Die Beschäftigung mit der Sozialstruktur Deutschlands geht mit der Frage nach den institutionellen Mechanismen, die die Gesellschaft prägen und ordnen, einher. Einer der entscheidenden Faktoren, die konstitutiv auf die Gesellschaftsstruktur wirkt, scheint in dem Mechanismus der Macht zu liegen, der überall anzufinden ist, wo soziale Interaktionen zum Tragen kommen.
Der Anspruch ist einerseits, das gesellschaftliche Machtpotenzial und dessen Auswirkungen auf den Körper, als auch die Auswirkungen des Körpers auf die Gesellschaftsstrukturen zu untersuchen.
Mithilfe der in diesem Feld bereits aufgestellten soziologisch-philosophischen Theorien soll versucht werden, die Position des Körpers in der Sozialstruktur der Gesellschaft auszuloten.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Warum der Körper?
2.1 Body Turn: Der Körper als Gegenstand der Soziologie
2.2 Haben und Sein: Der Körper als Kulturgegenstand
3. Was ist der Körper?
3.1 Ein Produkt der Gesellschaft
3.1.1 Der zivilisierte Körper
3.1.2 Der disziplinierte Körper
3.2 Ein Produzent von Gesellschaft
3.2.1 Der dramaturgische Körper
3.2.2 Der spürbare Körper
4. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Das Hauptziel dieser Arbeit besteht darin, die Bedeutung des menschlichen Körpers für die Analyse gesellschaftlicher Strukturen zu untersuchen. Dabei wird der Frage nachgegangen, wie soziale Machtverhältnisse auf den Körper einwirken und inwiefern der Körper selbst als aktiver Produzent gesellschaftlicher Wirklichkeit fungiert.
- Die soziologische Relevanz des Körpers (Body Turn).
- Theoretische Konzepte von Körpersein und Körperhaben (Plessner).
- Zivilisierungsprozesse und Machttechnologien (Elias, Foucault).
- Dramaturgische Interaktion und Selbstdarstellung (Goffman).
- Die Rolle leiblicher Erfahrungen für soziale Ordnung (Lindemann).
Auszug aus dem Buch
3.1.2 Der disziplinierte Körper
Der Übergang von der Fremdkontrolle zur Selbstkontrolle ist ein wichtiges Moment in der Analyse des sozialen Körpers. Diesem Aspekt hat sich, neben Elias, vor allem Michel Foucault gewidmet. In seinem Werk „Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses“ (1976) rekonstruiert er vornehmlich anhand der Geschichte des Gefängnisses, wie sich in der Disziplin eine spezifische Machttechnologie entwickelt und diese auf den Körper wirkt. Im Zentrum dessen stehen die auf den Körper disziplinierend einwirkenden politischen und juristischen Instrumentarien (vgl. Gugutzer 2004, S.60). Die Einführung des Gefängnisses, dem heimlichen Strafvollzug, sollte der Erzeugung fügsamer produktiver Körper dienen (vgl. Foucault, S.177). Dieses Ziel sollte durch einen Kontrollapparat ermöglicht werden, der eine effiziente Überwachung erlaubte. Einen solchen Kontrollapparat sah man im Modell des „Panopticon“ von Jeremy Bentham (vgl. ebd., S.265ff.). Das „Panopticon“, als „Perfektionierung der Machtausübung“(ebd., S.264f.) ist eine architektonische Einrichtung, die die zentrale Überwachung aller Insassen ermöglicht, ohne dabei selbst gesehen zu werden (vgl. ebd., S.258).
