Vor dem Hintergrund der Frage, in welcher Form sich die Aufklärung mit Wissensbeständen der vorangegangenen Jahrhunderte auseinandergesetzt hat, soll am Beispiel des von Johann Jacob Bodmer wiederentdeckten und in mehreren Auszügen edierten Nibelungenliedes gezeigt werden, welchen Weg das von den Schweizern ausgehende Interesse für die mittelalterliche Literatur genommen hat und wie diese Entwicklung nicht dem ursprünglichen Verständnis der Aufklärung folgt, die sich in der Kontinuität des Humanismus und damit auch der französischen Klassik sieht, sondern durch die Hinwendung zur zeitgenössischen englischen Literatur eine Neubewertung des Mittelalters begründet, die die im Humanismus verankerte Ablehnung gerade dieses Zeitalters aufhebt.
Stand die Aufklärung zunächst in der Kontinuität des Humanismus und damit auch des Klassizismus, was per definitionem einen Ausschluss des Mittelalters mit sich brachte, begründeten die Schweizer, allen voran Bodmer und Breitinger, eine Umorientierung hin zum „dem Anderen“, von der französischen zur englischen Literatur und damit den Beginn einer Historisierung, die einerseits die Werte erkennt, die den alten Texten innewohnen, sich andererseits aber auch nicht scheut, genau diese alten Texte den zeitgenössischen Normativen zu unterwerfen und durch massive Eingriffe anzupassen.
Eine historische Perspektive, wie sie von Thomas Blackwell formuliert und von Bodmer rezipiert wird, macht die Rezeption des Mittelalters überhaupt erst möglich und ebnet den Weg für die gegen Ende des 18. Jahrhunderts einsetzende romantische Bewegung, die genau das postuliert, was auch Bodmers Anliegen war: die Suche nach den eigenen Wurzeln in Kunst und Literatur des Mittelalters.
Inhaltsverzeichnis
EINLEITUNG
JOHANN JAKOB BODMER
DIE FREYMÜTHIGEN NACHRICHTEN (FN)
VOM SCHWÄBISCHEN ZEITPUNCTE
BODMERS BESCHÄFTIGUNG MIT DEM NIBELUNGENLIED
CHRIEMHILDEN RACHE UND DIE KLAGE (1757)
Chriemhilden Rache und die Klage
Die Fragmente
DIE RACHE DER SCHWESTER (1767)
DIE BALLADEN (1781)
Sivrids mordlicher Tod (16. Aventiure)
Die wahrsagenden Meerweiber (25./26. Aventiure)
Der Königinnen Zank (14. Aventiure)
BODMERS DICHTUNGSTHEORIE
BODMER UND DER POETIKSTREIT
DIE ERSTE VOLLSTÄNDIGE AUSGABE DES NIBELUNGENLIEDS (1782)
SCHLUSSBETRACHTUNG
JOHANN JAKOB BODMER: ÜBERSICHT ÜBER LEBEN UND WERK (INCL. TEXTZITATE)
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, wie sich die Aufklärung mit den literarischen Wissensbeständen vergangener Jahrhunderte auseinandersetzte. Im Zentrum steht dabei Johann Jacob Bodmer und dessen Wiederentdeckung sowie editorische Bearbeitung des Nibelungenliedes, wobei analysiert wird, wie Bodmer das Mittelalter im Kontext seiner zeitgenössischen poetologischen Theorien und unter dem Einfluss englischer Literatur neu bewertete.
- Die Auseinandersetzung der Aufklärung mit mittelalterlichen Texten am Beispiel Bodmers.
- Die Entwicklung von Bodmers Nibelungenlied-Editionen und deren Bearbeitungsschritte.
- Bodmers Dichtungstheorie: Das Wechselspiel zwischen Wunderbarem und Wahrscheinlichem.
- Der Einfluss der englischen Literatur auf Bodmers literarische Wertschätzung des Mittelalters.
- Der Poetikstreit zwischen Bodmer, Breitinger und Gottsched.
Auszug aus dem Buch
BODMERS DICHTUNGSTHEORIE
Was an diesen Balladen sehr deutlich wird, ist, wie bereits bei den Fragmenten beschrieben, die Dichtungstheorie, die hinter Bodmers Umgang mit dem Originaltext steht. Vergegenwärtigt man sich nochmals die graphische Darstellung, die die von Bodmer geschaffenen Begriffe in einen räumlichen Bezug zueinander setzt (s. S. 13), verdichtet sich der dort dargestellte Raum des Wahrscheinlichen zu dem Raum, in dem sich Bodmers immer wieder geschaffene Einheit der Handlung bewegt. Diese Einheit der Handlung bestimmt nicht nur die grundsätzlich Auswahl der edierten Textpassagen, sondern auch deren Be- und Umarbeitung, und nicht selten fallen diesem Konzept ganze Strophen zum Opfer, wenn sich diese nach Bodmers Verständnis inhaltlich zu sehr von der Haupthandlung entfernen (vgl. dazu die Anhänge 1-3).
Auch Bodmers Verständnis des Wunderbaren und vor allem die Grenzen desselben werden immer wieder deutlich, etwa, wenn zu abenteuerliche Details einfach weggelassen oder abgemildert werden, wie vor allem an Darstellungen von Kämpfen zu beobachten ist.
Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die ebenfalls in der Sekundärliteratur diskutierte Rechtfertigung des Wunderbaren in der Ballade der wahrsagenden Meerweiber anhand der Hexen in Shakespeares Macbeth38; dieses Beispiel mag als Beleg dafür dienen, dass Bodmer durchaus auch in der Lage ist, seine eigenen Grenzen nach außen zu verschieben.
Zusammenfassung der Kapitel
EINLEITUNG: Darstellung des Forschungsinteresses an Bodmers Auseinandersetzung mit dem Nibelungenlied im Kontext der Aufklärung.
JOHANN JAKOB BODMER: Biographischer Abriss Bodmers und seine Rolle im Zürcher Geistesleben.
DIE FREYMÜTHIGEN NACHRICHTEN (FN): Untersuchung der Bedeutung dieser Zeitschrift für die Aufklärungsforschung.
VOM SCHWÄBISCHEN ZEITPUNCTE: Erläuterung der Bedeutung der Stauferzeit für Bodmers Literaturverständnis.
BODMERS BESCHÄFTIGUNG MIT DEM NIBELUNGENLIED: Analyse der editorischen Praxis Bodmers hinsichtlich der Handschrift C.
CHRIEMHILDEN RACHE UND DIE KLAGE (1757): Detailbetrachtung der ersten großen Edition und der darin vorgenommenen Anpassungen.
DIE RACHE DER SCHWESTER (1767): Analyse der späteren, sehr freien Bearbeitung und Modernisierung des Stoffes.
DIE BALLADEN (1781): Untersuchung der späten Balladenbearbeitungen auf Basis der Handschrift A.
BODMERS DICHTUNGSTHEORIE: Systematisierung von Bodmers Konzepten zur Einheit der Handlung und zum Wunderbaren.
BODMER UND DER POETIKSTREIT: Einordnung der Auseinandersetzung mit Gottsched in die Literaturgeschichte.
DIE ERSTE VOLLSTÄNDIGE AUSGABE DES NIBELUNGENLIEDS (1782): Würdigung des editorischen Endpunkts von Bodmers Lebenswerk.
SCHLUSSBETRACHTUNG: Zusammenfassende Bewertung der ambivalenten Leistung Bodmers zwischen Historisierung und Normenüberstülpung.
JOHANN JAKOB BODMER: ÜBERSICHT ÜBER LEBEN UND WERK (INCL. TEXTZITATE): Chronologische Zusammenstellung der wichtigsten Stationen und Publikationen.
Schlüsselwörter
Johann Jacob Bodmer, Nibelungenlied, Aufklärung, Mittelalterrezeption, Dichtungstheorie, Einheit der Handlung, Wunderbares, Wahrscheinliches, Handschrift C, Editionsgeschichte, Poetikstreit, Schweizer Aufklärung, mittelhochdeutsche Literatur, Homer, Literaturkritik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Johann Jacob Bodmer als Vertreter der Schweizer Aufklärung mittelalterliche Texte, insbesondere das Nibelungenlied, wahrnahm und editorisch bearbeitete.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Konzepte der Dichtungstheorie (Wunderbares vs. Wahrscheinliches), die Rezeptionsgeschichte mittelalterlicher Literatur sowie Bodmers Rolle im Poetikstreit.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es zu zeigen, wie Bodmer das Nibelungenlied edierte, um es zeitgenössischen poetischen Idealen anzupassen, und wie diese Arbeit die moderne Mittelalterrezeption einleitete.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse von Bodmers Vorworten, den verschiedenen Texteditionen (1757, 1767, 1781, 1782) sowie den theoretischen Abhandlungen Bodmers.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert chronologisch Bodmers verschiedene Nibelungenlied-Bearbeitungen, die theoretischen Hintergründe (wie die Klimatheorie und die Epen-Theorie) sowie den Vergleich mit der handschriftlichen Vorlage.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Bodmer, Nibelungenlied, Aufklärung, Dichtungstheorie, Wunderbares, Wahrscheinlichkeit, Edition, Rezeptionsgeschichte.
Wie ging Bodmer methodisch mit dem Nibelungenlied-Text um?
Bodmer nahm massive Texteingriffe vor: Er kürzte den Text, tilgte abenteuerliche Details, die er als "unglaubwürdig" empfand, und passte den Text durch Modernisierungen oder Hexameter-Umformungen seinen Vorstellungen von epischer Einheit an.
Welche Bedeutung hat das "Wunderbare" in Bodmers Theorie?
Für Bodmer liegt das Wunderbare im Grenzbereich des Wahrscheinlichen; überschreitet ein Text dieses Maß (z.B. durch zu viele Kämpfer oder unrealistische Kampfszenen), wird es zur "Übertreibung" oder zum "Abenteuerlichen", was er durch Reduktion wieder glaubwürdig zu machen suchte.
- Arbeit zitieren
- Magister Artium Clarissa Höschel (Autor:in), 2006, Die Rezeption mittelalterlicher Texte bei Johann Jacob Bodmer am Beispiel des Nibelungenliedes, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/70491