„Planung ist der große Zug unserer Zeit. Planung ist ein gegenwärtig ins allgemeine Bewusstsein aufsteigender Schlüsselbegriff unserer Zukunft.“ Man könnte meinen, dass dieser Ausspruch aus einer der planwirtschaftlich ausgerichteten Diktaturen des Ostblockes stammt. Doch weit gefehlt. Der beachtenswertende Satz stammt aus dem Jahre 1966 von dem bedeutenden, bundesdeutschen Wirtschaftswissenschaftler Joseph H. Kaiser. Staatliche Planung galt plötzlich in der Bundesrepublik Deutschland als Schlagwort und begründete eine neue, strukturbildende Wirtschaftspolitik. Diese Strukturen überwanden die alte bis dahin in Bonn begründete Kanzlerdemokratie Adenauers und den sogenannten „CDU-Staat“, bildeten die Basis der Verhandlungsdemokratie, die bis heute (wenn auch in verändertem Rahmen) fortbesteht, und hinterließen deutliche Spuren auch im Verhältnis der Verbände zum Staat.
Dabei werden die Jahre nach 1966 nur von wenigen als Beginn der zweiten Gründungsphase der Bundesrepublik geachtet. Allzu oft wird die Zeit der Großen Koalition unter dem Blickwinkel ihres schnellen Ablebens gesehen. Ziel dieser Arbeit aber ist es aufzuzeigen, dass dennoch in den knapp drei Jahren ihres Bestehens wichtige Weichenstellungen für die Zukunft Deutschlands gelegt wurden, die mitunter noch heute fortwirken. Dabei soll einerseits insbesondere auf die gegenseitigen Beziehungen zwischen Politik und Interessensverbänden eingegangen werden und damit in Zusammenhang stehend andererseits die Etablierung neuer Strukturen beleuchtet werden, die unter dem Begriff Verhandlungsdemokratie zusammenzufassen sind.
In einem ersten Teil wird der Weg zur Großen Koalition, faktisch ihre Vorgeschichte, beschrieben. Daran anschließend wird die neue Politik der Regierung dargelegt, die Selbstverpflichtung des Staates aufgezeigt, die angewandten Mittel werden kurz erläutert . Der folgende Teil beschreibt die ersten Anzeichen eines erneuten Umbruchs und das Scheitern der neuen Ordnungs- und Wirtschaftspolitik. Dabei gehe ich insbesondere auf die Veränderungen im Verhältnis zwischen Staat und Verbänden ein. Ein Resümee im Schlussteil und ein Ausblick auf die folgenden Jahre sowie die Gegenwart beschließen diese Arbeit.
Als wichtige Stützen zur Erstellung der vorliegenden Arbeit dienten sowohl aktuelle als auch zeitgenössische Monographien und Aufsätze.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Eine Vorgeschichte
a) Der krisenfreie Kapitalismus
b) Beziehung zwischen Staat und Verbänden unter Adenauer und Erhard
c) Das Ende einer Illusion
III. Ein neues Konzept, eine neue Illusion
a) Keynesianische Globalsteuerung
b) Die Selbstverpflichtung des Staates
c) Zielgebiete und Instrumente
IV. Das Scheitern
a) Koordinierung und Verflechtung
b) Veränderungen für die Verbände
c) Ein Pyrrhussieg und das Ende der Globalsteuerung
d) Gründe des Scheiterns
V. Fazit
VI. Literatur
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Wirtschaftspolitik während der Großen Koalition in der Bundesrepublik Deutschland, analysiert deren Scheitern und beleuchtet die langfristigen Auswirkungen auf das Verhältnis zwischen Staat und Interessensverbänden sowie die Etablierung der Verhandlungsdemokratie.
- Entwicklung und Zusammenbruch der keynesianischen Globalsteuerung
- Wandel in der Beziehung zwischen staatlicher Politik und Wirtschaftsverbänden
- Die Institutionalisierung der Verhandlungsdemokratie
- Herausforderungen und Zielkonflikte staatlicher Wirtschaftslenkung
Auszug aus dem Buch
a) Keynesianische Globalsteuerung
Bereits in den 1930ern hatte der englische Volkswirtschaftler John Maynard Keynes, der als Professor in Cambridge tätig war, erkannt, dass die wirtschaftliche Entwicklung über einen konjunkturellen Zyklus hinaus zur Unterbeschäftigung tendiere. Der Markt versage, der Staat werde (neben dem Markt) zusätzlicher Funktionsträger. Er habe die Aufgabe wirtschaftslenkend zu handeln und Fehlentwicklungen des Marktes zu korrigieren. Dabei richtete Keynes seine Aufmerksamkeit insbesondere auf die gesamtwirtschaftliche Nachfrage, um über sie die Produktionskapazitäten optimaler zu nutzen. Über eine antizyklische Fiskalpolitik solle die Nachfrage angeregt oder abgebremst werden. Dass hieße in Zeiten fehlenden Geldes und negativer Wirtschaftsentwicklung Geld über die Aufnahme von Schulden in die Wirtschaft zu pumpen (sogenanntes deficit spending), um die Schulden danach mit den nun stärker hereinfließenden Einnahmen der sich erholenden Wirtschaft wieder abzubauen. Dieser Rhythmus sollte das Grundgerüst der Politik der Globalsteuerung bilden.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung skizziert den Übergang zur staatlichen Wirtschaftsplanung in der Bundesrepublik ab 1966 und formuliert die Zielsetzung, die Bedeutung der Großen Koalition für die heutige Verhandlungsdemokratie zu untersuchen.
