Die Ess-Störung Bulimie breitet sich unter Frauen und Mädchen in westlichen Industrienationen seit den achtziger Jahren zunehmend aus und ist immer stärker ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Das rege Medieninteresse ist einerseits positiv und wünschenswert, andererseits ist jedoch die Darstellung und das hiermit transportierte Frauenbild, oftmals problematisch. In der Regel wird das Bild einer Frau gezeichnet, die aufgrund einer meist schwierigen Familien- oder Lebenssituation „erkrankt“ ist und nun wahllos, unkontrolliert – tierisch – riesige Essensmengen verschlingt. Hinterher erbricht sie sich schamvoll und selbsterniedrigend auf der Toilette, um nicht zuzunehmen. Sie wird als übertrieben leistungsorientiert, perfektionistisch und abhängig von Schlankheitsnormen beschrieben. Bulimie wird damit als individuelles Defizit betrachtet und als Störung oder – „gestörte weibliche Entwicklung“ – festgeschrieben. Wer an Bulimie „leidet“, wird in der Regel als tragischer Einzelfall behandelt, und auch so erklärt.
Eine Darstellungsweise jedoch, die Bulimie auf die Individualgeschichte einzelner Frauen reduziert, lässt entscheidende Fragen offen: Wie kommt es zur rapiden Zunahme von Bulimie? Was ist das ‚zeitgemäße‘ an dieser ‚Frauenkrankheit‘?
Um sich dieser Frage annähern zu können, müssen auch soziokulturelle Faktoren systematisch in die Betrachtungsweise miteinbezogen werden. Ohne diese bleibt unerklärlich, warum die Zahlen zur Zunahme von Bulimie erschreckend sind und warum immer mehr Frauen ein gestörtes Verhältnis zum Essen und ihrem Körper entwickeln, wenn auch außerhalb pathologischer Zuschreibungskategorien.
Trotz der Erkenntnis, „dass es sich bei Bulimie um ein allgemein gesellschaftliches Problem handelt, das sich mehr als andere Formen psychosomatischer Störungen mit gesellschaftlichen Normierungen verbinden lässt“ und dass insbesondere das Schlankheits- und Schönheitsdiktat eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Bulimie spielen, werden die ausschlaggebenden Gründe weitestgehend im individuellen Bereich verortet.
[...] Das legt die Vermutung nahe, dass es aktuelle gesellschaftliche Rahmenbedingungen geben muss, die die Entstehung bulimischen Verhaltens begünstigen und dass jenseits der individualpsychologischen auch soziokulturelle Faktoren hier eine entscheidende Rolle spielen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Fragestellung
