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Vom Arbeitermädchen zum Migrantenjungen? Benachteiligung im Bildungswesen der Bundesrepublik Deutschland aus historischer und aktueller Sicht

Titel: Vom Arbeitermädchen zum Migrantenjungen? Benachteiligung im Bildungswesen der Bundesrepublik Deutschland aus historischer und aktueller Sicht

Diplomarbeit , 2007 , 141 Seiten , Note: 2,5

Autor:in: Dipl.Päd. L. Lindenschmidt (Autor:in)

Pädagogik - Allgemein

Leseprobe & Details   Blick ins Buch
Zusammenfassung Leseprobe Details


Benachteiligungen im deutschen Bildungssystem sind ein viel diskutiertes Thema in Politik, Wissenschaft und Gesellschaft. In kaum einem anderen Land ist der Unterschied zwischen den Schichten beziehungsweise Milieus in Bezug auf Bildungszugänge und –abschlüsse so groß wie in der BRD. Bereits in den 60er Jahren hat Picht eine deutsche »Bildungskatastrophe« erkannt und Ralf Dahrendorf wies in einer Vielzahl von Arbeiten auf bildungsspezifisch benachteiligte Bevölkerungsgruppen hin. Als Synonym für diese Gruppen galt lange Zeit das Begriffskonglomerat vom »katholischen Arbeitermädchen vom Lande«. An dieser Stelle drängt sich jedoch die Frage auf, ob es in den letzten Jahrzehnten bis in die Gegenwart Veränderungen auf diesem Gebiet gegeben hat. Werden heute immer noch die Mädchen in der Schule benachteiligt? Haben Kinder aus den unteren Schichten der Gesellschaft weniger Chancen auf höhere Bildung als ihre Altersgenossen aus dem Bürgertum? Wie ergeht es der großen Zahl von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund in deutschen Bildungseinrichtungen? Dies sind nur einige Fragen entlang derer sich die Argumentationslinie der Arbeit orientiert. Arbeiterkinder, Mädchen und Migrantenkinder werden schwerpunktmäßig betrachtet. Dabei wird die Entwicklung der bildungsspezifischen Chancenungleichheiten beginnend mit den sechziger Jahren, über die Wiedervereinigung bis in die heutige Zeit dargestellt. Die verwendete Methode entspricht einer Dokumentenanalyse, wodurch subjektive Fehlerquellen nahezu ausgeschlossen werden können. Wer sich mit vorliegendem Themenbereich beschäftigt, wird wenig über die Ergebnisse überrascht sein. Auch diese Arbeit bestätigt erneut die These, dass es keine Chancengleichheit im deutschen Bildungssystem gibt. Eine schon fast historische Konstante bezüglich bildungsspezifischer Benachteiligung bilden dabei die Kinder aus den unteren gesellschaftlichen Milieus. Mädchen werden nicht mehr benachteiligt und haben die Jungen in fast allen Gebieten innerhalb des Bildungssystems überholt. Geringe Chancen auf eine erfolgreiche Bildungskarriere haben Kinder mit Migrationshintergrund. Sprachliche und kulturell bedingte Probleme, aber auch Vorurteile innerhalb des Lehrkörpers, sind die hauptsächlichen Gründe für diesen Missstand. Eine vollkommene Chancengleichheit ist innerhalb der deutschen Schulen und Universitäten kaum zu verwirklichen. Ziel muss es aber sein, bestehende Unterschiede möglichst gering zu halten.

