Aufbauend auf Jacques Lacans Auslegungen zum Phallus soll im Folgenden aufgezeigt werden, dass das Wagnerbuch als aemulatio der Historia die simple Gegenüberstellung vom potenten Helden zum impotenten Gegenüber weiterentwickelt, indem es anhand ihrer ambivalenten Figur Wagner phallizistische Fantasien gleichzeitig bedient und ablehnt. Im folgenden Kapitel wird die theoretische Grundlage zum lacanschen Konzept des Phallus dargelegt. Anschließend wird die De-Konstruktion der phallizistischen Fantasie im Wagnerbuch hinsichtlich der sexuellen Begierde, der Qualität und Quantität männlicher Potenz, der Genealogie, der kastrierenden Schadenszauber und der Darstellung des Penis untersucht.
Diese Angst vor der Unberechenbarkeit des Penis, dessen "Standvermögen" nicht immer im Einklang mit der sexuellen Lust des Besitzers steht, ist kein Phänomen aus der Moderne. Die Wunschfantasie, einen Phallus und nicht einen mit Fehlern behafteten Penis zu besitzen, wurde bereits in der Frühen Neuzeit behandelt und literarisch bedient. So deklariert Bettina Mathes die Kapitel des epikurischen Mittelteils der Faust-Historia "als pornographische Phantasien", in denen der Phallus über den Penis siegt. Trotz dieser Versicherung männlicher Potenz, die sich in der Figur des Faust widerspiegelt, erkennt Mathes im erfolgreichen Roman des 16. Jahrhunderts auch destabilisierende Tendenzen dieser "phallizistisch-pornographische[n] Phantasie", zu der immer ein nicht-phallisches 'Anderes' gehört.
Diese Fantasie wird auch vom Ander theil D. Johan Fausti Historien, dem Nachfolger der Historia, aufgegriffen. Dort wird schon früh im Text eine Referenz zu den sexuellen Eskapaden des Meisters Faust hergestellt, als sich Wagner vom Teufel Jungfrawen vnnd Frawen (WB8, S. 27) wünscht. Betrachtet man das Wagnerbuch in erster Linie als "geographisch erweiterten 'Aufguss'" der Historia, sollte naheliegen, dass mit der Figur Wagner dieselbe Fantasie erfüllt wird, die sein Meister Faust bereits bedient hat. Auch wenn man annehmen kann, dass das Wagnerbuch "vom Markterfolg der Historia profitieren wollte", hält Barbara Mahlmann-Bauer fest, dass diese Fortsetzung der Lebensgeschichte Fausts "Eher als aemulatio denn als imitatio zu bezeichnen [Hervorh. i. Orig.]" ist. Mahlmann-Bauer beschränkt sich in ihrer kontrastiven Untersuchung jedoch auf die narrativen Strukturen und den Einbau neuen Wissens im Wagnerbuch.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Theoretische Einbettung und Vorgehensweise
3 Phallus und Penis – Historia und Wagnerbuch
3.1 Sexuelles Begehren
3.2 Qualitative und quantitative Potenz
3.3 Potenter Samen und die Nachfolgerfrage
3.4 Schadenszauber
3.5 Der fragile Penis
4 Schluss
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen Potenz und Impotenz im "Wagnerbuch" im Vergleich zur Faust-"Historia". Ziel ist es, aufzuzeigen, wie das "Wagnerbuch" als "aemulatio" die phallizistische Fantasie des potenten Helden dekonstruiert, indem sie die ambivalente Figur Wagner als Gegenentwurf inszeniert, der zwischen dem Anspruch auf Potenz und der Realität männlicher Verletzbarkeit steht.
- Jacques Lacans Konzept des Phallus als Signifikant
- Die Abgrenzung von biologischem Penis und symbolischem Phallus
- Männliche Potenz als kulturelles Konstrukt und dessen Instabilität
- Die Rolle der "aemulatio" und die Transformation faustischer Motive
- Die Darstellung von Schadenszauber und der Fragilität männlicher Organe
Auszug aus dem Buch
3.5 Der fragile Penis
Mathes hält für die Historia fest, dass in deren "epikurischen Kapiteln" ein "unverwüstlich[er] Männerkörper" mit ungebrochener "phallisch[er] Stärke" konstruiert wird. Dieses Körperkonstrukt, das sich in der Figur Faust zentriert, ist nur durch teuflische Hilfe möglich und verliert in dem Moment seine Beständigkeit, als Fausts "verstümmelter Körper" nach seinem Tode mit "deutliche[n] Zeichen der Impotenz und Unfruchtbarkeit" beschrieben wird. Ein sehr ähnliches Ende findet sein Schüler Wagner im Wagnerbuch. Johann de Luna und Claus finden nach ihrer dreistündigen Ohnmacht nur etliche Beynlein vonn Fingern vnd Fueßzaehen / auch die beyde Augen / neben etlichen kleinen stuecklein Fleisch vnnd Gehirn / so an der Wand geklaebt (WB, S. 122.). Im Gegensatz zur Historia wird im Wagnerbuch jedoch nicht erst am Ende des Werks, sondern schon weit vorher die Bedrohlichkeit der Impotenz zugespitzt zur Schau gestellt.
