Die Evangelische Kirche in Deutschland ist von gesellschaftlichen Entwicklungen wie Individualisierung, Pluralisierung und Entkirchlichung entscheidend betroffen und steht dadurch vor großen Herausforderungen. Dies möchte ich in der vorliegenden Arbeit, welche den Titel: „Kirche auf dem Weg zu Menschen – Gesellschaftliche Individualisierungsprozesse als Chance für die religionspädagogische Erwachsenenarbeit in der Gemeinde“ trägt, aufgreifen.
Zunächst werde ich in Kapitel 2 den Begriff der Erwachsenenarbeit/ Erwachsenenbildung näher definieren und dabei vor allem auf den Bildungsbegriff Schleiermachers eingehen.
In Kapitel 3 werde ich die gesellschaftlichen Individualisierungsprozesse in der Postmoderne1 genauer betrachten, hierbei werde ich mich vor allem auf die Theorie von Ulrich Beck stützen, der eine ambivalente Individualisierungstheorie beschreibt. Kommt es dadurch zu einer Suche nach neuer Gemeinschaft? Da Individuen immer in der Gesellschaft verortet sind und von dieser auch beeinflusst werden, ist es meines Erachtens nach wichtig, zuerst die gesellschaftlichen Bezüge herzustellen.
In Kapitel 4 werde ich die Auswirkungen der Individualisierungsprozesse auf Religiosität und Kirche aufspüren. Hierbei werde ich der Frage nachgehen, welche Gestalt und welchen Stellenwert Religiosität in der heutigen Gesellschaft annimmt. Anschließend stellt sich die Frage, was die Kirche den Menschen, die von Individualisierung betroffen sind, anbieten kann. Kann gerade durch die Individualisierung Kirche als Sinn- und Gemeinschaftsstifter wirken?
In Kapitel 5 werde ich die Konsequenzen, die durch die Individualisierung und ihre Auswirkungen auf Religiosität und Kirche entstehen, für die religionspädagogische Arbeit mit Erwachsenen beschreiben. Hierbei werde ich auch auf mögliche Strukturänderungen von Gemeinden eingehen und herausstellen, was es angesichts der Individualisierungsprozesse zu beachten gilt. Die Zielgruppe wird eingehender unter Einbezug der sozialen Milieus in der Kirche betrachtet. Die sozialen Milieus sind in der Arbeit jedoch als Exkurs eingeschoben, da es eine von vielen Möglichkeiten ist die Zielgruppe differenzierter zu betrachten. Aus diesem Grund werde ich im Verlauf der Arbeit nicht weiter auf sie eingehen.
In Kapitel 6 werde ich mögliche Angebote für die Arbeit mit Erwachsenen in der Ortsgemeinde vorstellen. Bei den Angeboten handelt es sich jedoch mehr um Orientierungen für die gemeindliche Arbeit, als um konkret durchgeplante Angebote.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Begriffsdefinitionen
2.1 Evangelische Erwachsenenarbeit/ Erwachsenenbildung
2.2 Historische Wurzeln und Interpretationen von Individualisierung
3 Individualisierungsprozesse in der Gesellschaft
3.1 Die Dimensionen der Individualisierung nach Ulrich Beck
3.1.1 Die Freisetzungsdimension
3.1.2 Die Entzauberungsdimension
3.1.3 Die Kontroll- und Reintegrationsdimension
3.1.4 Zusammenfassung und Weiterführung
3.2 Auswirkungen der Individualisierung
3.2.1 Erlebnisorientierung
3.2.2 Pluralisierung der Lebensformen
3.2.3 Isolation durch Individualisierung
3.2.4 Suche nach Gemeinschaft
3.3 Zusammenfassung
4 Auswirkungen der gesellschaftlichen Individualisierung auf Religiosität und Kirche
4.1 Religiosität zwischen Privatisierung und Gemeinschaftssuche
4.1.1 Individualisierung von Religion
4.1.2 Pluralisierung von Religion
4.1.3 Privatisierung von Religion
4.1.4 Entkirchlichung
4.1.5 Zuwendung zur Religion
4.2 Kirche im Wandel der Gesellschaft
4.2.1 Kirche als sinnstiftendes Element
4.2.2 Kirche als gemeinschaftsstiftendes Element
4.2.3 Vereinbarung von individuellem Glauben und Gemeinschaft
4.3 Zusammenfassung
5 Konsequenzen für die religionspädagogische Erwachsenenarbeit in der Gemeinde
5.1 Strukturelle Veränderungen
5.2 Pädagogik des Nicht-Alltäglichen
5.3 Betrachtung der Zielgruppe
5.3.1 Exkurs: Soziale Milieus in der Kirche
