Für die Zuschauerrezeption ist es wichtig, wie Charaktere dargestellt sind, das heißt wie sich der Zuschauer mit ihnen identifizieren kann und welche Merkmale ihnen direkt oder indirekt zugeschrieben werden. Indem die Darstellungsweise Sympathie oder Ablehnung beim Rezipienten gegenüber den Protagonisten aufbauen, beeinflussen sie maßgeblich auch die Wahrnehmung von Gewalt. Diese Faktoren spielen zusammen und lassen den Betrachter Gewalt immer anders verarbeiten.
Im Folgenden soll untersucht werden, wie diese Rezeption im Film "Der Baader-Meinhof-Komplex" ausfällt. Zumal dieser Film
auf dem Fundament realer Ereignisse steht, ist es interessant zu untersuchen, inwieweit Gewaltakte filmisch dargestellt werden und zu welcher Schlussfolgerung dies bei einem adulten Zuschauer führt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Darstellungen von Gewalt
2.1 Schah-Besuch und der Tod Benno Ohnesorgs
2.2 Das Dutschke-Attentat
2.3 Die Aktionen der RAF
3. Darstellung der Charaktere
3.1 Andreas Baader
3.2 Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin
3.3 Horst Herold
4. Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die Arbeit untersucht, inwieweit die filmische Darstellung von Gewalt und die Charakterisierung der Akteure im Film "Der Baader-Meinhof-Komplex" die Rezeption beim Zuschauer lenken und beeinflussen. Ziel ist es aufzuzeigen, wie durch Inszenierungstechniken bestimmte Sympathien oder Antipathien erzeugt werden, die das Urteil über die gezeigten Gewaltakte maßgeblich beeinflussen.
- Wirkung von medialer Gewalt auf den Zuschauer
- Einfluss der Charakterdarstellung auf die Gewaltrezeption
- Analyse der Gewaltakte durch RAF, Staat und Attentäter
- Die Rolle der verbalen Gewalt in der Charakterisierung
- Gegenüberstellung von Protagonisten und Antagonisten
Auszug aus dem Buch
2.1. Schah-Besuch und der Tod Benno Ohnesorgs
Die Szene beginnt mit einer Totale und einer Kamerafahrt, die in das Geschehen einführt. Es ist sofort erkennbar, dass die Demonstranten und die Polizei in Opposition zu einander stehen, hinter den Reihen der Polizei befinden sich die ‚Jubel-Perser‘, die mit Schildern und Rufen den Besuch des Schahs unterstützen. Diese werden, ähnlich wie die Polizei, als gleichförmige Masse dargestellt, da ihre Kleidung, alle tragen dunkle Anzüge, sie ununterscheidbar macht. Bei der Ankunft des Schahs entsteht eine erste Interaktion zwischen beiden Parteien, die immer noch durch die Polizei getrennt ist.
Durch Buhrufe und fliegende Mehlbeutel drehen sich immer mehr Perser um. Als dann schließlich die Demonstranten „Mörder“ rufen, treten die Perser die Schilder von den Stangen und gehen geschlossen auf die Demonstranten zu. Sofort setzt Hintergrundmusik ein, die das Geschehen aus bedrohlich charakterisiert. Sie durchqueren die Reihen der passiven Polizisten und schlagen auf die Menschen hinter der Absperrung ein. Die weiterhin passive Polizei wird dabei noch verstärkt als Opposition inszeniert, zum Beispiel wenn die angegriffenen Demonstranten gezeigt werden, aber die Polizei dennoch im Vordergrund des Bildes, das meist eine Halbtotale ist, erscheint. Dies weckt beim Zuschauer den Eindruck von illegitimen Verhalten seitens der Perser und der Polizei.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik der Wirkung von Mediengewalt ein und erläutert die methodische Herangehensweise der Untersuchung am Film "Der Baader-Meinhof-Komplex".
2. Darstellungen von Gewalt: Dieses Kapitel analysiert theoretisch die Wirkung von medialer Gewalt und wendet diese Erkenntnisse auf konkrete Schlüsselszenen des Films an.