1.3 Aufbau der Arbeit
2. Bulimie – Annäherung an ein Phänomen aus kulturwissenschaftlicher Perspektive
2.1 Klassifizierungsprobleme – Grenzen bisheriger Betrachtungsweisen
2.1.1 Normal oder krank?
2.1.2 Sucht und Kontrollverlust
2.2 Eine erweiterte Perspektive von Bulimie
2.2.1 Zur Konjunktur eines Phänomens
2.2.2 Besonderheiten der Bulimie aus kulturwissenschaftlicher Perspektive
3. Ernährung, Körperdisziplinierung und die Konstruktion weiblicher Identität
3.1 Soziokulturelle Aspekte von Ernährung und Ernähren
3.1.1 Essverhältnisse: Von der Fremd- zur Selbstkontrolle des Appetits
3.1.2 Ernährung, Körper und die Konstruktion von Weiblichkeit
3.1.3 Die Formung des nackten Körpers
3.1.3.1 Diät als kulturelle Praxis zur Körperformung
3.1.3.2 Weitere anerkannte Kulturtechniken der Körperformung
4. Körper(leit)bilder und Normalisierung
4.1 Dickleibigkeit als gesellschaftliches Stigma und individuelles Manko
4.2 Die Bedeutung von Körper und der Spiegel der Anderen
4.3 Schönheit ist machbar
4.3.1 Schön – schlank – weiblich
4.3.2 Schön – schlank – modisch
4.4 Schönheit als soziales Zeichen – Körperrepräsentation und Verunsicherung
4.5 Bulimie auf dem Weg zur anerkannten Kulturtechnik?
5. Bulimie als Spiegel individualisierter Gesellschaften?
5.1 ‚Kulturimperialismus‘ und ‚Selbstregierung‘
5.2 Ausblick: Wider Privatisierung und Individualisierung: Prävention und Kollektivität
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Bulimie nicht primär als psychologisches Defizit, sondern als kulturelle Praktik und Ausdrucksform individualisierter Gesellschaften. Die Forschungsfrage fokussiert dabei darauf, welche soziokulturellen Bedingungen das Entstehen bulimischer Verhaltensmuster begünstigen und inwiefern diese Praktiken als "zeitgemäße" Konfliktlösungsstrategien innerhalb eines restriktiven gesellschaftlichen Normengefüges verstanden werden können.
- Kulturwissenschaftliche Analyse von Ernährung und Körperdisziplinierung
- Konstruktion von Weiblichkeit durch Schönheitsideale und Diätkultur
- Normalisierungsdruck und die Stigmatisierung von Dickleibigkeit
- Bulimie als individualisierte "Coping-Strategie" in der Leistungsgesellschaft
- Der Körper als Repräsentationsort und "Kunst-Körper"
Auszug aus dem Buch
3.1 Soziokulturelle Aspekte von Ernährung und Ernähren
Da „Sozialisation und Ernährung [...] auf das engste miteinander verknüpft und ineinander verschränkt” sind, liegt es in Bezug auf die Genese von Bulimie nahe, die soziokulturellen Veränderungen aufzuzeigen, die der Nahrungsaufnahme und den damit verbundenen Normierungen unterliegen. Bulimie tritt in erster Linie in westlichen oder westlich orientierten Staaten auf, in denen ein permanenter Lebensmittelüberschuss herrscht. Dort, wo Nahrung in unbegrenzter Menge vorhanden ist, wirken gesellschaftliche Normen, die Mäßigung im Umgang mit diesem Überangebot fordern und voraussetzen.
Die Fähigkeit diesen Normen zu entsprechen, ist jedoch nicht von vornherein im Menschen angelegt, sondern muss als Produkt der sich über einen langen Zeitraum erstreckenden kulturhistorischen Veränderungen der Ernährungsgewohnheiten angesehen werden. Dass diese Faktoren einem tieferen Verständnis der heutigen modernen Ess-Störungen dienlich sind, haben verschiedene Autoren herausgearbeitet. Ich werde vor allem die Entwicklungen aufzeigen, die dazu führten, dass insbesondere Frauen darauf ‚trainiert’ sind, ihre Ernährung in einem hohen Maße zu kontrollieren.
Die Aufnahme von Nahrung gehört zu den existenziell grundlegendsten Vorgängen des menschlichen Lebens. Daher sind seit der frühesten Menschheitsgeschichte Ernährungsregeln bekannt. Seit jeher „wurden Meidungen, Tabus und Verbote aufgestellt, um einerseits Toxikationen (z. B. durch den Verzehr unbekannter Früchte und Tiere) zu vermeiden, andererseits gesellschaftliche Normen und Herrschaftsansprüche durchzusetzen.” Ernährung ist demnach nicht nur ein körperlich-biologisches, sondern gleichzeitig ein kulturell-soziales Phänomen, das von historischen und geografischen Bedingungen bestimmt wird und eine wichtige Rolle im Zivilisationsprozess spielt, wie es Norbert Elias gezeigt hat. Was wann und wie gegessen wurde, ist u.a. ein Indiz für den Kulturkreis, gesellschaftliche Stellung und Religion, aber auch für die biologische oder soziale Geschlechtszugehörigkeit. So gelten in der selben Region und zur selben Zeit oftmals unterschiedliche Normen und Regeln für das Essverhalten von Frauen und Männern.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die zunehmende Verbreitung der Ess-Störung Bulimie und kritisiert deren häufige Reduktion auf individuelle psychologische Defizite, wobei die Relevanz soziokultureller Faktoren hervorgehoben wird.
