Nach der Phase der Militärdiktaturen und dem Übergang zur Demokratie in den 80er Jahren wurden in vielen lateinamerikanischen Staaten die Fragen diskutiert: Was soll mit den Verantwortlichen für die Menschenrechtsverletzungen geschehen? Wie kann eine Demokratie in einem Land funktionieren, dessen Bürger bis vor kurzem die absolute Missachtung ihrer Grundrechte erfahren mussten? Kann eine nationale Versöhnung erreicht werden, ohne die Menschenrechtsverbrechen zu ahnden?
In Peru sah man sich nach der Flucht des Präsidenten Alberto Fujimori im Jahr 2000 mit den selben Fragen konfrontiert – mit dem Unterschied, dass Peru die 20 vorausgegangenen Jahre nicht unter einer Militärdiktatur gelitten hatte wie viele seiner Nachbarländer, sondern dass Peru offiziell schon seit mehr als 20 Jahren zur Demokratie zurückgekehrt war. Trotzdem sind zwischen 1980 und 2000 in Peru mehr Menschenrechtsverbrechen zu verzeichnen als während der Zeiten der Militärdiktatur in den 70er Jahren.
Die Zeit, in der eine demokratisch legitimierte Regierung unter dem Vorwand der Bekämpfung der Guerillabewegung sendero luminoso Krieg gegen die eigene Bevölkerung führte, wird als guerra sucia oder innerer Krieg bezeichnet. Dies bezieht sich auf die Tatsache, dass im Land ein permanenter Kriegszustand herrschte, der mit der massiven Verletzung der Menschenrechte einherging, ohne dass ein äußerer Aggressor diesen provoziert hätte.
Im Rahmen dieser Arbeit möchte ich zuerst das Phänomen der Wahrheitskommissionen erläutern, die nach dem Übergang zur Demokratie in vielen lateinamerikanischen Staaten eingesetzt wurden, um die während der Diktaturen verübten Menschenrechtsverbrechen zu untersuchen.
Anschließend konzentriere ich mich auf den peruanischen Fall, indem ich zuerst die Vorgeschichte der guerra sucia und das Ausmaß der Menschenrechtsverbrechen erläutere und danach den Versuch, die Geschehnisse aufzuarbeiten und eine nationale Versöhnung zu erreichen, beschreibe.
Zum Schluss möchte ich mich der Fragestellung widmen, inwiefern der peruanische Fall mit anderen lateinamerikanischen Staaten verglichen und inwiefern er als Sonderfall perzipiert werden kann. Daran anschließend möchte ich zur Beantwortung der Frage kommen, inwiefern die Vergangenheitsbewältigung und die Arbeit der Wahrheitskommission in Peru an die Entwicklung in den lateinamerikanischen Nachbarländern anknüpfen und welche Singularitäten die peruanische Vergangenheitsbewältigung kennzeichnen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Wahrheitskommissionen in Lateinamerika
3 Fallbeispiel Peru
a Die guerra sucia
b) Menschenrechtsverbrechen während der guerra sucia
c) Vergangenheitsbewältigung in Peru
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Besonderheiten der peruanischen Vergangenheitsbewältigung nach der Phase der „guerra sucia“. Dabei steht insbesondere die Frage im Mittelpunkt, inwiefern der peruanische Fall als Sonderfall innerhalb Lateinamerikas zu betrachten ist und wie sich die Arbeit der dortigen Wahrheitskommission in den regionalen Kontext einfügt.
- Phänomenologie und Funktion von Wahrheitskommissionen in Lateinamerika
- Analyse des internen Konflikts („guerra sucia“) in Peru zwischen 1980 und 2000
- Untersuchung von Menschenrechtsverbrechen durch Staat und Guerillaorganisationen
- Bewertung der Arbeit und Effektivität der peruanischen Comisión de la Verdad y Reconciliación (CVR)
- Diskussion über die Möglichkeiten und Grenzen nationaler Versöhnung in einem polarisierten gesellschaftlichen Umfeld
Auszug aus dem Buch
Die guerra sucia
Der peruanische Fall stellt einen Sonderfall in Lateinamerika dar, insofern als die schwersten Menschenrechtsverbrechen nicht während der Militärdiktatur, sondern erst nach der transición und unter einer demokratisch legitimierten Regierung im Rahmen des so genannten inneren Krieges begangen wurden.7
Anstoß für den inneren Krieg war der Beginn des bewaffneten Kampfes durch den Partido Comunista del Perú Sendero Luminoso8, der nach Meinung des sendero Führers und -Chefideologen Abimael Guzmán Reinoso nicht weniger als die totale Zerstörung des existierenden Staates und den anschließenden Aufbau der „Republik der neuen Demokratie“ zum Ziel hatte.
