Nahezu jeder Mensch wächst in einer Familie auf und wird durch sie geprägt. Sie ist die primäre Sozialisationsinstanz und spielt demnach eine große Bedeutung für alle Menschen. Wenn aber von Familie gesprochen wird, verbindet jeder etwas anderes damit. Sie wird nach vielen Kriterien differenziert, wie zum Beispiel Blutsverwandtschaft, Zusammensetzung der Familienmitglieder oder sozialem Zugehörigkeitsgefühl. Jeder hat also seine eigene Vorstellung einer Familie, wobei die meisten an dem Idealbild der Kernfamilie (Vater, Mutter und Kinder) festhalten. Gibt es aber auch eine von allen anerkannte, alles umfassende, einheitliche Definition des Begriffs Familie? Die Antwort lautet: nein.
Es existieren aber mehrere Ansätze, die versuchen, diesem Anspruch gerecht zu werden. Allerdings gelingt es keinem, alle Aspekte einer Familie zu berücksichtigen. Nun stellen sich neue Fragen: Seit wann gibt es den Familienbegriff schon? Was kennzeichnete eine Familie in früheren Zeiten und welche Bedeutung hatte sie? Auf diese Fragen wird im folgenden Hauptteil ausführlich eingegangen. Da dieses Thema jedoch sehr umfassend ist, wird es auf Deutschland ab dem 17. Jahrhundert spezialisiert. Außerdem wird für jeden Abschnitt einer Epoche eine soziale Schicht beschrieben, die beispielhaft und bedeutend für die jeweilige Zeit ist. Unter Berücksichtigung der Zusammensetzung der Familie, der Beziehungen der Familienmitglieder untereinander sowie der Arbeits- und Wohnsituation soll das Bild der Familie in den vergangenen Epochen verdeutlicht werden.
Damit die Darstellung der Familienentwicklung nicht aus ihrem Zusammenhang gerissen wird, steht sie zudem in ihrem geschichtlichen und gesellschaftlichen Kontext. Es gibt nämlich verschiedene Einflüsse, die auf Familien einwirken. Besonders eindrucksvoll wird dies durch das Ebenen-Modell von Bronfenbrenner deutlich. Er unterscheidet zwischen Mikro-, Meso-, Exo- und Makrosystemen. Die Familie stellt das Mikrosystem dar, "das eingebettet ist in übergreifende Systeme wie das Mesosystem (zum Beispiel Bekanntschafts-, Freundschafts- und Verwandtschaftsbeziehungen), das Exosystem (zum Beispiel Gemeindeorganisation, Unternehmensstruktur, Schulsystem) sowie das Makrosystem (zum Beispiel die kulturelle, politische, rechtliche oder wirtschaftliche Orientierung einer Gesellschaft)" (Oerter und Montada 1998).
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 „Familie“ im Wandel der Zeit
2.1 Das „ganze Haus“
2.2 Das bürgerliche Familienmodell
2.3 Industrielle Revolution
2.4 Nachkriegszeit und die Weimarer Republik
2.5 Der Nationalsozialismus
2.6 Nachkriegszeit und Wirtschaftsaufschwung
2.7 Die Wende: 1960
3 Schluss
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die historische Entwicklung der Familie in Deutschland ab dem 17. Jahrhundert, um deren Wandel im Kontext gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Einflüsse anhand beispielhafter sozialer Schichten nachzuvollziehen und die zentrale Bedeutung der Anpassungsfähigkeit familialer Strukturen aufzuzeigen.
- Historische Transformation vom "ganzen Haus" zur modernen Kleinfamilie
- Einfluss sozioökonomischer Faktoren auf die Familienstruktur
- Veränderung der Geschlechterrollen und der Erziehung von Kindern
- Die Auswirkungen von Kriegen, Industrialisierung und wirtschaftlichem Aufschwung
- Diskussion über die Zukunftsfähigkeit der Familie im Kontext von Pluralisierung
Auszug aus dem Buch
2.1 Das „ganze Haus“
Vom Mittelalter bis zum 18. Jahrhundert bildeten die Bauern mit 80% die absolute Mehrheit der Bevölkerung, weshalb auch der Fokus auf diese Schicht gelegt wird. Zu jener Zeit gab es noch keinen eigenen Begriff für die Beziehung von Vater, Mutter und Kindern. Die biologische Sicht der Familie als Fortpflanzungsgemeinschaft existierte noch nicht, stattdessen zählte der soziale Aspekt. Alle unter einem Dach mit dem Bauernpaar Lebenden und Ledigen, ob nun mit ihnen verwandt oder nicht, gehörten zum sogenannten ganzen Haus, was mit dem Begriff Familie gleichzusetzen ist. Auch das Gesinde, nicht verwandte dort Arbeitende und Lebende sowie hausrechtlich Integrierte, zählten demnach zur Familie (vgl. Rosenbaum 1988: 78f). Die bäuerliche Wirtschaft war als Existenzsicherung wichtig. Man produzierte, um konsumieren zu können und nicht, um Gewinn zu erzielen. Deshalb war der Arbeitsaufwand nicht relevant (vgl. Sieder 1987: 18). Ein verheiratetes Bauernpaar stand immer an der Spitze der bäuerlichen Haushaltsgemeinschaft. Es gab eine ganz klare Arbeitsaufteilung zwischen diesen beiden. Der Bauer gab den männlichen Arbeitern Anweisungen und kümmerte sich um Aufgaben, die mit hoher Körperkraft, einem Risiko oder dem Entfernen vom Haus zu tun hatten. Die Bäuerin, welche in dem patriachalischen Haushalt eine recht mächtige Stellung behielt, kümmerte sich um die Anleitung der weiblichen Arbeitskräfte, die nicht-kommerzialisierte Arbeit und den Haushalt. In der dörflichen männerdominierten Öffentlichkeit spielte sie allerdings kein große Rolle, da sie auf das Haus und dessen Umfeld beschränkt wurde (vgl. Sieder 1987: 28ff). Der Bauer besitzt als einziger politische Rechte und Züchtigungsrecht über seine Leute.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung thematisiert die Schwierigkeit einer einheitlichen Definition von Familie und umreißt den methodischen Rahmen sowie die zeitliche und soziale Eingrenzung der Untersuchung auf Deutschland ab dem 17. Jahrhundert.
