Seit den Ereignissen vom 11. September 2001 und den daraus resultierten militärischen Konflikten ist auch der breiten Öffentlichkeit die veränderte globale Sicherheitslage bewusst geworden. Schon seit dem 2. Weltkrieg veränderte sich die globale Konfliktstruktur. Die bis dato im europäisch-westlichen Bewusstsein dominierende Vorstellung vom klassischen, zwischenstaatlichen Kriege ist im Vergleich zum gesamten, kontinuierlich zunehmenden Kriegsgeschehen immer seltener geworden. Bis 1990 wurden andere Konfliktdimensionen fast immer gegenüber der ideologischen unterbetont. Mit dem Ende des Kalten Krieges fiel die Systemkonkurrenz als Faktor in Regionalkonflikten weg. In der Umbruchsphase des Internationalen Systems von 1988-1992 keimte in großen Teilen der Intellektualität die Hoffnung einer neuen, friedlichen Weltordnung. Es war die Rede vom „Ende der Geschichte“, der Kant’sche „demokratische Friede“ sei zum Greifen nah und die sich stark intensivierende wirtschaftliche Globalisierung würde zu allgemeinem Wohlstand führen, die wechselseitige Interdependenz militärische Konflikte unlogisch machen. Diese Hoffnung hat sich nicht bestätigt. Die wie durch einen ideologischen Dampfkessel während des Ost-West-Konfliktes stabil gehaltene internationale Staatenwelt begann nach der Implosion der Sowjetunion massiv zu bröckeln. Entgegen vieler Erwartungen hat die stark voranschreitende wirtschaftliche Globalisierung mit ihren einhergehenden wechselseitigen Interdependenzen ein instabiles und störanfälliges Klima in den Internationalen Beziehungen geschaffen. Regional beschränkte wirtschaftliche oder politische Krisen wirken auf Grund des hohen Vernetzungs- und Abhängigkeitsgrades global. Weltweit zu beobachtende Phänomene wie die Entstehung von Kriegsökonomien, Entstaatlichung, internationalen Terrornetzwerken und die des Aufstiegs privater Konfliktakteure, haben sicherheitspolitische Folgen für die gesamte Staatenwelt. Durch den hohen Grad der wirtschaftlichen, politischen und strukturellen Abhängigkeit, der sich wandelnden Rolle des Nationalstaats sowie den neuen Informations-, Kommunikations- und High-Tech-Optionen hat sich auch die globale Sicherheitslage stark verändert, was diese Arbeit aufzeigen möchte. Neben operationalen Definitionen und ordnenden Kriterien des „Chamäleons Krieg“ möchte ich auf die Beschaffenheit und einzelnen Dimensionen des sich wandelnden Konfliktbildes eingehen, dass von diversen Autoren unter dem Begriff „neue Kriege“ subsumiert wird.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Konfliktentwicklung im 20. Jahrhundert
2.1 Der Begriff des Krieges – Operationale Definition und Typologien
2.2 Die Konfliktlage nach dem Zweiten Weltkrieg – statistische Trends
3. Die Neuen Kriege – Globalisierung der Sicherheitsprobleme
3.1 Dimensionen des Wandels
3.1.1. Internationalisierung und Regionalisierung der Konflikte
3.1.2. Fragile Staatlichkeit und Privatisierung des Gewaltmonopols
3.1.3. Kommerzialisierung und Schattenglobalisierung
3.1.4. Asymmetrisierung und Irregularität
3.1.5. Entregelung
3.1.6. Der internationale Terrorismus
3.2 Die veränderte Sicherheitslage – Tatsächlich ein Novum?
4. Der „Krieg von morgen“ – Mögliche Entwicklungstendenzen
5. Fazit
6. Literatur
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Das Hauptziel dieser Arbeit ist die Untersuchung der veränderten globalen Sicherheitslage und des wandelnden Konfliktbildes zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Die Forschungsfrage hinterfragt, ob die als „Neue Kriege“ bezeichneten Phänomene tatsächlich ein Novum darstellen oder ob es sich um eine neue Ausprägung altbekannter Konfliktmuster unter den Vorzeichen der Globalisierung handelt.
- Wandel der Konfliktstrukturen nach 1945
- Merkmale „Neuer Kriege“ (Fragilität, Privatisierung, Terrorismus)
- Die Rolle der Globalisierung in modernen Konflikten
- Historische Einordnung und Kontinuität vs. Wandel
- Zukunftsperspektiven und Entwicklungstendenzen in der Kriegführung
Auszug aus dem Buch
3.1.2. Fragile Staatlichkeit und Privatisierung des Gewaltmonopols
Wie man in einem Großteil der heutigen Kriege und Konflikte beobachten kann, ist der Staat an sich mithin nur noch ein Gewaltakteur unter vielen. Der im Europa nach den Westfälischen Frieden mühsam initiierte und natürlich gewachsene Prozess der Verstaatlichung der Gewalt sowie die ebenfalls natürlich gewachsene, legitimierte Nationalstaatlichkeit inklusive Gewaltmonopol ist in quasi allen Regionen Afrikas, Zentralasiens und des Mittleren Ostens geschichtlich inexistent, was z.B. Kalevi Holsti treffend zusammen fasst: „The sources of present and future war lie in the very different European and Third World experiences of state birth and formation.”