II. Eine Vorgeschichte: Dieses Kapitel behandelt das wirtschaftliche Fundament der 50er Jahre unter Adenauer und Erhard, das vom neoliberalen Konzept des "Wirtschaftswunders" geprägt war, bis hin zu den ersten krisenhaften Anzeichen Ende der 50er Jahre.
III. Ein neues Konzept, eine neue Illusion: Es wird die Einführung der keynesianischen Globalsteuerung sowie die gesetzlichen Rahmenbedingungen durch das Stabilitätsgesetz beschrieben, um staatliche Lenkung und soziale Gerechtigkeit zu forcieren.
IV. Das Scheitern: Hier werden die Gründe für das Versagen der Globalsteuerung dargelegt, insbesondere die Probleme der Koordination zwischen den Akteuren, die Unvorhersehbarkeit globaler Schocks und der Vertrauensverlust in die Planbarkeit der Wirtschaft.
V. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass trotz des Scheiterns der spezifischen Globalsteuerung neue institutionelle Strukturen der Verhandlungsdemokratie dauerhaft etabliert wurden, die den Staat heute primär zum Krisenmanager machen.
VI. Literatur: Verzeichnis der verwendeten Monographien und Aufsätze zur wirtschaftspolitischen Geschichte der Bundesrepublik.
Schlüsselwörter
Große Koalition, Wirtschaftspolitik, Globalsteuerung, Keynesianismus, Verhandlungsdemokratie, Interessensverbände, Stabilitätsgesetz, Konzertierte Aktion, Marktversagen, Politikverflechtung, Bundesrepublik Deutschland, Fiskalpolitik, Sozial-liberale Koalition, Krisenmanagement, Wirtschaftsgeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit befasst sich mit der wirtschaftspolitischen Ära der Großen Koalition (1966-1969) in Deutschland und analysiert den Übergang von einer liberal geprägten Marktordnung hin zu einer aktiven, staatlich gesteuerten Wirtschaftspolitik.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum?
Zentral sind die ökonomischen Krisen der 60er Jahre, die theoretische Basis des Keynesianismus, die Rolle der Interessensverbände und die Entstehung der sogenannten Verhandlungsdemokratie.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Es soll aufgezeigt werden, dass trotz des kurzzeitigen Scheiterns der Globalsteuerung wichtige institutionelle Strukturen geschaffen wurden, die bis in die heutige Zeit nachwirken und das Verhältnis zwischen Politik und Verbänden dauerhaft verändert haben.
Welche methodische Vorgehensweise wurde gewählt?
Die Arbeit stützt sich auf eine tiefgehende Analyse von zeitgenössischer und aktueller Fachliteratur sowie auf die Auswertung politikwissenschaftlicher und ökonomischer Monographien.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Vorgeschichte des "Wirtschaftswunders", die theoretische und praktische Einführung der keynesianischen Steuerung und eine detaillierte Ursachenanalyse für deren Scheitern nach 1973.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Analyse wird maßgeblich durch Begriffe wie Globalsteuerung, Politikverflechtung, Verhandlungsdemokratie und Interessensverbände bestimmt.
Warum wird die Rolle der Interessensverbände so stark hervorgehoben?
Die Verbände wurden im Zuge der Globalsteuerung stärker in den staatlichen Entscheidungsprozess eingebunden, was ihre Machtposition aufwertete, sie jedoch gleichzeitig zu quasi-öffentlichen Akteuren machte, die in einer "Verflechtungsfalle" gefangen sind.
Wie schätzt der Autor die heutige Rolle des Staates ein?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass der Staat seine Rolle als aktiver "Systemgestalter" verloren hat und heute primär als "Krisenmanager" agiert, der auf ausgehandelte Kompromisse zwischen verschiedenen Akteuren angewiesen ist.
- Arbeit zitieren
- Marcel Korge (Autor:in), 2002, Die Wirtschaftspolitik der Großen Koalition, ihr Scheitern und die Auswirkungen auf die Verbände, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/82568