Leseprobe


1 Einleitung und Fragestellung

1.1 Eingrenzung des Themas

1.2 Definition zentraler Begriffe

1.3 Literaturlage und Forschungsstand

2 Benachteiligung von Arbeiterkindern im Bildungswesen

2.1 Die Situation in den 1960er Jahren

2.1.1 Empirische Daten

2.1.2 Gründe für die strukturelle Benachteiligung von Arbeiterkindern

2.1.2.1 Die Arbeiterfamilie

2.1.2.2 Bildungseinrichtungen

2.1.2.3 Begabungsstrukturen

2.1.3 Zusammenfassung

2.2 Die Entwicklung bis zur Wiedervereinigung

2.2.1 Arbeiterkinder in allgemeinbildenden Schulen der 1970er Jahre

2.2.2 Sozialstruktur der Studentenschaft der 1970er Jahre

2.2.3 Auslesekriterien im (Hoch-)Schulwesen der 1980er Jahre

2.2.3.1 Selektion im Sekundarbereich

2.2.3.2 Studienentscheidung bei Arbeiterkindern

2.2.4 Zusammenfassung

2.3 Von der Vereinigung ins neue Jahrtausend

2.3.1 Die zentrale Bedeutung der Bildung

2.3.2 Unveränderte soziale Selektion

2.3.3 Ursachen der Selektion

2.3.4 Aktuelle empirische Daten zur Sozialstruktur an Hochschulen

2.4 Fazit

3 Die Verhältnisse von Mädchen im Bildungssystem

3.1 Weibliche Bildungsbeteiligung ab den 1960er Jahren

3.1.1 Historische Voraussetzungen

3.1.2 Der Mädchenanteil in Bildungseinrichtungen

3.1.3 Benachteiligung der Schülerinnen

3.1.4 Gründe für weibliche Bildungsschranken

3.1.5 Zusammenfassung

3.2 Die Situation im Zuge der Wiedervereinigung

3.2.1 Empirische Daten zur weiblichen Bildungsbeteiligung

3.2.1.1 Wege zur Hochschulreife

3.2.2 Gleichberechtigung durch Koedukation

3.2.3 Weitere Ursachen für geschlechtsspezifische Bildungschancen

3.2.4 Zusammenfassung

3.3 Die Lage im Zuge der Jahrtausendwende

3.3.1 Mädchen und junge Frauen an allgemeinbildenden Schulen

3.3.2 Weibliche Partizipation in Hochschulen

3.3.3 Geschlechterwandel in der schulischen Benachteiligung

3.3.4 Exkurs: Geschlechtsspezifische Teilung der Arbeitswelt

3.4 Fazit

4 Migrantenkinder im deutschen Bildungswesen

4.1 Von den ersten Gastarbeiterkindern bis in die achtziger Jahre

4.1.1 Deutsche Migrationstradition

4.1.2 Bildungsbeteiligung im allgemeinbildenden Schulwesen

4.1.2.1 Segregation statt Integration

4.1.3 Bildungspolitik und Integration

4.1.3.1 Schulische Sozialisationsdefizite

4.1.4 Zusammenfassung

4.2 Migrantenkinder im Bildungssystem nach der Wiedervereinigung

4.2.1 Ethnische Trennungslinien im Bildungssystem

4.2.1.1 Nicht-Deutsche Schülerschaft in der Sekundarstufe I

4.2.1.2 Schul(miss)erfolg ausländischer Schüler

4.2.1.3 Schüler aus Aussiedlerfamilien

4.2.2 Studierende ausländischer Herkunft an deutschen (Fach)Hochschulen

4.2.2.1 Der Frauenanteil ausländischer Studierender

4.2.3 Gründe für die Bildungsbenachteiligung ausländischer Schüler

4.2.4 Zusammenfassung

4.3 Migrantenkinder im deutschen Bildungssystem der Postmoderne

4.3.1 Bildungskontext und –beteiligung anhand von PISA 2003 – Daten

4.3.2 Art und Ausmaß bildungsspezifischer Differenzen

4.3.2.1 Erklärungsversuche zur Bildungsbenachteiligung von Migranten

4.3.3 Vermischung der Schülerschaft

4.4 Fazit

5 Vergleichende Darstellung von Verlauf und Entwicklung der Benachteiligung von Kindern und Jugendlichen im Schulwesen

5.1 Die Entwicklung vom Arbeitermädchen zum Migrantenjungen

5.1.1 Bildungschancen und Schichtzugehörigkeit

5.1.2 Bildungschancen und Geschlecht

5.1.2.1 Geschlecht und soziale Herkunft

5.1.2.2 Geschlecht und kulturell-ethnische Herkunft

5.1.3 Bildungschancen und Herkunft

5.2 Chancengleichheit: Eine Illusion?

6 Schlussbetrachtung

Zielsetzung & Themen der Arbeit

Die vorliegende Arbeit untersucht historisch und aktuell die Bildungsbenachteiligung ausgewählter Gruppen in Deutschland, mit dem Ziel zu klären, ob sich die ursprüngliche Problematik des „Arbeitermädchens vom Lande“ zu einer Benachteiligung von Migrantenjungen verschoben hat und ob das Ideal der Chancengleichheit in diesem Kontext realisierbar ist.