2 „Familie“ im Wandel der Zeit: Dieses Kapitel analysiert chronologisch die Entwicklung der Familienformen von der bäuerlichen Haushaltsgemeinschaft über das bürgerliche Modell bis hin zu den gesellschaftlichen Umbrüchen der 1960er Jahre.
2.1 Das „ganze Haus“: Es wird das vormoderne Modell beschrieben, bei dem die gesamte Hausgemeinschaft inklusive Gesinde die „Familie“ bildete, geprägt durch harte Arbeit und patriarchalische Strukturen.
2.2 Das bürgerliche Familienmodell: Das Kapitel behandelt die Herauslösung der Kernfamilie aus dem größeren Haushalt und die Entstehung des bürgerlichen Ideals von Privatisierung und Intimisierung.
2.3 Industrielle Revolution: Hier wird der Druck auf die Lohnarbeiterfamilien thematisiert, deren Leben durch Fabrikarbeit, räumliche Trennung und prekäre wirtschaftliche Bedingungen bestimmt war.
2.4 Nachkriegszeit und die Weimarer Republik: Das Kapitel analysiert die Versuche sozialer Reformen in der Weimarer Republik, um die Arbeiterfamilien zu stabilisieren, und den Einfluss politischer Instabilität auf die Familienstruktur.
2.5 Der Nationalsozialismus: Es wird beschrieben, wie die nationalsozialistische Ideologie traditionelle Familienbilder instrumentalisierte, um einerseits Geburtenraten zu fördern und andererseits die Jugend politisch zu indoktrinieren.
2.6 Nachkriegszeit und Wirtschaftsaufschwung: Das Kapitel beleuchtet die schwierigen Bedingungen nach dem Zweiten Weltkrieg, die Destabilisierung der Ehen und die langsame Normalisierung während des Wirtschaftsaufschwungs.
2.7 Die Wende: 1960: Die 1960er Jahre werden als Wendepunkt markiert, gekennzeichnet durch sinkende Geburtenraten, steigende Scheidungsraten und eine neue Erwerbsorientierung der Frauen.
3 Schluss: Im Fazit wird resümiert, dass Krisenzeiten die Familie schwächen, während wirtschaftlicher Aufschwung sie wandelt, wobei die Familie als zukunftsfähige Institution ihre Anpassungsfähigkeit unter Beweis stellt.
Schlüsselwörter
Familie, Wandel, Sozialgeschichte, Kleinfamilie, Industriegesellschaft, Industrialisierung, Weimarer Republik, Nationalsozialismus, Wirtschaftsaufschwung, Familienmodell, Sozialisation, Rollenbild, Scheidungsrate, Geburtenrate, Historische Entwicklung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der historischen Entwicklung von Familienstrukturen in Deutschland seit dem 17. Jahrhundert bis zum Ende des 20. Jahrhunderts.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zu den Schwerpunkten gehören das bäuerliche „ganze Haus“, das bürgerliche Familienmodell, der Einfluss der Industrialisierung, die Auswirkungen politischer Regime sowie die gesellschaftliche Transformation ab den 1960er Jahren.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, aufzuzeigen, wie sich Familie durch geschichtliche und wirtschaftliche Einflüsse verändert hat und dass diese Anpassungsfähigkeit ein kontinuierlicher Prozess ist.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Autorin nutzt eine sozialgeschichtliche Analyse, wobei sie für jede Epoche beispielhaft eine soziale Schicht betrachtet, um die Auswirkungen auf das Familienleben verständlich zu machen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in verschiedene Epochen: vom bäuerlichen Haus über die Industrialisierung und die Weimarer Zeit bis hin zur Entwicklung nach 1960.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Familie, Sozialgeschichte, Kleinfamilie, Industrialisierung, Wandel und Anpassungsfähigkeit.
Warum spielt die Unterscheidung zwischen "ganzem Haus" und bürgerlichem Modell eine Rolle?
Diese Unterscheidung ist zentral, da sie den Übergang von einer wirtschaftlich orientierten Großgemeinschaft hin zur emotionalisierten, privaten Kleinfamilie markiert.
Was schlussfolgert die Autorin in Bezug auf die Zukunft der Familie?
Die Autorin kommt zu dem Ergebnis, dass die Familie Zukunft hat, da sie sich an Umweltbedingungen anpassen kann und auch im Wandel ihrer Formen eine zentrale soziale Institution bleibt.
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- Nadine Schall (Author), 2009, Familie im Wandel der Zeit, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/594033