Die vorliegende Untersuchung befasst sich mit der weiblichen Sexualität in einem der einflussreichsten Dramen Arthur Schnitzlers. Unabdingbar für eine derartige Auseinandersetzung mit dem Reigen ist eine Betrachtung seiner Entstehungszeit, des
ausgehenden 19. Jahrhunderts. In diesem Kontext wird die gesellschaftliche Stellung der Frau skizziert, um näher auf eine der wesentlichen Problematiken des Stückes eingehen zu können, die der Geschlechterbeziehungen.
Durch die herrschenden gesellschaftlichen Normen hatten Frauen fest zugeteilte Rollen und insbesondere in der Sexualität wirkte die autoritäre Fremdbestimmung der Frau durch den Mann. Einzig innerhalb des rechtlichen Rahmens des Ehestandes war die Befriedigung des Geschlechtstriebes der Frau gesellschaftlich akzeptiert. Angesichts zunehmender gesellschaftlicher Widersprüche konnten „die gesellschaftliche Totalität und der individuelle Erfahrungsbereich nicht mehr in Einklang gebracht werden“.
Dies äußerte sich durch einen aufkommenden sexualwissenschaftlichen Diskurs, der die weibliche Sexualität erforschte und ihre krankhaften Verhaltensweisen beschrieb. Repräsentativ sollen die relevanten Positionen Richard von Krafft-Ebings Studie
Psychopathia sexualis dargestellt werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die weibliche Sexualität in der zeitgenössischen Gesellschaft
2.1. Die aufkommende Sexualwissenschaft und deren Theorien über die weibliche Sexualität
3. Reigen als Kritik an der gesellschaftlichen Sexualmoral
4. Möglichkeiten einer sexuellen Freiheit außerhalb der bürgerlichen Geschlechterideologie am Beispiel des Reigens
4.1. Die Dirne
4.2 Die süßen Mädeln
4.3 Die junge Frau (die Ehefrau)
4.4 Die Schauspielerin
5. Die Unerreichbarkeit befriedigender Beziehungen
5.1. Die Dirne
5.2. Die süßen Mädeln
5.3. Die Schauspielerin
5.4. Die Ehefrau
6. Zusammenfassung und Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Arthur Schnitzlers Drama Reigen im Kontext der gesellschaftlichen Verhältnisse des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Das primäre Ziel ist es, die Diskrepanz zwischen traditionellen, bürgerlichen Geschlechterrollen und dem Wunsch weiblicher Figuren nach sexueller Selbstbestimmung zu analysieren und zu prüfen, inwieweit das Werk als Aufruf zu einem modernen Verständnis weiblicher Sexualität gelesen werden kann.
- Historischer Rahmen: Die Rolle der Frau und der sexualwissenschaftliche Diskurs der Jahrhundertwende.
- Kritik an der Sexualmoral: Schnitzlers Auseinandersetzung mit der Fassadenhaftigkeit der bürgerlichen Ehe.
- Analyse der Frauentypen: Die Möglichkeiten zur sexuellen Freiheit bei Dirne, süßen Mädeln, Schauspielerin und Ehefrau.
- Unerreichbarkeit von Bindung: Die tieferliegende Einsamkeit und die Wiederholungsmuster in den Geschlechterbeziehungen.
Auszug aus dem Buch
4.2 Die süßen Mädeln
Für die Bedürfnisse dieser Arbeit werden die zwei süßen Mädel, die im Reigen vorkommen, in diesem Kapitel gemeinsam analysiert. Sie warten nicht auf eine Ehe, sondern streben nach Selbstverwirklichung und äußern aktiv ihre Bedürfnisse nach sexueller Befriedigung. Obwohl sie mit ihrer Handlung möglicherweise einen hohen Preis zahlen, überwiegen dennoch die Vorteile über die Risiken, denn dem Süßen Mädel gelingt ein partieller Ausbruch aus den Regeln der Bourgeoisie. Sie mag auf eine Liaison nicht verzichten und das gelingt ihr.
„Denn nur in solchen Beziehungen konnte die Frau der Jahrhundertwende für eine – zwar nur begrenzte – Zeit eigene erotische Wünsche artikulieren und eine gewisse sexuelle Aktivität entwickeln. Das süße Mädel fiel sozusagen aus der dichotomisierten Vorstellung von Weiblichkeit heraus. Es durfte erotisches Wissen bekunden, was der Ehefrau niemals zugestanden wurde, ohne deswegen schon zu der Kategorie der käuflichen Frauen zu zählen.“
In der Szene mit dem Soldaten nimmt das Stubenmädchen Marie freiwillig den Sexualakt an. Sie hat die Gewissheit, dass sie sich auf nichts Andauerndes einlassen muss. Sie ist erfahren im Umgang mit den Männern und kennt die Spielregeln. In der Begegnung mit dem jungen Herrn kann der Leser vermuten, dass sie eigeninitiativ Annäherungsversuche begann, er berichtet nämlich, dass er sie zuvor schon nackt in ihrem Zimmer beobachten konnte:
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung legt den Fokus auf die Entstehungszeit des Reigens und die gesellschaftliche Unterdrückung der Frau im 19. Jahrhundert, um die Forschungsfrage zur weiblichen Sexualität im Werk einzuleiten.