Kurz nach dem Paktschluss kehrt Wagner in ein Wirtshaus in Halberstadt ein und rächt sich an einer Magd, die ihm Futter für sein Pferd verwehrt, indem er ihren Hund in einen garstigen / grewlichen pfuy dich an verwandelt (WB, S. 37). So geht die Jungfer mit diesem Hund, der allen anderen ausser ihr nun als Penis erscheint, sehr liebevoll und zärtlich um. Erst als Wagner ihre Augen öffnet und sie selbst erkennt, dass aus ihrem Hund ein schlaemmig garstig vnflaetig Ding geworden ist, lässt sie das koestliche Kleinot zu Boden fallen (WB, S. 37). Im Folgenden wird der verwandelte Hund als schreiend (schreyen), quiekend (quickete), halb todt und schliesslich vollends tot (starb) beschrieben (vgl. WB, S. 37f.). In der kurzen Zeit, in der der biologische Penis als Metamorphose eines Hundes im Wagnerbuch seinen Auftritt bekommt, wird vor allem dessen Schutzbedürftigkeit und physische Labilität hervorgehoben.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung etabliert das Konzept des Phallus und dessen kulturelle Bedeutung von der Frühen Neuzeit bis zur modernen Potenzmittelwerbung.
2 Theoretische Einbettung und Vorgehensweise: Dieses Kapitel erläutert Jacques Lacans Differenzierung zwischen Penis und Phallus als theoretische Grundlage für die Analyse der Geschlechterverhältnisse.
3 Phallus und Penis – Historia und Wagnerbuch: Das Hauptkapitel untersucht durch verschiedene Unterpunkte die Dekonstruktion phallizistischer Fantasien in der Figur Wagners im Vergleich zu Faust.
3.1 Sexuelles Begehren: Hier wird Wagners Streben nach epikurischem Lebensstil und seine Motivation durch sexuelle Gelüste als Handlungsmotiv analysiert.
3.2 Qualitative und quantitative Potenz: Dieses Kapitel vergleicht die sexuelle Leistungsfähigkeit von Meister und Schüler und beleuchtet die Kompensationsversuche der Potenz.
3.3 Potenter Samen und die Nachfolgerfrage: Die Untersuchung befasst sich mit der genealogischen Ebene und der Problematik, ob Wagner einen biologischen Erben zeugen kann.
3.4 Schadenszauber: Dieses Kapitel analysiert die Ausübung von Magie und wie Faust sexuelle Fehlleistungen bei anderen Männern induziert, während Wagner sich anders verhält.
3.5 Der fragile Penis: Der Abschluss des Hauptteils widmet sich der physischen Labilität und Verwundbarkeit des Penis als Gegenstück zum symbolischen Phallus.
4 Schluss: Das Fazit fasst zusammen, dass Wagner als ambivalente Figur scheitert und sich damit von der Vorstellung einer unantastbaren männlichen Potenz entfernt.
Schlüsselwörter
Phallus, Penis, Potenz, Impotenz, Wagnerbuch, Faust-Historia, Jacques Lacan, Männlichkeit, aemulatio, Begehren, Schadenszauber, Geschlechterverhältnis, Abject, Frühe Neuzeit, Potenzmittel
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Darstellung von männlicher Potenz und Impotenz im "Wagnerbuch" und stellt diese in den Kontrast zur "Historia von D. Johann Fausten".
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die lacansche Unterscheidung zwischen Penis und Phallus, die Konstruktion von Männlichkeit sowie die narrativen Unterschiede zwischen Faust und seinem Schüler Wagner.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Es soll aufgezeigt werden, dass das "Wagnerbuch" als "aemulatio" fungiert, indem es phallizistische Fantasien einerseits bedient, diese jedoch durch die ambivalente Figur Wagner gleichzeitig dekonstruiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Untersuchung basiert auf einer literaturwissenschaftlichen Analyse, die lacansche Theorie und Konzepte der Genderforschung auf frühneuzeitliche Texte anwendet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in verschiedene Aspekte: sexuelles Begehren, quantitative und qualitative Potenz, die Nachfolgerfrage, Schadenszauber und die Darstellung der Fragilität des Penis.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Phallus, Penis, Potenz, Wagnerbuch, Faust, Ambivalenz, aemulatio und die Abgrenzung von sex und gender.
Wie unterscheidet sich Wagner als Figur von Faust in Bezug auf seine Potenz?
Während Faust durchgängig als idealisierter Besitzer des Phallus dargestellt wird, ist Wagner weitaus ambivalenter und scheitert in seinem Versuch, die phallizistische Macht des Meisters zu imitieren.
Welche Rolle spielen die Schadenszauber in der Argumentation?
Schadenszauber dienen als Beweis für die Macht des Phallus; Faust nutzt sie, um andere Männer zu kastrieren oder zu schwächen, was seine eigene Stellung als allmächtige Potenzfigur festigt.
Wie wird die Rolle der Frau im Kontext des "abject" analysiert?
Frauen mit Phallus oder solche, die Rollen überschreiten (wie beim cross dressing), werden für das frühneuzeitliche männliche Subjekt als "abject" wahrgenommen, da sie die Eindeutigkeit der Geschlechterordnung bedrohen.
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- Christian Schulz (Author), 2019, Wie der Meister, so der Schüler? Über das Aufbrechen phallizistischer Fantasien im "Wagnerbuch", Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/703372