Erika Fischer-Lichte definiert die Aufführung als ein Ereignis, das in der und durch die leibliche Ko-Präsenz von „Handelnden“ und „Zuschauenden“ zustande kommt. Akteure und Zuschauer konfrontieren sich miteinander und interagieren, wobei die Zugehörigkeit der einzelnen Personen zu den beiden Gruppen während der Aufführung wechseln kann.
Der theatrale Charakter von Demonstrationen und politischen Protestaktionen im Sinne einer nach außen gewandten Vorführung wurde bereits eingehend untersucht. Daher erscheint es vielversprechend, Protestbewegungen und -aktionen auf ihren Aufführungscharakter hin zu betrachten, besonders als Wechselspiel zwischen köperlich anwesenden Personengruppen. Denn Aktivisten sind nicht die einzigen Hadelnden in einer Protestsituation.
Dazu muss zunächst einmal die Frage geklärt werden, welche Gruppen von Personen in einer Protestsituation aktiv teilnehmen und wie die Rollen von Akteuren und Zschauern verteilt sind.
Fischer-Lichte unterscheidet genau zwischen dem Begriff der Aufführung und dem der Inszenierung. Für die Aufführungen von Protest und der Reaktion auf Protest spielen Inszenierungsstrategien – also eine gewisse Planung der Vorgehensweisen – eine wichtige Rolle. Interessanterweise versucht diese Planung auch Einfluss darauf zu nehmen, wann verschiedene Personengruppen die Rollen von Akteuren oder Zuschauern annehmen. Es soll also untersucht werden, welche Inszenierungsstrategien die verschiedenen Personengruppen erschaffen und was die Qualität ihrer Theatralität ausmacht.
Ebenso eng verbunden mit dem Begriff der Aufführung sieht Fischer-Lichte die Rolle von Körperlichkeit und Wahrnehmung. Die Bedeutung beider wird auch bei nur oberflächlicher Betrachtung von Protestaktionen sofort ersichtlich. Körperliche Anwesenheit und der Einsatz der eigenen Körperlichkeit ist auch nach dem Bedeutungsverlust von Massendemonstrationen mit dem Konzept der „Direkten Aktion“ ein zentrales Element zeitgenössischen Protests.
Als besonders geeignet für die Untersuchung des Aufführungscharakters von Protestaktionen bietet sich die globalisierungskritische Protestbewegung an. In ihr finden sich eine in der Vergangenheit unerreichte breite Vielfalt von Motivationen und Aktionsformen, ein offensiver Gebrauch von Körperlichkeit, ein extrem hochentwickelter Umgang mit Wahrnehmungsformen und aufsehenerregende Protest-Spektakel wie die WTO-Proteste 1999 in Seattle.
Inhaltsverzeichnis
1. DER GLOBALISIERUNGSKRITISCHE PROTEST ALS AUFFÜHRUNG
2. DIE GESCHICHTE DER GLOBALISIERUNGSKRITISCHEN BEWEGUNG
2.1. ENTSTEHUNG
2.2. ANLIEGEN
2.2.1. Die soziale Exklusivität
2.2.2. Das Fehlen ökologischer Nachhaltigkeit
2.2.3. Die Missachtung der kulturellen Diversität
2.2.4. Die Missachtung der Menschenrechte
2.2.5. Der Mangel an demokratischer Partizipation
3. AKTEURE UND ZUSCHAUER IN PROTEST-AUFFÜHRUNGEN
3.1. DIE PROTESTBEWEGUNG
3.2. DIE SICHERHEITSKRÄFTE
3.3. DIE BEOBACHTER
4. INSZENIERUNG UND KÖRPERLICHKEIT
4.1. INSZENIERUNGSSTRATEGIEN DER BEWEGUNG
4.1.1. Reclaim the Streets
4.1.2. Pink & Silver
4.1.3. CIRCA – Die „Clandestine Insurgent Rebel Clown Army“
4.1.4. Tute Bianche
4.1.5. Der Schwarze Block
4.2. INSZENIERUNGSSTRATEGIEN DER SICHERHEITSKRÄFTE
5. WAHRNEHMUNG DER MEDIEN
6. WAHRNEHMUNG UND KÖRPERLICHKEIT IN DER AUFFÜHRUNG
7. ZUSAMMENFASSUNG
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht Proteste der globalisierungskritischen Bewegung als performative Akte. Dabei wird der Frage nachgegangen, wie Inszenierungsstrategien von Aktivisten und Sicherheitskräften als Aufführungen funktionieren und wie körperliche Präsenz sowie Wahrnehmung in diesem Kontext Bedeutung erzeugen.
