Aus theoretischer Perspektive wurden Region und Regionalisierung von zahlreichen Autoren behandelt. Die aufgestellten Hypothesen und Systematisierungen sind allerdings wesentlich seltener auf die Praxis, sprich auf ein oder mehrere konkrete Beispiele, angewandt worden. Die für diese Arbeit maßgebliche „kulturwissenschaftliche Regionenforschung“ ist stark empirisch orientiert und bemüht sich u.a. Einzelergebnisse zu einer allgemeineren Theorie zu verknüpfen. Die vorliegende Arbeit soll mit Fokus auf eine Region, nämlich die Rhön, und die für sie maßgeblichen regionalisierenden Akteure, nämlich den Verein Rhönklub (RK) und das Biosphärenreservat Rhön (BRR), ein solches Einzelergebnis liefern. Die wesentliche Frage dabei ist:Welche Positionen lassen sich innerhalb der (schriftlich fixierten) Regionsdarstellungen der beiden Institutionen feststellen? Welche Strategien verfolgen sie, um die Region zu fördern, welche Bezüge setzen sie bei der Darstellung „ihrer“ Region?Das Ziel ist, Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Bezugnahme auf die Region Rhön festzustellen und wenn möglich Erklärungsansätze zu liefern. Zugleich wird das Thema der regionalen Identität aufgegriffen, das in der Wissenschaft ebenso wie im Umfeld der Regionalentwicklung eine Rolle spielt. Erst kürzlich haben mit dem BRR befasste Wissenschaftler die Frage nach der symbolischen Bedeutung von Naturraummerkmalen oder regionalen Produkten für die „Rhöner Identität“ aufgeworfen. Diese Frage nach dem „Selbstverständnis und Selbstbewusstsein“ in der Rhön könne allerdings nicht allein mit Umfragen beantwortet werden,5sondern erfordere die Untersuchung „zeitgeschichtlich entsprechend ausgewählter Texte unter Beachtung ihres Entstehungs-und
Verwendungszusammenhangs“. Genau das versucht die vorliegende Arbeit: Sie beleuchtet mit dem Vergleich von Schriftzeugnissen einer bereits seit 1876 bestehenden und einer in den 1990ern entstandenen Organisation Regionalisierungbestrebungen bzw. Regionsdarstellungen vor verschiedenen zeitlichen Hintergründen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Grundlagen
2.1 Einbindung in die Forschungsdiskussion
2.1.1 Zur Konjunktur des Regionsbegriffs innerhalb und außerhalb der Wissenschaft
2.1.2 Substantialistische und konstruktivistische Ansätze
2.1.3 Kulturwissenschaftliche Regionenforschung: Region als Sinnordnung
2.1.4 Möglichkeiten regionaler Sinnordnung
2.1.4.1 Akteurstypen und Handlungslogiken
2.1.4.2 Regionskonzepte und Arten der Raumstrukturierung
2.2 Begriffsklärung
2.2.1 Kernbegriffe: Raum, Region, Heimat
2.2.2 Hilfsbegriffe: Moderne, Identität, Erzählungen
2.3 Erklärungsansätze und Theorien zu Region und Regionsbezug
2.3.1 Zur Aktualität des Raumbezugs in Zeiten der „Globalisierung“
2.3.2 Zum Raumbezug auf verschiedenen Ebenen: Region, Nation, Europa
2.3.3 Raumbezug als Möglichkeit der Selbstverortung und Sinnstiftung: Regionale Identität und Identifizierung mit der Region
