Die Zahl der wissenschaftlichen Untersuchungen zum sich wandelnden Terrorismus und dessen Konsequenzen, die, wenngleich auch nur Konstruktionen, wenigstens dem Code Wahr/Unwahr folgen, ist noch immer spärlich und der Diskurs um die ‚neuen Kriege’ noch im Anfangsstadium befindlich. Über die Ereignisse von 9/11, wie über alle damit zusammenhängenden Ereignisse, haben wir primär Kenntnis durch die Massenmedien, denen wir aufgrund unseres Wissens über ihre Arbeitsweisen jedoch kaum vertrauen, geschweige denn ihre Realitätskonstruktion als Basis wissenschaftlicher Aussagen anerkennen können. Sind die Medien möglicherweise essentieller Bestandteil terroristischer Strategien, wie Waldmann behauptet oder können sie sich ihrerseits dieser aufgezwungenen Komplizenschaft entziehen? Ferner soll die Visualisierung realer Geschehnisse innerhalb der Terrorismusberichterstattung thematisiert und kritisch hinterfragt werden, wobei der Blickwinkel gezielt auf das Verhältnis von Produktion und Rezeption der Bilder, sowie auf die Konstruktion visueller Symbole gelenkt werden soll. Die Konzentration liegt dabei auf den Anschlägen von 9/11, die aufgrund der Besonderheit der Ereignisse auch in den Medien eine außergewöhnliche Rolle einnahmen. Zum Ende dieser Arbeit soll eine kritische Betrachtung der Massenmedien im Umgang mit dem Terrorismus stehen und neue Arten im Umgang der Medien mit dem Terrorismus diskutiert und bewertet werden. Aspekte der (Selbst-) Inszenierung und Mystifizierung einzelner Personen, wie beispielsweise der Baader-Meinhof-Komplex der siebziger Jahre oder aktuell Osama Bin Laden, als das ‚personifizierte Böse’, sind aufgrund der Komplexität des Gesamtthemas nicht Bestandteil dieser Arbeit.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Zur Begrifflichkeit
2.1 Definition einer asymmetrischen Kriegs- und Weltordnung
2.2 Die Botschaft an die zu interessierenden Dritten
3 Das Bild als Waffe in asymmetrischen Konflikten
3.1 Metaphern / Bildsprache
3.2 Zeichen, Bilder und Symbole
3.3 Die Wechselwirkung von Bild und Realität
3.4 9/11 – Zum Verhältnis von Ereignis, Realität und Bild
4 Massenmedien und Terrorismus
4.1 Kritik an der Medienberichterstattung
4.2 Die erzwungene Komplizenschaft
4.3 Das Dilemma der Ethik
4.4 Lösungsansätze – Oder die Frage nach Verantwortung
5 Zusammenfassung und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle der Massenmedien in asymmetrischen Konflikten, insbesondere im Kontext des internationalen Terrorismus nach den Anschlägen vom 11. September 2001. Die zentrale Forschungsfrage fokussiert dabei auf das Verhältnis von Medien, Bildproduktion und Terrorismus, wobei kritisch hinterfragt wird, inwiefern Massenmedien zu unfreiwilligen Akteuren oder gar Komplizen terroristischer Kommunikationsstrategien werden.
- Rolle der Visualisierung in der modernen Kriegsführung
- Terrorismus als Kommunikationsstrategie und Bildinszenierung
- Verhältnis von Bildproduktion, Rezeption und Realitätskonstruktion
- Ethische Verantwortung der Medienberichterstattung
- Instrumentalisierung durch terroristische Akteure
Auszug aus dem Buch
3.3 Die Wechselwirkung von Bild und Realität
Der Anschlag auf ein symbolisches Objekt verdeutlicht daher die zuvor genannte These, dass nicht primär Menschen Ziel des Anschlags sind, sondern vielmehr die mediale Verwertbarkeit und die Performance der Botschaft den entscheidenden Motivationsfaktor darstellen. Allerdings ist festzustellen, dass sich die Symbolkraft eines Objekts oder eines Ereignisses durch den terroristischen Anschlag und vor allem durch den anschließenden medialen Diskurs um selbigen verschieben kann. Es werden Hintergründe recherchiert, Annahmen getroffen, Verantwortliche gesucht sowie Werturteile gebildet; und all dies wird schlussendlich an das reale Ereignis gekoppelt. Die Bilder von der ausgeübten Gewalt würden, befindet Baudrillard, durch diesen Prozess selbst von einer Gewalt an den Bildern überwältigt:
„Das Bild wird zumeist seiner Ursprünglichkeit, seiner eigenen Existenz als Bild beraubt und ist einer beschämenden Komplizität mit dem Realen ausgesetzt. Die vom Bild ausgeübte Gewalt wird weitgehend von der Gewalt, die man dem Bild antut, wettgemacht – seiner Ausbeutung zu Dokumentations-, Zeugnis- und Message-Zwecken (einschließlich der Messages der Armut und Gewalt), seiner Ausbeutung zu moralischen, pädagogischen, politischen und werbewirksamen Zwecken. […] Wir zerstören die Bilder, indem wir sie mit Bedeutung überschwemmen, töten die Bilder durch Sinn und Exzeß von Sinn.“33
Trotzdem sind Bilder häufig einziges und zugleich wirkungsvolles Mittel um eindrucksvoll und scheinbar realistisch von uns nicht zugänglichen Ereignissen zu berichten. „Existieren keine Bilder, werden Kriege aseptisch, sauber, unpersönlich. Oder ihre Existenz wird gar nicht erst wahrgenommen“34, was kürzlich eine Untersuchung in den USA belegte. So finden derzeit überhaupt nur etwa drei Prozent aller auf dem Erdball stattfindenden Terroranschläge ihren Weg in die Medienberichterstattung. Alle weiteren sind für die westliche Welt schlichtweg nicht existent.35
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik der Visualisierung von Terrorismus ein und definiert die Perspektive der Arbeit als Beobachtung zweiter Ordnung.