2. Die weibliche Sexualität in der zeitgenössischen Gesellschaft: Dieses Kapitel skizziert die bürgerlichen Normen und den medizinischen Diskurs jener Zeit, insbesondere durch Richard von Krafft-Ebings Psychopathia sexualis, welche die Sexualität der Frau auf die Ehe und Fortpflanzung reduzierte.
3. Reigen als Kritik an der gesellschaftlichen Sexualmoral: Es wird analysiert, wie Schnitzler durch seine lebensnahen Figuren die Widersprüche der Epoche und die Fassadenhaftigkeit der bürgerlichen Ehe kritisch offenlegt.
4. Möglichkeiten einer sexuellen Freiheit außerhalb der bürgerlichen Geschlechterideologie am Beispiel des Reigens: Untersuchung der verschiedenen Frauentypen im Stück hinsichtlich ihrer individuellen Handlungsspielräume und Versuche zur sexuellen Selbstverwirklichung.
5. Die Unerreichbarkeit befriedigender Beziehungen: Das Kapitel beleuchtet die Grenzen der emanzipatorischen Versuche und zeigt, dass die Figuren trotz ihres Strebens nach Freiheit oft in Mustern der Einsamkeit und Entfremdung verharren.
6. Zusammenfassung und Fazit: Zusammenführung der Ergebnisse, die bestätigt, dass Schnitzler zwar neue moderne Modelle durchspielt, die sexuelle Frage im Werk jedoch als grundlegendes soziales Problem entlarvt.
Schlüsselwörter
Arthur Schnitzler, Reigen, weibliche Sexualität, Jahrhundertwende, bürgerliche Ehe, Frauenemanzipation, Geschlechterbeziehungen, Sexualmoral, Wiener Moderne, Psychopathia sexualis, Liebesauffassung, Rollenklischees, Triebbefriedigung, soziale Schichten.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit?
Die Arbeit analysiert Arthur Schnitzlers Drama Reigen und untersucht, wie der Autor die weibliche Sexualität und die starren gesellschaftlichen Normen der Jahrhundertwende kritisch beleuchtet.
Welche zentralen Themenfelder behandelt das Werk?
Die Arbeit fokussiert sich auf die Themenbereiche Ehe, Prostitution, Rollenbilder der Frau, den aufkommenden sexualwissenschaftlichen Diskurs und die Suche nach sexueller Freiheit.
Was ist die zentrale Forschungsfrage der Arbeit?
Die zentrale Frage ist, inwiefern der Reigen als Aufruf zu einem modernen Verständnis weiblicher Sexualität verstanden werden kann und ob die weiblichen Figuren tatsächlich erfolgreich ihre Rollen distanzieren können.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Autorin/der Autor nutzt eine textnahe Analyse unter Einbeziehung des historischen und kulturwissenschaftlichen Kontexts sowie zeitgenössischer sexualwissenschaftlicher Literatur.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Untersuchung des gesellschaftlichen Hintergrunds, eine Analyse einzelner Frauentypen wie der Dirne oder der Ehefrau und eine kritische Auseinandersetzung mit der grundsätzlichen Unerreichbarkeit befriedigender Beziehungen im Stück.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit am besten charakterisieren?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Schnitzler, Reigen, Frauenemanzipation, Sexualmoral und die kritische Distanz zum bürgerlichen Ehediskurs.
Warum ist laut der Arbeit ein „Rollentausch“ bei der Schauspielerin bemerkenswert?
Die Schauspielerin nimmt in ihrer Beziehung männlich konnotierte, autoritäre Verhaltensweisen an, um ihre Unabhängigkeit zu wahren, was ihre Sonderstellung als „neue Frau“ im Drama unterstreicht.
Wie bewertet die Arbeit die Möglichkeit der sexuellen Befreiung für die Ehefrau?
Die Ehefrau ist zwar eine Vertreterin eines modernen Diskurses, jedoch ist ihr Ausbruch aus der Ehe riskant, und sie bleibt letztlich im Netz der patriarchalischen gesellschaftlichen Abhängigkeiten gefangen.
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- Anonym (Author), 2019, Arthur Schnitzlers "Reigen" als Aufruf zum modernen Verständnis der weiblichen Sexualität, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/537522