  • Historische Analyse der Benachteiligung von Arbeiterkindern seit den 1960er Jahren.
  • Untersuchung der geschlechtsspezifischen Bildungsbeteiligung und deren Wandel.
  • Analyse der Situation von Kindern mit Migrationshintergrund im deutschen Schulsystem.
  • Vergleichende Betrachtung der Chancenungleichheit über soziale Schichten, Geschlechter und Ethnien hinweg.
  • Kritische Reflexion des Konstrukts Chancengleichheit im deutschen Bildungswesen.

Auszug aus dem Buch

2 Benachteiligung von Arbeiterkindern im Bildungswesen

Im Jahre 1965 lieferte Ralf Dahrendorf eine passende Beschreibung der problematischen Situation eines typischen Arbeiterkindes. Sie bietet sich sehr gut als Einstieg in das nun folgende Kapitel an und wird daher im Original zitiert:

„Der Junge hat es nicht leicht gehabt; doch liegt der schwierigere Teil seiner sozialen Lebensreise noch vor ihm. Als Kind gab es ihm Auftrieb, wenn die Eltern, die Geschwister und Verwandten von ihm sagten, er „hat Köpfchen“; obgleich schon im häufigen Lob ein hohler Ton der Fremdheit immer vernehmlicher mitschwang. Er konnte manches besser als seine Altersgenossen, aber sein Können forderte einen Preis. Wenn die andern, die Geschwister und Nachbarkinder auf der Straße herumstanden oder Fußball spielten oder, später dann, zum Tanzen gingen, saß er bei der verständnisvoll nicht-verstehenden Mutter und machte Schularbeiten; wenn die Geschwister im Wohnzimmer Schallplatten spielten, die Mutter bügelte und der Vater die Zeitung las und das Gelesene laut kommentierte, blieb ihm nur eine Tischecke zum Lesen der Bücher, die so gar nicht in das Zimmer passen wollten. Er beneidete die anderen um ihr Lachen und haßte sie zugleich. Er trieb sich selbst immer wieder zur Arbeit an und wurde von Jahr zu Jahr einsamer. Nun, auf der Universität, hat die Einsamkeit eine neue Form angenommen. Er sieht seine Eltern und ihr Haus nicht mehr täglich, vielleicht meidet er beide; aber die anderen sehen sein Elternhaus in ihm – und wieder gehört er nicht dazu. Er erwirbt seine Scheine und absolviert seine Fleißprüfungen pünktlich, schon um sein Stipendium nicht zu gefährden; aber die Begeisterung fehlt wie die Leichtigkeit und die Sicherheit des Umganges mit dem Gelernten. Er ist verspannt, in sich zerrissen und allein. Er wird einen akademischen Beruf haben, aber der Weg nach oben bringt ihm nicht den ersehnten und zugleich verachteten Zugang zu den sinnlosen Selbstverständlichkeiten einer gehobenen sozialen Existenz. Die eine seiner Welten ist tot, und doch ist er ohnmächtig, die andere zu gewinnen…“

Zusammenfassung der Kapitel

1 Einleitung und Fragestellung: Diese Einleitung führt in die Problematik sozialer Ungleichheit im Bildungssystem ein und formuliert die zentrale These der Metamorphose der Benachteiligung vom Arbeitermädchen zum Migrantenjungen.

2 Benachteiligung von Arbeiterkindern im Bildungswesen: Das Kapitel analysiert die strukturelle Benachteiligung von Kindern aus Arbeiterfamilien seit den 1960er Jahren bis zur Jahrtausendwende anhand historischer Daten und Bildungsentwicklungen.

3 Die Verhältnisse von Mädchen im Bildungssystem: Hier wird der historische Wandel der weiblichen Bildungsbeteiligung beleuchtet, der von einer initialen Benachteiligung hin zu einem heutigen Bildungsvorsprung der Mädchen führt.

