es soll vor Allem gezeigt werden, dass auch in der realistischen Literatur geographische Räume unter Anderem dazu dienen, ganz bestimmte Inhalte, Ideen und Ideologien zu transportieren. Als besondere Implikation kommt hinzu, dass beide untersuchten Romane einen sehr bekannten historischen Abschnitt der europäischen Geschichte als Hintergrund und als Thema ihrer Handlung benutzen. Natürlich reflektieren die geographischen Räume die Historizität von "Krieg und Frieden" und von "Vor dem Sturm", aber auch historische Räume haben in der Literatur besondere Funktionen außer derjenigen, historisch zu sein.
Inhaltsverzeichnis
I Konzeption des Raumes
1 Raum und Zeit in Kunst und Literatur
2 Realistische Literatur des 19. Jahrhunderts
3 Räume in der realistischen Literatur
4 Geographische Räume
II Analyse und Vergleich der Darstellung und Funktion der geographischen Räume in „Krieg und Frieden“ und in „Vor dem Sturm“
5 Darstellung und Funktion historischer und nationaler geographischer Räume im Kontext von Krieg und Besetzung
5.1 Krieg als Verletzung des nationalen Raumes
5.2 Besetzung als Sakrileg, Erniedrigung und Schande
5.3 Umbruch
6 Darstellung ethnisch-nationaler Wesensmerkmale in Verbindung mit dem nationalen geographischen Raum und in Abgrenzung zu anderen Völkern
6.1 Verbindung mit der Transzendenz
6.1.1 Ost und West
6.1.2 Moskau und Petersburg
6.2 Kontinuität
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel, die Darstellung und Funktion geographischer Räume in Lew Tolstojs „Krieg und Frieden“ sowie Theodor Fontanes „Vor dem Sturm“ vergleichend zu analysieren. Dabei wird untersucht, wie geographische Räume in der realistischen Literatur nicht nur als Handlungsorte dienen, sondern historisch, national und ideologisch aufgeladen werden, um Identität und politische Konzepte zu vermitteln.
- Konzeptualisierung von Raum und Zeit im Kontext der realistischen Literatur des 19. Jahrhunderts.
- Analyse historischer Räume als Schauplätze von Krieg, Besetzung und nationaler Krise.
- Untersuchung der ideologischen Aufladung von Territorien und deren Bedeutung für die nationale Selbstidentifikation.
- Vergleich der spezifisch russischen und preußischen Perspektiven auf die Verbindung von Raum, Religion und nationalem Wesen.
- Rolle des geographischen Raumes bei der Darstellung von gesellschaftlichen Umbrüchen und der Kontinuität von Traditionen.
Auszug aus dem Buch
Raum und Zeit in Kunst und Literatur
Kunst ist ein wichtiger, wenn nicht gar daseinsbestimmender Bestandteil des menschlichen Lebens. Meist wird jedoch eine Unterscheidung zwischen der Wirklichkeit des Lebens und Kunst dabei als etwas Sekundäres eingestuft. Spätestens seit Platons und Aristoteles´ Definition gilt sie in der europäischen Kultur weitestgehend als die Nachahmung der Wirklichkeit. Platon sieht den Begriff der Nachahmung und die Kunst allgemein als negativ. Aristoteles jedoch betont die reinigende, kathartische, Wirkung, die Kunst, und vor allem das Drama, auf die Psyche des Menschen haben kann. Allerdings muss sich der Mensch mit dem Dargestellten identifizieren, damit diese Wirkung eintreten kann. Deshalb sollte das Dargestellte so weit wie möglich der Realität nachempfunden, also so mimetisch wie möglich, sein. Das Kunstwerk muss dem Rezipienten die Illusion einer Wirklichkeit vermitteln. Um das zu leisten, muss es zunächst die Grundlagen der menschlichen Wahrnehmung, vermittelst derer seine Umwelt und sich selbst (re)konstruiert, reproduzieren. Zwei der wichtigsten dieser Grundlagen sind der dreidimensionale Raum und die Zeit, die anhand der Bewegung innerhalb dieses Raumes für den Menschen spürbar wird. Dabei sind Raum und Zeit untrennbar miteinander verbunden, denn in der menschlichen Vorstellung ist kein Raum ohne Bewegung und folglich ohne Zeit und keine Bewegung ohne Raum möglich.
