„Ich brauch die alle nicht!“ – so beurteilte Bundeskanzler Helmut Kohl sein Verhältnis zu Medien wie Spiegel, Stern und Süddeutsche Zeitung. Doch in Zeiten sinkendem politischem Interesse und Engagement müssen sich Politiker der Medien bedienen, um ihre politischen Inhalte an die Bürger zu vermitteln. Der Umgang eines Politikers mit den Medien ist von entscheidender Bedeutung für die Darstellung und Wahrnehmung seiner Person und politischen Inhalte in der Öffentlichkeit.
Die vorliegende Arbeit untersucht das Verhältnis zwischen Helmut Kohl und den Medien. Zu Beginn der Arbeit soll begründet werden, warum die Kommunikation über Massenmedien für politische Akteure wichtig ist und verschiedene Theorien dazu dargestellt. Die Art, wie Kohl mit den Medien umging und wie er darin auftrat, ist anschließend Gegenstand der Analyse. Zu beurteilen ist, ob – in Verknüpfung von Theorie und Handeln - Kohl die Medien wirklich nicht brauchte und wie sich diese Haltung auf seine Darstellung in den Medien auswirkte.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Warum Politiker über Massenmedien kommunizieren müssen
3. Das Verhältnis zwischen Medien und Politik
4. Anspruch der Massenmedien an die Vermittlung von politischen Inhalten
4.1 Die Darstellung von Politik im Fernsehen
4.2 Die Rolle von Print- und Leitmedien in der politischen Kommunikation
4.3 Die Bedeutung der Sprache in der politischen Kommunikation über Massenmedien
5. Zwischenfazit
6. Kohls Verhältnis zu den Medien
7. Kohls Umgang mit Journalisten
7.1 Kohls „Nicht-Verhältnis“ mit dem Spiegel
7.2 Kohl als Zielscheibe von Witz und Satire
8. Kohls Auftreten im Fernsehen
8.1 Kohls Freundschaft zu Springer und Kirch
9. Kohls Darstellungen in den Medien nach dem „Fall der Mauer“
10. „Ich brauch die alle nicht!“ ? Die Beurteilung von Kohls Umgang mit den Medien
11. Fazit
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht das komplexe Verhältnis zwischen dem ehemaligen Bundeskanzler Helmut Kohl und den Medien. Dabei wird analysiert, wie Kohls spezifische Art der Selbstdarstellung und seine Kommunikation mit Journalisten die Berichterstattung über ihn beeinflussten und ob seine bekannte Haltung „Ich brauch die alle nicht!“ in einer modernen Mediengesellschaft aufrechterhalten werden konnte.
- Interdependenz zwischen Politik und Medien
- Anforderungen der Medienlogik an politische Akteure
- Kohls spezifisches Verhältnis zum Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“
- Einfluss von persönlichen Beziehungen zu Medienkonzernen wie Springer und Kirch
- Wandel der Mediendarstellung nach der Deutschen Einheit
Auszug aus dem Buch
7.1 Kohls „Nicht-Verhältnis“ mit dem Spiegel
Der Streit zwischen Helmut Kohl und dem Politmagazin „Der Spiegel“ entbrannte schon vor Kohls Amtszeit als Bundeskanzler. 1976 führten die Spiegel-Reporter Erich Böhme und Klaus Wirtgen mit dem damaligen Kanzlerkandidaten ein Spiegel-Gespräch. Die Journalisten wussten, dass Kohl gewisse Zitate des Gesprächs nicht zur Veröffentlichung freigeben würde und veröffentlichten das Interview, ohne es vorher von ihm autorisieren zu lassen. Insbesondere ging es um die Aussage Kohls „Ich bin Generalist und kein Spezialist“, die später von der CDU als verheerend für den Wahlkampf eingestuft wurde. Kohl fühlte sich hintergangen und schloss daraufhin in seiner Amtszeit systematisch Spiegel-Mitarbeiter von Informationen und Interviews aus (vgl. Augstein, Rudolf 1996: Der Spiegel). Im Gegenzug berichtet der Spiegel fast ausschließlich in einem hämischen, abfälligen Tonfall über Kohl und lässt keinen seiner Fehltritte unkommentiert. Kohl titelt es selbst das „Nicht-Verhältnis“ zwischen ihm und dem Spiegel. Dieses „Nicht-Verhältnis“ wird während der Amtszeit Kohls öffentlich bekannt und zu einer festen Größe im Beziehungsgeflecht zwischen Medien und Politik (vgl. ebd.).
Eduard Ackermann - einer von Kohls engsten Vertrauten und 17 Jahre lang Leiter der Abteilung für Kommunikation und Dokumentation im Kanzleramt - erklärt die abwertende Haltung Kohls:
„Wenn der Politiker Helmut Kohl mit ganz bestimmten Presseorganen keinen oder nur mäßigen Kontakt pflegte oder bestimmten Magazinen wie „SPIEGEL“ und „Stern“ über viele Jahre hinweg – seit 1976 – keine Interviews gab, so lag das nicht daran, dass er kein Verständnis für Pressearbeit gehabt hätte – das besaß er reichlich. Er vertrat vielmehr den Standpunkt, dass es gleichgültig sei, ob er diesen Magazinen ein Interview gebe oder nicht, sie würden ihn mit oder ohne Interviews gleich schlecht behandeln.“ (Ackermann 1996: Mit feinem Gehör: 398)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik des Medienverhältnisses von Helmut Kohl und Darlegung des Analysefokus auf die alltägliche Interaktion während seiner Amtszeit.
