Neben vielen Rechten, die Journalisten in Deutschland genießen, gibt es auch im Presserecht und Pressekodex des Deutschen Presserats verankerte Pflichten. Eine der wohl zentralsten Pflichten ist die so genannte Sorgfaltspflicht des Journalisten. Heinz Pürer gibt als Definition der Sorgfaltspflicht an: „Sie hält Journalisten an, alle Nachrichten vor ihrer Verbreitung genau auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen.“ 1 Diese Pflicht ergibt sich zum einen aus der in der in Artikel 5 des Grundgesetzes festgeschriebenen Pressefreiheit, die umgekehrt aber auch zur Wahrheitsgemäßen Berichterstattung verpflichtet. Zum anderen resultiert die Sorgfalts- oder Wahrheitspflicht aus der journalistischen Ethik. Sie ist also ein moralisches Prinzip auf das sich die Journalisten, zum Beispiel in einem Pressekodex verständigt haben. Im Pressekodex heißt es gleich zu Beginn unter Ziffer 1: „Die Achtung vor der Wahrheit, die Wahrung der Menschenwürde und die wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit sind oberste Gebote der Presse.“ 2 Weiter heißt es unter Ziffer 2: „Zur Veröffentlichung bestimmte Nachrichten und Informationen in Wort und Bild sind mit der nach den Umständen gebotenen Sorgfalt auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen.“ Wie die folgende Grafik (Abbildung 1) zu den Inhalten der Eingaben beim Presserat zeigt, ist Ziffer 2 des Pressekodex auch die mit Abstand am häufigsten genannten, wenn es um die Begründung einer Beschwerde gegen einen veröffentlichten Beitrag geht. 171 von 395 Fällen im Jahr 2004 berührten auch Ziffer 2. Dies war auch in den vorangegangen Jahren stets der Fall und zeigt, dass es sich bei der Wahrheits- und Sorgfaltspflicht um die wohl schwierigsten und gleichzeitig wichtigsten Bestimmungen des Kodex handelt. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Wahrheit und Unwahrheit: Zentrale Themen bei Luhmann und in der journalistischen Ethik
2. Der Realitäts-Begriff bei Luhmann
3. Die Realitätskonstruktion durch Massenmedien
3.1 Manipulationen der Realitätskonstruktion
4. Selektion der Themen
4.1 Der binäre Code: Information/Nichtinformation
4.2 Weitere Selektionskriterien
5. Nachrichten und Berichte: Wahrheit als Anspruch
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Verhältnis von Wahrheit, Unwahrheit und journalistischem Handeln unter Rückgriff auf Niklas Luhmanns Werk „Die Realität der Massenmedien“. Ziel ist es, den systemtheoretischen Ansatz der Realitätskonstruktion sowie die Mechanismen der thematischen Selektion kritisch zu beleuchten und den Spannungsfeld zwischen journalistischem Wahrheitsanspruch und systembedingter Selektivität aufzuzeigen.
- Journalistische Sorgfaltspflicht und Ethik
- Luhmanns Konzept der zwei Realitäten der Massenmedien
- Strukturen der Realitätskonstruktion
- Mechanismen der Themen-Selektion und der binäre Code
- Die Rolle der Nachrichtenwerte im journalistischen Alltag
Auszug aus dem Buch
3.1. Manipulationen der Realitätskonstruktion
Luhmann schreibt, dass die Annahme, dass jede Realität durch die Massenmedien konstruiert wird, gleichzeitig auch die Möglichkeit der bewussten Manipulation dieser Konstruktion nahe legt. „Gerade wenn man davon auszugehen hat, daß es sich in jedem Falle um eine konstruierte Wirklichkeit handelt, kommt diese Eigenart der Produktion einer externen Einwirkung besonders entgegen.“ Als Beispiel für Manipulation nennt er die Militärzensur während des Golfkriegs. „Die Zensur mußte nur mediengerecht mitwirken, sie mußte die erwünschte Konstruktion mitvollziehen und unabhängige Informationen, die ohnehin kaum hätten gewonnen werden können, ausschließen.“
Meiner Ansicht nach, fällt an dieser Stelle auf, wie gleichgültig Luhmann diesen Manipulationen der Realitätskonstruktion gegenüberzustehen scheint. Er schreibt kein Wort, dass eine solche Manipulation eigentlich nicht wünschenswert sein kann oder wie das System der Massenmedien versuchen könnte, diesen Manipulationen entgegenzuwirken. Stattdessen schreibt er, wie einfach es ist, zu manipulieren. Meines Erachtens hätte hier ein kritischer Absatz durchaus Not getan, diesen findet man jedoch an keiner Stelle des Vortrags. Luhmann stellt das System der Massenmedien wie gottgegeben vor, ohne in diesem zentralen Punkt Stellung zu beziehen.