2.4 Zusammenfassung und Folgerungen
3 Vorgehensweise
3.1 Untersuchungsgegenstand: Die Rhön und die Akteure Rhönklub und Biosphärenreservat
3.2 Verfahren zur Bearbeitung der Fragestellungen
3.2.1 Die Diskursanalyse
3.2.2 Der Vergleich und vergleichendes Vorgehen
3.3 Methode
3.3.1 Filterfragen: Unter welchen Gesichtspunkten werden Quellen ausgewählt?
3.3.2 Korpusbildung: Welches sind die relevanten Dokumente?
3.3.3 Analyseraster: Was sind diskursive Elemente?
4 Untersuchung: Die Konstruktion der Region Rhön
4.1 Kontext der Untersuchung: Beschreibung der Akteure
4.1.1 Der Rhönklub
4.1.2 Das Biosphärenreservat
4.1.3 Zuordnung zu Akteurstypen und Regionskonzepten
4.2 Untersuchung: Beschreibung der Regionskonzepte
4.2.1 Gründungserzählungen und Selbstdarstellungen – Hintergründe der Regionalisierung
4.2.1.1 Der Rhönklub
4.2.1.2 Das Biosphärenreservat
4.2.1.3 Zusammenfassung und Eckpunkte für die weitere Analyse
4.2.2 Darstellung der Rhön und ihrer Bewohner – Strategien der Regionalisierung
4.2.2.1 Räumliche Abgrenzung: Gemeinsame Aspekte statt eindeutige Grenzen (topografischer, ordnungspolitischer und kultureller Raum)
4.2.2.2 Die Rhön als Grenzland und Raum der Grenzüberschreitung (ordnungspolitischer und kultureller Raum)
4.2.2.3 Die Rhön als Kulturlandschaft zwischen Wirtschaftsraum und Schutzgebiet (ökonomischer und topografischer Raum)
4.2.2.4 Die Rhön als Refugium und Qualitätsregion (ökonomischer und kultureller Raum)
4.2.2.5 Der Begriff „Rhöner“: Gattungsname und Qualitätsattribut (kultureller und ökonomischer Raum)
5 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, wie die Region Rhön durch die zwei Akteure Verein Rhönklub (RK) und Biosphärenreservat Rhön (BRR) konstruiert und in ihrer regionalen Identität geprägt wird. Ziel ist es, Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Strategien und Diskursen dieser Organisationen über einen langen Zeitraum (1876 bis 2006) zu identifizieren und diese in den theoretischen Kontext der kulturwissenschaftlichen Regionenforschung einzuordnen.
- Kulturwissenschaftliche Analyse von Regionsdarstellungen
- Vergleich der Akteure Rhönklub und Biosphärenreservat
- Bedeutung von Raum, Identität und Heimat in Diskursen
- Einfluss von Modernisierung und Regionalisierung
Auszug aus dem Buch
4.2.2.1 RÄUMLICHE ABGRENZUNG: GEMEINSAME ASPEKTE STATT EINDEUTIGE GRENZEN (TOPOGRAFISCHER, ORDNUNGSPOLITISCHER UND KULTURELLER RAUM)
Eine Annahme der kulturwissenschaftlichen Regionenforschung lautet, dass Regionen als Sinnordnungen durch ein klar bestimmtes Zentrum gekennzeichnet sind, jedoch keine klar definierten Grenzen haben und somit territorial nicht eindeutig zu definieren sind.222 Hier soll geklärt werden, wie es sich damit bei RK und BRR verhält.
Auf den ersten Blick wird die Rhön von den hier untersuchten Akteuren vor allem über naturräumliche Gesichtspunkte definiert. Sie ist „Mittelgebirge“ oder in früheren Schriften des RK, der sich z.T. selbst als Gebirgsverein223 bezeichnet, sogar „Gebirge“224. Bei genauerer Betrachtung stellt sich allerdings heraus, dass weder für den RK noch für das BRR dies die einzig relevante Kategorie ist. Der RK umfasst mit seinen Zweigvereinen nicht genau das Gebiet des Mittelgebirges, sondern orientiert sich an „allmählich gewachsenen“ Strukturen des Vereins.225 Als Markierung werden hier Flüsse verwendet: Die Rhön liegt im Herzen Deutschlands, „eingebettet zwischen Thüringer Wald und Vogelsberg, umtost von Saale und Sinn, von Werra und Fulda“.226 Selbst wenn man von „auswärtigen“ Zweigvereinen, etwa in Würzburg absieht, wird die Rhön „von Gemünden im Südwesten bis Vacha im Norden“ und „von Fulda im Westen bis Meiningen im Osten“ definiert.227
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik des Regionsbegriffs und die Relevanz der kulturwissenschaftlichen Regionenforschung ein und stellt die zentrale Forschungsfrage zur Konstruktion der Region Rhön durch den Rhönklub und das Biosphärenreservat.