2. Bulimie – Annäherung an ein Phänomen aus kulturwissenschaftlicher Perspektive: Dieses Kapitel hinterfragt die gängigen medizinischen Klassifizierungen und plädiert für eine Erweiterung des Bulimie-Begriffs als kulturelles Phänomen.
3. Ernährung, Körperdisziplinierung und die Konstruktion weiblicher Identität: Hier wird untersucht, wie soziokulturelle Ernährungsnormen und das Streben nach dem idealen Körper eng mit der Konstruktion weiblicher Identität verknüpft sind.
4. Körper(leit)bilder und Normalisierung: Dieses Kapitel diskutiert den gesellschaftlichen Normalisierungsdruck und fragt, ob Bulimie als neue Kulturtechnik verstanden werden kann.
5. Bulimie als Spiegel individualisierter Gesellschaften?: Der abschließende Teil analysiert Bulimie als "Selbsttechnologie" im Foucaultschen Sinne und diskutiert Ansätze für eine gesellschaftliche Prävention und Kollektivität.
Schlüsselwörter
Bulimie, Essstörungen, Körperbilder, Schlankheitswahn, Weiblichkeit, Normalisierung, Soziokulturelle Faktoren, Diätkultur, Selbstkontrolle, Foucault, Machttechnologien, Körperdisziplinierung, Individuelle Lösungsstrategie, Kulturtechnik, Genderrollen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht Bulimie aus einer kulturwissenschaftlichen Perspektive und analysiert, warum das Phänomen primär bei Frauen auftritt und als Ausdruck gesellschaftlicher Anforderungen verstanden werden kann.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Wechselwirkungen zwischen gesellschaftlichen Körpernormen, Ernährungszwängen, Geschlechterrollen und der individuellen Identitätskonstruktion.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, den Fokus weg von der rein pathologischen Betrachtung der Bulimie hin zu einer Analyse der gesellschaftlichen Bedingungen zu verschieben, die das Entstehen dieser Essstörung begünstigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt einen kulturwissenschaftlichen Ansatz, der soziologische Theorien (insbesondere von Michel Foucault und Norbert Elias) mit qualitativen Experteninterviews sowie Analysen von Medien und Diätkultur verbindet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die historische Entwicklung der Esskontrolle, den Wandel von Körperleitbildern hin zum "schlanken Körper" und die Rolle des Diäthaltens als weitverbreitete Kulturtechnik.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Bulimie, Körperleitbilder, Normalisierung, Selbsttechnologien, Weiblichkeit, Diätkultur und Leistungsgesellschaft.
Warum wird Bulimie in der Arbeit als "Coping-Strategie" bezeichnet?
Die Arbeit argumentiert, dass Bulimie Frauen in einer individualisierten Leistungsgesellschaft hilft, den enormen Anforderungen an den eigenen Körper und den Alltag trotz Scheitern an gesellschaftlichen Idealen funktionsfähig zu begegnen.
Wie unterscheidet sich diese Arbeit von gängigen klinischen Studien?
Während klinische Studien die Bulimie meist als "Krankheit" im Individuum verorten, betrachtet diese Arbeit sie als Symptom gesellschaftlicher Strukturen und als Strategie der Anpassung an eben diese Strukturen.
Welche Bedeutung kommt der "Unsichtbarkeit" der Bulimie zu?
Die Unsichtbarkeit der Bulimie ist für die Autorin ein zentrales Merkmal, da sie der betroffenen Frau ermöglicht, den "perfekten Schein" in der Gesellschaft zu wahren, ohne die zugrunde liegenden gesellschaftlichen Probleme offenlegen zu müssen.
- Quote paper
- Katharina Maas (Author), 2003, "Am Anfang war’s die ideale Lösung" – Bulimie als kultureller Spiegel individualisierter Gesellschaften, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/71712