Michael Buthe verbrachte zwischen 1970 und 1972 mehrere Monate in Marrakesch und Essaouira, bis er schließlich 1973 in der Altstadt von Marrakesch ein Haus erwarb um dort zu leben und zu arbeiten. Von nun an pendelte er beständig zwischen Köln und Marokko, unternahm von dort aus weitere Reisen, unter anderem in den Maghreb, den Nahen Osten und nach Persien. So wurden nach und nach die Fetische der afrikanischen Stammeskultur, der zoroastische Feuerkult Persiens und die Mystik der islamischen Dichtung Elemente seiner künstlerischen Auseinandersetzung. Dabei interessierten ihn archaische Gesellschaftsformen ebenso wie verschüttete Ausdrucksformen, die empfangenen Anregungen trug er zurück in die westlich zivilisierte Welt. Der größte Teil seines Schaffens war der intensiven Auseinandersetzung mit der westlichen und der östlichen Mystik gewidmet und verband diese beiden unterschiedlichen Vorstellungen von der Welt in seiner Kunst.
War er Ende der sechziger Jahre eher der puristischen und farbarmen Konzeptkunst und der Arte povera zugewandt, entwickelte er nach seinen Reisen in das nördliche Afrika eine Kunst, die sich durch opulente Farbigkeit, ornamentale Muster, bizarre Gegenstände, enigmatische Zeichen auszeichnet. Fremdartigkeit und Exotik wurden von nun an die unverwechselbare Handschrift Buthes.
Dabei hat er sich nie in die Grenzen der kunstimmanenten Dialoge eingefügt. Daraus ist etwas entstanden, was Stephan von Wiese1 „neue Welthaftigkeit“ und „Spiritualität“ in der Kunst genannt hat. Buthe transportierte durch seine Bilder- und Gedankenwelt den Kultus der Kunst in eine „heilige Kunst“, einer Kunst, die mit Symbolik, magischen Zeichen, Spuren, Relikten und Aktionsformen archaischer Gesellschaftsformen operiert. Diese „individuellen Mythologien“ sind als Gegenbilder zu einer immer mehr ökonomisch und durchrationalisierten Gesellschaft zu verstehen und verweisen so auf die Defizite des modernen Lebens.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Hauptteil
1. Farben, Materialien, Gegenstande und Zeichen
2. „Weltkarte“
3. „Hommage an die Sonne“
4. „Le Dieux de Babylon“
5. Die Zeichnungen
6. Schluß
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht das künstlerische Schaffen von Michael Buthe unter besonderer Berücksichtigung seiner interkulturellen Prägungen durch Reisen nach Nordafrika und den Orient. Ziel ist es, den Begriff der „individuellen Mythologien“ als Gegenentwurf zur rationalisierten westlichen Lebenswelt zu definieren und aufzuzeigen, wie Buthe durch die Verbindung von östlicher Mystik und westlicher Konzeptkunst eine eigene, spirituell aufgeladene Bildsprache entwickelte.
- Die ästhetische Transformation von Naturmaterialien und Objekten zu magischen Fetischen.
- Die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Orient jenseits kolonialer Klischees.
- Die Verschränkung von Kunst und Leben als „heilige Kunst“ und Lebenspraxis.
- Die Entwicklung von Buthes Werk von der puristischen Konzeptkunst zur opulenten Farbigkeit.
- Die Bedeutung von Mythen, Symbolen und Zeichen als Zeichensystem für den interkulturellen Dialog.
Auszug aus dem Buch
1. Farben, Materialien, Gegenstände und Zeichen
Buthe verwendete in seinen Arbeiten oft die Farben Rot und Blau, ähnlich wie Klee und Macke, die diesen Kontrast auf einer Tunisreise in dem Jahr 1914 für sich entdeckt hatten. Buthe bemerkte zu der Farbe Blau: „Das Blau ist aus Marrakesch, sehr dunkel und sehr konzentriert. Das gilt dort zu Ehren von Fatima, als Abwehrmittel gegen den bösen Blick.“2 Diese Aussage war typisch für ihn, denn er zog immer wieder Bedeutungsebenen heran, die dem westlichen Menschen meist verschlossen sind.