Die in den genannten Regionen bestehenden Staaten sind künstliche Gebilde mit willkürlichen Grenzziehungen voller grundlegender theoretischer Unzulänglichkeiten. Die „Staatsgeburt“ war kein in ihrer Verfasstheit natürlich gewachsener, gemeinschaftlich gewollter Prozess, sondern ein in Form und Zeitpunkt extern oktroyierter, autoritär geprägter Moment. Das hat Staatsgebilde entstehen lassen, die geprägt sind von einem Mangel an gesellschaftlicher Legitimation bzw. sozialem Rückhalt und deren territoriale Souveränität von Beginn an unsicher war.
Ohne Legitimation und ohne existente Gemeinschaft lässt sich ein Staatsgebilde nur kurzfristig und nur äußerst repressiv zusammen halten, was wiederum zu Legitimationsverlust und innerstaatlichen Konflikten führt: „So ist der Bürgerkrieg in einer ganzen Reihe dieser aus dem Zerfall der großen Kolonialreiche hervorgegangenen Staaten endemisch geworden.“
Ohne Legitimation kann ein Staat kaum ohne massive externe Hilfe das Gewaltmonopol durchsetzen und ohne langfristiges Gewaltmonopol ist er dem Scheitern geweiht, wie spätestens nach dem Wegfall des Ost-West-Konfliktes offensichtlich wurde und was zu dem mittlerweile berühmten Phänomen der failed states geführt hat. „The tasks of governance, to the extent that they are performed at all, devolve to warlords, clan chiefs, religious figures, and other locally based individuals or organisations who are well armed. The state retains the fig leaf of sovereignty for external purposes, but domestic life is organized around local politics”
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung skizziert den Wandel der globalen Konfliktstruktur seit dem Zweiten Weltkrieg und thematisiert das Scheitern der Hoffnung auf eine friedliche Weltordnung nach Ende des Kalten Krieges.
2. Konfliktentwicklung im 20. Jahrhundert: Das Kapitel definiert den Kriegsbegriff und analysiert statistische Trends, die einen Übergang von klassischen zwischenstaatlichen zu dominant innerstaatlichen Konflikten belegen.
3. Die Neuen Kriege – Globalisierung der Sicherheitsprobleme: Dieses Kernkapitel untersucht verschiedene Dimensionen des Wandels, darunter die Internationalisierung, fragile Staatlichkeit, ökonomische Interessen und die Entstehung des internationalen Terrorismus.
4. Der „Krieg von morgen“ – Mögliche Entwicklungstendenzen: Es wird erörtert, wie Akteure auf veränderte Rahmenbedingungen reagieren und welche Tendenzen, wie etwa asymmetrische Kriegführung oder technologische Aufrüstung, für die Zukunft zu erwarten sind.
5. Fazit: Die Arbeit schließt mit der Feststellung, dass sich das Konfliktbild zwar wandelt, die grundlegenden Mechanismen jedoch weitgehend altbekannt sind und durch die Globalisierung lediglich eine neue Qualität erreichen.
6. Literatur: Verzeichnis der verwendeten wissenschaftlichen Quellen.
Schlüsselwörter
Neue Kriege, Sicherheitspolitik, Globalisierung, fragile Staatlichkeit, Failed States, Privatisierung der Gewalt, Asymmetrisierung, internationaler Terrorismus, Schattenglobalisierung, Kriegsökonomien, Gewaltmärkte, Konfliktursachenforschung, Interventionismus, Bürgerkrieg.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit analysiert die veränderte Konfliktlandschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts und untersucht, warum moderne militärische Konflikte zunehmend als „Neue Kriege“ bezeichnet werden.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Fokus stehen die Entstaatlichung von Gewalt, die Rolle der globalen Wirtschaft, das Phänomen des Terrorismus sowie die zunehmende Asymmetrie zwischen Akteuren.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es zu klären, ob die heutigen Konfliktphänomene wirklich neu sind oder ob es sich um eine Rückkehr zu archaischen Konfliktformen unter den neuen Bedingungen der Globalisierung handelt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine vergleichende Analyse historischer Konfliktdaten und wertet politikwissenschaftliche Ansätze, insbesondere jene der Arbeitsgemeinschaft für Konfliktursachenforschung (AKUF), aus.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil beleuchtet detailliert Dimensionen wie die Regionalisierung von Konflikten, die Rolle privater Akteure (Warlords), ökonomische Interessen und die strategische Irregularität.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Zentrale Begriffe sind Neue Kriege, globale Sicherheit, fragile Staatlichkeit, Privatisierung der Gewalt und Schattenglobalisierung.
Warum wird der Begriff "Staatsgeburt" im Kontext der heutigen Krisenregionen kritisch betrachtet?
Der Autor argumentiert, dass viele heutige Krisenstaaten künstliche Gebilde sind, deren Staatsform extern oktroyiert wurde, was zu mangelnder Legitimation und dauerhafter Fragilität führt.
Welche Rolle spielt die Globalisierung laut dem Autor für den Terrorismus?
Die Globalisierung ermöglicht durch Kommunikationstechnologien und Vernetzung eine neue, dezentrale Qualität des Terrorismus, die auf psychologische Wirkung statt auf rein militärische Siege abzielt.
- Arbeit zitieren
- Philipp Schweers (Autor:in), 2006, Neue Kriege? Die veränderte Sicherheitslage zu Beginn des 21. Jahrhunderts, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/66680