2 Zur Begrifflichkeit: Das Kapitel definiert den Begriff der „asymmetrischen Kriege“ und erläutert die Bedeutung der Botschaft, die Terroristen an verschiedene Adressaten richten.
3 Das Bild als Waffe in asymmetrischen Konflikten: Hier wird untersucht, wie Metaphern, Symbole und Bilder gezielt als strategische Mittel im Kampf um öffentliche Deutungshoheit eingesetzt werden.
4 Massenmedien und Terrorismus: Dieses Kapitel kritisiert die Medienberichterstattung, beleuchtet die „erzwungene Komplizenschaft“ der Medien und diskutiert ethische Dilemmata sowie mögliche Lösungsansätze.
5 Zusammenfassung und Ausblick: Abschließend werden die zentralen Erkenntnisse zusammengefasst und die fortdauernde Herausforderung für Medienvertreter im Spannungsfeld zwischen Quote und Verantwortung hervorgehoben.
Schlüsselwörter
Asymmetrische Konflikte, Terrorismus, Massenmedien, Bildgewalt, Visualisierung, Symbolik, Medienethik, 9/11, Kriegsführung, Kommunikationsstrategie, Realitätskonstruktion, Bildberichterstattung, Sensationslust, Verantwortung, Propaganda der Tat.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die unheilvolle Verbindung zwischen Medien und Terrorismus, wobei ein besonderer Fokus auf der Rolle von Bildern in asymmetrischen Konflikten liegt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die strategische Nutzung von Bildern durch Terroristen, die mediale Realitätskonstruktion, ethische Standards im Journalismus und die Veränderung moderner Kriegsführung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist eine kritische Reflexion darüber, wie Medien Bilder von Terroranschlägen verarbeiten und ob sie dadurch unfreiwillig zu Instrumenten terroristischer Strategien werden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit folgt dem Ansatz der Beobachtung zweiter Ordnung, indem die Realitäts- und Symbolkonstruktion der Massenmedien analysiert wird.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Bildsprache und Symbolik, die kritische Auseinandersetzung mit der Medienberichterstattung sowie das ethische Dilemma der Veröffentlichung von Schreckensbildern.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind asymmetrische Konflikte, Bildgewalt, Medienethik, Kommunikationsstrategie und Realitätskonstruktion.
Welche Rolle spielt 9/11 in der Argumentation?
Die Anschläge von 9/11 dienen als zentrales Fallbeispiel für die Radikalisierung des Verhältnisses zwischen Bild und Realität sowie für die „totale symbolische Tatsache“ eines Ereignisses.
Was besagt die These zur „erzwungenen Komplizenschaft“?
Sie postuliert, dass internationale Medien aufgrund ihrer Abhängigkeit von spektakulären Live-Bildern und der Notwendigkeit zur Berichterstattung zwangsläufig in eine Rolle gedrängt werden, in der sie terroristische Botschaften weiterverbreiten.
Wie werden Lösungsansätze für die Medien diskutiert?
Es wird die Forderung nach einem visuellen Ethikkodex, größerer Transparenz journalistischer Arbeit sowie einer distanzierten Haltung gegenüber Sensationslust und Quotenfetischismus formuliert.
- Arbeit zitieren
- Frank Bartels (Autor:in), 2006, Asymmetrische Konflikte. Zum Verhältnis von Medien, Bild und Terrorismus, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/72358