5.3.2 Die Humanisten
5.3.2.1 Beziehung zur Kirche
5.3.2.2 Möglichkeiten der Kirche sie zu erreichen
5.3.3 Die Alltagschristen
5.3.3.1 Beziehung zur Kirche
5.3.3.2 Möglichkeiten der Kirche sie zu erreichen
5.3.4 Die Nüchtern-Pragmatischen
5.3.4.1 Beziehung zur Kirche
5.3.4.2 Möglichkeiten der Kirche sie zu erreichen
5.3.5 Die Anspruchsvollen
5.3.5.1 Beziehung zur Kirche
5.3.5.2 Möglichkeiten der Kirche sie zu erreichen
5.3.6 Die Modernen Kirchenchristen
5.3.6.1 Beziehung zur Kirche
5.3.6.2 Möglichkeiten der Kirche sie zu erreichen
5.4 Fazit
6 Religionspädagogische Erwachsenenarbeit in der Gemeinde
6.1 Mögliche Angebote für die Arbeit mit Erwachsenen
6.1.1 Spirituelle Angebote
6.1.2 Eventgottesdienste
6.1.3 Bildungsangebote in der Kirche: Theologischer Salon
6.1.4 Single-Stammtische
6.1.5 Kultur in der Kirche
6.1.6 Kochen mit Erwachsenen
6.2 Zusammenfassung
7 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den Einfluss gesellschaftlicher Individualisierungsprozesse auf die Religiosität und das kirchliche Leben sowie die daraus resultierenden Herausforderungen für die religionspädagogische Erwachsenenarbeit in der Kirchengemeinde, mit dem Ziel, neue Ansätze zur Stärkung der Bindung zwischen Erwachsenen und Kirche aufzuzeigen.
- Individualisierungsprozesse in der postmodernen Gesellschaft
- Religiosität zwischen Privatisierung und Gemeinschaftssuche
- Konsequenzen für die religionspädagogische Erwachsenenarbeit
- Analyse sozialer Milieus in der Kirche
- Praxisorientierte Angebote für eine "Beteiligungskirche"
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Die Freisetzungsdimension
Der Mensch erlebt eine Herauslösung aus vorgegebenen sozialen Lebensformen wie einer traditionellen Klassenbindung und den Versorgungsbezügen der Familie. Zudem ist der Mensch auf sein individuelles Arbeitsmarktschicksal verwiesen.
Die überlieferten, vorgegebenen Sozialformen und Sozialbindungen wie die Familie sowie die Geschlechterrolle von Mann und Frau werden mehr oder weniger aufgehoben, wodurch es zu einer Freisetzung kommt. Während zu Beginn des letzten Jahrhunderts der biographische Verlauf des Lebens durch Geschlechtsrolle, schichtspezifische Kulturwerte und meist „vererbte“ Berufe innerhalb der Familie meist vorgegeben war, wird das Leben in der Postmoderne zum Projekt, zur Bastelbiographie. Die Normalbiographie weicht einer Wahlbiographie, da der Mensch alle Entscheidungen, die im Leben anfallen, selbst treffen muss.
Gerade im Bezug auf Geschlechterrollen kann hier von vier Faktoren der Freisetzung bei der Frau gesprochen werden: Früher reichte ein Frauenleben zeitlich betrachtet dazu, Kinder zu bekommen und sie großzuziehen. Heute enden die Zuständigkeiten der Mutter für ihre Kinder mit durchschnittlich 45 Jahren. Durch die Verlängerung der Lebenserwartung der Frau hat diese im Regelfall noch einige Jahrzehnte ein Leben ohne direkte Zuständigkeit für ihre Kinder. Somit ist die Mutterschaft für die Frau „nur“ noch ein Teil ihres Lebensabschnitts. Beck bezeichnet dies als demographische Freisetzung der Frau. Im Bezug auf die Hausarbeit haben sich eine soziale Isolation und eine Rationalisierung vollzogen. Durch ein vermehrtes Wegbrechen von Beziehungen (z.B. Nachbarschaft oder Bekanntschaft) bildet sich für die Hausfrau eine „Insularexistenz“ heraus. Durch technische Rationalisierungsprozesse, die auf die Hausarbeit übergreifen, wird die Hausarbeit stark entlastet, da vielfältige Maschinen wie Waschmaschine und Geschirrspüler einen Großteil der zu erledigenden Arbeit im Haushalt übernehmen. Durch diese Veränderung hat die Frau die Möglichkeit auch außerhäuslich einen Beruf zu ergreifen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die aktuelle gesellschaftliche Relevanz religiöser Fragen angesichts von Kirchenaustritten und stellt die Forschungsfrage nach den Möglichkeiten einer Neubelebung der kirchlichen Arbeit mit Erwachsenen.
