Wir alle entscheiden uns jeden Tag zwischen mehreren Handlungen. Dabei fällt uns die eine oder andere Wahl besonders leicht und läuft völlig unbewusst ab, andere bedürfen eingehender Betrachtung und die „richtige“ Entscheidung scheint uns doch unmöglich aufzufinden. Letztere beschäftigen sich oftmals mit moralischen Problemen und begegnen uns in nur geringem Maße. Ein aktuelles, wenn auch nicht alltägliches Beispiel für ein solches Dilemma ist die Frage, ob man ein Passagierflugzeug abschießen darf, um dadurch einen Terroranschlag zu vereiteln. Eine Situation, die jedem von uns passieren kann, ist folgende: Stellen Sie sich vor, Sie seien seit Monaten mit einem Pärchen befreundet; sowohl mit der Frau Claudia als auch mit dem Mann Frank verstehen Sie sich ausgezeichnet. An einem Abend in der Disco geht Frank fremd und bittet Sie, es Claudia nicht zu erzählen. Diese wittert aber Verdacht und fragt Sie, ob sie etwas wüssten. Wie sollen Sie sich nun verhalten? Ist es überhaupt möglich, das Richtige zu tun, geschweige denn zu wissen, was das Richtige ist? Besonders zur Zeit der Aufklärung war das eine zentrale Fragestellung: Kann der Mensch aus eigenen Mitteln das logisch richtige erkennen?
Wäre es nicht praktisch, wenn man eine Formel hätte, in die man seine Variablen (seine Situation) einsetzen könnte und die „richtige“ Entscheidung als Ergebnis herauskäme?
Kant hat genau das versucht - die Erstellung einer „Handlungs - Findungs - Formel“ für moralische Fragestellungen. In dieser Arbeit soll diese Formel vorgestellt und deren Begründung untersucht werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Definition des kategorischen Imperativs
3. Formen des kategorischen Imperativs im zweiten Abschnitt
3.1. Naturgesetz - Formel
3.2. Zweck - an - sich - Formel
3.3. Autonomie - Formel
3.4. Reich - der - Zwecke - Formel
4. Argumentationsverlauf in der ersten Hälfte des dritten Abschnitts
5. Reflektion der Argumentation
6. Fazit
7. Literatur
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht kritisch die Begründung des kategorischen Imperativs durch Immanuel Kant in seiner „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“. Das Ziel ist es, die interne Logik von Kants „Handlungs-Findungs-Formel“ zu analysieren und zu prüfen, ob die Deduktion des kategorischen Imperativs aus dem Begriff des freien Willens sowie die Unterscheidung zwischen Sinnen- und Verstandeswelt als Begründung stichhaltig sind.
- Die Definition und Erläuterung des kategorischen Imperativs.
- Die verschiedenen Formulierungen des Imperativs im zweiten Abschnitt.
- Der Zusammenhang zwischen Freiheit, Wille und dem moralischen Gesetz.
- Die Problematik der Unterscheidung von Sinnen- und Verstandeswelt.
- Die kritische Reflektion der von Kant vorgebrachten Argumentationslinien.
Auszug aus dem Buch
4. Argumentationsverlauf in der ersten Hälfte des dritten Abschnitts
Die erste Hälfte des dritten Abschnitts ist in vier Unterabschnitte gegliedert, wobei die ersten drei argumentative Vorarbeit für die Deduktion im vierten Unterabschnitt leisten. Diese beantwortet die Frage, „wie ein kategorischer Imperativ möglich [sei]“11, also warum wir uns an den KI halten sollten.
Zunächst erläutert Kant den Begriff des freien Willens, dessen Verständnis für den weiteren Verlauf des Textes unabdingbar ist.
„Der Wille ist eine Art von Kausalität lebender Wesen, sofern sie vernünftig sind, und Freiheit würde diejenige Eigenschaft dieser Kausalität sein, da sie unabhängig von fremden sie bestimmenden Ursachen wirkend sein kann.“12
Das heißt, dass der Wille aller vernünftiger Lebewesen eine Art Kausalität darstellt, da durch Willensstärke Handlungen, also Wirkungen hervorgerufen werden. Zudem unterliegt der Wille nicht den Naturgesetzen, er ist unabhängig von fremden Ursachen und somit wird er als „frei“ bezeichnet.13 Dennoch muss der Wille als einer Art von Kausalität bestimmten Gesetzen gehorchen, denn der Begriff des Gesetzes folgt analytisch aus dem der Kausalität. Um den aufkommenden Widerspruch zu umgehen, führt Kant den positiven Freiheitsbegriff ein: Die Freiheit des Willens ist „Autonomie, d. i. die Eigenschaft des Willens, sich selbst ein Gesetz zu sein.“14 Somit ist der Wille aller vernünftigen Lebewesen eine Art Kausalität, die bestimmten Gesetzmäßigkeiten folgt, welche sie sich selbst gegeben hat.