2.1 Schah-Besuch und der Tod Benno Ohnesorgs: Die Analyse dieser Szene zeigt, wie die Inszenierung der Polizei und der Demonstranten die Rezeption der Gewalt durch den Zuschauer steuert.
2.2 Das Dutschke-Attentat: Dieses Kapitel untersucht die Darstellung des Attentäters Josef Bachmann und wie diese das Mitgefühl des Zuschauers trotz der gezeigten Gewalttat beeinflusst.
2.3 Die Aktionen der RAF: Hier wird analysiert, warum die Gewaltakte der RAF im Film weitestgehend als ungerechtfertigt und negativ wahrgenommen werden.
3. Darstellung der Charaktere: Dieses Kapitel widmet sich der Charakterisierung der zentralen Protagonisten des Films und deren Bedeutung für die Wahrnehmung des Zuschauers.
3.1 Andreas Baader: Die Analyse konzentriert sich auf die verbale und körperliche Gewalt als Instrumente von Andreas Baaders Charakterzeichnung.
3.2 Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin: Dieses Kapitel vergleicht die unterschiedliche Inszenierung der beiden Frauen und wie dies ihre Wahrnehmung beim Zuschauer prägt.
3.3 Horst Herold: Die Analyse beschreibt, wie Herold als sympathischer Gegenpart zur RAF inszeniert wird, um das Verständnis für staatliches Handeln zu fördern.
4. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass der Film eine starke Zuschauerlenkung vollzieht und die Rezeption durch gezielte Charakterinszenierung sowie die unterschiedliche Gewichtung von Gewaltakten beeinflusst.
Schlüsselwörter
Der Baader-Meinhof-Komplex, Filmwissenschaft, Gewaltrezeption, Medienwirkung, RAF, Zuschauerlenkung, Charakterisierung, Verbale Gewalt, Kultivierungsthese, Identifikationspotenzial, Politische Gewalt, Inszenierung, Andreas Baader, Ulrike Meinhof, Horst Herold.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie der Film "Der Baader-Meinhof-Komplex" durch die Darstellung von Gewalt und die Inszenierung seiner Charaktere die Sichtweise und das Empfinden des Zuschauers gezielt steuert.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die mediale Wirkung von Gewaltdarstellungen, der Einfluss von Charaktermerkmalen auf die Sympathiebildung sowie die filmische Inszenierung historisch-politischer Ereignisse.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es zu zeigen, dass der Film keine objektive Dokumentation ist, sondern durch seine gestalterischen Mittel eine deutliche Tendenz zur positiven Darstellung staatlichen Handelns und eine kritische Sicht auf die RAF vermittelt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine medienwissenschaftliche Filmanalyse, die auf theoretischen Grundlagen der Medienwirkungsforschung und der Kultivierungsthese aufbaut.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zentrale Szenen wie der Schah-Besuch oder das Dutschke-Attentat sowie die Charakterporträts von Baader, Meinhof, Ensslin und Herold analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den Schlüsselwörtern gehören Medienwirkung, Gewaltrezeption, Zuschauerlenkung, Identifikationspotenzial und die politische Dimension des Films.
Warum wird Horst Herold im Film so positiv dargestellt?
Die Arbeit legt dar, dass Herold durch Mimik, Gestik und einen "häuslich-familiären Kontext" als Identifikationsfigur für rationale Vernunft und Dialogbereitschaft inszeniert wird, was einen bewussten Kontrast zur Gewalt der RAF bildet.
Welche Rolle spielt die verbale Gewalt für die Charaktere?
Die Autorin betont, dass verbale Gewalt, etwa durch Andreas Baader, ein wesentliches Instrument ist, um Machtverhältnisse zu demonstrieren und Personen aus sozialen Gruppen auszuschließen.
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- Anonym (Author), 2010, Die Lenkung der Zuschauerrezeption durch die Darstellung von Gewalt und der Inszenierung der Charaktere im Film "Der Baader-Meinhof-Komplex", Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/537427