Zusammenfassung der Kapitel
I Konzeption des Raumes: Theoretische Einführung in das Verständnis von Raum, Zeit und deren Bedeutung in der Kunst sowie eine Definition des Realismusbegriffs des 19. Jahrhunderts.
1 Raum und Zeit in Kunst und Literatur: Diskussion der philosophischen Grundlagen über die Nachahmung der Wirklichkeit und die essenzielle Verknüpfung von Raum und Zeit für die menschliche Wahrnehmung.
2 Realistische Literatur des 19. Jahrhunderts: Untersuchung des Realismusbegriffs und der Herausforderung, Wirklichkeit wahrheitsgetreu in literarischen Texten abzubilden.
3 Räume in der realistischen Literatur: Analyse, wie Räume als fiktive Konstruktionen fungieren, um Realitätseffekte zu erzeugen und die Handlung zu strukturieren.
4 Geographische Räume: Betrachtung des geographischen Raumes als Träger ideologischer und nationaler Konzepte sowie als Identitätsfaktor.
II Analyse und Vergleich der Darstellung und Funktion der geographischen Räume in „Krieg und Frieden“ und in „Vor dem Sturm“: Zusammenführung der theoretischen Konzepte in der konkreten Untersuchung der beiden Romane.
5 Darstellung und Funktion historischer und nationaler geographischer Räume im Kontext von Krieg und Besetzung: Analyse der räumlichen Inszenierung von Krieg und der ideologischen Deutung von Territorium und nationler Identität.
6 Darstellung ethnisch-nationaler Wesensmerkmale in Verbindung mit dem nationalen geographischen Raum und in Abgrenzung zu anderen Völkern: Untersuchung der spirituellen und historischen Dimensionen, die Räume als Ausdruck nationalen Wesens legitimieren.
Schlüsselwörter
Raumkonzeption, Realismus, Literaturwissenschaft, Geographische Räume, Krieg und Frieden, Vor dem Sturm, Chronotopos, Nationale Identität, Historischer Raum, Ideologie, Transzendenz, Kontinuität, Mimesis, Lev Tolstoi, Theodor Fontane
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie in den Romanen „Krieg und Frieden“ und „Vor dem Sturm“ geographische Räume dargestellt werden und welche narrativen und ideologischen Funktionen diese Orte innerhalb der realistischen Erzählweise erfüllen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Arbeit fokussiert sich auf die Verbindung von Raumdarstellung und nationaler Identität, die Bedeutung des Krieges für die Wahrnehmung von Territorium sowie die religiöse und historische Überhöhung geographischer Schauplätze.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die zentrale Frage ist, wie Tolstoi und Fontane den geographischen Raum als Instrument nutzen, um historische Ereignisse realistisch darzustellen und gleichzeitig nationale Wesensmerkmale sowie ideologische Werte zu vermitteln.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf literaturwissenschaftliche Analyseansätze, insbesondere auf Michail Bachtins Chronotopos-Konzept, um die enge Verknüpfung von Raum, Zeit und Literatur im Realismus zu untersuchen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Erörterung der Raumkonzeption und eine vergleichende Analyse der beiden Romane hinsichtlich ihrer Darstellung von Krieg, Besetzung, Sakralisierung des Bodens und nationaler Kontinuität.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Raumkonzeption, Realismus, Chronotopos, nationale Identität, Kriegsdarstellung, Ideologie und die spezifischen literarischen Werke von Tolstoi und Fontane.
Wie unterscheidet sich die Bedeutung des Raumes bei Tolstoi und Fontane?
Während Tolstoi den Raum stark metaphysisch und mit einer russisch-orthodoxen Transzendenz verknüpft, betont Fontane eher die historische Kontinuität, die lokale Verwurzelung in der Mark Brandenburg und das preußische Pflichtverständnis.
Welche Rolle spielt die „Sakralisierung“ des Raumes in den untersuchten Werken?
Die Sakralisierung dient dazu, das eigene nationale Territorium als unantastbar und heilig zu markieren, insbesondere angesichts feindlicher Besetzung, wodurch die Verteidigung des Bodens zur moralischen Pflicht wird.
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- Katharina Friesen (Author), 2006, Analyse und Vergleich der Darstellung und Funktion geographischer Räume in den Romanen "Krieg und Frieden" von Lev Tolstoj und "Vor dem Sturm" von Theodor Fontane, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/87785