Luhmanns Auffassung nach, können nur die Militärzensoren sich selbst einen Strich durch die Rechnung machen, wenn sie mit der von ihnen beeinflussten Realitätskonstruktion zu sehr vom Bild, das dem Rezipienten zuvor von der Welt vermittelt wurde, abweichen. Dies sei beim Golfkrieg geschehen, indem man „die Opfer-Seite des Krieges fast völlig ausgeblendet“ habe. Das habe Kritik ausgelöst, weil dies „der durch die Medien selbst aufgebauten Vorstellung, wie ein Krieg auszusehen hat, vollständig widersprach.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Wahrheit und Unwahrheit: Zentrale Themen bei Luhmann und in der journalistischen Ethik: Dieses Kapitel erläutert die verankerten Pflichten von Journalisten in Deutschland und kontrastiert die Sorgfaltspflicht des Pressekodex mit Luhmanns systemtheoretischer Sichtweise.
2. Der Realitäts-Begriff bei Luhmann: Hier wird zwischen der „realen Realität“ der Medienoperationen und der „beobachteten Realität“ unterschieden, welche das Publikum als transzendentale Illusion wahrnimmt.
3. Die Realitätskonstruktion durch Massenmedien: Das Kapitel behandelt die zentrale Bedeutung der Medien für das gesellschaftliche Weltbild und die damit verbundene Unmöglichkeit einer eins-zu-eins Abbildung der Welt.
3.1. Manipulationen der Realitätskonstruktion: Es wird analysiert, wie die konstruierte Natur von Medienrealität gezielte Manipulationen ermöglicht, wobei Luhmanns vermeintlich gleichgültige Haltung gegenüber diesem Phänomen kritisiert wird.
4. Selektion der Themen: Der Fokus liegt auf der Systemoperation, bei der Informationen ständig neu produziert werden müssen, da sie an Aktualität verlieren.
4.1. Der binäre Code: Information/Nichtinformation: Die Analyse der Funktionsweise des Mediensystems anhand des binären Codes und der Notwendigkeit des stetigen „neuen Drehs“ bei der Nachrichtenerstellung.
4.2. Weitere Selektionskriterien: Erörterung der doppelstufigen Selektion durch zusätzliche Auswahlprogramme, die mit Nachrichtenfaktoren wie Frequenz, Personalisierung oder Negativismus vergleichbar sind.
5. Nachrichten und Berichte: Wahrheit als Anspruch: Untersuchung des Vertrauensverhältnisses der Rezipienten zu Nachrichtenformaten im Gegensatz zur systeminternen operativen Logik.
6. Fazit: Zusammenfassung der Kernthesen zur selektiven Weltkonstruktion der Massenmedien und die Einschränkung der Wahrhaftigkeit durch systemische Strukturen.
Schlüsselwörter
Niklas Luhmann, Massenmedien, Realitätskonstruktion, Journalismus, Wahrheitspflicht, Sorgfaltspflicht, Systemtheorie, Selektion, Information, Nichtinformation, Nachrichtenwerte, Manipulation, Journalistische Ethik, Pressefreiheit, Medienkritik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, wie Journalismus und Wahrheit in der Systemtheorie von Niklas Luhmann zueinander in Bezug stehen und wie Massenmedien unsere Wahrnehmung der Welt durch Selektionsprozesse konstruieren.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die journalistische Ethik (Sorgfaltspflicht), die Funktionsweise des Mediensystems, den Realitätsbegriff nach Luhmann sowie die Mechanismen der Themen-Selektion.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Es wird der Frage nachgegangen, wie Massenmedien trotz des Anspruchs auf wahrhaftige Berichterstattung gezwungen sind, Realität durch Selektion zu konstruieren, und wie dieses Spannungsfeld zu bewerten ist.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine theoretische Auseinandersetzung und Interpretation von Luhmanns „Die Realität der Massenmedien“, ergänzt durch eine kritische Gegenüberstellung mit journalistischen Standards und Ethik-Kodizes.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung des Realitätsbegriffs, die Analyse von Manipulationsmöglichkeiten im Mediensystem sowie die Untersuchung der Selektionskriterien für Nachrichten und Berichte.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Publikation?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Systemtheorie, Realitätskonstruktion, Information, binärer Code, Nachrichtenfaktoren und journalistische Sorgfaltspflicht.
Wie bewertet der Autor Luhmanns Sicht auf Manipulation?
Der Autor kritisiert, dass Luhmann das Mediensystem zu wertneutral beschreibt und den Manipulationsverdacht als gegeben hinnimmt, ohne die ethische Problematik oder Gegenstrategien kritisch zu hinterfragen.
Inwiefern unterscheidet sich die Sicht des Autors von Luhmanns Annahmen zur Aktualität?
Während Luhmann die serielle Produktion von Nachrichten als Beleg für den Betrugscharakter sieht, argumentiert der Autor, dass durch die Globalisierung ein tatsächlicher Bedarf an täglichen, weltweiten Neuigkeiten besteht.
- Arbeit zitieren
- Philipp Vetter (Autor:in), 2005, Wahrheit / Unwahrheit und Journalismus in Niklas Luhmanns 'Die Realität der Massenmedien', München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/62214