2 Grundlagen: Dieses Kapitel systematisiert theoretische Ansätze zu Region, Regionalisierung und Identität, ordnet diese in einen wissenschaftlichen Kontext ein und definiert zentrale Begriffe für die Analyse.
3 Vorgehensweise: Die methodische Vorgehensweise, bestehend aus Diskursanalyse und historischem Vergleich, wird begründet und die Auswahl des Quellenkorpus sowie das Analyseraster dargelegt.
4 Untersuchung: Die Konstruktion der Region Rhön: Der Hauptteil analysiert die historischen Gründungskontexte und die inhaltlichen Regionskonzepte beider Akteure, wobei besonders Strategien der Grenzziehung, Identitätsstiftung und Darstellung von Natur und Kultur im Fokus stehen.
5 Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und zeigt auf, dass beide Akteure trotz unterschiedlicher Hintergründe und Strukturen ähnliche Diskurse zur Rhön führen, um regionale Identität zu stiften und wirtschaftliche sowie soziale Herausforderungen zu bewältigen.
Schlüsselwörter
Rhön, Rhönklub, Biosphärenreservat, Regionalisierung, Region, Identität, Heimat, Diskursanalyse, Konstruktivismus, Kulturlandschaft, Heimatbewegung, Regionalentwicklung, Raumbezug, Sinnordnung, Nachhaltigkeit
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Magisterarbeit untersucht, wie die Region Rhön durch zwei zentrale Akteure – den Rhönklub und das Biosphärenreservat Rhön – als Region konstruiert und in der Öffentlichkeit dargestellt wird.
Welche Akteure werden analysiert?
Die Untersuchung fokussiert sich auf den Verein Rhönklub (RK), der seit 1876 existiert, und das in den 1990er Jahren gegründete Biosphärenreservat Rhön (BRR).
Was ist das primäre Ziel der Forschung?
Ziel ist es, die Unterschiede und Gemeinsamkeiten in der Darstellung der Rhön sowie die Strategien zur Regionalförderung und Identitätsstiftung durch diese Akteure im historischen Längsschnitt zu verstehen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt schwerpunktmäßig die Diskursanalyse in Kombination mit einem vergleichenden Vorgehen, um Schriftzeugnisse und Konzepte der Akteure systematisch auszuwerten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit den Gründungserzählungen der Akteure sowie deren Strategien, die Rhön als Grenzland, Kulturlandschaft und Qualitätsregion darzustellen.
Welche Keywords charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Schlüsselbegriffe sind Rhön, Regionalisierung, Identität, Konstruktivismus, Heimat und Nachhaltigkeit.
Welche Rolle spielt die deutsche Teilung für die Rhön-Darstellung?
Die Teilung und die anschließende Wiedervereinigung werden als entscheidende Zäsuren wahrgenommen, die das Narrativ der Rhön maßgeblich prägten – von der "Zerstückelung" bis hin zur "Modellregion" nach der Wiedervereinigung.
Inwiefern unterscheiden sich RK und BRR in ihrem Regionalverständnis?
Der RK wird eher als Beziehungsnetzwerk mit starkem Heimatbezug eingeordnet, während das BRR als komplexeres Innovationsnetzwerk fungiert, das ökologische und ökonomische Ziele globaler einbettet.
- Arbeit zitieren
- Anne Krenzer (Autor:in), 2006, Vom "Land der armen Leute" zur "Modellregion" - Regionalisierung am Beispiel der Region Rhön in den Darstellungen regionaler Akteure zwischen 1876 und 2006, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/71177