Mit der Erfindung des Fernsehens fand die Literatur einen neuen Inhaltsgegenstand, den sie kritisch betrachtete. Wie reagierte die Gesellschaft auf das neue Medium? Wie veränderte sich die Wahrnehmung der Gesellschaft dadurch? Welchen Stellenwert bekam Literatur noch zugeschrieben? All diese Fragen sollen anhand des Gedichts "Fernsehabend" von Arno Reinfrank beantwortet werden. Hauptaugenmerk soll dabei die "verschobene Wahrnehmung von Ferne und Nähe" der Gesellschaft, entstanden durch das Fernsehen sein.
Zuvor soll allerdings ein allgemeiner Überblick darüber gegeben werden, in welcher Wechselwirkung Literatur und Fernsehen zueinander stehen. Uwe Japp beschäftigt sich innerhalb seines Aufsatzes "Das Fernsehen als Gegenstand der Literatur und der Literaturwissenschaft" damit, wie die Literatur Bezug zum Fernsehen nimmt. Er spricht von drei unterschiedlichen Typen: die kritische, die konstatierende und die kontaminierende Bezugnahme. Bei der kritischen Bezugnahme geht es darum, dass Autoren der Literatur sich hauptsächlich kritisch dem Fernsehen gegenüber äußern. Man muss hierbei zwischen kritischem Verhalten dem Fernsehen im Allgemeinen oder dem Fernsehen als Charakteristikum einer modernen Welt unterscheiden. Die konstatierende Bezugnahme beschäftigt sich damit, wie Fernsehen als Gegenstand in literarische Werke eingebaut wird, das heißt welche Wirkung der Gegenstand an sich auf das Umfeld von Protagonisten hat. Der letzte Typ der Bezugnahme ist die kontaminierende, bei der es darum geht, wie sich das Fernsehen auf das Verhalten von Autoren und beispielsweise deren Schreibstil auswirkt. Die Wirkung des Fernsehens auf Autor und Rezipienten und deren Beziehung ist bisher kaum erforscht worden und man findet unterschiedliche Äußerungen von Literaten zu diesem Thema. Hans Wollschläger spricht beispielsweise davon, wie sich Schriftsteller gezwungenermaßen von der Literatur abwenden, um durch das moderne Medium Fernsehen eine gesicherte Anstellung garantiert zu bekommen.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Fernsehen als Gegenstand der Literaturwissenschaft
Interpretation und Analyse von Fernsehabend von Arno Reinfrank
Alltäglichkeit des Fernsehens
Wahrnehmung von Ferne und Nähe
Generationskonflikt und Verlust der Hörkultur
Reizüberflutung und Götzenherrschaft des Fernsehens
Appell zum Umbruch der Gesellschaft
Kritik am Medium oder der konsumierenden Gesellschaft?
Zusammenfassung der Ergebnisse
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, wie das Medium Fernsehen als literarischer Gegenstand in der deutschsprachigen Literatur seit 1955 verarbeitet wird und welche Auswirkungen dies auf die gesellschaftliche Wahrnehmung von Nähe und Ferne hat. Zentral ist dabei die Analyse des Gedichts "Fernsehabend" von Arno Reinfrank, um das kritische Verhältnis der Literatur gegenüber dem Medium sowie die durch das Fernsehen bedingten gesellschaftlichen Umbrüche und Entfremdungsprozesse aufzuzeigen.
- Wechselwirkung zwischen Literatur und dem Medium Fernsehen
- Analyse der "verschobenen Wahrnehmung" von Nähe und Ferne
- Generationskonflikte und der Verlust der traditionellen Hörkultur
- Die Götzenherrschaft des Fernsehens und Reizüberflutung
- Reflektion über einen notwendigen gesellschaftlichen Umgang mit neuen Medien
Auszug aus dem Buch
Reizüberflutung und Götzenherrschaft des Fernsehens
Weiter wird in der vierten Strophe die Metapher des „Fernsehschlagenauges“ benannt, was den Eindruck einer gefährlichen Situation erzeugt, aus der es keine Möglichkeit zur Flucht gibt. („das Fernsehschlangenauge starrt auf uns, wir halten still.“) Der Schluss der vierten Strophe schließt sich so direkt an den Beginn der fünften an. Das lyrische Ich spricht von einer Zwanghaftigkeit, die das Abschalten unmöglich macht. („Wir möchten einmal abschalten und tun es doch nur selten.“) Die Anapher der ersten zwei Zeilen durch das gemeinschaftliche „Wir“ verdeutlicht, dass hier die gesamte Gesellschaft, die am Konsum des Fernsehens teilnimmt betroffen ist und ein Schicksal teilt, das sie hinsichtlich dessen eint.
Es wird weiter auf die Schnelllebigkeit und der daraus resultierenden zunehmenden Komplexität des Lebens angespielt. Diese Problematik geht einher mit der Programmfülle, die das Fernsehen ab 1950 entwickelte und so zum Massenmedium wurde. Gezeigte Bilder werden ständig wieder erneuert, weil neue Medien wie das Fernsehen im Vergleich zu den alten Medien zum „Prinzip der Echtzeit“ verpflichtet sind, um überhaupt sichtbar zu werden. Das führt dazu, dass sich die Leute immer wieder neue Fragen stellen, bzw. stellen müssen, und sich darin verlieren, ohne Sicherheit finden zu können. („und findet keine Sicherheit in endlos neuen Fragen.“)
Vergleicht man diese Entwicklung damit, dass das Vertrauen der Gesellschaft in der dargestellten Wirklichkeit des Fernsehens gefunden wird, ist hier anzunehmen, dass sich ein Kreislauf entwickelt: Die Komplexität des Lebens nimmt durch die Massenlieferung an Informationen zu, die Gesellschaft stellt sich immer wieder neue Fragen, kann darauf aber nicht schnell genug eine Antwort finden, weil die Zeit fehlt, sich intensiv damit zu befassen und bereits wieder eine Vielzahl neuer Informationen konsumiert werden will. Dies führt zur Unsicherheit und um diesem Gefühl zu entgehen, fliehen sie zurück zum Fernsehen und der dort dargestellten Wirklichkeit, in der sie ihr Vertrauen ansiedeln.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Fernsehen als Gegenstand der Literaturwissenschaft: Diese Einleitung führt in die Forschungsfrage ein und erläutert anhand literaturwissenschaftlicher Ansätze, wie das Fernsehen als Gegenstand literarischer Werke fungiert.