Buthes Farbskala umfasst alle Buntfarben sowie deren unterschiedlichste Tonabstufungen vom Hellen und zum Dunkelen. Klee, der eine ähnliche Farbpalette nutzte, ist hinsichtlich der poetisch- märchenhaft anmutenden Wirkung seiner Werke sicherlich mit Buthe vergleichbar. Silber und Gold kommen ebenfalls häufig vor. Gold war für ihn auch keine Farbe im eigentlichen Sinne, sondern beschreibt einen Glückszustand. Das zentrale Motiv in seinem Werk, die Sonne, ist meist golden und wird so zu einem positiv besetzten Symbol.3
Der Eindruck des Orientalischen wird durch die Verwendung von Ornamenten unterstützt, die im arabischen Kunsthandwerk vor allem in der Keramik und der Textilkunst verwendet werden. Häufig überdecken die ornamenthaften Partikel die gesamte Bildfläche. So entsteht die Vorstellung einer Räumlichkeit hinter dem Schleiermuster, wie in dem Bild „Sterne“ (Abb.1) von 1988/89. Diese 200 x 200 cm große Collage besticht zunächst durch seine akzentuierte Farbigkeit. Die Farbschichten wurden lasierend aufgetragen, dabei verzichtete der Künstler in einigen Bildpartien darauf, die Leinwand erneut mit Farbe zu benetzen.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die Biografie und die künstlerische Motivation von Michael Buthe durch seine Reisen in den Orient.
1. Hauptteil: Analyse der grundlegenden Gestaltungsmittel, insbesondere der Farbsymbolik (Rot, Blau, Gold) und der ornamentalen Bildkompositionen.
1. Farben, Materialien, Gegenstande und Zeichen: Erläuterung des Einsatzes von Objekten, Fundstücken und Naturmaterialien sowie die Entstehung eines persönlichen Zeichensystems.
2. „Weltkarte“: Untersuchung des Werkes als Ausdruck einer „künstlerischen Globalität“ und der kritischen Auseinandersetzung mit westlichen Wirtschafts- und Weltbildern.
3. „Hommage an die Sonne“: Besprechung der documenta-Rauminstallation als Ort der spirituellen Transformation und der magischen Umdeutung alltäglicher Gegenstände.
4. „Le Dieux de Babylon“: Analyse der Ausstellung als „Orakelstätte“ und die Auseinandersetzung mit dem Fetischbegriff im Kontext der westlichen Rezeption.
5. Die Zeichnungen: Darstellung der stilistischen Evolution von den sparsamen Entwurfsskizzen der 60er Jahre zu den farbintensiven und collagierten Arbeiten der 70er Jahre.
6. Schluß: Synthese der Untersuchungsergebnisse und Einordnung von Buthes Werk in den Diskurs über Lebenskunst und die Aufhebung der Grenze zwischen Realität und Kunst.
Schlüsselwörter
Michael Buthe, Individuelle Mythologien, Orientrezeption, Arte Povera, Fetisch, Spiritualität, Collage, Künstlerische Globalität, documenta 5, Symbolik, Nordafrika, Ästhetik, Transformation, Interkulturalität, Lebenskunst
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Hausarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die künstlerische Entwicklung von Michael Buthe und seine Auseinandersetzung mit fremden Kulturen, insbesondere dem Orient, um eine neue Form der spirituellen Kunst zu etablieren.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Arbeit behandelt die Themen der kulturellen Identität, die Bedeutung des Exotischen in der westlichen Kunst, die Transformation von Alltagsobjekten in Kunstwerke und die Rolle von Mythologien.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Buthe mit seinen „individuellen Mythologien“ ein Gegengewicht zur rationalisierten westlichen Gesellschaft schuf und die Grenzen zwischen Kunst und Leben durchbrach.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Es handelt sich um eine kunstwissenschaftliche Analyse, die sowohl biografische Hintergründe als auch die werkimmanente Untersuchung von Gestaltungsmitteln und Symbolen kombiniert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit primär behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Farben und Materialien, die Analyse konkreter Hauptwerke wie der „Weltkarte“ und „Hommage an die Sonne“ sowie eine Betrachtung der zeichnerischen Entwicklung.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind die „Individuellen Mythologien“, „Arte Povera“, „Fetisch“, „Orientrezeption“ und die „Spiritualität“ in der zeitgenössischen Kunst.
Inwiefern spielt der Dadaismus eine Rolle in Buthes Schaffen?
Buthe nutzt das dadaistische Prinzip des „Objekt trouve“ (gefundenes Objekt), um alltägliche, oft wertlose Materialien durch den künstlerischen Kontext in einen neuen, mythologischen Bedeutungssinn zu überführen.
Warum wird das Werk „Weltkarte“ als ein moderner Mythos bezeichnet?
Das Werk versammelt Fragmente verschiedenster Kulturen und Konsumobjekte, die, obwohl sie geografisch nicht exakt verortet sind, eine visionäre Einheit der globalen Lebenswelt widerspiegeln.
- Quote paper
- Axel Limpert (Author), 2005, Die "Individuellen Mythologien" des Michael Buthe, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/61855