2 Begriffsdefinitionen: Dieses Kapitel klärt die Begriffe Erwachsenenbildung und Erwachsenenarbeit, bietet einen historischen Abriss des Bildungsbegriffs und führt in die Individualisierungsthematik ein.
3 Individualisierungsprozesse in der Gesellschaft: Es erfolgt eine detaillierte Analyse gesellschaftlicher Individualisierungsprozesse auf Basis der Theorie von Ulrich Beck, inklusive der Auswirkungen auf Lebensformen und das Bedürfnis nach Gemeinschaft.
4 Auswirkungen der gesellschaftlichen Individualisierung auf Religiosität und Kirche: Die Untersuchung konzentriert sich auf die Folgen der Individualisierung für religiöse Einstellungen, Privatisierungstendenzen und die sich verändernde Rolle der Kirche.
5 Konsequenzen für die religionspädagogische Erwachsenenarbeit in der Gemeinde: Dieses Kapitel diskutiert strukturelle Veränderungen in Gemeinden und die Bedeutung einer "Pädagogik des Nicht-Alltäglichen" unter Einbeziehung verschiedener sozialer Milieus.
6 Religionspädagogische Erwachsenenarbeit in der Gemeinde: Der praktische Teil stellt konkrete Ansätze wie spirituelle Angebote, Eventgottesdienste, Theologische Salons, Single-Stammtische, Kulturarbeit und Kochen als Elemente der gemeindlichen Erwachsenenarbeit vor.
7 Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und betont die Notwendigkeit für die Kirche, den gesellschaftlichen Wandel als Chance für die Seelsorge und Profilbildung wahrzunehmen.
Schlüsselwörter
Individualisierung, Postmoderne, Religionspädagogik, Erwachsenenbildung, Kirche, Religiosität, Gemeinschaft, Spiritualität, Pluralisierung, Lebensformen, Sozialmilieus, Gemeinde, Entkirchlichung, Identität, Seelsorge.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Diplomarbeit untersucht, wie die evangelische Kirche in einer postmodernen, individualisierten Gesellschaft ihre Arbeit mit Erwachsenen gestalten kann, um Menschen trotz Säkularisierung und Pluralisierung anzusprechen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Individualisierungstheorie, die Auswirkungen gesellschaftlicher Umbrüche auf Religiosität und Kirche sowie die Entwicklung konkreter, lebensweltorientierter Angebote für die Gemeindearbeit.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das primäre Ziel ist es, aufzuzeigen, wie die Kirche die Herausforderungen der Individualisierung als Chance begreifen kann, um durch eine differenzierte Zielgruppenansprache und authentische Gemeinschaftsbildung wieder attraktiver zu werden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Auseinandersetzung mit soziologischen Theorien (insb. Ulrich Beck) sowie der Auswertung religionspädagogischer und theologischer Literatur, um praktische Konsequenzen für die kirchliche Gemeindearbeit abzuleiten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die gesellschaftlichen Individualisierungsprozesse und deren Folgen für die Religion, untersucht soziale Milieus innerhalb der Kirche und präsentiert praxisnahe Orientierungen für gemeindliche Angebote.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Individualisierung, Postmoderne, Religiosität, Gemeinschaft, Kirche, Erwachsenenbildung, soziale Milieus und Beteiligungskirche sind prägend für die Arbeit.
Wie unterscheidet die Autorin zwischen "kirchlichem" und "christlichem" Leben?
Die Arbeit arbeitet heraus, dass Individualisierung dazu führt, dass Religiosität zunehmend unabhängig von der Institution Kirche ("kirchliches Leben") gelebt wird, wodurch eine Differenz zwischen der formalen Kirchenzugehörigkeit und individuellen Glaubensvorstellungen ("christliches Leben") entsteht.
Warum spielt das Konzept der sozialen Milieus eine Rolle?
Das Konzept hilft dabei, die Zielgruppe der erwachsenen Kirchenmitglieder differenzierter zu betrachten, da Bedürfnisse stark von den jeweiligen sozialen Hintergründen, Werten und Lebensstilen abhängen.
Was empfiehlt die Arbeit in Bezug auf die Gottesdienstgestaltung?
Die Autorin empfiehlt, neben traditionellen Formen auch "Eventgottesdienste" oder spirituelle Angebote zu schaffen, die emotional ansprechen, Beteiligung ermöglichen und besser in den Zeitrhythmus der Menschen passen.
- Quote paper
- Julia Horn (Author), 2007, Kirche auf dem Weg zu Menschen, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/77143