Demokratie als staatliche Herrschaftsform ist nicht voraussetzungslos, sondern setzt demokratische Substanz voraus, insbesondere Demokraten, die die Staatsform mit Leben füllen und ideologische Deformationen erkennen und ihnen Widerstand entgegensetzen können. Dazu ist politische Urteilskraft vonnöten, die nur in einem langwierigen Prozess der Aneignung kultureller Traditionen des Abendlandes und der Aufklärung sublimiert werden kann. Die nachfolgenden Ausführungen problematisieren die Gefahren von Staatsvergottung und Kurzfristdenken für Demokratie und politische Urteilskraft.
Inhaltsverzeichnis
1. Demokratie und Politische Urteilskraft
1.1 Einführung
1.2 Von der Substanz leben
1.3 Illusion der Mündigkeit
2. Demokratie-Lernen versus Politik-Lernen
2.1 Einführung
2.2 Unschärfen sozialwissenschaftlicher Forschung
2.3 Politikwissenschaft als Integrationswissenschaft
2.4 Demokratie als Herrschaftsmoral
2.5 Geschichtsvergessenheit überwinden
3. Bürgerleitbilder
3.1 Einführung
3.2 Desinteressierte
3.3 Reflektierte Zuschauer
3.4 Interventionsbürger
3.5 Aktivbürger
3.6 Bewertung
Zielsetzung & Themen
Das Werk analysiert kritisch die Voraussetzungen und Leitbilder politischer Bildung in der modernen Massendemokratie und hinterfragt, ob das Ideal des „mündigen Bürgers“ angesichts aktueller gesellschaftlicher Tendenzen noch zeitgemäß ist oder ob ein breiterer Politikbegriff notwendig wird.
- Kritik an der Demokratie als Herrschaftsform und deren theoretische Fundierung
- Die Spannung zwischen Demokratie-Lernen und einer ganzheitlichen Politikvermittlung
- Analyse der verschiedenen Bürgerleitbilder von desinteressiert bis aktiv
- Diskussion der Grenzen und Möglichkeiten politischer Bildung in der Praxis
Auszug aus dem Buch
1.3 Illusion der Mündigkeit
Im Gegensatz zur Oligarchie und Tyrannis war die attische Demokratie auf bürgerschaftliche Kompetenzen angewiesen. Nach der herrschenden Meinung setzt funktionierende Demokratie ein Ideal menschlicher Reife voraus, das im Deutschland der Gegenwart mit dem Konzept des mündigen Bürgers umrissen wird. Dieses Konzept rekurriert auf den Erziehungsoptimismus der Aufklärung, die bekanntermaßen auf den „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ (Kant 1784) abzielte. Der mündige Bürger, der Gemein- und Eigenwohl austariert und vermittels politischer Urteilskraft die Geschicke der Staat selbst verwaltet, gilt bis heute als das Ziel politischer Bildung (vgl. Juchler 2003, S. 204f).
Es ist allerdings sehr fraglich, inwiefern dieses normative Ziel unter den Bedingungen der Massendemokratie empirische Geltung beanspruchen kann. Verschiedene Indikatoren deuten darauf hin, dass es sich bei der Mündigkeit weiter Teile der Wahlbürgerschaft um eine Illusion handelt:
Zusammenfassung der Kapitel
1. Demokratie und Politische Urteilskraft: Dieses Kapitel thematisiert die Voraussetzungen der Demokratie und kritisiert die Gefahren von Staatsvergottung sowie das Kurzfristdenken in modernen politischen Systemen.
2. Demokratie-Lernen versus Politik-Lernen: Hier wird die fachdidaktische Kontroverse diskutiert, ob politische Bildung primär als Demokratie-Erziehung oder als breite Politikwissenschaft verstanden werden sollte.
3. Bürgerleitbilder: Das Kapitel kategorisiert verschiedene Rollenbilder von Staatsbürgern, um die Erwartungen an staatsbürgerliche Verantwortung und politisches Engagement zu analysieren.
Schlüsselwörter
Politikdidaktik, Demokratie, Politische Urteilskraft, Mündigkeit, Massendemokratie, Bürgerleitbilder, Politikwissenschaft, Staatsbürger, Politische Bildung, Herrschaftsform, Sozialwissenschaften, Partizipation, Gemeinwohl.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit den Grundlagen der Politikdidaktik, hinterfragt das Ideal der demokratischen Mündigkeit und analysiert verschiedene Rollenmodelle für Bürger in einem modernen Staat.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Kernbereichen gehören die Demokratiekritik, das Spannungsfeld zwischen Demokratie- und Politik-Lernen sowie die typologische Erfassung von Bürgerrollen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, das normative Ideal des „mündigen Bürgers“ empirisch zu hinterfragen und zu verdeutlichen, dass Politikunterricht über eine rein demokratieorientierte Didaktik hinausgehen sollte.
Welche wissenschaftliche Perspektive wird eingenommen?
Der Autor nutzt eine politikwissenschaftliche und didaktische Perspektive, die sich auf klassische und moderne Demokratietheorien sowie fachdidaktische Diskussionen stützt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Reflexion der Demokratie, die fachdidaktische Debatte über die Lerninhalte sowie die Vorstellung und Bewertung spezifischer Bürgerleitbilder.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Besonders prägend sind Begriffe wie Politische Urteilskraft, Demokratie-Lernen, Bürgerleitbilder und die kritische Distanz zum Ideal der Mündigkeit.
Wie unterscheidet sich der Interventionsbürger vom reflektierten Zuschauer?
Der reflektierte Zuschauer besitzt vor allem kognitive Kompetenzen, um das politische Geschehen zu verfolgen, während der Interventionsbürger zusätzlich prozedurale Kenntnisse besitzt, um aktiv in den politischen Prozess einzugreifen.
Warum wird die Demokratisierung aller Lebensbereiche kritisch hinterfragt?
Der Autor argumentiert, dass eine moralische Überhöhung und Ausweitung des Demokratiebegriffs auf alle Bereiche die gesellschaftliche Stabilität gefährden und die Herrschaftslogik demokratischer Systeme verschleiern kann.
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- Christian Schwießelmann (Author), 2015, Demokratie und politische Urteilskraft, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/540502