Laut Kant ist diese Folgerung - sich in alle Handlungen selbst ein Gesetz zu sein - eine Formulierung des Prinzips der Sittlichkeit, des KIs. Es besteht also eine analytische Beziehung zwischen dem Begriff der Sittlichkeit und dem des freien Willens.15 „Wenn also Freiheit des Willens vorausgesetzt wird, so folgt die Sittlichkeit samt ihrem Prinzip daraus durch bloße Zergliederung ihres Begriffes“16
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung der Problematik moralischer Entscheidungen und Einführung in Kants Zielsetzung, eine universelle Handlungsformel zu etablieren.
2. Definition des kategorischen Imperativs: Darstellung des kategorischen Imperativs als oberstes Prinzip der Moralität und Forderung nach allgemeiner Gesetzmäßigkeit.
3. Formen des kategorischen Imperativs im zweiten Abschnitt: Analyse der vier spezifischen Formulierungen (Naturgesetz, Zweck-an-sich, Autonomie, Reich der Zwecke) als Hilfsmittel für die sittliche Beurteilung.
4. Argumentationsverlauf in der ersten Hälfte des dritten Abschnitts: Erörterung der Freiheit des Willens und der analytischen Beziehung zwischen Freiheit und Sittlichkeit durch den positiven Freiheitsbegriff.
5. Reflektion der Argumentation: Kritische Auseinandersetzung mit der Deduktion Kants und Hinterfragung der Trennung von Sinnen- und Verstandeswelt.
6. Fazit: Zusammenfassende Bewertung, die den kategorischen Imperativ als intuitiv nützlich, aber formal nicht hinreichend begründet einstuft.
7. Literatur: Auflistung der verwendeten Sekundär- und Primärquellen.
Schlüsselwörter
Immanuel Kant, Kategorischer Imperativ, Moralphilosophie, Grundlegung, Wille, Freiheit, Autonomie, Sittlichkeit, Sinnenwelt, Verstandeswelt, Kausalität, Deduktion, Maxime, Vernunft, Pflicht.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Untersuchung der Begründung des kategorischen Imperativs durch Immanuel Kant in seiner „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“.
Welche zentralen Themenfelder behandelt der Text?
Im Fokus stehen Kants Definition des kategorischen Imperativs, seine verschiedenen Formulierungen, der Begriff der Freiheit des Willens und die metaphysische Trennung von Sinnen- und Verstandeswelt.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist es, zu analysieren, wie Kant den kategorischen Imperativ begründet, und zu hinterfragen, ob diese Begründung logisch stichhaltig ist.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor führt eine textkritische Analyse der „Grundlegung“ durch, ergänzt durch die Auseinandersetzung mit Fachliteratur und das Aufstellen einer formalen logischen Deduktion.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der verschiedenen Imperativ-Formeln, die Rekonstruktion des Freiheitsbegriffs und der Deduktion im dritten Abschnitt sowie eine kritische Reflexion der kantischen Argumentation.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit ist zentral durch Begriffe wie kategorischer Imperativ, Autonomie des Willens, Freiheit, Sittlichkeit und die Unterscheidung von Sinnen- und Verstandeswelt geprägt.
Was kritisiert der Autor an Kants Analytizitätsthese?
Der Autor hinterfragt, warum ein freier Wille zwingend das Gute wollen muss, da ein freier Wille theoretisch auch böse Gesetze wählen könnte, sofern er sich selbst als gesetzgebend betrachtet.
Warum hält der Autor die Deduktion des kategorischen Imperativs für problematisch?
Der Autor bemängelt den Übergang von zwei erkenntnistheoretischen Standpunkten hin zu einer ontologischen Superiorität der Verstandeswelt, die für die Deduktion notwendig scheint, aber in Kants eigener Theorie schwer zu halten ist.
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- Eva Moritz (Author), 2007, Wie begründet Kant in seiner „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ den „kategorischen Imperativ“?, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/87111