2. Warum Politiker über Massenmedien kommunizieren müssen: Erläuterung der Notwendigkeit medialer Politikvermittlung für die Legitimität in einer Demokratie.
3. Das Verhältnis zwischen Medien und Politik: Theoretische Herleitung der Interdependenz zwischen politischen Systemen und dem Medienbetrieb.
4. Anspruch der Massenmedien an die Vermittlung von politischen Inhalten: Darstellung der Anforderungen an Medientauglichkeit, Inszenierung und Personalisierung durch politische Akteure.
4.1 Die Darstellung von Politik im Fernsehen: Analyse des Einflusses des Fernsehens als wichtigstem Massenmedium und dessen spezifische Auswahlkriterien.
4.2 Die Rolle von Print- und Leitmedien in der politischen Kommunikation: Untersuchung der tonangebenden Funktion von Leitmedien für den politischen Diskurs.
4.3 Die Bedeutung der Sprache in der politischen Kommunikation über Massenmedien: Analyse der Anforderungen an die verbale und nonverbale Kommunikation in einer wettbewerbsorientierten Medienlandschaft.
5. Zwischenfazit: Zusammenführung der theoretischen Grundlagen zur wechselseitigen Abhängigkeit von Politik und Medien.
6. Kohls Verhältnis zu den Medien: Analyse des Wandels von Kohls Image nach 1982 und seinem schwierigen Stand als "nicht-telegener" Kanzler.
7. Kohls Umgang mit Journalisten: Beschreibung der persönlichen Distanzierung Kohls zu einem großen Teil der Journalisten und seiner Selektionspraxis.
7.1 Kohls „Nicht-Verhältnis“ mit dem Spiegel: Fallstudie zur dauerhaften Fehde zwischen Kohl und dem Nachrichtenmagazin.
7.2 Kohl als Zielscheibe von Witz und Satire: Untersuchung der humoristischen und satirischen medialen Auseinandersetzung mit der Person Kohl.
8. Kohls Auftreten im Fernsehen: Erörterung von Kohls Schwierigkeiten mit der Inszenierung vor der Kamera im Vergleich zu seinen Vorgängern.
8.1 Kohls Freundschaft zu Springer und Kirch: Analyse des Aufbaus eines unterstützenden Mediennetzwerks zur Imageverbesserung.
9. Kohls Darstellungen in den Medien nach dem „Fall der Mauer“: Betrachtung der kurzzeitigen positiven Medienresonanz rund um die Wiedervereinigung.
10. „Ich brauch die alle nicht!“ ? Die Beurteilung von Kohls Umgang mit den Medien: Synthese der Analyse: Bewertung von Kohls Medienstrategie und deren Konsequenzen.
11. Fazit: Abschließende Einordnung von Kohl als nicht-traditionellen "Medienkanzler", der erst spät persönliche Netzwerke zur Imagekorrektur nutzte.
Schlüsselwörter
Helmut Kohl, Politikvermittlung, Medienlogik, Interdependenz, Journalismus, Fernsehen, Leitmedien, Inszenierung, Spiegel, Springer, Kirch, Kommunikation, Politische Imagebildung, Wahlkampf, Kanzlerschaft
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das schwierige und von Konflikten geprägte Verhältnis zwischen dem Bundeskanzler Helmut Kohl und den Medien während seiner 16-jährigen Amtszeit.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind die theoretischen Grundlagen der Politikvermittlung, die Rolle der Medienlogik sowie der spezifische Umgang Kohls mit Journalisten und Medienhäusern.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist zu beurteilen, wie sich Kohls Haltung gegenüber den Medien auf seine öffentliche Darstellung auswirkte und ob seine These „Ich brauch die alle nicht!“ in der Praxis tragfähig war.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine politikwissenschaftliche Analyse der politischen Kommunikation, basierend auf Medientheorien sowie der Auswertung von Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert Kohls Probleme bei der TV-Inszenierung, sein systematisches "Nicht-Verhältnis" zum Spiegel sowie seinen Aufbau von freundschaftlichen Beziehungen zu den Medienkonzernen Springer und Kirch.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Politikvermittlung, Medienlogik, Interdependenz, Inszenierung und das System Kohl definiert.
Warum war Kohls Verhältnis zum „Spiegel“ so problematisch?
Das problematische Verhältnis resultierte aus einem tiefgreifenden Vertrauensbruch nach einem Interview 1976, der zu einer dauerhaften gegenseitigen Ablehnung und einem systematischen Ausschluss von Spiegel-Journalisten durch Kohl führte.
Wie gelang Kohl in der zweiten Amtszeithälfte eine Imageverbesserung?
Kohl erkannte die Notwendigkeit der Medienpräsenz und nutzte gezielt freundschaftliche Kontakte zu Medienmogulen wie Leo Kirch und dem Springer-Verlag, um Sendeformate zu erhalten, in denen er sich in einem positiveren Licht darstellen konnte.
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- Juliane Diel (Author), 2006, Das Verhältnis zwischen Helmut Kohl und den Medien - „Die brauch ich alle nicht!“ ? , Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/85269