Interpretation und Analyse von Fernsehabend von Arno Reinfrank: Dieses Kapitel bildet den Hauptteil der Arbeit, in dem das Gedicht von Arno Reinfrank einer detaillierten Analyse hinsichtlich seiner Medienkritik unterzogen wird.
Alltäglichkeit des Fernsehens: Hier wird der erste Kritikpunkt des Gedichts analysiert, der die Passivität der Zuschauer und die Stilisierung des Fernsehers als "helles Fenster" in den Vordergrund rückt.
Wahrnehmung von Ferne und Nähe: Dieser Abschnitt behandelt die Verschiebung der Wirklichkeitswahrnehmung durch mediale Vermittlung und den damit einhergehenden Verlust der Tatsachenerfahrung.
Generationskonflikt und Verlust der Hörkultur: Das Kapitel beleuchtet, wie der technologische Wandel und die visuelle Dominanz des Fernsehens zum Verlust traditioneller Kulturtechniken und zu Diskrepanzen zwischen Generationen führen.
Reizüberflutung und Götzenherrschaft des Fernsehens: Es wird analysiert, wie das Fernsehen als zwanghaftes Massenmedium eine Reizüberflutung erzeugt, aus der der Rezipient kaum entfliehen kann.
Appell zum Umbruch der Gesellschaft: Dieser Teil deutet die letzte Strophe des Gedichts als Aufruf zu einem bewussteren, reflektierten Umgang mit medial vermittelten Inhalten.
Kritik am Medium oder der konsumierenden Gesellschaft?: Hier wird die Symbiose zwischen Fernsehen und Gesellschaft diskutiert, wobei die Schwierigkeit einer klaren Trennung zwischen der Kritik am Medium und der Kritik am Konsumenten hervorgehoben wird.
Zusammenfassung der Ergebnisse: Das abschließende Kapitel synthetisiert die Erkenntnisse und überträgt die Analyse auf heutige moderne Medien wie soziale Netzwerke.
Schlüsselwörter
Fernsehen, Literaturwissenschaft, Arno Reinfrank, Fernsehabend, Medienkritik, Wirklichkeitswahrnehmung, Tatsachenerfahrung, Generationskonflikt, Hörkultur, Reizüberflutung, Massenmedium, Konsumgesellschaft, Götzenherrschaft, Medieninterferenzen, Gesellschaftlicher Umbruch
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das kritische Verhältnis der deutschsprachigen Literatur zum Medium Fernsehen und analysiert, wie diese Beziehung die Wahrnehmung der Gesellschaft verändert hat.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind die Diskrepanz zwischen echter Wirklichkeit und medialem Schein, die Entfremdung der Menschen, der Verlust von Urteilsfähigkeit sowie der Generationskonflikt im Fernsehzeitalter.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist es, durch die Analyse des Gedichts "Fernsehabend" aufzuzeigen, wie Fernsehen die Wahrnehmung von Nähe und Ferne verschoben hat und welche Folgen dies für die moderne Gesellschaft hatte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die literaturwissenschaftliche Interpretation des Gedichts "Fernsehabend" von Arno Reinfrank und stützt sich auf theoretische Ansätze der Medienkritik von Autoren wie Uwe Japp, Günther Anders und Max Simoneit.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden verschiedene Aspekte des Gedichts detailliert interpretiert, darunter die Alltäglichkeit des Mediums, der Verlust der Hörkultur, die Metaphorik der Reizüberflutung sowie die Notwendigkeit eines reflektierteren Umgangs mit Medieninhalten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die zentralen Schlüsselbegriffe sind Medienkritik, Fernsehabend, Wirklichkeitswahrnehmung, Literaturwissenschaft und Gesellschaftlicher Umbruch.
Wie unterscheidet sich die "Götzenherrschaft" laut dem Autor von der "göttlichen Macht" bei Günther Anders?
Während die Arbeit die Götzenherrschaft im Gedicht als eine Unterordnung des Menschen unter die Technik begreift, führt Anders den Begriff der "göttlichen Macht" ein, um die aktive Entscheidungsgewalt des Zuschauers über das Ein- und Ausschalten des Geräts zu betonen.
Welche Relevanz haben die Ergebnisse für heutige digitale Medien?
Die Autorin zieht Parallelen zu heutigen sozialen Netzwerken wie Instagram, wo ähnlich wie beim Fernsehen ein inszeniertes "schönes Leben" die Wahrnehmung der Realität beeinflusst und jungen Menschen unrealistische Erwartungen vermittelt.
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- Jana Hartmann (Author), 2017, Wie verändert das Fernsehen die Wahrnehmung der Gesellschaft? Kritisches Verhalten der Literatur gegenüber dem Medium anhand von Arno Reinfranks Gedicht "Fernsehabend", Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/537144