Aufgrund dessen, dass die Gefangenen nicht wissen, ob sie beobachtet werden, oder nicht, ist es möglich, das Überwachungszentrum unbesetzt zu lassen. Resultierend sind es die Gefangene selbst, die sich überwachen, kontrollieren und schließlich disziplinieren (vgl. ebd., S. 260). Das Erfolgsmodell ist jedoch nicht nur in Gefängnissen, sondern auch in Krankenhäusern, Psychiatrien, Schulen und Fabriken eingesetzt worden. „Die Disziplin steigert die Kräfte des Körpers (um die ökonomische Nützlichkeit zu erhöhen) und schwächt diese selben Kräfte (um sie politisch fügsam zu machen)“ (ebd., S.177), was für die kapitalistische Industriegesellschaft von außerordentlichem Nutzen war. Disziplin und Macht haben somit auch einen kontextbezogenen positiven Effekt auf den Körper, insofern sie Effektivität und Effizienz hervorbringen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Relevanz der Machtmechanismen in der Sozialstruktur ein und hinterfragt die traditionelle soziologische Vernachlässigung des Körpers als konstitutives Element sozialen Handelns.
2. Warum der Körper?: Dieses Kapitel beleuchtet den „Body Turn“ in der Soziologie und führt mit Plessners Konzept der „Zweiheit des Körpers“ in die Dualität von Körpersein und Körperhaben ein.
3. Was ist der Körper?: Dieser Hauptteil analysiert den Körper in zwei Dimensionen: Erstens als Produkt gesellschaftlicher Zivilisierungs- und Disziplinierungsprozesse und zweitens als aktiven Produzenten von Interaktionsordnungen und Geschlechterstrukturen.
4. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass der Körper als Bindeglied zwischen Individuum und Struktur fungiert und plädiert für eine stärkere Integration der Körpersoziologie in die allgemeine Soziologie.
Schlüsselwörter
Sozialstruktur, Körpersoziologie, Body Turn, Zivilisationsprozess, Disziplinierung, Machttechnologien, Panopticon, Interaktionsordnung, Dramaturgische Selbstdarstellung, Leiblichkeit, Körpersein, Körperhaben, Geschlechterordnung, Doing Gender, Sozialisation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Bedeutung des menschlichen Körpers innerhalb der gesellschaftlichen Sozialstruktur und untersucht das Wechselverhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Zivilisierung und Disziplinierung des Körpers sowie seiner Rolle bei der Konstruktion sozialer Identitäten und Interaktionen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, den Körper als theoretische Kategorie zu etablieren, die sowohl durch gesellschaftliche Machtstrukturen geprägt wird als auch aktiv an deren Entstehung mitwirkt.
Welche wissenschaftlichen Perspektiven werden genutzt?
Die Arbeit stützt sich auf klassische und moderne soziologisch-philosophische Ansätze, darunter Norbert Elias, Michel Foucault, Erving Goffman, Helmuth Plessner und Gesa Lindemann.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in zwei analytische Ansätze: den Körper als Produkt (zivilisiert/diszipliniert) und den Körper als Produzent von Gesellschaft (dramaturgisch/spürbar).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Body Turn, Macht, Disziplin, soziale Interaktion, Körpersein, Körperhaben und die leiblich-affektive Konstruktion sozialer Realität.
Wie unterscheidet sich Plessners Konzept vom klassischen Dualismus?
Plessner geht nicht von einer Trennung des Körpers in Geist und Materie aus, sondern begreift das Verhältnis als „Dualität“, in der der Mensch Körper ist und ihn zugleich hat.
Was bedeutet der „dramaturgische Körper“ nach Goffman?
Dieser Begriff beschreibt den Menschen als Akteur, der seinen Körper einsetzt, um Eindrücke zu manipulieren und sich auf einer sozialen „Bühne“ zu präsentieren.
Warum spielt die „passive Leiberfahrung“ laut Lindemann eine so große Rolle?
Lindemann argumentiert, dass Gefühle und körperliche Wahrnehmungen soziale Realitäten wie die Zweigeschlechtlichkeit stabilisieren, da sie als unmittelbare, spürbare Tatsache erfahren werden.
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- Patrizia Rossi (Author), 2010, Body Turn. Zur Revelanz des Körpers in der gesellschaftlichen Sozialstruktur, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/535190