- Theatralität und Aufführungscharakter politischer Proteste
- Geschichte und Entwicklung der globalisierungskritischen Bewegung
- Inszenierungsstrategien wie Reclaim the Streets, Pink & Silver und Clownarmee
- Rolle des phänomenalen Leibes und semiotischer Körper im Protest
- Interaktion zwischen Aktivisten, Sicherheitskräften und Medien
Auszug aus dem Buch
4.1.1. Reclaim the Streets
(...) eine volle Straße in London (...), Einkaufende wuseln auf dem schmalen Gehsteig umher, der die Schaufenster von der verkehrsreichen Straße trennt. Zwei Autos rasen ineinander und blockieren die Straße. Die Fahrer steigen aus und fangen an zu streiten. Einer von ihnen schwingt einen Hammer und schlägt das Auto der anderen kaputt. Passanten sind erstaunt. Plötzlich treten Menschen aus der anonymen Einkäufermasse heraus und springen auf die Dächer der Autos, andere werfen Farbbeutel überall hin. Bevor irgendwer wieder zu Atem kommt, kommen 500 Menschen aus den U-Bahn-Schächten und übernehmen die Straße, erobern sie vom Kommerz zurück und geben sie den Menschen und der Freude zurück. Ein riesiges Transparent wird über den zwei demolierten Fahrzeugen ausgebreitet. „Erobert die Straßen zurück – Befreit die Stadt – Weg mit den Autos“, proklamiert es. (...) Den ganzen Nachmittag über tanzten Menschen zum Sound des mobilen fahrradbetriebenen Rinky-Dink-Soundsystems. Mitten auf der Straße wurde auf langen Tafeln gratis Essen angeboten, Kinder spielten an einem Klettergerüst auf einer jetzt befreiten Kreuzung.
Zusammenfassung der Kapitel
1. DER GLOBALISIERUNGSKRITISCHE PROTEST ALS AUFFÜHRUNG: Einführung in die theoretische Betrachtung von Protestaktionen als Aufführungen basierend auf Erika Fischer-Lichte.
2. DIE GESCHICHTE DER GLOBALISIERUNGSKRITISCHEN BEWEGUNG: Abriss der Entstehungsgeschichte, der Organisationsmodelle wie dem Bezugsgruppenmodell und der inhaltlichen Anliegen.
3. AKTEURE UND ZUSCHAUER IN PROTEST-AUFFÜHRUNGEN: Identifikation der beteiligten Gruppen und Analyse der fließenden Rollenverteilung zwischen Akteuren und Zuschauern.
4. INSZENIERUNG UND KÖRPERLICHKEIT: Detaillierte Untersuchung spezifischer Inszenierungsstrategien von Bewegungen und Sicherheitskräften.
5. WAHRNEHMUNG DER MEDIEN: Analyse der Bedeutung medialer Repräsentation und der Beeinflussung von Protestwahrnehmung.
6. WAHRNEHMUNG UND KÖRPERLICHKEIT IN DER AUFFÜHRUNG: Zusammenführung der Konzepte anhand konkreter Ereignisbeispiele aus Protesten.
7. ZUSAMMENFASSUNG: Fazit zur performativen Dynamik von Protesten.
Schlüsselwörter
Globalisierungskritik, Aufführung, Inszenierung, Direkte Aktion, Körperlichkeit, Reclaim the Streets, Pink & Silver, Clownarmee, Tute Bianche, Schwarzer Block, Sicherheitskräfte, Widerstand, performative Wirklichkeit, Demonstrationen, Politische Kommunikation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Protestaktionen der globalisierungskritischen Bewegung aus theaterwissenschaftlicher Perspektive und betrachtet sie als Aufführungen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Fokus stehen Inszenierungsstrategien, der Einsatz von Körperlichkeit sowie die Interaktion verschiedener Gruppen in Protestsituationen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu verstehen, wie durch Planung und spontanes Handeln im Protest Wirklichkeit konstruiert wird und welche Rolle dabei Körper und Wahrnehmung spielen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Untersuchung basiert auf der Aufführungsanalyse nach Erika Fischer-Lichte, angewandt auf Augenzeugenberichte und Strategien globalisierungskritischer Gruppen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert spezifische Protestformen wie den Schwarzen Block oder die Clownarmee sowie die Strategien der Sicherheitskräfte im Wechselspiel mit diesen Gruppen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Aufführung, Inszenierung, Körperlichkeit, Direkte Aktion, globale Protestbewegung und performative Produktion von Wirklichkeit.
Welche Rolle spielen Sicherheitskräfte in diesem Aufführungsmodell?
Sicherheitskräfte werden ebenfalls als Akteure in einem Wechselspiel gesehen, die eigene Inszenierungsstrategien zur Einschüchterung oder Kontrolle verfolgen.
Was unterscheidet die Tute Bianche von anderen Bewegungen?
Sie zeichnen sich durch einen organisierten Körperschutz und das Bestreben aus, eine effektive, aber inhaltlich artikulierte Gegenmacht zu bilden, bis das Konzept in Genua scheiterte.
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- Jan Buck (Author), 2007, Die Theatralität von Proteststrategien und die Protestaktion als Aufführung am Beispiel der globalisierungskritischen Bewegung, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/81567