Um dies zu erreichen sollten vom departamento Ayacucho aus so genannte „befreite Gebiete“ geschaffen werden, die unter der Macht des sendero stehen sollten und von denen aus die „guerra popular“ durch ein Rebellenheer in andere Teile des Landes und schließlich nach Lima getragen werden sollte.9
Ayacucho gehörte zu den ärmsten Regionen Perus, mit sehr rural geprägter Bevölkerung. Die Vernachlässigung der Region durch Lima, sowie die soziale Problematik machten Ayacucho zu einem idealen Ausgangspunkt für die Aktivitäten des PCP-SL. Die Universität San Cristobal de Huamanga, an der Guzmán als Philosophie-Professor angestellt war, fungierte als Plattform für die ersten Schritte des sendero im Umland Ayacuchos und in den angrenzenden Provinzen Huancavelica und Apurímac.10
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung stellt die zentralen Forschungsfragen zur Aufarbeitung von Menschenrechtsverbrechen nach dem Übergang zur Demokratie in Peru und anderen lateinamerikanischen Staaten vor.
2 Wahrheitskommissionen in Lateinamerika: Hier wird das Konzept der Wahrheitskommissionen als Instrument zur Vergangenheitsbewältigung erläutert, wobei auf die politische Abhängigkeit und die psychologische Bedeutung für Opfer eingegangen wird.
3 Fallbeispiel Peru: Dieses Hauptkapitel analysiert den internen Konflikt, das Ausmaß der Menschenrechtsverletzungen und die spezifische Rolle der nationalen Wahrheitskommission in einem durch soziale Polarisierung geprägten Land.
Schlüsselwörter
Peru, Wahrheitskommission, CVR, Menschenrechte, guerra sucia, Sendero Luminoso, Demokratisierung, Vergangenheitsbewältigung, politische Gewalt, nationale Versöhnung, soziale Exklusion, Militärdiktatur, Aufarbeitung, Straflosigkeit, Transición
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Aufarbeitung von Menschenrechtsverletzungen, die in Peru während des internen Konflikts (guerra sucia) verübt wurden, und vergleicht diese mit den Ansätzen anderer lateinamerikanischer Staaten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Analyse der Gewaltursachen, der Rolle der staatlichen Institutionen und der Guerilla sowie der Effektivität und den Herausforderungen der Wahrheitskommission (CVR).
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es zu ergründen, warum Peru als Sonderfall innerhalb Lateinamerikas wahrgenommen wird und welche spezifischen Faktoren die nationale Versöhnung erschweren.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Es handelt sich um eine politikwissenschaftliche und historische Analyse, die auf Literaturrecherche und der Auswertung von Berichten offizieller Wahrheitskommissionen basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst das Konzept der Wahrheitskommissionen generell, dann der spezifische Konfliktverlauf in Peru sowie die Tätigkeit und der Bericht der CVR detailliert dargelegt.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Begriffe wie „guerra sucia“, „Wahrheitskommission“, „nationale Versöhnung“ und „soziale Exklusion“ beschreiben den thematischen Kern am besten.
Was zeichnet die „guerra sucia“ in Peru besonders aus?
Im Gegensatz zu vielen Nachbarländern fanden die schwersten Verbrechen in Peru nicht unter einer Militärdiktatur statt, sondern während einer demokratisch legitimierten Regierungsphase.
Warum wird die Arbeit der CVR in der peruanischen Gesellschaft zwiespältig gesehen?
Die CVR stieß auf Widerstand, da sie einerseits von politischen Akteuren angegriffen wurde und andererseits aufgrund der tiefen sozialen Spaltung und Polarisierung des Landes keinen Konsens über die Vergangenheit finden konnte.
- Quote paper
- Lisa Rauschenberger (Author), 2006, Tradition und Singularität der peruanischen Vergangenheitsbewältigung nach der guerra sucia, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/68172