4 Migrantenkinder im deutschen Bildungswesen: Dieser Abschnitt untersucht die integrationspolitischen Herausforderungen und die spezifische Benachteiligung von Kindern mit Migrationshintergrund, wobei auf die anhaltende Relevanz sozialer Selektion hingewiesen wird.

5 Vergleichende Darstellung von Verlauf und Entwicklung der Benachteiligung von Kindern und Jugendlichen im Schulwesen: Dieses Kapitel führt die Ergebnisse zusammen und bewertet die Entwicklung der Chancenungleichheit über die verschiedenen Gruppen hinweg kritisch.

6 Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und kommt zu dem Schluss, dass soziale Herkunft in Deutschland weiterhin den Bildungserfolg massiv beeinflusst und Chancengleichheit weitgehend eine Illusion bleibt.

Schlüsselwörter

Bildungsbenachteiligung, soziale Ungleichheit, Chancengleichheit, Arbeiterkinder, Migrationshintergrund, Bildungsexpansion, Selektion, Schulsystem, Bildungsbeteiligung, Geschlechterunterschiede, Bildungsherkunft, Meritokratie, Integration, soziale Schichtung, Bildungssoziologie.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Diplomarbeit untersucht die Entwicklung der Bildungsbenachteiligung in der Bundesrepublik Deutschland über einen Zeitraum von 40 Jahren, wobei die Gruppen der Arbeiterkinder, Mädchen und Kinder mit Migrationshintergrund im Fokus stehen.

Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?

Die Arbeit fokussiert auf soziale Schichtung, geschlechtsspezifische Bildungschancen und die Integration von Migrantenkindern, um zu prüfen, ob sich die Struktur der Benachteiligung verändert hat.

Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?

Das Hauptziel ist es, die These zu überprüfen, ob sich die bildungsspezifische Benachteiligung von der Gruppe der Arbeiterkinder der 1960er Jahre bis in die Gegenwart zu einer spezifischen Benachteiligung von Migrantenkindern gewandelt hat.

Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?

Die Arbeit basiert methodisch auf einer qualitativen Dokumentenanalyse, ergänzt durch bereits vorhandene empirische Daten, etwa aus PISA-Studien, um Bildungsverläufe und Chancenungleichheiten zu interpretieren.

Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?

Im Hauptteil werden die Entwicklungen der Benachteiligung von Arbeiterkindern, Mädchen und Migrantenkindern chronologisch nach Phasen gegliedert untersucht, wobei Schwerpunkte auf der Wiedervereinigung und der Jahrtausendwende liegen.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Zu den zentralen Begriffen zählen Bildungsbenachteiligung, soziale Schichtung, Chancengleichheit, Bildungssoziologie und Migrationshintergrund.

Warum wird die Rolle der Mädchen gesondert untersucht?

Da sich die Bildungsbeteiligung von Mädchen seit den 1960er Jahren signifikant gewandelt hat, ist ihre Untersuchung essenziell, um den heutigen „Bildungsvorsprung“ der Mädchen gegenüber Jungen zu verstehen.

Welche Rolle spielt der soziale Hintergrund für den Bildungserfolg?

Die Arbeit zeigt, dass die soziale Herkunft (ökonomisches und kulturelles Kapital) eine stabil bleibende Determinante für den Bildungserfolg darstellt, die auch durch die Bildungsexpansion nicht vollständig aufgehoben wurde.

Ende der Leseprobe aus 141 Seiten  - nach oben

Details

Titel
Vom Arbeitermädchen zum Migrantenjungen? Benachteiligung im Bildungswesen der Bundesrepublik Deutschland aus historischer und aktueller Sicht
Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg
Note
2,5
Autor
Dipl.Päd. L. Lindenschmidt (Autor:in)
Erscheinungsjahr
2007
Seiten
141
Katalognummer
V81489
ISBN (eBook)
9783638840316
ISBN (Buch)
9783638840361
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Arbeitermädchen Migrantenjungen Benachteiligung Bildungswesen Bundesrepublik Deutschland Sicht
Produktsicherheit
GRIN Publishing GmbH
Arbeit zitieren
Dipl.Päd. L. Lindenschmidt (Autor:in), 2007, Vom Arbeitermädchen zum Migrantenjungen? Benachteiligung im Bildungswesen der Bundesrepublik Deutschland aus historischer und aktueller Sicht , München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/81489
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