Genrefilme unterliegen zwei gegensätzlichen Anforderungen durch das Publikum: auf der einen Seite erwartet der Zuschauer bestimmte Strukturen, die das Genre auszeichnen. Auf der anderen Seite soll eine gewisse Art der Variation und der Abwechslung gegeben sein, um nicht immer wieder denselben Inhalt zu wiederholen. Diese Gegensätzlichen Anforderungen führen zwangsläufig zur Veränderung eines Genres. Nach Thomas Schatz vollzieht sich diese Entwicklung des Genres in Stufen. Die ersten Filme eines Genres entsprechen weitgehend der Wirklichkeit, was die Personen, Konflikte, Erscheinungsweisen etc. betrifft. Wenn nun allerdings die Geschichte wiederholt wird, entwickeln die Filme ihre eigenen Realitäten. Am Western lässt sich diese Entwicklung deutlich aufzeigen: die ersten Western der 30er Jahre, basierten auf der sozialen und historischen Realität. Thematisiert wurden die Erschließung des Westens und die damit verbundenen Probleme. Zu diesen „klassischen“ Western gehört auch Stage coach von John Ford (1939). Henri Focillon entwickelt in The Life of Forms in Artein Schema für die verschiedenen Stufen kultureller Formen, zu denen auch der Genrefilm zählt. Demnach macht die kulturelle Form, in diesem Fall der Genrefilm, eine „experimental stage“ durch. Auf dieser Stufe nutzt das Genre das Medium Kino als Medium. Ein idealisiertes kulturelles Selbstbild mit kleineren Makeln wird dargestellt. Nachdem nun das Genre diese Phase durchlebt hat, gelangt es in die „classic stage“. Hier sind nun die Konventionen des Genres festgelegt und ausgeglichen. Während dieser Phase entstehen Ausschmückungen bis sich das Genre schließlich in der „baroque stage“ oder „manieristischen Phase“ befindet. In dieser Phase behandelt das Genre sich selbstreflexiv. Schließlich stehen nur noch die Form selbst und die Ausschmückungen im Mittelpunkt des Interesses. Sam Raimis The Quick and the Dead(1995) ist als spätmanieristischer Genrefilm zu sehen. Christian Metz bezeichnet den Western als eine Geschichte, die niemals ganz erzählt, aber in verschiedenen Variationen ausgearbeitet wird. [...]
Inhaltsverzeichnis
- Genreentwicklung am Beispiel des Western
- Einführung
- Stagecoach/Ringo - The Quick and the Dead
- ein Vergleich zweier Western unterschiedlicher Epochen
- Unterschiede in der Narration
- Visuelle Unterschiede
- Schluss
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Die Arbeit untersucht die Entwicklung des Western-Genres anhand eines Vergleichs von John Fords „Stagecoach“ (1939) und Sam Raimis „The Quick and the Dead“ (1995). Ziel ist es, die unterschiedlichen Epochen des Genres aufzuzeigen und narrative sowie visuelle Unterschiede zwischen den Filmen herauszuarbeiten.
- Entwicklung des Western-Genres
- Narrative Unterschiede zwischen klassischen und spätmanieristischen Western
- Visuelle Aspekte des Western-Genres
- Rollenbilder und Geschlechterrollen
- Thematisierung von Gewalt und Moral
Zusammenfassung der Kapitel
- Genreentwicklung am Beispiel des Western: Die Einleitung beleuchtet die ambivalenten Erwartungen des Publikums an Genrefilme und die daraus resultierende Entwicklung eines Genres. Es werden verschiedene Phasen der Genrentwicklung nach Thomas Schatz und Christian Metz erläutert. Im Fokus steht der Western als ein Genre, das trotz seiner Veränderungen stets seine Kernmerkmale bewahrt.
- Stagecoach/Ringo - The Quick and the Dead ein Vergleich zweier Western unterschiedlicher Epochen: Dieser Abschnitt vergleicht „Stagecoach“ und „The Quick and the Dead“, um narrative und visuelle Unterschiede zwischen den beiden Western zu analysieren. Dabei werden die klassische Westernstruktur von „Stagecoach“ und der spätmanieristische Charakter von „The Quick and the Dead“ kontrastiert.
Schlüsselwörter
Western-Genre, Genrentwicklung, Filmtheorie, Narration, visuelle Gestaltung, klassische Western, spätmanieristische Western, Stagecoach, The Quick and the Dead, John Ford, Sam Raimi, Rollenbilder, Geschlechterrollen, Gewalt, Moral.
- Quote paper
- Katina Tomaschewski (Author), 2006, Genreentwicklung am Beispiel des Western - Vergleich Stagecoach / The Quick and the Dead, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/58610